‚Matrix‘ (1999) – „Whoa, deja-vu!“

Kein Film bleibt in seiner Wahrnehmung 20 Jahre lang unverändert. ‚Matrix‘ war gleichsam absolutes Kind seiner Zeit, eine perfekte Abbildung von Mode, Musik und allgemeiner „Coolness“ der späten 90er, wie auch Trendsetter sowohl in technischer als auch in erzählerischer Hinsicht für den frühen Film des frühen 21sten Jahrhunderts. Dann wurden allerdings die Beine des kulturellen Thrones sehr schnell wackelig, als ein mäßiges und ein schlechtes Sequel folgten und ‚Matrix‘ noch dazu eines der Opfer des damaligen Trends zur Multimedialität wurde und für seine Sequels Handlungselemente in einen animierten Kurzfilm und ein hingeschludertes Videospiel auslagerte. Doch darum soll es heute nicht gehen. Heute sprechen wir über ‚Matrix‘ und der war ein Brett, ist noch ein Brett und wird es auch in 20 Jahren noch sein. Ich glaube was ihn so sehr zu einem Kung-Fu-Schlag vor das Brustbein machte, war wie überraschend er aus dem Nichts kam. Fangen wir da am besten an.

Lana und Lilly Wachowski setzten einen Fuß in die Tür Hollywoods durch ihre Mitarbeit am Drehbuch zum Stallone/Banderas Film ‚Assassins‘ (1995). In der Studioführung Warners erwartete man ganz Großes von dem Film. Ein neues Franchise sollte er begründen, zahlreiche Sequels nach sich ziehen. Noch bevor sich zeigte, dass der Rest der Welt deutlich weniger von ‚Assassins‘ hielt als die Warner-Bosse, stellten die Wachowskis Warner ihr eigenes Regieprojekt vor: ‚Bound‘, ein Arthouse-Neo-Noir-Thriller. Warner zeigte sich bereit den zu finanzieren. Aber nur, wenn sie ihre weibliche, lesbische Hauptrolle gegen ein Mann eintauschten. Dazu waren sie nicht bereit. Hier sprang glücklicherweise der ausführende Produzent von ‚Assassins‘, Dino De Laurentiis ein. Er gab ihnen 6 Millionen Dollar Budget und völlig freie Hand. Sie drehten mit Gina Gershon und Jennifer Tilly in den Hauptrollen und Joe Pantoliano als Fiesling. Der Film spielte sein Geld wieder ein, plus einiges dazu und wurde zu einem Kritikerhit. Beim nächsten Mal würde Warner den Wachwoskis wohl genauer zuhören.

Allerdings hatte man bei Warner als nächstes wohl mit einem weiteren Neo-Noir gerechnet. Das war in den 80ern/90ern ein respektables Genre und ein anderes Geschwisterpaar, die Coens, war dort groß geworden. Doch die Wachowskis kamen mit etwas anderem. Einem Arthouse-Science Fiction-Cyberpunk Film. Auch das war in den späten 90ern nicht so ungewöhnlich, doch sollte der 60 statt 6 Millionen Dollar kosten. Dennoch, Warner blieb interessiert, holte sich aber Village Roadshow zusätzlich ins Boot, um das finanzielle Risiko zu teilen. Den Wachowskis ließ man erneut freie Hand. Als sie ihre Stars zu monatelangem Kampfsport- und Stunt Training unter dem Hong Kong-stämmigen Yuen Woo Ping ansetzten und sie in den Pausen philosophische Literatur büffeln ließen, dürften bei Warner die einen oder anderen Fingernägel angekaut worden sein. Das gab sich wohl erst, als der Film nicht nur ein kultureller Meilenstein wurde, sondern auch eine knappe halbe Milliarde Dollar einspielte.

Die Produktion ist so gut dokumentiert wie sonst höchstens noch die ‚Herr der Ringe‘ Filme, darum will ich darüber hier nichts schreiben. Erwähnt sei nur die Anekdote, dass Hauptdarsteller Keanu Reeves im Kampftraining einen Unfall erlitt, infolge dessen es zu einer Versteifung zweier Halswirbel kam. Daher litt er längere Zeit an Lähmungserscheinungen in den Beinen. Doch Reeves weigerte sich das Training auszusetzen, geschweige denn die Rolle abzugeben. So tritt Neo im Film kaum (und wenn ist meist nur „sein“ Bein im Bild), sondern kämpft mit den Fäusten. Umso befriedigender, wenn er am Ende des Films Widersacher Agent Smith gleich einen ganzen Gang hinunterkickt.

Das bringt mich dazu, dass ich vielleicht kurz die Handlung zusammenfassen sollte. Mr. Anderson (Keanu Reeves ) führt ein Doppelleben. Tagsüber Programmierer für eine Softwarefirma, nachts als Hacker Neo auf der Suche im Netz nach jemandem namens „Morpheus“, getrieben von einem Gefühl, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. In einem Club trifft er Hacker-Legende Trinity (Carrie-Ann Moss), die ihm mitteilt, dass Morpheus auch ihn sucht. Alsbald sieht sich Neo von mysteriösen Agenten unter der Leitung eines Smith (Hugo Weaving) verfolgt, deren Handeln ihn noch mehr an der Welt zweifeln lässt. Endlich begegnet er Morpheus (Lawrence Fishburne) und erfährt die ganze Wahrheit. Seine Welt existiert nicht. Es ist eine Simulation, die „Matrix“. Tatsächlich werden die Menschen schon lange von den Maschinen als biologische Batterien gehalten. Nur wenige sind frei und versuchen weitere aus der Gefangenschaft zu befreien. Tatsächlich glaubt Morpheus gar mit Neo den „Einen“ gefunden zu haben. Den Menschen, der die Matrix kontrollieren kann.

