Newslichter Ausgabe 7: verlustreiche Dame, nicht schlechter Logan und eiskalte ‚Guardians‘

Willkommen zu einem nagelneuen, brandheißen und furchtbar aufregenden Newslichter. Was ist diese Woche nicht wieder alles passiert! Ethan Hawke war ganz gemein zum Superheldenfilm!! Nicht nur gibt es keinen Bond für den 26sten Film, es gibt keinen Regisseur für die 25! Ein Produzent verklagt einen Regisseur, weil er bei ihm die Schuld für den Verlust sieht, den der Film gemacht hat! Und ein Epilog zur Gunn-Saga, in dem Herr Gunn selbst gar nicht mehr auftaucht! Und natürlich vieles weiteres mehr (naja, „viel“)! Sind alle angeschnallt? Na dann los!

 

Ethan Hawke sagt ‚Logan‘ sei „in Ordnung“

https://screenrant.com/ethan-hawke-slams-logan-not-great-movie/

Hey, Moment mal! Inwiefern ist das denn eine Neuigkeit, werden die erfahrenen Newsleser unter Euch jetzt sicher fragen. Ist es nicht. Deswegen machen ja auch alle Newsseiten so etwas wie „der fiese Snob Ethan Hawke disst armen Superheldenfilm und nimmt ihm sein Pausenbrot weg!“ daraus. Was er (in einem Interview, in dem es um anderes ging) eigentlich gesagt hat (Übersetzung von mir): „Jetzt sagen sie uns‚ ‚Logan‘ sei ein großartiger Film. Naja, es ist ein großartiger Superheldenfilm. Aber es geht immer noch um Leute in Strumpfhosen, denen Metall aus den Händen kommt. Das ist nicht Bresson. Das ist nicht Bergmann. Aber sie reden darüber, als wäre es so. […]  Da gibt es einen Unterschied aber Big Business glaubt nicht, dass es da einen Unterschied gibt. Big Business will, dass Du glaubst, das sei ein großartiger Film, weil sie Geld damit machen wollen.“

Ich sehe die harsche Kritik an ‚Logan‘ nicht. Den Film etwa mit ‚Persona‘ zu vergleichen wäre doch in der Tat lächerlich. Hawke kritisiert hier eher die großen Studios, die aus ihren Gelddruckmaschinen von Sommerblockbustern nun mit Gewalt auch noch „respektable“ Filme machen wollen. Siehe auch den neuen Popularitäts-Oscar. Aber eine solche News generiert weniger Klicks als „Ethan Hawke hasst Deinen Lieblingsfilm vom letzten Jahr AAAAAHHHHHH!!!“.

 

Wer inszeniert den 25. Bond-Film?

https://screenrant.com/bond-25-director-edgar-wright-rumors/

Früher dieses Jahr schlug die News ein wie eine Bombe: Danny Boyle (‚Trainspotting‘, ‚28 Days Later‘) inszeniert den 25. Bond-Film. Wenn man genauer las, stellte man fest, dass Boyle seine Arbeit an eine Bedingung geknüpft hatte: er schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Autor John Hodge und hätte völlig freie Hand bei der Umsetzung des letzten Auftritts von Daniel Craig. Nun wollte ihm wohl irgendwer bei irgendwas reinreden und so ist Boyle raus aus dem Projekt. Und ein gewisses Chaos steht an, soll der Film doch nächstes Jahr ins Kino kommen. Die Namen in der Gerüchteküche überschlagen sich natürlich. Einige hatten schon abgewinkt. Christopher Nolan oder Denis Villeneuve, etwa. Aber andere werden heiß gehandelt. Da wäre z.B. Christopher McQuarrie, der gerade Spion-Konkurrent Ethan Hunt in ‚Mission Impossible 6‘ zum Erfolg geführt hat. Oder auch Jean-Marc Vallée (‚Dallas Buyers Club‘). Mein Favorit wäre natürlich Gerücht Nummer drei, Edgar Wright. Aber ich bezweifle, dass dessen lockerer Tonfall den Zuspruch der Produzenten finden würde. Außerdem dürfte er, ‚Ant-man‘ sei Dank, kein allzu großes Interesse an Blockbustern haben.

