‚One Cut of the Dead‘ (2018) – „POM!“

Warnung: die folgende Besprechung enthält notwendigerweise Informationen, die über den Inhalt des ersten Aktes des Films hinausgehen. ‚One Cut oft he Dead‘ ist ein Film, der ein Ansehen ohne jedes Vorwissen sicherlich belohnt (oder für einige auch erschwert…), allerdings bin ich der Meinung, dass „Spoiler“ darüber was später im Film passiert das Vergnügen nicht wirklich arg schmälern… und viel mehr als der Trailer verrate ich auch nicht. Aber jetzt könnt Ihr selbst entscheiden, ob Ihr erst schauen, oder erst lesen wollt. Weiterlesen

Reisetagebuch: ‚Walk Hard – Die Dewey Cox Story‘

Filmreise Challenge #48: schaue einen Film, in dem es um einen Musiker geht

Der Musiker, um den es in diesem Film geht ist fiktiv. Die Regeln der Challenge sagen nichts darüber aus, ob es den Musiker um den es geht wirklich geben (gegeben haben) muss. Normalerweise würde ich mich wohl für einen echten entscheiden, aber erstens habe ich hiernach noch zwei Musiker-Filme in der Challenge „frei“ und zweitens sagt ‚Walk Hard‘ einige ebenso wichtige, wie komische Dinge über Musiker-Biopics als Filme aus und verdient deswegen seinen Platz als Teil der Challenge.

Bei manchen Genres weiß man, dass sie eine extreme Formelhaftigkeit mitbringen. Romantische Komödien etwa, oder Superhelden-Origins, oder Slasherfilme. Da macht es beinahe schon einen Teil des Vergnügens aus, direkt zu sehen, dass man jetzt beim „Meet Cute“ angelangt  ist, der zukünftige Held gerade, wie üblich, seine Vaterfigur verliert, oder schon im ersten Moment zu wissen, wer das „Final Girl“ ist.

Dann gibt es diese Genres bei denen man (oder zumindest ich) lange Zeit die Formelhaftigkeit nicht bemerkt. Sicherlich, Musiker-Biopics sind ein sicheres Pferd für Filmstudios. Üblicherweise spielen sie weit mehr als ihr Budget wieder ein (wobei ein Blockbuster wie ‚Bohemian Rhapsody‘ eher ungewöhnlich ist) und eine Nominierung für allerlei Preise ist zumindest dem Hauptdarsteller beinahe sicher. Ein finanziell sicheres Prestigeprojekt, was kann es besseres geben? Doch dass sich diese Sicherheit auch in extremer Vorsicht vor Experimenten äußert, das habe ich tatsächlich erst durch Dewey Cox wirklich verinnerlicht.

Denn ‚Walk Hard‘ fährt alle Musiker-Biopic Klischees gnadenlos ab. Es beginnt damit, dass ein alternder Dewey Cox (John C. Reilly) im Halbdunkel hinter der Bühne an der Wand lehnt, während ein aufgeregter Mitarbeiter des Konzertortes ihn auf die Bühne bringen will. Doch einer von Deweys Musikern geht dazwischen: „Dewey Cox muss erst über sein ganzes Leben nachdenken, bevor er auftreten kann!“ Es folgt der gesamte Film in Rückblende. Beginnend in den 40ern damit, dass Dewey als Kind seinen Bruder bei einem freundschaftlichen Machetenkampf in der Mitte durchteilt. Danach kann er seinem Vater (Raymond J. Barry) natürlich nichts mehr Recht machen und leidet an dessen Entzug elterlichen Wohlwollens. Es folgt der erste Auftritt vor größerem Publikum in der Schule, wo seine Musik wilde Schlägereien und ebenso wilden Engtanz auslöst. Zusammen mit seiner Freundin und späteren Frau Edith (Kristen Wiig) wird er danach aus dem heimatlichen Kaff vertrieben. Er schlägt sich als Reinigungskraft in einem Nachtclub durch, sein erhoffter Erfolg als Musiker wird von seiner Frau bezweifelt. Er bekommt eine Chance als der Hausmusiker krank wird, muss sich einem zynischen Produzenten beweisen, schafft den Durchbruch. Seine Frau bezweifelt den Erfolg natürlich immer noch, obwohl er einen Nummer 1 Hit landet, aber das tut die erste Ehefrau nun mal in diesen Filmen . Es folgen Tourneen, Drogenexzesse und dann tritt seine wahre Muse in den Film, in Form von Sängerin Darlene (Jenna Fisher). Der Film und in diesem Fall auch Dewey vergessen schnell seine erste Frau.