Heute gesehen, fühlt sich der Film erstaunlich wie eine „Brücke“ zwischen klassischem Actionfilm und dem modernen Superheldenfilm an. Machen wir das mal an der Eröffnung fest. Eine Gruppe Polizisten hat „Terroristin“ Trinity in einem leeren Warenhaus in die Enge getrieben. Eine Gruppe Agenten übernimmt die Situation. Als Zuschauer werden wir dank (damals) unbekannten Darstellern wie Moss und Weaving vor die Frage gestellt, wer ist eigentlich „gut“, wer ist „böse“? Die Agenten oder die mysteriöse Frau im engen Leder? Es folgt eine Verfolgung über Häuserdächer (übrigens dieselben Kulissen aus dem thematisch ähnlichen ‚Dark City‘), der sich mit gigantischem Soundtrack und teilweise deutlichen Sets sehr nach „altem“ Hollywood anfühlt. Die Szene endet damit, dass Trinity einen unmöglichen Sprung über eine breite Straße hinweg hinlegt, verfolgt vom Agenten (der gar in typischer Superheldenpose landet). Wir haben den modernen Film erreicht, die Polizisten bleiben verwirrt und hilflos zurück. Dieser Übergang von Alten zum Neuen lässt sich überall im Film finden, nicht zuletzt, wenn sich am Ende Neo Superman-artig aus den Häuserschluchten erhebt.

Über die philosophischen Grundlagen des Films ist an anderen Stellen weit ausführlicher und kompetenter berichtet worden (die Bluray kommt gar mit Audiokommentar von Philosophen daher) als mir das hier möglich wäre. Ich möchte nur noch einmal hervorheben, dass kein Film 20 Jahre lang unverändert wahrgenommen wird. Und mit dem was wir heute darüber wissen, dass Lilly und Lana Wachowski Transfrauen sind, erhalten manche Szenen sicherlich eine weit persönlichere Bedeutung als man damals ahnen konnte. Sei es Neo, der weiß, dass sein wahrer Name Neo ist, doch eine Horde anzugstragender Autoritätspersonen (die Agenten) besteht darauf ihn weiter „Mr. Anderson“ zu nennen. Oder auch der erste Dialog zwischen Trintiy und Neo: Neo „I thought you were a guy.“ Trinity: „Most guys do.“ Oder schlicht die Tatsache, dass Neo eine Pille einnimmt um zu der Person zu werden, die er wirklich ist.

Thematisch passt sich das natürlich wunderbar in das grundsätzliche Thema des Films um Erkenntnis, Platons Höhlengleichnis etwa wird direkt zitiert, und vor allem Selbsterkenntnis ein. Temet Nosce steht über der Tür des Orakels (Gloria Foster), die lateinische Version der altgriechischen Phrase „Gnothi seauton“, die über dem Tor zur Pythia im Apollonischen Orakel zu Delphi stand. „Erkenne Dich selbst“. Da passt es, dass die Sprüche dieses Matrix-Orakels keinesfalls deterministische Zukunftsvoraussagen sind, sondern notwendige, wenn auch kryptische Informationen eben zur Selbsterkenntnis. Daher vergebe ich ‚Matrix‘ auch die Verwendung meiner wohl meistgehassten erzählerischen Faulheitsstütze: die Prophezeiung, die uns sagt, dass der Hauptdarsteller des Films der Held ist und auf die sich Morpheus immer wieder bezieht, damit wir das auch wirklich kapieren. Hier, im Gegensatz zu fast jeder anderen Verwendung, funktioniert sie (halbwegs).

Was mir bei diesem Sehen ganz persönlich aufgefallen ist, ist zum ersten, dass ich erschreckend mit Cypher (Joe Pantoliano) übereinstimme. Nicht mit seinem Verrat und seinen Morden, natürlich, aber damit, dass ich lieber für den Rest meines Lebens simuliertes Steak mit simuliertem Wein genießen würde, als echten Proteinrotz mit echtem, selbstdestillierten Hirntöter, während ich ein Leben auf beständiger Flucht führe. Ja, ich fürchte, ich wäre schwer aus der Matrix zu befreien (aber, hey, Morpheus sagt ja selbst, dass das ab einem bestimmten Alter kaum noch möglich ist. Das hab ich wohl überschritten…). Weiterhin hat mich überrascht, dass der Film deutlich weniger Action enthält als sich in meiner Erinnerung abgesetzt hatte. Aber das liegt vermutlich daran, dass gerade die letzte dreiviertel Stunde, nachdem Trinity und Neo beschließen Morpheus zu befreien, eine Actionszene nach der anderen ist. Von der grandiosen Schießerei in der Empfangshalle zum Kampf gegen den Agenten auf dem Dach, zur Hubschrauberrettung, zum Kampf Neo/Smith in der Ubahnstation usw.

Funktioniert ‚Matrix‘ also 21 Jahre nach Erscheinen und sicher 16 Jahre seit meiner letzten Sichtung noch? Die Frage habe ich ja eingangs schon beantwortet: ja, natürlich funktioniert er noch. In mancher Hinsicht womöglich besser als damals. Die Idee von Neos Doppelleben in „Realität“ und Online ist heute besser nachzuvollziehen als je zuvor, wo jeder mindestens einen Sozialmedien-Account hat, auf dem die meisten, absichtlich oder unabsichtlich, eher eine Version ihrer selbst als tatsächlich sich präsentieren. Die CGI Effekte haben, vor allem verglichen mit dem etwa gleichalten ‚Star Wars Episode I‘, die Zeit erstaunlich gut überstanden. Schwach wirkt nur die ein- oder andere Greenscreenaufnahme. Tatsächlich hat mir der Film diesmal so gut gefallen, dass ich fast gewillt bin den Fortsetzungen eine weitere Chance zu geben. Sollte ich das tun und sollten sie mir gefallen, dann werdet Ihr an dieser Stelle darüber erfahren. Und dem vierten ‚Matrix‘ Film schaue ich einmal skeptisch aber nicht hoffnungslos entgegen.

