Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 besten Filme, die vor meiner Geburt erschienen sind

Und schon ist wieder Donnerstag und damit Zeit für die 5 Besten. Gorana möchte heute von uns unsere 5 liebsten Filme wissen, die vor unserer Geburt erschienen sind. Das ist mal wieder keine leichte Aufgabe und obwohl ich wohl drei Filme von letzter Woche direkt übernehmen könnte, suche ich schon allein für die Abwechslung ein paar andere heraus.

  1. ‚Star Wars‘ (1977)

Den habe ich bei der Reise der 5 besten durch die Jahrzehnte vor ein paar Monaten schändlich übergangen. Sicherlich, es ist ein Millionenerfolg, der bestimmt nicht darauf angewiesen ist, dass ich ihn nenne, aber ich bin trotzdem froh es nachzuholen. Es gibt vermutlich nicht viel, was ich auf dem Schulhof der Grundschule nachgespielt habe und heute immer noch liebe. Ich bin sicher früher oder später wird Disney genug produzieren, dass es mir zum Halse heraushängt, zur Zeit bin ich aber ein recht glücklicher Star Wars Fan.

  1. ‚Der amerikanische Freund‘ (1977)

Der ist vermutlich vor allem deswegen auf der Liste, weil ich ihn vor kurzem erst wieder gesehen habe. Wim Wenders macht aus Patricia Highsmiths Buchvorlage einen der besten Neo-Noir-Filme die ich kenne. Bruno Ganz als bodenständiger Rahmenmacher, der von Dennis Hoppers stets nah am Wahnsinn stehenden Charakter in internationale Mordsachen verwickelt wird ist einfach großartig. Und in unvergessliche Bilder gefasst von Robby Müller. Die Sequenz am französischen Bahnhof etwa werde ich nie vergessen.

  1. ‚Augen ohne Gesicht‘ (1960)

Georges Franjus Mischung aus Horror und Thriller und Märchen ist definitiv zu wenig bekannt. Ein plastischer Chirurg will seiner bei einem Autounfall entstellten Tochter ein neues Gesicht verschaffen. Ganz egal wie. Inzwischen läuft die mit einer ausdruckslosen Maske herum, was später John Carpenter zu seinem Michael Myers inspirieren sollte. Ebenso Pedro Almodovar in ‚Die Haut, in der ich wohne‘ und selbst die Operationsszene in ‚Face/Off‘ zitiert Franju.

  1. ‚Vertigo’ (1958)

‚Vertigo‘ hat ganz knapp ‚Das Fenster zum Hof‘ und ‚Der unsichtbare Dritte‘ als mein liebster Hitchcock ausgestochen. Dieser (alp-)traumhafte Film um romantische Besessenheit ist vermutlich Hitches persönlichster. Die visuelle Kontrolle, die James Stewarts Scottie über die Frauen in seinem Leben ausübt ist ein Kommentar auf Hitchcocks eigene Art Filme zu machen. Ich mag die Traumlogik des Films und die Aufnahmen von San Francisco, die sich mehr wie Erinnerungen als Film anfühlen.

  1. ‚Sunset Boulevard‘ (1950)

Und dieser Film hat knapp ‚Frau ohne Gewissen‘ und ‚Eins, zwei, drei‘ als meinen liebsten Billy Wilder ausgestochen. Wer nach 5 Minuten nicht von dem Film gefesselt ist, der immerhin von einem Toten, der mit dem Gesicht nach unten in ‚nem Pool treibt erzählt wird, dem kann ich auch nicht helfen. Wilders satirische Abrechnung mit Hollywood liefert mit Gloria Swanson als in ihrer eigenen Welt lebendem Stummfilmstar Norma Desmond eine der klassischen Filmfiguren ab („I AM big. It’s the pictures that got small!). Und Buster Keaton taucht auf und spielt Karten.