Und vermutlich wisst ihr ohnehin wie es weiter geht. Begleitet wird das Ganze immer wieder von dieser unfassbaren Banalisierung des kreativen Prozesses. Ihr wisst schon, wo der Musiker eine Phrase hört (etwa „Walk Hard“) kurz „mhhh“ denkt, ein Schnitt folgt und der komplett geschriebene und produzierte Song wird gespielt. Aber anders ist es auch gar nicht zu machen, weil der Film versucht (bzw. Filme parodiert die versuchen) Jahrzehnte einer Biografie in 90 Minuten zu erfassen. Da läuft ein Drogenentzug schon mal in 30 Sekunden ab. Der Film hat dabei direkte Bezüge auf ‚Ray‘ und natürlich vor allem ‚Walk The Line‘, die beiden Filme, die diesen modernen Aufbau des Musiker-Biopics zementiert haben.

Regisseur Jake Kasdan und Kamerafrau Uta Briesewitz gelingt es dabei vor allem ganz hervorragend die leicht golden leuchtenden Bilder dieser Art von Film einzufangen. Diese Bilder, die sagen, hier geht es um eine wichtige Person, allein deswegen ist auch dieser Film schon wichtig! Diese exakte Parodie der Bildsprache und des Selbstanspruchs ist auch der Grund warum der ansonsten oftmals sehr alberne Humor hier gut funktioniert. Manchmal verliert er sich dennoch darin sich erklären zu wollen. Etwa wenn Reilly und Wiig beim Auftritt in der Schule immer wieder betonen, dass sie 14 und 12 Jahre alt sein sollen, als würden wir die Absurdität nicht begreifen, wenn wir den Mitt-Vierziger und die Mitt-Dreißigerin in Schuluniform sehen. Viel besser funktioniert der Humor, wenn er sich nicht erklärt. Etwa die Tatsache, dass alle Auftritte von anderen Musikern nicht im geringsten wie ihre realen Vorbilder aussehen, aber so als hätten sich Masken- und Kostümbildner wahnsinnige, aber letztlich fruchtlose Mühe gegeben das zu ändern. Als Beispiele seien Jack Black als Paul McCartney und Musiker Jack White als Elvis Presley genannt. Und wenn Dewey zum x-ten Mal in zorniger Verzweiflung ein (oder mehrere) Waschbecken aus der Verankerung reißt, dann weiß ich nicht, ob ich diese große emotionale Geste jemals wieder ernst nehmen kann.

Die Schauspieler verstehen exakt das Material mit dem sie hier arbeiten. Allen voran John C. Reilly. Den habe ich immer als jemanden erlebt, der einen Totalausfall (und von denen hat er einige in seiner Filmografie) nicht retten kann, aber gutes Material zu vergolden weiß. Und genau das tut er hier, wenn er seinen Dewey Cox, der kein wirklich liebenswerter Charakter ist, mit solcher großäugiger Naivität und zielgenauem, komischen Timing spielt, dass man ihn irgendwie nicht nicht mögen kann. Und ein mehr als passabler Sänger ist er auch, dessen Cox sich von Johnny Cash-artigem Country bis zu näselndem, hier textlich völlig sinnbefreiten Bob Dylan-Protest durch allerlei Genres arbeitet. Zu durchaus gelungener Musik sollte man erwähnen. Es ist gut, dass sich die Macher hier nicht auf einem „es soll ja gar nicht gut sein“ ausgeruht haben.

‚Walk Hard‘ ist eine dieser seltenen Parodien, die nach ihrem Erscheinen noch bedeutender geworden sind. Natürlich sind nicht alle Musiker-Biopics nach dem typischen Gerüst aufgebaut, es seien etwa ‚Love & Mercy‘ oder ‚I’m not there‘ als Gegenbeispiele angeführt, doch ist das Musiker-Biopic beinahe schon fester Bestandteil des jährlichen „Oscar-Baits“ der Studios. Und eines über Elton John steht auch für dieses Jahr schon in den Startlöchern. Wollen wir hoffen, dass es lange noch so bleibt, damit mehr Leute den bei Veröffentlichung arg gefloppten ‚Walk Hard‘ entdecken können, auch wenn damit vermutlich alle Musiker-Biopics für die Zukunft schwer ernst zu nehmen sein werden.