PS: eine Frage für Experten: wurde für die BluRay die Grünfärbung in den Matrix-Szenen deutlich zurückgenommen? Oder kommt mir das nur so vor? Oder hab ich meinen Fernseher falsch eingestellt? Oder das Ganze nur falsch in Erinnerung?

Newslichter Ausgabe 50: Sandmann, Robozei und Jubiläum

Willkommen zur 50sten Ausgabe des Newslichters! Wow, was für ein Jubiläum! Zur Feier des Tages gibt es darum heute: Neuigkeiten aus der Welt des Films. Denn das ist (vermutlich) der Grund, warum Ihr das hier lest. Wenn Ihr allerdings während der Lektüre ein Glas Sekt oder Orangensaft trinken, oder Euch gar Schnittchen schmieren möchtet, tut Euch keinen Zwang an. Es ist immerhin ein Jubiläum. Und einige alte Bekannte sind dafür vorbeigekommen: Fortsetzungen zu alten Filmen etwa und Verfilmungen, bei denen ich mir echt nicht sicher bin. Und, selbstverständlich, der Overlord der Unterhaltungsindustrie höchstselbst: Disney ist da! Und wird vermutlich auch nie wieder weggehen. So heißt es also zum 50sten Mal: legen wir los!

 

‚Sandman‘ als Netflix Serie

https://deadline.com/2019/07/netflix-warner-bros-tv-sandman-adaptation-neil-gaiman-david-goyer-1202640201/

Hättet Ihr mich so um die Jahrtausendwende herum gefragt hättet, was mein liebster Comic sei, hätte ich vermutlich wie aus der Pistole geschossen mit ‚Sandman‘ geantwortet. In 75 Ausgaben beschreibt Neil Gaiman, wie „Dream“ oder Morpheus, sprich der Sandman, von einer okkulten Gruppe versehentlich beschworen wird, als sie eigentlich seine große Schwester Death beschwören wollten. Jahrzehntelang wird er von der Gruppe gefangen gehalten und muss wieder frei feststellen, dass sein Traumreich im Chaos und Jahrzehnte ohne Träume gewisse Probleme mit sich gebracht haben, bevor er sich alten Bekanntschaften, Feinden, Fehlern und seiner Familie, den Endlosen, stellt. Gaiman hat in den letzten Jahren einige seiner Werke als Serien umgesetzt gesehen. ‚American Gods‘ etwa, oder zuletzt seine Kollaboration mit Terry Pratchett ‚Good Omens‘ für Amazon als Miniserie. ‚Sandman‘ ist in meinen Augen sein Magnum Opus und Gerüchte um Verfilmungen gibt es schon seit den 90ern. Zuletzt so 2013 für eine Version mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle und im Regiestuhl. Warner Bros TV will die Serie anscheinend nicht selbst finanzieren, sondern hat einen Deal mit Netflix geschlossen. Zunächst sollen 11 Folgen produziert werden, was vermutlich genug wäre, um Morpheus „Origin“, sprich seine Gefangennahme und letztliche Befreiung und Rückkehr in seine Machtposition zu erzählen. Überhaupt bietet der ‚Sandman‘ ideale Bedingungen für eine TV Serie: distinkte, aber verbundene Handlungsstränge, die ideal für Staffeln wären. Allerdings wäre für eine adäquate Umsetzung des Stoffes ein gigantisches Budget notwendig. Und nach der eiligen Absetzung von ‚Swamp Thing‘ habe ich die Befürchtung, diese Serie könnte entweder unterfinanziert sein, oder schnell wieder im Nichts verschwinden. Lassen wir uns überraschen.

 

Neill Blomkamp dreht ‚RoboCop‘ Sequel

https://screenrant.com/neill-blomkamp-robocop-sequel-update-original-suit/

Neill Blomkamp (‚District 9‘, ‚Chappie‘) arbeitet an einem direkten Sequel für den Verhoeven Klassiker ‚RoboCop‘. Der Film soll die vorhandenen Sequels ignorieren und sich nur am ersten Film orientieren, ähnlich, wie das ‚Halloween‘ (2018) getan hat. Das Reboot von 2014 wird ebenfalls ignoriert. Anders als bei ‚Halloween‘ sieht es aber nicht so aus, als kehre der Star des originalen Films Peter Weller zurück, obwohl Blomkamp ihn angefragt hat. Dafür soll die originale Rüstung des Roboter-Cops ihre Rückkehr feiern und der Film auf den Ideen eines alternativen Drehbuchs für den 2ten Teil basieren. Es wird sich zeigen müssen, ob eine so direkte Anlehnung an einen 32 Jahre alten Film heute noch funktionieren kann. Und natürlich besteht die Chance, dass sich dieser Film, ähnlich wie Blomkamps ‚Alien‘ Sequel urplötzlich in Nichts auflöst, wie jemand, der in einen Mutagen-Tank kracht und dann vom Auto überfahren wird.

 

Dreharbeiten an ‚Bill & Ted 3‘ beginnen

https://screenrant.com/bill-ted-3-filming-start/

Man wird das Gefühl nicht los, das gesamte Internet habe sich in den letzten Monaten (völlig verständlich) in Keanu Reeves verknallt. Gerade rechtzeitig dafür, dass er zum dritten Mal in die Rolle schlüpft, die ihn einst berühmt machte, die des nicht ganz hellen aber liebenswerten Ted Logan. Gemeinsam mit Kollege Alex Winter als Bill Preston. Ein Jahrzehnt lang befand sich dieses Sequel in der „Development Hell“ bevor am ersten Juli die Dreharbeiten offiziell losgingen. Bill &Ted haben inzwischen jeder eine Tochter (gespielt von Samara Weaving und Brigette Lundy-Paine). Den Widersacher gibt Anthony Carrigan. Neben Winter und Reeves kehrt auch William Sadler als Gevatter Tod und Bandmitglied der beiden Titelhelden zurück. Ich finde es annähernd unmöglich vorherzusagen, ob ‚Bill & Ted 3‘ gut werden könnte. Noch weniger habe ich die geringste Ahnung, ob er ein finanzieller Erfolg wird, selbst wenn er gut ist. Sicher, einige Leute werden ihn allein Keanu wegen schauen, aber sind ‚Bill & Ted‘ noch verankert genug in der Popkultur, dass genug Hoschis im Kino aufschlagen? Ich bin mir da wirklich nicht sicher.

