Reisetagebuch: ‚Dies ist kein Film‘ (2011) und ‚Taxi Teheran‘ (2015)

Weltreise Ziel #5 (2 mal)

Nun geht es also wirklich los. Meine erste Etappe der Filmreise Challenge (verwirrt? siehe hier) führt mich in den Iran, genauer gesagt nach Teheran. Ich habe mich im Folgenden für einen mehr beschreibenden als besprechenden Text entschieden. Rückmeldungen dazu würden mich freuen.

‚Dies ist kein Film‘ (2011)

Der Anfang des Films wirkt in Zeiten der allgegenwärtigen Youtube-VLOGS nicht besonders bemerkenswert. Aus den starren Perspektiven einer abgelegten Kamera sehen wir einen Mann beim teekochen, beim frühstücken und wie er den Leguan seiner Tochter füttert. Er ist vielleicht etwas älter, als der durchschnittliche VLogger. Einige Telefonate machen dann aber schnell klar, womit wir es zu tun haben. Der Mann ist Jafar Panahi, einer der bekanntesten iranischen Regisseure. Er war in die „Grüne Bewegung“, die Proteste im Iran nach der Wiederwahl Ahmadinedschads involviert. Daraufhin wurde er festgenommen, lange Zeit ohne Anklage festgehalten und schließlich zu 30 Jahren Berufsverbot und 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fall ist derzeit vor dem Revisionsgericht und Panahi steht unter Hausarrest. Seine Anwältin macht ihm am Telefon auch keine großen Hoffnungen. Ums Gefängnis wird er wohl nicht herumkommen.

Daraufhin ruft er einen befreundeten Filmemacher an und bittet ihn vorbeizukommen. Der soll die Kamera übernehmen und Panahi würde Szenen aus einem seiner neuen Filme, den er nun nicht mehr drehen darf, erzählen. Das sei ja nicht verboten. Es folgen einige Szenen von Ein-Mann-Theater um eine junge Frau, die studieren möchte, von ihren konservativen Eltern aber zuhause eingeschlossen wird. Dann überkommt Panahi der Frust: „wenn man Filme erzählen könnte, warum dreht man sie dann?“, fragt er und stürmt auf den Balkon, um zu rauchen.

Der Rest des Films besteht besteht aus solchen Erzählmomenten, Szenen aus Panahis alten Filmen und Momenten tiefer Frustration. Wir erleben Panahi als einen Kessel überkochender Kreativität, dem das Ventil verboten wurde. Aber auch die Machtlosigkeit gegenüber einem undurchschaubaren Regime transportiert der Film. Statt mit Zorn reagieren er und sein Kollege aber mit Würde und gelegentlichem Galgenhumor. „Schnitt“ sagt er einmal zum Kameramann. „War das etwa eine Regieanweisung?“ fragt der mit hörbarem Grinsen, „das darfst Du gar nicht!“

Als die Böller einer Neujahrsfeierlichkeit dann aber zu sehr nach Gewehrschüssen klingen bekommt es Panahi mit der Angst und lässt schnell alles verschwinden, was danach aussehen könnte, er habe über einen Film gesprochen. ‚Dies ist kein Film‘ hat er allen Widrigkeiten zum Trotz aber doch fertiggestellt. Auf einen USB-Stick geladen, den in einem Geburtstagskuchen versteckt und ihn nach Cannes geschickt, wo er 2011 bei den Festspielen gezeigt wurde.

‚Taxi Teheran‘ (2015)

Der Film zeigt uns Panahi mit Schiebermütze hinter dem Steuer eines Taxis. Auf dem Armaturenbrett befindet sich eine Kamera, die auf die Straße, Panahi selbst oder seine Fahrgäste gerichtet ist. Immer wieder steigen Leute mit ihren eigenen kleinen und großen Problemen ein und sind ein paar Kreuzungen später schon wieder draußen. Der Film wechselt dabei teilweise recht extrem zwischen satirischem Humor und der deutlichen Darstellung der Probleme des Lebens unter dem iranischen Regime. Mit der Frage, ob ‚Taxi Teheran‘ nun ein fiktiver Film oder eine Dokumentation ist geht der Film sehr offensiv um. Schon nach einigen Minuten sagt ein Fahrgast, der Panahi erkennt, über andere Fahrgäste, die seien doch Schauspieler und Panahi habe das alles inszeniert.