 

Kurz und schmerzlos Halloween Special 6: ‚Born Again‘ (2016)

Wir kennen womöglich alle einen Greg. Immer ein bisschen zu spät. Immer ein bisschen verplant. Das kann nerven, wenn Greg das Bier zum Grillen mitbringen soll und stattdessen mit Knobibrot auftaucht. Wenn er aber der 5 Zacken im Pentagramm des örtlichen Satanistenzirkels ist, der so kurz davor steht den Antichristen in die Welt zu bringen, dann kann seine Verplantheit furchtbare(?) Folgen haben.

Jason Tostevins Film sollte eigentlich für einen Kurzfilmwettberb entstehen, wurde aber, ironischer Weise, zu spät fertig. Aber die Idee hat den Macher nicht mehr losgelassen und das ist gut. Denn sein kleiner 5minüter ist lustiger als so manche abendfüllende Komödie.

Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 lustigsten Filme

Nach den besten Comedy-Serien der letzten Woche, geht es diese Woche um die 5 lustigsten Filme. Obwohl mir die Wahl alles andere als leicht fiel, habe ich dieses Mal auf „ferner liefens“ verzichtet – es wären zu viele geworden. Ohne lange Vorrede:

 

  1. ‚Serial Mom‘ (1994)

Es mag merkwürdig klingen, aber es gab mal eine Zeit, da hat Hollywood John Waters Geld für große (naja, mittlere) Produktionen gegeben. Die 90er waren halt seltsam. In ‚Serial Mom‘ warf er einen tiefschwarzen Blick auf die Faszination der amerikanischen Öffentlichkeit mit Serienmördern, wenn eine gewöhnliche Hausfrau beginnt jeden, den sie als unhöflich empfindet um die Ecke zu bringen. Kathleen Turner hat erkennbaren Riesenspaß daran, eine für sie ungewöhnliche Rolle zu spielen. Ganz ehrlich, wenn Ihr ‚Serial Mom‘ nicht kennt, solltet Ihr das schnellstmöglich ändern!

  1. ‚Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb‘ (1964)

Ein Atomkrieg ist natürlich furchtbar. Aber er ist irgendwo auch vollkommen absurd. Und von dieser Absurdität ausgehend konstruiert Stanley Kubrick, wie üblich meisterlich, seine finstere Komödie. Peter Sellers ist in einer Dreifachrolle zu sehen, als amerikanischer Präsident (der die beste Textzeile des Films hat), als britischer Offizier (der sich vor der Coca Cola Company wird verantworten müssen) und als titelgebender Ex(mehr oder weniger)-Nazi-Wissenschaftler.

  1. ‚The Big Lebowski‘ (1998)

Ich musste mich für einen Film der Coen Brüder entscheiden, sonst hätte ich die ganze Liste mit ihren Filmen füllen können. Meine Wahl fiel auf den hier, nicht zuletzt wegen des kongenialen Zusammenspiels von Jeff Bridges und John Goodman. Und wenn Ihr Nihilisten das anders seht, kann ich Euch nur sagen: „Yeah, well, that’s just, like, your opinion, man!“

  1. ‚Hot Fuzz‘ (2004)

Das ich Edgar Wright für den besten aktiven Komödien Regisseur halte ist kein Geheimnis. Auch mit der Cornetto Trilogie hätte ich 3/5 der Liste füllen können, ‚Hot Fuzz‘ ist aber der Beste und somit hier als Stellvertreter. Der Film hat vermutlich das  stärkste Drehbuch aller Wright Filme, bei jedem Ansehen kann man immer wieder Neues Entdecken, dazu kommt die Chemie zwischen Simon Pegg und Nick Frost und Wrights atemlose, optisch imposante Inszenierung.

  1. ‚Ghostbusters‘ (1984)

Hier kann kein anderer Film stehen. Der ist quasi mit mir aufgewachsen. Zum ersten Mal habe ich ihn wohl mit 8 oder 9 Jahren bei einem Freund auf Video gesehen. Da war er nicht nur lustig, sondern auch wirklich gruselig. Es folgten meine eigene Videokassette, DVD und BluRay und 40 bis 50 weitere Sichtungen bis heute. Und der Film veränderte sich. Wurde weniger gruselig, dafür umso lustiger. Langsam merkte ich z.B., dass der Film auslotet ein wie großes Arschloch er Peter Venkman machen kann, damit Bill Murrays Charme es noch kompensieren kann und er findet exakt die Grenze. Mir wurde klar, warum Ray Stantz in dieser einen Szene die Augen verdreht. Mir fiel die politische Handschrift der Reagan Ära auf – die Umweltbehörde sind die „Bösen“, doch dem Film gelingt das Kunststück trotzdem sympathisch zu bleiben. Sprich, ich mag zwar alle Dialoge mitsprechen können, doch Neues entdecke ich nachwievor.