 

‚Aladdin‘ ist Will Smiths erfolgreichster Film aller Zeiten

https://screenrant.com/aladdin-will-smith-highest-grossing-film-career/

Will Smith hat nicht eben wenige Blockbuster in seiner Filmografie vorzuweisen. Doch hat die Realverfilmung des Zeichentrickklassikers ‚Aladdin‘ mit Einnahmen von bislang 824 Millionen Dollar nun den bisherigen Rekord von ‚Independence Day‘ gebrochen. Damit scheint die Phase vorüber, in der Will Smith als Gefahr an der Kinokasse galt. Denn die letzten Jahre waren nicht allzu erfolgreich für ihn. Wichtiger als der Erfolg für Smith, ist aber der Erfolg für Disney. Für den Konzern sind seine Zeichentrick Neuverfilmungen als „Realfilme“ (mit verdammt viel CGI) quasi eine Lizenz zum Gelddrucken. Daher ist nicht damit zu rechnen, dass dieser Trend irgendwann in naher Zukunft endet. ‚Der König der Löwen‘ steckt in den Startlöchern, nächstes Jahr kommt ‚Mulan‘ (von Niki Caro, deren ‚Whale Rider‘ ich sehr schätze) und für ‚Die kleine Meerjungfrau‘ sind bereits Awkwafina und Jacob Tremblay sowie Melissa McCarthy als Ursula im Gespräch. Dazu kommen ‚Peter Pan‘, ‚Pinocchio‘, ‚Lilo & Stitch‘, ‚Schneewittchen‘, ‚Der Glöckner von Notre Dame‘ und… oh, ich höre soeben aus der Redaktion, dass der Hauptdarsteller des ‚Robin Hood‘ Remakes ein Statement abzugeben hat:

Oookay, tja… Oh-de-lally, oh-de-lally, Kinder welch ein Tag?

 

Und das war es mit Ausgabe 50. Nächste Woche kommt Ausgabe 51. Da dürft Ihr natürlich auch Sekt trinken, nur ist dann kein Jubiläum mehr. Auf 50 mehr, oder so!

Newslichter Ausgabe 37: Horror Reboot, sprechendes Spielzeug und ein granatenstarker Hoschie

Willkommen bei Ausgabe 37 des Newslichters. Bevor wir zu den News von dieser Woche kommen, ein kurzer Zusatz zu einer Meldung von letzter Woche. Til Schweigers ‚Head Full Of Honey‘ hat nach einem miserablen Start in Deutschland ein ähnliches Schicksal erfahren wie in den USA. Nach einer Woche wollten die meisten Kinos den Film loswerden. Die Zahl der Lichtspielhäuser, die den Film zeigen reduzierte sich von 311 auf 68. Noch radikaler sieht es aus, was die Anzahl der Aufführungen angeht. Hier ist ein Rückgang um 94% zu verzeichnen. All das mag sicherlich schmerzhaft sein, allerdings dürfte es für Schweiger schnell vergessen sein, falls Ende September ‚Klassentreffen 2.0‘ wieder mit „schweigertypischen“ Zahlen anläuft. Und in Interviews in nem Jahr ist vermutlich Nick Nolte schuld am Flop. Und natürlich die verdammten Kritiker!!

So, jetzt wollen wir uns aber aktuelleren Meldungen zuwenden und den Newslichter 37 offiziell starten:

 

Neuer Blumhouse Reboot

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18524287.html

Nach dem durchschlagenden Erfolg, den die späte Fortsetzung des ersten ‚Halloween‘ Films von John Carpenter (und damit Reboot der Serie nach Teil 1) letzes Jahr einfahren konnte, machte Blumhouse Chef Jason Blum kein Geheimnis daraus, dass es einige Horrorfranchises gibt, die er gerne rebooten würde. Nun steht auf seiner Liste nicht nur ‚Spawn‘ (okay, der ist mehr Action, das Original war auf seine Weise aber auch wahrhaft fürchterlich) sondern auch *Trommelwirbel* ‚The Craft‘/‘Der Hexenclub‘ von 1996. Und hier muss ich ein Geständnis ablegen: ich weiß, dass ich den Film mit ‚Scream‘ Star Neve Campbell gesehen habe, weiß aber nur noch, dass es um eine Gruppe Goth-Mädchen mit Hexenkräften ging. Vielleicht ist genau das aber auch ein Zeichen, dass der Film ein Remake/Reboot brauchen kann. Denn ob es ein komplettes Remake oder eine sehr lose Fortsetzung des Originals wird steht noch nicht fest. Fest steht hingegen, dass es Jason Blum gelungen ist eine Regisseurin für das Projekt zu finden. Schauspielerin Zoe Lister-Jones, die vor zwei Jahren mit ‚Band Aid‘ ihr Regiedebüt gab, soll inszenieren. Ob es nun wirklich so schwer war eine Regisseurin für ein Horrorprojekt zu gewinnen, wie Blum in einem, zu Recht kritisierten, Interview bemerkte, weiß man nicht. Schauen wir mal was dabei herumkommt.