‚High Noon‘ (1952) – „For what? For nothin‘. For a tin star.“

Der Western lässt sich in mehrere Kategorien einteilen. Da ist zum ersten der „Aufbruchswestern“, wenn die Siedler sich in ihren Planwagen auf nach Westen machen, um neues Land zu erschließen und Menschen, die dreisterweise bereits auf diesem Land leben zu vertreiben. Ist die Siedlung gegründet, dann kommen die Räuber, Gangster und Banditen. Entweder rückt die Gemeinde nun zusammen und besiegt diese Gefahr oder ein ebenso schweigsamer wie tapferer Fremder reitet in die Stadt und rückt die Sache zurecht. Diese beiden Kategorien machen einen Großteil des klassischen, amerikanischen Westerns aus. Aus der zweiten Kategorie ging dann der Italo-Western hervor. Und der war deutlich zynischer. Hier stand hinter den Banditen zumeist irgendein Großkapitalist, der den hart erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand der Siedler nun in die eigene Tasche umverteilen wollte. Und der schweigsame Fremde war in seinen Methoden kaum noch von seinen finsteren Gegenspielern zu unterscheiden. Sergio Leone hat seinen vielleicht besten Italo-Western ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ geradezu mit Anspielungen auf ‚High Noon‘ gespickt. Es ist nicht schwer zu erkennen warum. ‚High Noon‘ ist so etwas wie die amerikanische Rampe zur Atlantik-Western-Brücke. Dass er etwas anders wäre als normale amerikanische Western der Zeit erkennt man schon daran, dass er dort beginnt wo andere Western aufhören.

Marshall Will Kane (Gary Cooper) hat das Städtchen Hadleyville in langer Arbeit aufgeräumt und sicher für Familien und Kinder gemacht. Nun heiratet er die deutlich jüngere Amy (Grace Kelly). Da die als Quäkerin jegliche Form der Gewalt ablehnt, legt er sein Amt nieder, um mit ihr einen Laden zu eröffnen. Doch kaum ist die Zeremonie vorbei, treffen schlechte Nachrichten ein: Frank Miller (Ian McDonald), der ehemalige Kopf des Verbrechens in der Stadt wurde begnadigt. Drei seiner ehemaligen Ganoven warten bereits am Bahnhof auf ihn und wenn er im Zug einträfe (um Punkt 12 Uhr!) würden sie kommen, um sich an Will zu rächen. Die Stadt rät dem Paar zur Flucht, der neue Marshall würde erst am nächsten Tag eintreffen, doch Will weiß, Miller würde ihm überall hin folgen. Also wird er sich ihm hier stellen, wo er als Marshall schließlich Freunde hat. Amy ist von der erneuten Hinwendung zur Gewalt, keine Minute nach der Eheschließung, zutiefst enttäuscht und verkündet die Stadt (und Will) mit demselben Zug zu verlassen mit dem Frank Miller eintrifft.

Für Kane beginnt nun eine schmerzhafte Erkenntnis: keiner in der Stadt ist bereit sich auf seine Seite zu stellen. Jeder hat kleinliche Gründe. Sei es sein Deputy, der enttäuscht ist, dass Will ihn nicht zu seinem Nachfolger gemacht hat oder die Kirchengemeinde, die erschüttert ist, dass Kane eine Quäkerin geheiratet hat. Überall sieht er sich vor verschlossenen Türen und ihm zugewandten Rücken. Letztlich muss er sich der Übermacht allein stellen. Oder nicht ganz allein, denn Amy ist bereit aus Liebe ihre Überzeugungen über Bord zu werfen. Am Ende pfeffert ein angewiderter Kane der unsolidarischen Gemeinde seinen Marshall-Stern vor die Füße.

Die ersten Reaktionen auf den Film bei Erscheinen waren nicht gut. Das Publikum freute sich auf wilde Jagden und Schießereien, stattdessen bekam es einen Film zu sehen, der seine Dramatik daraus bezieht, dass ein Mann um Hilfe bittet und sie nicht bekommt. Die gesamte Action findet in den letzten 10 Minuten statt und ist mehr zweckmäßig. Selbst Amys Rettungsakt hat nichts heldenhaftes, wirft sie doch ihren Pazifismus fort, um jemanden in den Rücken zu schießen. Western Regie-Legende Howard Hawks sagte über den Film: „Ein guter Stadt-Marshall läuft nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend und bittet um Hilfe! Und wer rettet ihn? Seine Quäker Frau! Das ist nicht meine Idee eines guten Westerns!“. Das Urteil von John Wayne fiel noch deutlicher aus: „[‚High Noon‘] ist das Unamerikanischste, was ich je gesehen habe.“