 

‚Star Trek‘ braucht Kirk nicht, sagt Produzent

https://screenrant.com/star-trek-4-chris-pine-kirk-adi-shankar/

Chris Pine ist, aufgrund von Gehaltsforderungen, raus als Captain Kirk im neuen ‚Star Trek‘ Franchise. Und Produzent Adi Shankar sagte nun, das sei nicht nur kein Problem, das sei sogar ganz cool. Denn es gibt dem Franchise die Chance etwas Neues, etwas Anderes zu machen. Und ich stimme dem zu. Ich bin nicht der größte Fan der neuen ‚Star Trek‘ Filme, aber wenn sie hiermit wirklich neue Wege gehen, ein Charakter wird befördert oder ein neuer Kapitän an Bord gebracht und daraus entsteht eine neue Dynamik, dann ist das in der Tat sehr gut. Nur ob ein ‚Star Trek‘ (das nicht Next Generation ist) ohne Kirk aber an der Kasse funktioniert, das gilt es wohl herauszufinden. To boldly go, where no one has gone before!

 

‚Guardians oft he Galaxy Vol. 3‘ liegt auf unabsehbare Zeit auf Eis

https://screenrant.com/guardians-galaxy-3-production-indefinite-hold/

Und hier ist er, der absehbare Epilog der Gunn-Saga. Ob diese Entwicklung das geölte Getriebe von Kevin Feiges MCU nun aus dem Takt bringt, muss sich zeigen. Was Disney daraus vielleicht lernen sollte ist, dass man Kreative nicht mal eben so ersetzen kann. Wenn man es genau nimmt haben sie diese Erfahrung in diesem Jahr sogar mehrfach gemacht. Sie haben Phil Lord und Chris Miller von ‚SOLO‘ gefeuert (und noch Gerüchte verbreitet, sie wären „unvorbereitet“), den Handwerker Ron Howard drangesetzt, den Film viel zu früh rausgehauen und, nach dem absehbaren Misserfolg, erst einmal alle ‚Star Wars Stories‘ auf Eis gelegt. Und da liegen nun eben auch die ‚Guardians‘. Wenn ich jetzt Interviews mit Regisseuren sehe, die erzählen, was für erstaunliche Freiheiten ihnen Disney doch lasse, kann ich nicht anders als mir gerade außerhalb des Bildes Goofy vorzustellen. Textkarten in der einen behandschuhten Hand, eine schallgedämpfte Kleinkaliberfaustfeuerwaffe, direkt auf den Kopf des Sprechenden gerichtet, in der anderen. So bekommt man keine wirklich kreativen Köpfe hinter die Kamera. Und das gerade, wo der Eindruck entstand Disney habe verstanden, dass sich Experimente auch mal lohnen. Aber vielleicht wird auch nur jedes Experiment abgebrochen, das nur die kleinste Möglichkeit auf Fehlschlag bietet. Aber dann wäre es natürlich kein Experiment mehr. Ich wünschte, ich hätte das Yoda Zitat von wegen „do or do not“ nicht schon letzte Woche verbraten…

 

Produzent verklagt Robert Rodriguez wegen Fehlverhalten bei ‚Sin City: A Dame To kill For‘

https://deadline.com/2018/08/director-robert-rodriguez-sued-for-cost-overruns-on-sin-city-a-dame-to-kill-for-1202450821/

Erinnert sich noch jemand an das viel zu späte ‚Sin City‘ Sequel? Hat es überhaupt jemand gesehen? Ich habe zumindest nie jemanden darüber sprechen hören. Es war auch ein veritabler Flop, der bei 65 Millionen Dollar Budget, nicht einmal 40 Millionen eingespielt hat. Die Hauptschuld daran trage Regisseur Rodriguez, sagt zumindest Produzent Sergei Bespalov. Rodriguez habe bei dem Film „ein Muster an Fehlverhalten“ gezeigt. Er habe bezüglich Kosten gelogen und habe somit ganz allein zu verantworten, dass die Produktionskosten 20 Millionen über dem Plan ausgefallen seien. Die Klage lautet auf Vertragsbruch, Vortäuschung falscher Tatsachen und arglistige Täuschung. Ich weiß nicht, ob es einen solchen Fall schon einmal gab. Aber es wird interessant sein zu sehen, ob Bespalov seinen Aufgaben als Produzent (der doch Kontrolle über das Budget haben sollte) nicht vernünftig nachgekommen ist, oder wirklich Rodriguez ihn bezüglich Kosten getäuscht hat. Zumindest interessanter als ‚Sin City: A Dame To Kill For‘.