Davon ist auszugehen, denn zu sehr sind die einzelnen Fahrgäste Karikaturen oder zumindest Darstellungen von alltäglichen Problemen im Iran. Da ist der Mann, der die ganze Fahrt über lautstark die Todesstrafe für Diebe fordert und sich beim Aussteigen selbst als Taschendieb zu erkennen gibt. Oder das Ehepaar, das einen Motorradunfall gehabt hat. Der Mann windet sich in Schmerzen, blutet heftig am Kopf aber verlangt ein Videotestament aufzunehmen, damit seine Brüder seiner Frau nach seinem Tod nicht alles wegnähmen. Oder der DVD Schwarzhändler, der darauf besteht auch einen wichtigen, kulturellen Beitrag zu leisten. Ohne Leute wie ihn, die auch verbotene Filme verkauften, wüsste doch im ganzen Land niemand wer Woody Allen überhaupt ist.

Deutlich nüchterner und gar nicht humorig nimmt sich da Panahis Gespräch mit der Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh aus. Die möchte zu einer Klientin, die ein Fußballspiel besuchen wollte, deswegen seit Monaten ohne Anklage in Haft sitzt und nun in Hungerstreik treten will. Als Panahi erwähnt, er glaubte die Stimme seines eigenen Verhörenden zu hören, als er außerhalb des Taxis ein lautes Geräusch bemerkte, erzählt sie ihm, dass sie das von Klienten kenne. Das liege an den Augenbinden bei den Verhören, man werde besessen von der Idee die ungesehene Stimme im Alltag wiederzuhören.

Das Herz des Films sind für mich aber Panahis Gespräche mit seiner kleinen Nichte Hana. Die hat in der Schule aufbekommen einen kleinen Film zu drehen. Das ist allerdings mit einigen (vielen) Regeln verbunden. Diese rattert sie aus ihrem Schulheft mit „angry birds“ Umschlag herunter. Vieles ist erwartet. Islamische Gebote müssen eingehalten werden, nichts darf den Iran schlecht aussehen lassen. Einiges überrascht aber doch. Keine persischen Namen für positive Figuren zum Beispiel. Und keine Krawatten für positive Figuren. Was das wohl für den netten Nachbarn bedeute, der Hana gerade einen Saft spendiert hat, fragt Panahi. Der habe einen persischen Namen und einen Schlips trug er auch. Das sei ja was ganz anderes, sagt Hana, der sei ja echt. Und wenn man ihn im Film zeigen wolle? Tja, dann müsste man ihn natürlich von Grund auf verändern. Als sie später aus dem Fenster des Taxis eine Hochzeit filmt, fordert sie einen Jungen energisch auf dem Bräutigam etwas Geld wiederzugeben, das ihm aus der Tasche gefallen ist. Wenn der Junge das nicht täte sei das unrecht. Und dann könne sie die Aufnahmen ja gar nicht verwenden! Alle Untiefen der Regeln kann aber auch Hana nicht umschiffen. Wie soll man einen realistischen Film drehen, wenn man nichts Negatives, das passiert zeigen dürfe? Onkel Jafar müsste das doch wissen, der ist immerhin Regisseur.

Panahis Antwort scheint zu sein einfach alle Regeln zu brechen, dabei aber immer freundlich, höflich und niemals anklagend zu bleiben. Mit durchaus viel satirischem Humor zeigt er hier, wie Gemeinschaften unter dem ständigen Druck der Reglementierungen des Regimes bröckeln, wie ganze Teile des Staatssystems nicht funktionieren. Vor allem die Justiz, da viele Leute wissen wie freigebig die Gerichte mit der Todesstrafe sind und selbst schwere Verbrechen daher gar nicht erst zur Anklage bringen. Nebenbei geht er, wie auch schon in ‚Dies ist kein Film‘, der metatextuellen Frage nach, was einen Film eigentlich ausmacht.