War der Grund für die Ablehnung tatsächlich nur, dass Regisseur Fred Zinnemann hier gegen übliche Klischees inszenierte? Nein, denn es hat einen Grund warum die Szenen, in denen sich die Bewohner der Stadt gegen Kane wenden so kraftvoll wirken, wie sie es tun. Drehbuch-Autor Carl Foreman hat genau das erlebt. Im Zuge der von Senator McCarthy veranstalteten Jagd auf alles, was entfernt links wirkte, war er vom „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ als „unkooperativer Zeuge“ eingestuft worden. In seiner Jugend war Foreman kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei und hatte sich geweigert die Namen anderer, längerfristiger Mitglieder zu nennen. Nun stand er bei den Hollywood-Bossen auf der „Schwarzen Liste“ und – wie Kane – vor verschlossenen Türen. ‚High Noon‘ wäre für lange Zeit der letzte Film, der Foremans Namen beim Drehbuch tragen würde. Das war der Hauptgrund für die Kritik durch Konservative wie Hawks und Wayne.

Doch fand der Film trotz allem sowohl sein Publikum als auch kritischen Zuspruch. Und kein Wunder, Zinnemanns Inszenierung quasi in Echtzeit (knapp 100 Minuten werden in gut 80 Minuten Film wiedergegeben), seine beständigen Schnitte auf Uhren und die Eisenbahnschienen, sowie die Tatsache, dass der Film nie das kleine Örtchen verlässt lassen den Druck und die Spannung immer weiter wachsen. Und wenn der Zug sich dann endlich mit lautem Pfeifen ankündigt, dann betrachtet Zinnemanns Kamera noch einmal die Gesichter aller Charaktere und ihre Reaktionen. Stoisch, resigniert, schuldbewusst, zerrissen oder auch voller Vorfreude bei den Gangstern. Die (oscarprämierte) treibende Musik von Dimitri Tiomkin unterstützt die Spannungsbildung in Abwesenheit von Action noch mehr und weiß vor allem den gesungenen Text („Do not forsake me“) geschickt einzusetzen.

Cooper hat nicht nur das perfekte Gesicht für seinen verzweifelten Helden, aus Granit gehauen aber mit ersten Verwitterungserscheinungen, er spielt den Charakter auch erstaunlich nuanciert. Er ist nicht „verweichlicht“ wie Kritiker sagen, er ist der Beweis dafür, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit auch in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben ist. Dafür hat er den Oscar bekommen. Er arbeitete zu der Zeit übrigens in Europa und bat einen Freund ihn für ihn entgegenzunehmen… John Wayne. Grace Kelly in ihrer ersten großen Filmrolle als Amy geht hier, obwohl ein wichtiger Charakter, leider etwas unter. Das größte Problem ist, dass sie (21 Jahre) und Cooper (50, sieht aber älter aus) eher wie Vater und Tochter als ein Paar wirken. Erwähnenswert ist wohl noch, dass einer der drei Gangster, der keinerlei Dialog hat von einem gewissen Lee van Cleef in seiner ersten Filmrolle gespielt wurde.

Damit sind wir auch schon wieder beim Italowestern. Wenn in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ der Gangsterboss also Frank heißt und am Anfang des Films drei Ganoven auf das Eintreffen eines Zuges warten, dann ist das nur der sichtbarste Stempel, den ‚High Noon‘ diesem Genre aufgedrückt hat.

Es war einmal in Italien: ‚Für eine Handvoll Dollar‘ (1964)

Wie zufrieden Clint Eastwood im Frühjahr 1964 mit dem Verlauf seiner Karriere war weiß ich nicht. Er hatte eine Rolle als hitzköpfiger Viehtreiber in der erfolgreichen TV-Serie ‚Tausend Meilen Staub‘ aber der gewünschte Filmerfolg wollte sich, von einigen Winzauftritten abgesehen, für den Mittdreißiger einfach nicht einstellen. Und wenn die Serie Pause machte musste er immer noch Hausmeistertätigkeiten übernehmen oder Kindern Schwimmunterricht geben damit die Kasse stimmte. Aber in der Frühjahrspause des Jahres 1964 hatte er etwas anderes vor. Er hatte von einem Italiener das Angebot bekommen die Hauptrolle in einem Western zu spielen. Sein Agent hatte ihm zwar entschieden abgeraten, doch nach Europa wollte er eigentlich immer schon mal. Und 15.000 Dollar gäbe es auch. Also, warum nicht? Weiterlesen