 

‚Toy Story 4‘ mit Don Rickles

https://www.cinemablend.com/news/2469062/toy-story-4-the-late-don-rickles-to-still-voice-mr-potato-head

Mr. Potatohead (Charlie Naseweis im deutschen) war ja immer so etwas wie der Zyniker unter den Spielzeugen aus Pixars ‚Toy Story‘ Filmen. Im Original wurde das großartig verkörpert (oder zumindest „verstimmlicht“) von Schauspieler, Komiker und Beleidigungskünstler Don Rickles. Der hatte auch schon einen Vertrag für ‚Toy Story 4‘ unterschrieben, konnte seine Texte aber nicht mehr einsprechen, bevor er im April 2017 im Alter von 90 Jahren an Nierenversagen starb. Regelmäßige Leser der Filmlichtung wissen, dass ich eine Mischung aus leisem Grauen und seltsamer Faszination für den Umgang großer Franchises mit verstorbenen Darstellern habe. Und so wurde ich natürlich hellhörig, als Regisseur Josh Cooley verkündete, dass Rickles durchaus im neuen ‚Toy Story‘ Teil dabei sein würde. Allerdings ist bislang nichts darüber bekannt, wie das funktionieren wird. Ich vermute es wird ähnlich ablaufen wie in ‚Star Wars Episode IX‘, wo man genug ungenutztes Audiomaterial von Carrie Fisher für einen Offscreen Auftritt hat. Ein Improvisationstalent wie Rickles wird es sich nicht nehmen lassen haben allerlei Variationen seiner Texte abzuliefern. Sollte das nicht der Fall sein wird es interessant, ob und wie Pixar auf andere Auftritte des Komikers zurückgreift. Der Punkt an dem eine Darstellerkarriere nicht mehr zwangsläufig mit dem Tod endet, scheint aber – im Guten wie im Schlechten – erreicht zu sein.

 

Keanu ist ein Guter

https://www.vulture.com/2019/03/keanu-reeves-rescues-stranded-airline-passengers-with-van.html

Keanu Reeves hat ja einen Ruf, den in Hollywood nicht allzu viele für sich verbuchen können. Er gilt als ebenso großzügig wie bescheiden und dabei stets freundlich, kurz ein rundum liebenswerter Typ, mit dem man gerne arbeitet und ihn Freund nennt. Gleichzeitig ist er notorisch auf seine Privatsphäre bedacht. Und so sind die einzigen Privatinfos die man bekommt Handyaufnahmen. Wie etwa vor ein paar Jahren, als er nicht etwa in einer Limousine entdeckt wurde, sondern beim Fahren mit der U-Bahn. Genau wie Du und ich. Nur eben cooler.

Und sein Ruf hat sich vor kurzem wieder bestätigt, als ein Linienflieger auf dem Weg von San Francisco nach L.A. mit einem Maschinenschaden in Bakersfield notlanden musste. Die genervten Passagiere erfuhren, dass es mindestens 3 Stunden dauern würde, bis ihr Gepäck entladen würde. Unter den Passagieren war auch Reeves, der sich, nachdem ein Kleinbus auftauchte (ob den die Fluggesellschaft oder Reeves organisiert hat ist unklar), als Reiseführer für eine Rundfahrt durch Bakersfield anbot. Sicher, seine Expertise beschränkte sich darauf Fakten von seinem Telefon abzulesen und gelegentlich Musik örtlicher Künstler zu spielen, aber unterhaltsamer als 3 Stunden am Flughafen zu sitzen war es wohl allemal, wie zahlreiche Mitreisende bestätigten. Und so sage ich mit den unsterblichen Worten von Bill Preston und Ted Logan und offenbar auch Herrn Reeves selbst: „Be excellent to each other and party on, dudes!“

 

Und das war es für diese Woche. Weiter geht es, Ihr ahnt es vermutlich, in der nächsten Woche.

 

‚Speed‘ (1994) ist ein Bombenfilm!

Vor ein paar Monaten habe ich mir die BluRay von ‚Speed‘ gekauft. Ein völliger Spontankauf vermutlich unter Einfluss von ‚John Wick‘-Entzugserscheinungen. Der lag dann ewig auf meinem „Ungesehen“-Stapel und jedes Mal, wenn mein Blick drauf fiel, fragte ich mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Warum sollte ich diesen über 20 Jahre alten Film um den Bus, der nicht langsamer werden durfte, nochmal sehen? Als er dann doch endlich in den Player wanderte, lieferte er mir die Antwort mit lautem rumms: „Weil ich einer der besten Actionfilme aller Zeiten bin, Du Nase!“

Die Handlung sollte ja weitgehend bekannt sein. Howard Payne (Dennis Hopper) ist ein brillanter Bombenleger, der mehrere Millionen Dollar von der Stadt Los Angeles erpressen will. Eine erste explosive Geiselnahme in einem Fahrstuhl wird von den Polizeibeamten Harry Temple (Jeff Daniels) und Jack Traven (Keanu Reeves) gestoppt. Paynes nächste Bombe ist in einem Bus, wird aktiviert wenn der schneller als 50 Meilen pro Stunde fährt und geht hoch, sobald der Bus diese Geschwindigkeit wieder unterschreitet. Traven gelangt an Bord des Busses, doch der Fahrer wird verletzt und Passagierin Annie Porter (Sandra Bullock) muss das Steuer übernehmen.

Der Film gliedert sich in drei Action-Setpieces. Die Fahrstuhl/Hochhaussequenz, die der Film gut auszunutzen weiß, nicht nur im Sinne einer James Bond Vor-Vorspann-Action, sondern auch um Polizisten und Bombenleger aufeinandertreffen zu lassen, um die folgenden Begegnungen persönlich bedeutsamer zu machen aber auch um sie bereits bestimmte Dinge über ihre Gegner lernen zu lassen, die die späteren Sequenzen beeinflussen werden. Die Bussequenz ist das Hauptstück des Films, führt Annie ein und ist sehr klug darin, sie nicht zu einer „Jungfrau in Nöten“ zu machen, sondern als Fahrerin zu einem ganz zentralen Element. Die anderen Passagiere des Busses spielen höchstens Nebenrollen, die Beziehung zwischen Traven und Annie und ihr Umgang mit den Hindernissen, die ihnen Payne und der Stadtverkehr in den Weg legen, hat vollen Platz sich zu entfalten. Die dritte Sequenz, die in einer U-Bahn spielt, ist sicher die Schwächste des Films. Annie wird nun doch zum zu rettenden Opfer und es wiederholen sich zu viele Momente aus dem Bus. Dennoch funktioniert sie, weil sie endlich die direkte Konfrontation zwischen Payne und Traven bringt und wenn der den ganzen Film durch zutiefst ernsthafte Traven an deren Ende seinen einzigen One-Liner ablässt (eine Währung, die Actionfilme der 80er und frühen 90er ansonsten inflationär gebraucht haben) fühlt sich das „verdient“ an.