Price Is Right: ‚Theater des Grauens’/’Theatre Of Blood‘ (1973)

Manche Leser mögen es schon wissen, andere kann es überraschen, aber ich bin ein großer Fan von Vincent Price. Darum möchte ich hier in vollkommen unregelmäßigen Abständen über Filme mit Vincent Price sprechen. Und weil mich Niemand davon abgehalten hat, habe ich dafür eine neue Kategorie eingerichtet, die ich, nach ausführlicher, 15sekündiger Überlegung, „Price Is Right“ nennen werde („Der Price ist heiß“ könnte vermutlich falsch verstanden werden, oder?). Nun bietet die mehr als 5 Jahrzehnte umfassende Karriere des Mannes natürlich mehr als genug Möglichkeiten für Besprechungen. Wo also anfangen? Vielleicht bei einem relativ unbekannten Film, den Price selbst aber als seinen Liebsten beschrieben hat (und hoffentlich nicht nur weil er seine dritte Ehefrau Coral Browne bei den Dreharbeiten getroffen hat…). Aber auch für Price „Anfänger“ ist ‚Theater des Grauens‘ perfekt geeignet, denn wer mit Prices affektiert-ironischer Darstellung hier so gar nichts anfangen kann, für den fällt ein Großteil seiner Karriere schon mal weg.

Der Theaterkritiker George Maxwell (Michael Hordern) wird an den Iden (dem 15.) des März von einer großen Gruppe Angreifern brutal erstochen. Wie Julius Cäsar im Shakespeare Stück „Julius Cäsar“. Bei seiner Beerdigung galoppiert plötzlich ein Pferd über den Friedhof, das den Leichnam von Kritiker Hector Snipes hinter sich her schleift, wie es dessen Namensvetter, dem Hektor in Shakespeares „Troilus & Cressida“, ergangen ist. Für die übrigen Mitglieder des einflussreichen Critic’s Circle ist klar was los ist: der selbsternannte beste Schauspieler der Welt Edward Lionheart (Price), den der Circle bei einer Preisverleihung vor zwei Jahren derart erniedrigt hatte, dass er Selbstmord beging, ist gar nicht tot. Und nun nimmt er Rache! Und tatsächlich steckt Lionheart, zusammen mit einer Gruppe von Herumtreibern und seiner Tochter Edwina (Diana Rigg) dahinter. Auch dem übrigen Circle hat er einige der kreativsten Tode des Dramatikers aus Stratford-upon-Avon zugedacht.

Und viel tiefer wird die Handlung auch nicht. Ein bisschen ‚Phantom der Oper‘ und ganz viel Prices eigener ‚Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes‘ werden hier zu einem Quasi-Slasher mit Shakespeare Zitaten vermischt. Und tatsächlich macht genau das den größten Reiz des Films aus: Price schlüpft in bekannte Shakespeare-Rollen, wie Richard III., Titus Andronicus oder Shylock, rezitiert berühmte Reden und bringt dann einen der Kritiker auf durchaus makabre Weise ums Leben. Sei es, dass er die Shakespeare Klassiker unverändert übernimmt und einen der Kritiker in einem Weinfass ertränkt, wie es dem Herzog von Clarence in „Richard III.“ passiert, oder er adaptiert die Klassiker in die Moderne, wenn die Verbrennung der Johanna von Orleans in „Henry VI.“ an einer Kritikerin mittels präparierter Trockenhaube beim Friseur nachvollzogen wird. Der Film lebt aber nicht nur von Prices Darstellung des Schauspielers der keinerlei Kritik akzeptieren kann, sondern auch der der Kritiker (darunter Größen wie Robert Morley und Jack Hawkins), die alle auf ihre Art wunderbar pompöse Unsympathen sind.

Man könnte den Film wohl als Horrorkomödie klassifizieren, wobei klar sein sollte, dass der Komödie-Teil hier weitaus größer geschrieben wird als der Horror-Teil. Die Morde sind zwar zum Teil durchaus fies inszeniert, aber immer mit einem makabren, schwarzhumorigen Augenzwinkern. Die Bluteffekte wirken aus heutiger Sicht reichlich zahm und ich glaube nicht, dass das 1973 großartig anders war oder sein sollte. Die Vermischung der klassischen Handlung der Opfer, die nach und nach getötet werden, mit Shakespeare Motiven und satirischen Elementen um den Umgang von Künstlern und Kritikern miteinander, lässt ‚Theater des Grauens‘ zu einem relativ einzigartigen Film werden.