‚Sein oder Nichtsein‘ (1942) – „It would get a laugh“

„Was darf Satire?“ ist eine hierzulande gern gestellte Frage, wenn ein Kunstprojekt, welcher Art auch immer, mit einem heiklen Thema mehr oder weniger geschmackvoll umgeht. Schauen wir zum Beispiel in die Geschichte der Rechtsstreitigkeiten des „Titanic Magazins“ stellen wir fest, dass die Antwort in Deutschland lautet „bei weitem nicht alles“. Wie sieht es aber über den großen Teich aus? In den USA, die sehr stolz auf  ihr Recht auf frei Meinungsäußerung sind? Die Antwort mag großzügiger ausfallen, allerdings war die Empörung, als Ernst Lubitsch 1942 eine Komödie über den Überfall der Nazis auf Polen veröffentlichte riesig.

Die andere große Hollywood „Nazi-Komödie“, Chaplins ‚Der große Diktator‘ war 1940 in den USA noch auf weitgehendes Desinteresse gestoßen. Die größte Kritik war ausgerechnet, dass Chaplin ein Kriegstreiber sei, der die USA in einen Krieg gegen Deutschland verwickeln wollte. In dieser Atmosphäre hat Ernst Lubitsch mit der Arbeit an der Verfilmung des Theaterstücks „Noch ist Polen nicht verloren“ von Melchior Lengyel begonnen. Dann erfolgte aber, während der Dreharbeiten der Überfall des imperialen Japans auf Pearl Harbor. Die Stimmung und die Berichterstattung der Medien änderten sich grundlegend. Die amerikanische Öffentlichkeit war jetzt über die Gräueltaten der Nazis zumindest teilweise informiert. So erschien ‚Sein oder Nichtsein‘ zwar zeitgleich mit jeder Menge Propagandafilmen, brach allerdings zahllose Tabus dieser Gattung. Er erwähnte Dinge wie Konzentrationslager und Kollaboration, die demokratischen Werte der USA fanden nicht einmal Erwähnung und das „Schlimmste“: er war eine Komödie. Nicht wenige witterten hier eine Verhöhnung der Opfer, etwas dem Lubitsch und die Darsteller stets vehement widersprochen haben. Wie sieht der Film aus heutigen Augen aus?

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs proben die Darsteller eines Warschauer Theaters rund um das egozentrische Schauspielerehepaar Joseph (Jack Benny) und Maria Tura (Carole Lombard) für ein antifaschistisches Stück namens „Gestapo“. Allerdings verbietet das polnische Außenministerium die Aufführung, aus Sorge Hitler zu düpieren. So führt die Theatergruppe weiter den „Hamlet“ auf. Jedes Mal, wenn Joseph Tura seinen großen Monolog mit „Sein oder Nichtsein“ beginnt, verlässt allerdings ein polnischer Bomberpilot seinen Platz. Das verletzt den Egomanen Tura zutiefst, obwohl er nicht einmal ahnt, dass Pilot Sobinski (Robert Stack) die Zeit nutzt Maria in deren Umkleide zu treffen. Kurz darauf marschieren die Nazis ein. Das Theater wird geschlossen und Sobinski schließt sich der polnischen Schwadron der britischen Luftstreitkräfte an. So wird er kurz darauf zurück nach Warschau geschickt, um Kontakt zum Widerstand aufzunehmen und ein Treffen zwischen Doppelagent Professor Siletzky (Stanley Ridges) und dem Anführer der Gestapo in Warschau Gruppenführer Ehrhardt (Sig Ruman) zu verhindern, welches das Ende für den polnischen Untergrund bedeuten könnte. Schnell werden die Turas und der Rest der Theatertruppe in die Sache mit hineingezogen. Sie schlüpfen wieder in die Rollen des „Gestapo“-Stücks, diesmal um Siletzky die echte Gestapo vorzuspielen. Nachdem der getötet wird muss Jospeh Tura seine Rolle übernehmen und sich durch ein Farce aus angeklebten Bärten, gigantischen Egos und eines plötzlichen Hitler-Besuchs in Warschau kämpfen.