Der ehemalige Kameramann und hier erstmalige Regisseur Jan de Bont hatte natürlich bereits einige Erfahrung (Kamera bei ‚Stirb Langsam‘, ‚Lethal Weapon 3‘) darin gesammelt klare, nachvollziehbare Actionsequenzen zu drehen. Und diese Erfahrung weiß er in seiner Umsetzung des ersten Filmdrehbuchs von Fernsehautor Graham Yost (wobei es heißt für die finale Version des Buches zeichne eigentlich Joss Whedon verantwortlich, was es zu einer seiner frühesten Arbeiten machen würde) perfekt umzusetzen. Jede Actionszene hat ein klares Setup und folgt dann einem klaren Aufbau, der den Zuschauer alles nachvollziehen lässt. Ja, die zentrale Prämisse des Films ist albern. Ja, ‚Die Simpsons‘ haben sie für zahllose, gelungene Gags verwendet. Aber was macht das, wenn der Rest des Films drumherum derart gelungen ist? Letztlich ist sie auch ein Alleinstellungsmerkmal. Jeder weiß was mit „der Film mit dem Bus der nicht langsamer werden durfte“ gemeint ist. Sogar Leute, die niemals ‚Speed‘ gesehen haben. Bei „der Film, wo sich der Typ durchs Hochhaus kämpfen muss“ denkt man hingegen nicht sofort an ‚Stirb Langsam‘, dafür ist es zu generisch.

Auch wenn es aus heutiger Sicht komisch klingt, so war keiner der Hauptakteure vor der Kamera, in diesem Werk zahlreicher Erstlinge dahinter, zur Entstehungszeit ein Superstar. Wenn man sich ihre Arbeit hier ansieht wird aber klar, warum sie alle zu verschiedenen Zeitpunkten mal einer waren oder wurden. Hopper liefert hier einen Schurken mit jener durchgeknallten Bedrohlichkeit ab, die er wie kein zweiter beherrschte. Er spielt hier nicht so überzogen wie in anderen Filmen, weswegen Payne, trotz seines schadenfrohen Sadismus‘, nie zu einer Witzfigur wird. Reeves spielt seinen Traven als ernsthaften, fähigen Polizisten. Seine Rolle ist fast vollständig physischer Natur, etwas das Reeves Talenten sehr entgegen kommt (das ist nicht abwertend gemeint! ich habe vor physischem Spiel ähnlich viel Respekt, wie vor emotionalem!). Das Wichtigste ist aber seine Chemie (oder eigentlich Alchemie, denn eine Formel gibt es dafür ja nicht) mit Sandra Bullock. Die liefert den Humor, das menschliche Element und zeigt allgemein die Art von Vorstellung, die klarmacht, warum sie zu dem weiblichen Star der späteren 90er werden würde. Sie ist es, die erst dafür sorgt, dass der Film funktioniert, indem sie den emotionalen Ansatzpunkt für den Zuschauer liefert.

Okay, werdet Ihr jetzt sagen, es ist also ein gelungener Actionfilm, fein, aber „einer der besten aller Zeiten“ ist etwas dick aufgetragen, oder? Vielleicht. Aber lasst mich meine These formulieren. In den besten Actionfilmen wird die Action durch die Charaktere definiert. Im Musterbeispiel ‚Stirb Langsam‘ haben sowohl John McClane als auch Hans Gruber eindeutige, definierte Pläne, die aus ihren Charakteren erwachsen und ihr Handeln bestimmen und so die Handlung und Action des Films auslösen und antreiben. Was ‚Speed‘ genial macht, ist dass er diese Regel in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Hier ist es immer die Action, die das Handeln der Charaktere steuert. Während der Fahrstuhlsequenz lernen wir, dass Traven nicht gut darin ist Pläne zu machen. So schießt er seinen Partner Temple (den eigentlichen Planer) sogar an, in Reaktion auf eine Situation. Traven sieht eine neue Situation und reagiert darauf. Aber das macht ihn hier nicht passiv, genau das bringt ihm einen Vorteil gegen Payne. Der ist zwar ein Planer, doch ist alles was er tut auch reaktiv, folgt der Formel „wenn X passiert, reagiere ich mit Y“, wobei Y in 100% der Fälle eine Explosion ist. Auf Planer wie Temple ist er perfekt  vorbereitet, so dass dessen Pläne auch in einer Katastrophe enden. Annie andererseits ist der am direktesten reaktive Charakter. Jedem neuen Hindernis, dass vor der von ihr gelenkten tonnenschweren Bombe auftaucht muss sie sich erneut anpassen. Und eben diesem Reagieren sind Paynes eigene reaktive Pläne, die vom planbaren Vorgehen seiner Gegner ausgehen, nicht gewachsen. Die Reaktivität der Charaktere gibt ihnen Handlungsfähigkeit. Diese Inversion mag simpel klingen und ist vermutlich auch simplistisch aber ‚Speed‘ ist auch ein simpler Film. Aber „simpel“ im Sinne einer einfachen, schlichten Eleganz. Für mich zumindest ist ‚Speed‘ die „Zahl“-Seite der Münze, deren „Kopf“-Seite ‚Stirb Langsam‘ ziert.

Warum hat ‚Speed‘ dann (vor allem bei mir, bis vor kurzem) keinen besseren Ruf? Ich glaube die Antwort darauf lässt sich mit „Speed 2“ recht einfach zusammenfassen. Ein Sequel das alles aber auch alles falsch machte, was der Erstling richtig gemacht hat. Ein Film der Jan de Bont als neue Hoffnung am Actionhimmel direkt wieder zunichte gemacht hat.