Im Gegensatz zu ‚Dies ist kein Film‘ hat sich Panahis Lage aber gebessert. Nicht nur ist er nicht im Gefängnis er darf sich im Land auch wieder relativ frei bewegen. Nur ausreisen nicht. Oder Filme drehen. Deswegen sind das hier ja auch nur zufällige Aufnahmen der Armaturenbrett-Kamera seines Taxis. Doch nachdem auch dieser Film außer Landes geschmuggelt wurde, hat er nicht nur gebeten den Film auch im Iran zeigen zu dürfen, er sagte auch öffentlich er würde nie aufhören Filme zu drehen. Bislang ignoriert ihn die Regierung, auch aufgrund des internationalen Drucks. Ich wünsche ihm, dass es so bleibt oder er sogar eine Erleichterung der Zensur erreicht.

Die erste Etappe der Filmreise Challenge hat mir jedenfalls zwei absolut sehenswerte Filme eingebracht, die ich nur jedem Interessierten mit bestem Gewissen weiterempfehlen kann. Wenn ihr nur einen schauen wollt, würde ich vermutlich zu ‚Taxi Teheran‘ raten. Der ist dynamischer und, nicht zuletzt dank Hana, auch unterhaltsamer (einzig die deutsche Synchro ist… zweifelhaft). Aber da ohnehin beide auf einer BluRay daherkommen…

Gestern Gesehen: ‚Under The Shadow‘ (2016)

Das ist mal ein Debut: der Erstlingsfilm des Exil-Iraners Babak Anvari war als britischer Kandidat für den Fremdsprachen-Oscar angedacht. Denn trotz komplexer Zusammensetzung des minimalen Budgets von Geldgebern aus Jordanien, Katar und eben Großbritannien gilt der Film als britische Produktion. Zur Nominierung ist es zwar nicht gekommen aber für einen ersten Film (und dann noch einen Low Budget Horrorfilm) eine sehr erstaunliche Leistung. Stellt sich die Frage, ob der Film wirklich so gut ist.

Mitte der 80er erreicht der Iran-Irak-Krieg eine neue Phase. Die irakische Seite nimmt gezielt iranische Städte, darunter auch die Hauptstadt Teheran, unter Raketenbeschuss. Vor diesem Hintergrund erfährt Shideh (Narges Rashidi), dass sie ihr lange unterbrochenes Medizinstudium nicht wieder aufnehmen kann, da sie zur Zeit der Revolution in „linke Umtriebe“ verwickelt war. Dann wird auch noch Shidehs Mann als Arzt zum Militärdienst eingezogen. Der möchte Shideh und die gemeinsame, kleine Tochter Dorsa (Avin Manshadi) eigentlich zu seinen Eltern aufs Land schicken. Doch in einem Versuch einen wenig Selbstbestimmung zu behalten besteht Shideh darauf in ihrem teheranischen  Apartmenthaus zu bleiben. Wenige Tage später schlägt eine irakische Blindgänger-Rakete durchs Dach. Für die abergläubischen Nachbarn steht schnell fest, dass die Waffe einen bösartigen Dschinn (im Sinne einer dämonischen Wesenheit, nix mit drei Wünschen) ins Haus gebracht hat. Shideh hält das für Unsinn, doch als Dorsa mit fremden Personen in der Wohnung zu sprechen beginnt, kommen Zweifel in ihr auf.

‚Under The Shadow‘ ist ein übernatürlicher Horrorfilm. Das ist glaube ich ganz wichtig in dieser Deutlichkeit zu sagen, denn Anvari gelingt es meisterhaft  den Bogen vom Drama hin zum Dschinnenspuk so elegant, so unauffällig zu gestalten, dass man eine ganze Weile braucht, bis man sich klarmacht, was eigentlich passiert. Denn der Film spart von Anfang an nicht mit Schrecken. Die sind allerdings noch alles andere als übernatürlich. Shideh wird, als Frau, als Mensch zweiter Klasse gesehen, dass sie auch noch, auf Seiten der Intelektuellen, in die Revolution verwickelt war, macht ihre Situation nicht besser. Nicht einmal ihr Mann kann dafür Verständnis aufbringen. Das Leben in einem Kriegsgebiet, die ständige Sorge um Ehemann, Tochter und das eigene Leben. Es sind persönliche, gesellschaftliche und politische Ängste die Shideh umtreiben. So steht sie von Anfang an im Schatten. Im Schatten der Ayatollahs, im Schatten ihre Mannes, im Schatten ihrer Mutter und nicht zuletzt im Schatten ihrer eigenen Depression. Mit dem Dschinn kommt dann noch ein weiteres kulturelles Bruchstück hinzu, ein mythologisches Wesen, dass ihr den letzten Rückzugsort streitig macht: ihre eigene Wohnung.