Das ist einer dieser Filme, für den ich weit mehr Respekt bekommen habe, einfach dadurch, dass ich darüber schreibe. Lubitsch lässt die Geschichte so einfach, so direkt, so logisch wirken, dass zumindest ich erst beim Schreiben gemerkt habe, wie verwinkelt und verworren sie eigentlich ist. Und genau hier liegt auch die große Kunst des Ernst Lubitsch verborgen. Selbst Jude hat er Deutschland bereits lange bevor Hitler an die Macht kam verlassen. 1922 ging er auf direkte Einladung durch Schauspielerin/Produzentin Mary Pickford nach Hollywood. In den 30er Jahren etablierte er sich hier als der Meister der Salon-Komödien. Also leichte Komödien in einem bürgerlichen Milieu, quasi die Vorläufer der „Screwball-Comedy“. Was ihn auszeichnete war seine exakte technische Planung, was er wann dem Zuschauer wie zeigen würde. Was sonst simple Kammerstücke oder gar abgefilmtes Theater hätte sein können erhielt so eine deutliche Cinematische Sprache. Seine Lösungen für bestimmte Szenen gelten als so kreativ und außergewöhnlich, dass sich der Begriff des „Lubitsch-Touch“ etabliert hat. Etwas, dass Billy Wilder in diesem Video besser erklärt, als ich das je könnte:

Was sich Lubitsch in ‚Sein oder Nichtsein‘ zum ersten Mal zu Nutze gemacht hat, ist wie ähnlich sich die Stilmittel zum Aufbau von Spannung und Komik sind. Beide bauen eine Fallhöhe für den Charakter auf, die sich in einem Fall in Lachen entlädt im anderen nicht. Und Lubitsch weigert sich hier strikt in irgendeiner Weise anzudeuten, ob die kommende Szene nun lustig oder eher schrecklich wird. Tatsächlich scheint sein ganzes Ziel das Verwischen dieser Grenzen zu sein. Er nimmt dem Hollywood-Klischee des „Comic Relief“ den „Relief“-Teil, die Erleichterung. Manchmal lacht man und schämt sich schon im nächsten Moment dafür. Er wiederholt bestimmte Sätze und ganze Szenen wieder und wieder in immer neuen Kontexten. Mal sind sie spannend, dann tragisch bis sie durch reine Wiederholung albern und komisch werden.

Das stößt an ein anderes zentrales Thema des Films, das Verwischen der Grenzen zwischen Theater und Wirklichkeit. Nicht nur nehmen die Darsteller im Film die Rollen aus dem „Gestapo“ Stück in der Wirklichkeit wieder auf, auch die Nazis selber werden als widerwärtige, theatralische Schmierendarsteller entlarvt, hinter deren riefenstahlscher Inszenierung und Hugo Boss Uniformen nichts außer kleingeistiger Böswilligkeit steckt. Egomane Tura, verkleidet als Siletzky, kann sich natürlich nicht beherrschen Gruppenführer Ehrhardt zu fragen, ob der „den großen Schauspieler Joseph Tura“ kenne. Ehrhardts Antwort fängt sowohl den Zynismus der Nazis ein und unterstreicht das Thema um Theater und Wirklichkeit: „Den kenne ich. Was der mit Shakespeare gemacht hat, machen wir jetzt mit Polen.“

Ein weiteres zentrales Thema ist der Egozentriker, der sich in den Dienst einer höheren Sache stellen muss. „Jetzt spielen Sie um unser aller Leben“ geben die Theaterkollegen Tura mit auf den Weg. Und Jack Benny ist perfekt für diese Rolle. Lubitsch hat sie ihm auch mehr oder weniger auf den Leib geschneidert. Bei aller Großspurigkeit wird er zu keinem Moment unsympathisch, wie die Leute die ihn umgeben, akzeptieren wir ihn als Zuschauer schnell als das was er ist. Carole Lombards Maria steht ihm in Sachen Egozentrik kaum nach, spielt die hier allerdings sehr zurückgenommen, überlässt Benny das Feld, erlaubt ihm Lacher zu bekommen. Sig Ruman gibt seinen Gruppenführer mit recht überzogenem Spiel und aus dem Kopf quellenden Glubschaugen. Allerdings gelingt ihm genau damit das Kunststück, das seine Rolle vollbringen muss, nämlich sowohl furchterregend als auch lächerlich zu sein. Von den Nebendarstellern möchte ich Felix Bressart als jüdischen Kleindarsteller Greenberg hervorheben, dessen großer Traum es ist einmal den Shylock im „Kaufmann von Venedig“ zu spielen. Er bekommt seine Chance, wenn auch vor dem schlimmstmöglichen denkbaren Publikum.