Aber ich bin nicht hier um über ‚Speed 2‘ zu reden. Ich bin hier um Euch zu sagen: Seid nicht wie ich! Wenn Ihr die Chance habt den 24 Jahre alten Film um den Bus, der nicht langsamer werden durfte zu sehen, dann nutzt sie mit Höchstgeschwindigkeit, Ihr werdet es sicherlich nicht bereuen!

‚John Wick: Kapitel 2‘ (2017) und ein bisschen ‚John Wick‘ (2014) – „You’re not very good at retiring“

Bevor ich über das zweite Kapitel der John Wick Saga(?) schreibe muss ich natürlich erst ein paar Worte zum ersten Auftritt des Entleibungsexperten und Hundefreundes sagen:

Der Sohn eines Russenmafia-Bosses bringt John Wicks (Keanu Reeves) Hund um, weil Herrchen ihm sein Musclecar nicht verkaufen wollte. Das war nicht nur reichlich fies, sondern auch dumm, denn Wick arbeitete einst unter dem Namen „Baba Yaga“ als fähigster Mörder für die Russen, war nun aber im Frühruhestand. Vater Gangster geht entsprechend die Düse, weiß er doch, dass Wick nun, mit dem Zorn des gestörten Rentners, Geschäft und Gesundheit seiner Organisation aufs Heftigste gefährden wird.

Nein, die Geschichte von ‚John Wick‘ liest sich nicht eben großartig. Aber der Film bietet dennoch wahnsinnig viel um jede Menge Liebe zu verdienen. Zum einen behandelt er sein Thema mit einiger absurder Selbstironie, Profikiller erledigen alle ihre Geldgeschäfte in Golddublonen und ein Edelhotel gilt als allgemein akzeptierter neutraler Boden. Zum anderen sind die Actionszenen schlicht großartig. Wunderbar inszenierte (und nachvollziehbare!) Schießereien und Faustkämpfe mit einer hochdynamischen Kamera, ohne in Schnittorgien zu verfallen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Actionszenen häufig daraus bestehen, dass sich zwei computergenerierte Phantasiewesen gegenseitig auf die Nase geben und dabei ganze Stadtteile in Schutt und Asche legen, fühlte sich die „handfeste“ Wick-Action besonders brachial an. Auch die liebenswerte Dreistigkeit ‚John Wick‘ wie ein Franchise zu behandeln, dass jedem bekannt sein sollte trug ihren Teil zum Charme des Actionmärchens irgendwo zwischen Hong-Kong-Pistolen-Ballett und Comic bei. Für mich ein Film der den üblichen zwei jährlichen Produktionen mit derselben Handlung und Liam Neeson in der Hauptrolle um mindestens drei gebrochene Nasenlängen voraus ist.

Nun aber zum 2ten Kapitel um John Wick. Das fängt genau da an, wo ‚John Wick‘ aufgehört hat. In der ersten Viertelstunde schließt Wick Frieden mit den Russen… auf seine Weise. Kaum wieder daheim steht auch schon die Mafia originale italiano in Gestalt von Santino D’Antonio (Ricardo Scamarcio) vor seiner Tür. Der fordert einen Gefallen ein, den Wick ihm im Zuge seines Rückzugs aus „dem Geschäft“ zugestanden hat. Nachdem D’Antonio seiner Forderung explosiven Nachdruck verleiht und auch Wicks Freund und Betreiber des „Continental“ Hotels Winston (Ian McShane) ihm bestätigt, dass die Forderung völlig berechtigt ist, hat John keine Wahl. Er muss nach Rom fliegen und dort D’Antonios Schwester ermorden. Zum Erstaunen von absolut Niemandem fängt das Blutvergießen damit aber erst an.

Das Überraschungsmoment des ersten Wick ist nun natürlich verflogen und auf den ersten Blick sieht Kapitel 2 tatsächlich aus wie mehr vom gleichen. Bei genauerem Hinsehen hat sich aber doch einiges geändert. Die ausufernden Action-Sequenzen haben einiges ihrer Balletthaftigkeit eingebüßt, sie sind finsterer geworden, dreckiger und um einiges blutiger. Sie haben allerdings nichts von ihrer Dynamik verloren und einige Setpieces sind annähernd brillant. Das Finale ist eine Hommage an das von den späten 70ern bis in die frühen 90ern beliebte Spiegelkabinett am Ende, allerdings angereichert mit den typischen ‚John Wick‘ Steroiden. Jenen Dopingmitteln, die einen nicht stärker wohl aber deutlich fieser machen. Gelegentlich wird es ein wenig zu exzessiv, wenn z.B. John und sein Gegner so lange eine Treppe herunter kugeln, dass wohl selbst Sergei Eisenstein sagen würde, das es nun aber mal gut ist. Und ob es kugelsichere Anzüge wirklich gebraucht hätte ist so ’ne Frage…

Der Film hat ein ähnliches Problem wie ‚The Raid 2‘ vor ein paar Jahren, ihm fehlt die hochfokussierte, simple Linie des ersten Films. Sogar ganz im Gegenteil, all die Regeln der Killerunterwelt, die der erste Film sorgfältig, wenn auch augenzwinkernd, aufgebaut hat werden hier absichtlich zu einem Netz, in dem sich John Wick verfängt. Und genau wie ‚The Raid 2′ gelingt es Kapitel 2 mit seinen Actionszenen ein Bild zu zeichnen. Er zeichnet das Bild einer gescheiterten Gesellschaft. Er wird derart maßlos, dass er sogar die Ironie hinter sich lässt. Wenn die Gewalt der Killer ausbricht, so sorgt das nicht etwa für Panik, die Zivilisten verlassen einfach ohne großes Aufheben den Kampfplatz. Wenn Wick und sein Gegner sich auf einem belebten Flughafen mit schallgedämpften Waffen beschießen scheint das nicht einmal einer der Umstehen zu merken. Der völlig blutverschmierte Wick erweckt ebenfalls kaum Aufmerksamkeit. Staatliche Gewalt wird, wie schon im ersten Film, allein von Wicks Nachbarschaftspolizist repräsentiert, der verlegen grinst und die Hände in die Taschen steckt, wohlwissend, dass er ohnehin nichts ausrichten kann. Kein Gesetz gilt außer dem Ungeschriebenen der Killer selbst. Die Geheimgesellschaft hat die Gesellschaft überflügelt, teilweise kann man fast fürchten, ersetzt. Jeder scheint in jedem Moment zu einer tödlichen Gefahr werden zu können, eigene, geheime, mörderische Pläne zu verfolgen. Angesichts aktueller Ereignisse in den USA wirkt diese paranoide Grundstimmung beinahe erschreckend pointiert.