 

Ich hoffe Ihr habt Euch an diesen wahrlich brandheißen News und meinen „Hot Takes“ dazu nicht die Augen verbrannt. Falls nicht lesen wir uns nächste Woche, falls doch, öh, packt Eis drauf, oder so.

Eigentlich ist alles gesagt: ‚Logan‘ (2017)

Ganz ehrlich, als ich den ersten Trailer zu diesem Film gesehen habe, unterlegt mit Johnny Cashs apokalyptischer Coverversion von „Hurt“ und aus rauen Kehlen gepressten, düsteren Sätzen vom Untergang, da habe ich nicht eben viel Lust auf den Film bekommen. Finstere, bierernste  Superhelden versucht Warner-DC schon seit dem Weggang von Christopher Nolan erfolglos wieder einzufangen. Jetzt auch noch Fox? Gerade nachdem der selbstironische ‚Deadpool‘ so erfolgreich war? Auch sämtliche positive Stimmen als der Film dann rauskam konnten mich nicht umstimmen. Allerlei Western Vergleiche machten mich dann doch neugierig. Da war es aber zu spät. Jetzt habe ich ihn auf BluRay gesehen und falls es noch jemanden interessieren sollte, ist hier meine (endlich informierte) Meinung.

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten sind ein Phänomen der Vergangenheit. Seit 25 Jahren wurde kein neuer Mutant geboren. Logan/Wolverine/James Howlett (Hugh Jackman) verdingt sich im Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko als mietbarer Limousinen-Chauffeur. Alt, verbittert, mit versagender Heilungsfähigkeit und langsam und schmerzhaft von seinem Metallskelett vergiftet. Selbst die Klauen wollen nicht mehr wie früher. Er lebt in einer aufgelassenen Eisenschmelze, gemeinsam mit dem Nosferatu-ähnlichen Caliban (kaum zu erkennen: Stephen Merchant), einem Mutanten mit der Fähigkeit andere Mutanten aufzuspüren und dem an Alzheimer erkrankten Charles Xavier (Patrick Stewart). Eisern spart er Geld für Xaviers Medikamente, die dessen schwere Anfälle, die tödlich für alle Umstehenden sein können, unter Kontrolle halten und für ein Boot, um das Land zu verlassen. Als ihm eine Frau 50.000 Dollar bietet, um das junge Mutantenmädchen Laura (Dafne Keen) nach North Dakota zu bringen ist das verlockend, doch bald tauchen gefährliche Verfolger auf.

Ich verstehe die Western-Vergleiche, die viele Besprechungen gezogen haben. Und der Film macht seine Beziehung zu ‚Mein großer Freund Shane‘ auch durchaus deutlich, schauen doch die Charaktere exakt diesen Film. Ich habe mich allerdings die ganze Zeit an ein anderes Genre erinnert gefühlt. Den Film Noir. Der Logan, den wir zu Beginn des Films treffen ist ein typischer Noir Charakter. Desillusioniert, zynisch und freiwillig von der ihn umgebenden selbstzerstörerischen, hedonistischen Welt entrückt, die er nur noch mit einer ausreichenden Dosis Alkohol erträgt. Das ist aber noch nicht der Tiefpunkt für den Helden. Er ist auf eine Lesebrille angewiesen, will er sein Handy benutzen und erreicht seinen absoluten Nadir, wenn er in einem Moment impotenten Zorns auf sein Auto einprügelt und dann eher an Basil Fawlty als an einen Superhelden erinnert. Professor Xavier erfährt eine ähnlich brutale Dekonstruktion. Das mächtigste Hirn der Welt wird von einer degenerativen Krankheit und unkontrollierbaren Anfällen heimgesucht, die den ehemaligen Retter zu einer Gefahr und zu einem sehr anstrengenden Patienten machen, der sein Dasein in einem alten Wasserturm fristet. Einer der tragischsten Momente des Films ist, wenn Laura auftaucht und wir für einen Moment wieder den Mann sehen, der Xavier einmal war. Interessant ist der Kniff, dass in der Realität des Films X-Men Comics existieren. Logan tut sie zwar als Blödsinn für Kinder und Idioten ab, allerdings inspirieren sie das zentrale Element der Handlung, sodass schon beinahe eine Art Metaerzählung dabei herauskommt.