Eine Verhöhnung der Opfer ist übrigens zu keinem Moment zu erkennen. Wenn Maria Tura während der Proben zum „Gestapo“-Stück im eleganten Abendkleid auftaucht und sagt, das wolle sie während der Szenen im KZ tragen, dann ist das schlicht dazu da etwas über die weltfremde Selbstverliebtheit dieses Charakters auszusagen. Ihre Kollegen reagieren entsprechend auch schockiert bis empört. So gilt Lubitschs böser Spott rein den Nazis. Selbstverliebte Schauspieler bekommen zwar auch etwas Häme ab aber diesen gesteht er immerhin ein gewisses Wachstum zu und führt sie am Ende als Vertreter der Kultur zu einem zumindest symbolischen Sieg gegen die als Über-Kultur verkleidete Unkultur. In den USA wurden ihm dennoch das unpassend empfundene Thema, sowie die gewollte Vermischung von ernsten und komischen Themen zum Verhängnis. Selbst Bennys Vater soll erzürnt das Kino verlassen haben, als er seinen Sohn in Naziuniform gesehen hat.

In Deutschland wurde der Film 1959 im Rahmen der zweiten Auslobung des Ernst Lubitsch-Preises (den Preis nach Lubitsch zu benennen geht übrigens auf eine Idee von Billy Wilder zurück) gezeigt und kam hier auf Anhieb sehr gut an. Heute genießt er weltweit einen Ruf als Klassiker und vermutlich Lubitschs Meisterwerk. Er funktioniert auch aus heutiger Sicht noch ganz hervorragend, insbesondere wenn man sich klar macht, in welcher Zeit er entstanden ist und was für eine Grenzüberschreitung er dort darstellte.

Vienna Noir: ‚Der dritte Mann‘ (1949)

‚Der dritte Mann‘ ist ein Film, der nicht einfach den Lokalkolorit seines Handlungsortes einfängt, sondern einen zeitlich eng begrenzten Lokalkolorit. Den des Wiens der direkten Nachkriegszeit. Noch halb in Trümmern und von den vier Siegermächten kontrolliert. Und im Zentrum die Internationale Zone, wo sich alle vier Mächte die Polizeiarbeit teilen und dabei nicht immer kooperieren, wenn sie denn überhaupt kommunizieren können. Bei dieser mangelnden Kontrolle, in einer Stadt voll mit Menschen, die nichts mehr haben, blüht natürlich der Schwarzmarkt. Und dieser Schwarzmarkt sei nichts für Amateure bemerkt ein lakonischer Erzähler zu Anfang des Films, während eine Leiche mit dem Gesicht nach unten die Schöne Blaue Donau herabtreibt.

Der amerikanische Western-Groschenromanautor Holly Martins (Joseph Cotten) ist definitiv ein Amateur. Er ist pleite, da kam ihm ein nebulöses Jobangebot von seinem alten Kumpel Harry Lime gerade recht. Das kam zusammen mit einem Flugticket nach Wien. Nun ist Martins hier und muss erfahren, dass Harry tot ist. Vom Auto überfahren. Nach der spärlich besuchten Beerdigung nimmt ihn der britische Major Calloway (Trevor Howard) beiseite und versucht ihm zu erklären, dass Lime ein übler Schieber gewesen sei und Martins gut daran täte mit der nächsten Maschine nach Hause zu fliegen. Dummerweise verwechselt sich Martins in seinen betrunkeneren Momenten gern einmal mit seinen eigenen Romanhelden mit zwei Colts in den Fäusten und teilt dem „korrupten Sheriff“ mit er selbst würde die Wahrheit über Leben und Tod seines Freundes ans Licht bringen. Im Laufe seiner Ermittlungen wird er nun bedroht, verprügelt, entführt, des Mordes bezichtigt, zu einem Vortrag über den modernen Roman verdonnert und von einem Papageien gebissen. Aber er lernt auch Harrys Freundin Anna Schmidt (Alida Valli) kennen, in die er sich flugs verliebt. Und sie sich in ihn. Oder auch nicht, verwechselt sie doch ein paar Mal zu häufig die Namen Holly und Harry. Selbstverständlich stellt sich Harry als noch quicklebendig und zutiefst zynisch heraus, bevor der Film in einer Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation gipfelt.