Regisseur Douglas Hickox inszeniert ihn gekonnt aber sehr unauffällig. Er lässt den Darstellern, allen voran Price, den Raum den sie brauchen, um Szenen strahlen zu lassen, behält aber das notwendige Moment bei, um den Film nicht zu einer reinen Nummernrevue werden zu lassen, die gegen Ende hin vermutlich langweilig würde. Dass die meisten Szenen vor Ort, anstatt im Studio gedreht wurden, lässt den Film gelegentlich größer wirken als er ist. Man bekommt jedenfalls einen interessanten Blick auf das London der 70er, wenn auch mit einem starken Übergewicht auf verfallenen Theatern.

Price mochte den Film, weil er ihm die Möglichkeit gab innerhalb seines Feldes einmal etwas anderes machen zu können. Seit Ende der 60er, vor allem wegen Roger Cormans Poe-Zyklus, war er quasi vollständig auf Horror-Rollen festgelegt. In ‚Theater des Grauens‘ konnte er sich aber immerhin an Shakespeare Vignetten versuchen, woran er dem Vernehmen nach sehr großes Vergnügen hat. Und dieses Vergnügen überträgt sich vollends auf den Film und letztlich den Zuschauer. Wer Price, Makabres und Shakespeare mag (oder vielleicht ein Problem mit Kritikern hat) hat den Film vermutlich ohnehin schon gesehen, aber auch wenn nur ein oder zwei Dinge zutreffen lohnt er sich durchaus.

Ein Wort zur deutschen DVD: die ist leider ziemlicher Mist. Keine Extras und das Hauptproblem: der Film liegt nicht anamorph vor. Wer interessiert ist sollte die Augen nach Alternativen offenhalten.

Und nun entlasse ich Euch aus der ersten Folge von „Price Is Right“ mit dem vermutlich besten Interview, das Price je gegeben hat, in dem er Kermit dem Frosch die Geheimnisse seines Erfolges ein wenig zu genau verrät:

„I’m alright, Lee Carter!“ – ‚Son of Rambow‘ (2008)

Als ich letztens über den Animationsfilm ‚Sing‘ gelesen habe, bin ich über den Namen des Regisseurs Garth Jennings gestolpert. Der Name war mir im Hinterkopf, doch ich war mir sicher, dass das nichts mit seiner mäßigen Version vom „Hitchhikers Guide“ zu tun hatte. Ein kurzer Blick auf imdb brachte dann Klarheit. Er ist der Regisseur des, zu Unrecht, weitgehend übersehenen ‚Son of Rambow‘, der für mich auch beim darauffolgenden erneuten Ansehen noch wunderbar funktionierte.

England in den frühen 80ern. Will Proudfoot (Bill Milner), seine Schwester, seine verwitwete Mutter (Jessica Hynes) und seine Großmutter sind Raven-Brüder. Mitglieder dieser strikten, religiösen Gemeinschaft dürfen keine Filme schauen. Als in der Schule während des Unterrichts eine Dokumentation gezeigt werden soll, muss Will folglich auf dem Gang warten. Hier trifft er den Schulchaoten und allgemeinen Quälgeist Lee Carter (Will Poulter). Der hat Will in nur zwei Minuten Ärger mit dem Rektor verschafft und ihm die Armbanduhr seines Vaters abgeschwatzt.  Weiterhin überredet er ihn als Stuntman für seinen Film zu arbeiten, den er für einen Fernsehwettbewerb drehen möchte. Als er Wills Bibel findet, entdeckt er, dass diese voll von vor Fantasie überbordenden Zeichnungen ist.  Nachdem Lee ihm eine aus dem Kino abgefilmte Version des ersten Rambo-Films zeigt, gibt es für Will kein Halten mehr. Seine durch die strenge Glaubensgemeinschaft lange unterdrückte Kreativität bricht sich in Lees Film Bahn. Er wird zum „Son of Rambow“ im jetzt von ‚First Blood‘ inspirierten Amateurfilm und zwischen den beiden absolut ungleichen Jungen entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft. Immer mehr Elemente aus Wills Zeichnungen fließen in den Film. Als andere Schüler, allen voran der französische Austauschschüler und Mädchenschwarm Didier (Jules Sitruk), Wind von dem Projekt bekommen, wollen sie mitmachen. Der schüchterne Will lebt auf, doch der eigenbrötlerische Lee fühlt sich und seine neue Freundschaft bedroht.