Der Film geht also durchaus brutal mit seinen Charakteren um und ebenso brutal sind einige physische Sequenzen, die wir zu sehen bekommen. Sei es, dass der Film tatsächlich zeigt, was Logans Klauen mit einem anderen Menschen anstellen würden oder gleich eine ganze Montage, die daraus besteht, wie in einem Krankenhaus Kinder getötet werden. Beinahe schon erstaunlich, dass der mit einer 16er Freigabe davongekommen ist.

James Mangolds Regie-Karriere würde ich eher als durchwachsen bezeichnen, doch diesem Film merkt man in jeder Aufnahme die Liebe und Aufmerksamkeit an, die hineingeflossen sind. Wirken viele Superheldenfilme, bei aller technischen Brillanz doch oftmals ein wenig zweidimensional (vielleicht liegt es an der Comic-Herkunft) nutzt Mangold hier in fast jeder Szene die Tiefe des Bildes effektiv aus. Unterschiedliche Ebenen bedrohen einander, sehnen sich nach einander wirken jederzeit aufeinander ein, Vordergrund und Hintergrund erzählen gleichzeitig und ergänzen sich. Und dann springt Laura aus dem ungewissen Raum hinter der Kamera mit schmerzhaften Folgen für denjenigen der davor steht. Das sind definitiv erzählerische Mittel, die der Film mit dem Western teilt.

Als wir Wolverine vor 17 Jahren das erste Mal in einem Film trafen, da war er die unfreiwillige Vaterfigur für Anna Paquins Roque. Gerade Comic-Fans reagierten irritiert, dass „irgendein australischer Musical-Darsteller“ den beliebten, mürrischen Mutanten spielen sollte. Zahlreiche Auftritte später, kann man sich kaum jemand anderen als Hugh Jackman in der Rolle vorstellen. Und um mit diesem Film einen würdigen Abgang für seine Figur zu bekommen hat er gebettelt, gedroht und am Ende auf einen Großteil seiner Gage verzichtet, um genau den Film machen zu können, den er und James Mangold machen wollten. Und es hat sich gelohnt, der Kreis hat sich geschlossen, Wolverine endet wie er begann als unwillige Vaterfigur und durch die brutale Dekonstruktion in diesem Film kommen wir seinem Charakter näher als je zuvor. Jackman hängt sich hier voll rein und gibt eine ebenso nuancierte wie unprätentiöse letzte Vorstellung. Man merkt, dass es der Film ist den er machen wollte. Für Stewart dürfte es ebenfalls der letzte größere Auftritt als Professor X gewesen sein. Er bekommt hier deutlich mehr zu tun als in den übrigen X-Filmen, wo er meist nur würdevoll in die Gegend schaute und gelegentlich mit Magneto Schach spielte. Unbedingt erwähnenswert ist der Auftritt von Dafne Keen, die ihre Rolle für ihre 11 Jahre mit einer geradezu erschreckenden Intensität spielt. Der Film leidet an der üblichen Marvel-Krankheit des lahmen Schurkencharakters, Boyd Holbrook und seine halbmechanischen Mordbuben bleiben recht blass, einzig ein seelenloser Klon von Wolverine bekommt eine wohl unvergessliche Szene. Doch ist das in diesem Film, der zu gleichen Teilen Charakterstudie und Survivalthriller / Actionfilm ist ausnahmsweise einmal völlig egal.

‚Logan‘ ist ein absolut gelungener Film, meine Skepsis war völlig unangebracht. Er ist ein wenig für das Genre des Superheldenfilms, was die revisionistischen Western der 70er, wie ‚McCabe & Mrs. Miller‘ oder ‚Das Wiegenlied vom Totschlag‘ für den amerikanischen Western waren. Das würde ihn dann wohl zu einem revisionistischen Superheldenfilm machen, ein Genre, dass ich soeben erfunden habe. Ein wenig zu hoch mögen manche überschwänglichen Kritiken die Erwartungen getrieben haben aber enttäuscht wurden sie auf keinen Fall.