Regisseur Carol Reed und Kameramann Robert Krasker tun alles, um visuell den Grundgedanken von Graham Greenes Drehbuch zu unterstreichen: dieses Wien ist ein moralisches Vakuum. Alle Werte sind auf den Kopf gestellt. „He is already in hell“ teilt ein nicht sehr englisch-sicherer Hausmeister (Paul Hörbiger) Martins über seinen Freund Lime mit. Und deutet dabei nach oben. Kaum einmal richtet Krasker seine Kamera gerade auf das Geschehen, immer schaut sie etwas schief, alles scheint aus dem Gleichgewicht. Die für den Film Noir typischen Licht und Schattenspiele wirken hier teilweise absichtlich überzogen, erinnern an den deutschen Expressionismus. In den ewigen Wiener Nächten mit nass glänzendem Kopfsteinpflaster zeichnet sich der Schatten eines kleinen Jungen ebenso gigantisch auf den zerklüfteten Häuserfluchten ab, wie der eines gefährlichen Gangsters. Und Harry Lime (Orson Welles) erhält eine der sowohl melodramatischsten als auch besten Einführungen der Filmgeschichte. Eine Stunde lang ist er das zentrale Thema des Films, die Spannung auf diesen Mann ist bereits greifbar. Da versucht sich Martins in einer Szene mit einem Kater anzufreunden. Der läuft aber weg vor ihm. „Er mag nur Harry“ erklärt ihm Anna. Als Martins später in sein Hotel zurückkehrt sieht er ein Paar Beine in Anzughosen in einem finsteren Hauseingang und der Kater streicht um sie herum, der Rest des Mannes ist im Dunkeln. Anders als der Zuschauer ahnt Martins nicht, um wen es sich handelt (habe ich erwähnt, das er nicht der Hellste ist?). Er hat es aber satt verfolgt zu werden und schreit ihn lauthals an sich zu zeigen. So laut, dass im Haus gegenüber jemand aufwacht, der das Licht einschaltet. Das fällt auf das Gesicht von Lime, der ein Grinsen irgendwo zwischen spitzbübisch und wölfisch zeigt. Bevor Martins ihn erreicht ist er natürlich längst verschwunden.

Das wir bei aller dickköpfigen Naivität doch immer auf der Seite von Holly Martins bleiben ist sowohl dem geschickten Drehbuch von Greene als auch Cottens Spiel zu verdanken. Er ist so gutmütig und offenherzig, das wir gar nicht anders können als ihn zu mögen, sind das doch Qualitäten die ansonsten Mangelware in diesem Film sind. Das sorgt wohl auch dafür, dass ihn im Film absolut niemand respektiert. Nicht einmal die Kamera. Die wendet sich mitten in einem Gespräch von ihm ab, folgt lieber Anna Schmidt, als sie in Erinnerungen an Harry schwelgt. Und während der dramatischen Verfolgung durch die Unterwelt scheint sie Martins für lange Zeit zu vergessen und folgt stattdessen lieber Harry Lime selbst. Auch Alida Valli überzeugt als Anna Schmidt. Die Figur ist hier nie als die typische „Femme Fatale“ angelegt, die den Helden verführt, sondern ist genauso ein Spielball ihrer Umgebung. Und am Ende wird sie sogar die Einzige sein, die ihrem moralischen Kompass konsequent gefolgt ist. Für die Nebenfiguren konnte Reed aus einem großen Schatz österreichischer Darsteller schöpfen. Sei es die bedrohliche Ausdrucksstärke von Ernst Deutsch als Lime-Komplize „Baron“ Kurtz oder die tragikomische Figur von Annas Vermieterin (Hedwig Bleibtreu), die dem alten Glanz des Landes, der Stadt und ihres eigenen Hauses („Ein Metternich ist hier abgestiegen!“) nachtrauert. Der Star des Films, auch wenn er nur für etwa 15 Minuten im letzten Drittel zu sehen ist, ist fraglos Orson Welles. Sein Charakter ist verachtenswert. Harry Lime handelt mit verdünntem Penicillin und ist so für den Tod mehrerer Kinder verantwortlich. Major Calloways echte Empörung über diesen Mann ist also völlig korrekt. Und dann kommt Welles und spielt diesen Widerling mit so viel Verve und Extravaganz, die allem widersprechen, was wir bis dahin im niedergeschlagenen Wien gesehen haben. Und er hält eine dieser Reden, die in die Filmgeschichte eingegangen sind (und die von Welles improvisiert wurde):

„In den 30 Jahren unter den Borgias hat es in Italien nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr.“

Dieses Plädoyer für Chaos in der Welt fühlt sich auf unheimliche Weise modern an. Es klingt wie etwas, dass der Joker aus ‚Dark Knight‘ von sich geben würde. Und natürlich ist es hier völlig eigennützig, dient Lime nur der Rechtfertigung seiner monströsen Taten. Und doch fühlen wir ein wenig mit Harry, wenn es im Finale eben nicht zu einem Duell unter Gleichen im Sonnenschein kommt, wie es wohl in Martins Büchern passieren würde, sondern ein Mann einem anderen, den er einmal verehrt hat, tief in der Kloake in den Rücken schießt.