Der Film versucht eine ganze Reihe von Elementen zu jonglieren. Das Familienleben der beiden Jungen, Didier und seine Handlanger oder das von Lee Carters Mutter geführte Altenheim. Es gelingt ihm nicht alle diese Elemente mit gleicher Eleganz in der Luft zu halten und gelegentlich droht er gar ins Melodramatische abzugleiten. Doch zum Glück überquert er diese Grenze nie ganz, weiß immer, wann ein gezielter Lacher angebracht ist. Und das Wichtigste ist: das zentrale Element des Films, die sich entwickelnde Freundschaft der beiden Jungen, wirkt zu jedem Moment wahrhaftig. Das ist nicht zuletzt dem nicht weniger als brillanten Spiel der beiden Hauptdarsteller geschuldet. Vor allem Will Poulter (‚Revenant‘) überzeugt als scheinbar draufgängerischer, letzten Endes aber sehr verletzlicher und einsamer Schulrowdy. Erwähnenswert ist auch Jessica Hynes (Daisy Steiner aus ‚Spaced‘), die in ihrer Rolle als jung verwitwete Mutter ihre unverarbeitete  Trauer und Sorge um ihre Kinder hinter einer Fassade aus religiöser Strenge verbirgt. Der ölige „Bruder Joshua“, der sich etwas zu offensichtlich an sie heranmacht und sich schon als Stiefvater von Will und seiner Schwester sieht, wird von diesem abgelehnt. Er hat seine neue Vaterfigur schon gefunden, in Form eines naiv-kindlichen Blicks auf Rambo, der in dem Film keinen Krieg oder Mord sieht, sondern nur eine, für ihn, komplett neue Möglichkeit sich auszudrücken, seine Kreativität auszuleben.

Jennings setzt die geraden, ordentlichen, festgefügten Strukturen der Schule, sowie der Wohnhäuser der beiden Familien in bewussten Kontrast zur Fantasiewelt Wills, den Rückzugsorten der Jungen und ihrer eigenen Filmaufnahmen, in denen es niemals zwei parallel verlaufende Linien zu geben scheint, ein beständiges Chaos vorherrscht. Auch gezeichnete und animierte Sequenzen setzt er ein, um den Reichtum der Fantasie Will Proudfoots zu verdeutlichen. Überhöhte  80er Stimmung bringt der Film nicht mit. Sie beschränkt sich auf einige Party-Szenen, sowie die modische Ausstattung, vor allem die Didiers. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass der Film entstanden ist, kurz bevor 80er Nostalgie zum Mainstream wurde.

Sylvester Stallone (der im Abspann eine Danksagung bekommt) und Rambo-Autor David Morell sind, soweit man hört, durchaus angetan von dem Film, was diesen allerdings, ebenso wie das vorsichtshalber angehängte w, nicht vor rechtlichen Problemen schützen konnte, die einen größeren Erfolg dieses imperfekten aber ungemein sympathischen Films verhinderten.

Der Film fängt die wunderbare, chaotische, kindliche Energie ein, die erlaubt einen Film (und die Welt) durch eine ganz eigene Linse zu sehen und ein eigenes, originelles Werk daraus zu machen. Ich hatte als Kind keine Videokamera zur Verfügung, also haben meine Freunde und ich Hörspiele gemacht, denn einen Kassettenrecorder und Leerkassetten hatte schließlich jeder. Als Vorlagen dienten uns ‚Star Wars‘ und – wenig überraschend – ‚Ghostbusters‘. Diese Werke sind sämtlich dem unaufhaltsamem Lauf der Zeit zum Opfer gefallen (leider/zum Glück?), doch gelegentlich hat mich ‚Son of Rambow‘ an sie denken lassen. Nicht zuletzt deshalb bin ich mehr als gewillt dem Film einige Unzulänglichkeiten zu verzeihen. Eine weitgehend gelungene, hochsympathische und oft genug sehr komische „coming-of-age“ Geschichte. Oh und Fanboys und -girls dürfen die Augen offenhalten für einen Cameo-Auftritt von Edgar Wright.

Ob ich deswegen allerdings ‚Sing‘ sehen werde? Ich weiß nicht. „Animierte Tiere singen Popsongs“ als Prämisse reißt mich nicht direkt vom Hocker.