Optisch und soundtechnisch hat sich am sehr hohen Niveau des Originals nichts geändert. Regisseur Chad Stahelski, übrigens Reeves‘ Stuntdouble in den ‚Matrix‘ Filmen, hatte ja schon in seinem ersten eine einerseits cineastisch gebildete, andererseits sehr eigene Bildsprache gefunden. Noch immer hält er sich wohlwollend fern von den typischen Schnittfeuerwerken heutiger Action. Keanu Reeves ist so gut in seiner Rolle als überdrüssiger Killer, wie Keanu Reeves nur sein kann. Kein Wunder die Rolle des John Wick wurde ihm ja auch quasi auf den Leib und seine Fähigkeiten geschrieben.

Ich habe oben gesagt, der Film habe nicht mehr das Überraschungsmoment des Original und das stimmt sicherlich auch irgendwo, dennoch hat mich auch Kapitel 2 noch überrascht. Wie wenn man mit einem Schlag in den Bauch rechnet und dann einen Nierenhaken kassiert. ‚John Wick: Kapitel 2‘ ist immer noch frisch, etwas unfokussierter, etwas exzessiver aber deutlich finsterer, deutlich böser und deutlich pointierter als der Erste. Ich freue mich auf Kapitel 3.

Double Feature: Filme über Filme: Corman’s World (2011) und Side by Side (2012)

Oh je, die Filmbesessenheit wird schlimmer: nicht nur müssen es zwei Filme sein, nein es sollen auch Filme über Filme sein. Aber auch das kriegen wir hin.

Wenn die Herren Golan und Globus von Cannon (siehe ‚Electric Boogaloo‚) die Fürsten des Trashfilms waren, dann ist Roger Corman sein Gottkaiser. Seit Mitte der 50er Jahre führt Corman Regie unter der Maxime „schnell und billig“. Bald begann er jedoch auch Filme zu produzieren. Und er hatte nicht nur ein fast perfektes Auge dafür was beim (vor allem jungen) Publikum ankommt sondern war auch hervorragend darin Talente zu entdecken. So haben Regisseure wie Francis Ford Coppola, Ron Howard, Martin Scorsese und James Cameron für Corman einige ihrer frühesten Arbeiten abgeliefert. Auf Schauspieler Seite sind Jack Nicholson und Peter Fonda als Beispiele zu nennen, denen Corman den Karrierestart ermöglicht hat. In zahlreichen Interviews mit Mitarbeitern, unter anderem einem sehr emotionalen Nicholson, und Corman selbst zeichnet ‚Corman’s World‘ das Bild eines Rebellen, eines Pfennigfuchsers und auch das eines Ausbeuters. Allerdings ist es ein wenig frustrierend, dass die Macher der Dokumentation sich ein wenig zu sehr als Vertreter  Cormans zu sehen scheinen. Vor allem die Frage warum die Qualität seiner Filme seit den 80ern extrem nachgelassen hat wird nur unzureichend beantwortet und statt dessen mit dem Finger auf Lucas und Spielberg gedeutet (sie haben Ideen genommen, die normalerweise in Cormans Metier gefallen  wären (‚Der weiße Hai‘, ‚Star Wars‘) und haben sie mit hundertfachem Budget produziert und damit zum Mainstream gemacht – wie unfair). Trotzdem ein sehenswerter und interessanter Film. Wer danach Interesse an Werken Cormans gefunden haben sollte, dem seien seine Poe Umsetzungen aus den 60ern empfohlen (insbesondere ‚Masque of the Red Death‘, dt. ‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ mit Nicolas Roeg an der Kamera!) und natürlich ‚Death Race 2000‘ mit einem der ersten Auftritte von Sylvester Stallone.

‚Side by Side‘ hingegen beschäftigt sich mit einem Wandel, der derzeit in Hollywood und dem Rest der Welt stattfindet. Das Ende des Celluloidfilms und dem Beginn des digitalen Zeitalters. Keanu Reeves interviewt zahlreiche Regisseure, Kameraleute, Cutter, Techniker und Schauspieler. Darunter Technophile, die  den Wandel kaum abwarten können und aktiv vorantreiben, wie James „3D“ Cameron und George Lucas aber auch Zweifler wie Christopher Nolan und Wally Pfister. In einige Bereiche hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten, wie den Schneideraum und die Einfärbung der Bilder, doch die Änderung direkt an der Kamera ist immer noch ungewohnt für die meisten Beteiligten und bedeutet eine Verschiebung von Kontrolle und Verantwortung. Keanu Reeves ist sicher kein brillanter Interviewer aber ein sympathischer. Und durch seine Mitwirkung hatte Regisseur Christopher Kenneally Zugriff auf Gesprächspartner, die er sonst sicher nicht gehabt hätte. Zwischen den Interviews finden sich immer wieder Szenen, die grundlegende Filmtechnik erklären und die Unterschiede zwischen Film und Digital verdeutlichen. Absolut sehenswert, wenn man auch nur geringes Interesse an dem Thema hat. Das Schöne an der UK DVD ist, wem die 90 Minuten Film nicht reichen hat Zugriff auf Stunden an Langfassungen der Gespräche.