Jetzt habe ich so viel darüber geschrieben, wie der Film aussieht, dass ich ein wichtiges Element völlig übersehen habe. Wie er klingt. Kein anderer Film klingt wie ‚Der dritte Mann‘. Carol Reed hörte in einer Gaststätte den Zitherspieler Anton Karras. Er nahm – für wienerischen Lokalkolorit – ein paar Stücke mit ihm auf, bevor er beschloss den gesamten Film mit Karras‘ Zithermusik zu unterlegen. Und diese streicht nun, wie eine Straßenkatze durch das finstere Wien, taucht an überraschenden Stellen auf, verschwindet dann länger spurlos aber lässt den Zuschauer so bald nicht wieder los. Das Harry Lime Thema hielt sich übrigens für 11 Wochen in den US-Musikcharts und verkaufte bis 1963 40 Millionen Tonträger. Nicht übel für ein Zitherstück.

‚Der dritte Mann‘ ist einer dieser Filme, die ich auch Leuten empfehle, die sonst mit alten Filmen wenig anfangen können. Das Erzähltempo ist für einen beinahe 70 Jahre alten Film erstaunlich hoch, der tiefschwarze Humor trifft immer noch und Orson Welles als cooler Mistkerl ist ohnehin zeitlos. Und nun liegt er in 4K Qualität vor. Worauf wartet Ihr denn noch?

Die 5 Besten am Donnerstag: 5 Kultfilme, die ich (noch) nicht gesehen habe

Auf ERGOThek fragt Gorana (oder eigentlich MWJ) heute, bei den 5 Besten am Donnerstag, nach 5 Filmen, die man nicht gesehen hat und die eine typische „WAS? Den kennst Du nicht?“ Reaktion hervorrufen. Also los, Geständniszeit!

 

  1. ‚Ist das Leben nicht schön?‘ (1946, Frank Capra)

Irgendwer: „Hey Filmlichter, kennst Du ‚Ist das Leben nicht schön?‘?“

Filmlichter: „Nö.“

IW: „Der ist von Frank Capra, mit Jimmy Stewart in der Hauptrolle! Die magst Du doch beide!“

FL: „Ja, schon.“

IW: „Okay, also Stewart ist ein Banker in einer Kleinstadt, der am Weihnachtsabend Selbstmord begehen will aber da ist dieser Engel, der sich seine Flügel verdienen will und…“

FL: *zzzzzz*

IW: „ÖY! WACH AUF, DAS IST EIN VERDAMMTER KLASSIKER!“

FL: „Ja doch, irgendwann schau ich den auch (irgendwann an Weihnachten, halt).“

 

  1. ‚Die Frau die singt – Incendies‘ (2010, Denis Villeneuve)

Ich habe erst letztes Jahr herausgefunden, wer Denis Villeneuve ist und noch nicht alle seine Filme nachgeholt. Bin aber dabei!

 

  1. ‚Interstellar‘ (2014, Christopher Nolan)

Ich mag Christopher Nolan. Ich mag das Thema. Ich schau den demnächst. Sage ich jetzt seit 2 Jahren…

 

  1. ‚Die durch die Hölle gehen‘ (1978, Michael Cimino)

Möchtest Du einen Film sehen, über Kriegsgefangene, die zu Russisch-Roulette-Spielen gezwungen werden, oder doch einen anderen? Meine Antwort lautete bisher immer „einen anderen“. Aber irgendwann. Irgendwann!

 

  1. ‚Johanna von Orléans‘ (1928, Carl Theodor Dreyer)

Okay, noch niemand war verwundert, dass ich den nicht gesehen habe. Aber ich will ihn endlich schauen! Und setze mich jetzt selbst unter Druck, indem ich ihn hier auf die 1 setze. Ha! Das wird’s mir zeigen!