Filmisch unterstreicht Anvari diese Entwicklung äußerst geschickt. Die Außenwelt von Teheran wirkt von Anfang an bedrohlich und ist in unübersichtlichen Perspektiven gefilmt, wenn die Kamera sich nicht ohnehin auf Shideh fixiert und alles andere wie Fremdkörper wirken lässt. Die Wohnung hingegen ist ein, auch für den Zuschauer schnell nachzuvollziehender, Rückzugsort. Der Film stellt sicher, dass wir wissen, wo z.B. die Küche in Bezug aufs Kinderzimmer ist. Wie das Wohnzimmer aufgeteilt ist, in dem Shideh zu ihren illegalen Aerobic Videos turnt. In der zweiten Hälfte heben neue, verwirrende Kameraperspektiven diese sicher geglaubte Ordnung perfide wieder auf, der Rückzugsort wird bedrohlich, undurchschaubar.

Und Rationalistin Shideh hat größte Probleme mit der offenkundig übernatürlichen Bedrohung umzugehen. Als sie bei einer Freundin nach einem Buch über Dschinne fragt gibt die ihr zwar eines, sagt ihr jedoch direkt, dass es ein anthropologisches Werk sei und sie die gewünschten Antworten dort nicht finden wird (das ist sicherlich ebenfalls wieder symbolisch zu sehen, für die Hilflosigkeit mit der die intellektuelle Elite dem religiösen Furor der islamischen Revolution gegenüberstand). So kommt es in der zweiten Hälfte des Filmes beinahe zu einer Rollenumkehrung zwischen Mutter und Tochter, die ihren Höhepunkt in einer Szene erreicht, in der Shideh in einer hilflosen Geste Dorsas Kinderzimmer verwüstet, während die fassungslos im Türrahmen steht.

Narges Rashidi als Shideh liefert in diesem Film eine beachtliche Vorstellung ab. Sie gibt die komplexe Mixtur ihres Charakters aus viel zu lange heruntergeschlucktem Zorn, Versagensängsten, ganz „alltäglichen“ Todesängsten eines Kriegsgebietes und der ständigen, stillen Drohung des Aufgebens, des Triumphes der Depression aber auch einer stillen Würde und eines eisernen Willens mit großem Geschick wieder. Ihr wichtigster Widerpart hierbei ist Avin Manshadi als Tochter Dorsa, die ebenfalls eine, gerade für eine Kinderdarstellerin, sehr gute Leistung abliefert.

‚Under The Shadow‘ ist ein großartiger Film, der sich nahtlos in die Reihe hervorragender Horrorfilme der letzten Jahre einreiht. Am ehesten vergleichbar ist er sicherlich mit Jennifer Kents ‚Der Babadook‘, auch wenn hier die Metapher des Monsters deutlich komplexer ist, als das bei dem australischen Film der Fall war. Auch Elemente aus der rigiden Glaubensgemeinschaft von ‚The Witch‘ lassen sich hier wiederentdecken, wenn auch in einen anderen kulturellen Kontext gebracht.

Jeder Freund gepflegten Horrors sollte sich diesen Film auf gar keinen Fall entgehen lassen, ich würde ihn sogar Leuten empfehlen, die normalerweise wenig mit Horror am Hute haben. Anvaris Inszenierung ist derart geschickt und elegant, dass man glatt vergessen könnte, dass man gerade einen Horrorfilm sieht. Bis er einen daran erinnert, dass in den Händen eines Könners, ein Fetzen Baufolie gruseliger sein kann als jedes CGI-Monster.

Der Film scheint bisher nur auf einer – vollständig Extras-freien – UK-DVD erschienen zu sein. Die ist dafür immerhin preiswert (bei Amazon während ich dies schreibe unter 5€). Ob ihr Euch die bestellt oder auf eine vernünftige Veröffentlichung wartet, bitte lasst Euch ‚Under The Shadow‘ nicht entgehen!