‚Once‘ (2007)

Seit ich vor ein paar Jahren den großartigen ‚Sing Street‘ gesehen habe, arbeite ich mich langsam aber sicher rückwärts durch John Carneys Filmografie. Oder anders gesagt, ich habe seitdem ‚Can A Song Save Your Life‘ gesehen, den ich als okaye Version des ‚A Star Is Born‘ Stoffes mit berechtigter aber simplistischer Kritik an der Musikindustrie erlebt habe. Und nun habe ich endlich Carneys Durchbruch ‚Once‘ gesehen. Und wie ich den erlebt habe, verrate ich erst weiter unten, sonst wär der Artikel ja schon vorbei.

Ein Straßenmusiker (Glen Hansard) im irischen Dublin träumt von der Karriere als Profimusiker. Wenn er nicht gerade bei seinem verwitweten Vater (Bill Hodnet) in dessen Elektro-Werkstatt aushelfen muss. Eines Tages kommt er mit einer tschechischen Immigrantin (Markéta Irglová), die sich als Blumenverkäuferin und Putzhilfe über Wasser hält, ins Gespräch. Schnell stellt sich nicht nur heraus, dass sie eine ausgebildete Pianistin ist, sondern auch, dass beide eine tiefe Verbundenheit auf musikalisch-kreativer Ebene teilen. Einer weitergehenden Beziehung scheint jedoch alles andere im Weg zu stehen. Er trauert immer noch seiner letzten Beziehung hinterher, eine Sehnsucht, die einen Großteil seiner kreativen Energie ausmacht. Sie hat einen Ehemann in der Tschechischen Republik, mit dem sie eine kleine Tochter hat. Was bleibt ist einige seiner Songs gemeinsam professionell aufzunehmen, damit er nach London gehen und vielleicht seinen Traum als Profimusiker verwirklichen kann.

Carney verbindet hier zwei an sich vollkommen unterschiedliche Arten von Film miteinander. Auf der einen Seite einen bodenständigen „Slice-Of-Life“ Blick in die dublinsche Arbeiterklasse. Mit der Kamera in langen Tracking-Shots stets auf Augenhöhe seiner Charaktere in Fußgängerzonen, vollgestopften Läden und erschreckend sparsam möblierten Wohnungen. Das meiste scheint, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen (siehe unten), im Guerilla-Stil, ohne Filmerlaubnis in belebten Straßen gefilmt zu sein, mit Hansard und Irglová als nicht-professionellen Schauspielern. Auf der anderen Seite ist der Film ein Musical. Aber ein Musical, in dem die Songs so organisch in die Handlung eingebettet sind, dass es auch die Leute genießen können, die geradezu allergisch auf jenen Moment reagieren, wenn Charaktere von ihren Gefühlen überwältigt plötzlich zu singen beginnen. Denn hier sind es von der Handlung her völlig folgerichtige Momente des Singens und Musizierens.

Die Synthese dieser beiden scheinbar inkompatiblen Ansätze ist ein erstaunlich liebenswürdiger, warmherziger, lakonischer, etwas trauriger und nicht zuletzt unwiderstehlich charmanter Film. Nichts wirkt hier mühsam konstruiert, Hansards und Irglovás Begegnungen, ihre Umgebungen, all das fühlt sich auf eine Art wahrhaftig an, die Kino nur sehr, sehr selten gelingt. Tatsächlich ist der einzige Vergleich, der mir so auf Anhieb einfällt ‚Before Sunrise‘ und das ist nichts, was ich einfach so daher sage, denn den Film liebe ich.

Viele Dialoge sind von Irglová und Hasard improvisiert. Überhaupt hat man sich wohl große Mühe gegeben, dass beide die Kameras nach Möglichkeit vergessen sollen. So fühlt sich das was sie tun denn auch weniger wie Schauspiel als tatsächlich erlebt an. Carney gelingt hier genau das, was die Arbeit mit Amateur-Darstellern so reizvoll machen kann: hier verliert sich niemand in einer Geste, was geschieht scheint oft genug tatsächlich spontan und unerwartet.

Und die beiden mögen Amateur-Darsteller sein, Amateur-Musiker sind sie keineswegs. Einige Songs stammen von Hansards Band „The Frames“, andere haben Irglová und er gemeinsam komponiert. Bei fast allen stehen akustische Gitarre und Klavier deutlich im Vordergrund, am besten sind die Songs die beide Hauptdarsteller gemeinsam singen und dabei musikalisch die Harmonie bestätigen, die sie vor der Kamera zeigen. Hansards Solo-Gesang zeugt von ziemlicher Stimmbreite ist aber oftmals auch sehr überspannt, fast schon geschrien statt gesungen, ein Zeugnis des emotionalen Zustands des Sängers.

Das wir den Film überhaupt in der Art erleben wie er hier vorliegt hat, wie so oft, viel mit Zufall zu tun. Denn eigentlich war der Film deutlich größer geplant. Carney, zeitweise Bassist in Glen Hansards Band, hat sich von Anekdoten Hansards aus dessen Zeit als Straßenmusiker zu einem Drehbuch zu einem Film inspirieren lassen, der auch Hansards Songs als Musik verwenden sollte. Verwirklicht werden sollte der mit Cillian Murphy in der Hauptrolle und auch als Produzent. Doch der sprang ab, da er unsicher war, ob er die stimmliche Bandbreite für Hansards Songs mitbringt und auch nicht mit Musikerin Irglová als Amateurdarstellerin in der Hauptrolle einverstanden war. Mit Murphy verschwanden auch die Geldgeber. Was blieb waren etwa 100.000 Euro von der irischen Filmförderung und Carneys Privatvermögen. In der Situation bat er Hansard als Hauptdarsteller einzuspringen, der in dieser Hinsicht bislang nur eine Rolle in ‚The Commitments‘ (1991) vorzuweisen hatte. Vielen Beteiligten konnte er nur Anteile an einem möglichen Gewinn des Films versprechen. Straßendrehs fanden fast alle ohne Genehmigungen statt. Für eine Party-Szene stellte Hansard seine eigene Wohnung zur Verfügung. Der Film wurde ein finanzieller (über 20 Millionen Gewinn bei ca. 130.000 Euro Budget) und kritischer Erfolg, der Carney zu einem der Musikfilmer der letzten Jahre gemacht hat. Hansard und Irglová tourten (oder touren?) als Duo „The Swell Season“ (nicht nur) mit Songs aus dem Film. Weitere Schauspielauftritte haben beide zwar weitgehend ausgeschlossen (bei den ‚Simpsons‘ tauchten beide dennoch auf), aber man soll ja niemals nie sagen.

Ich meine, wenn ich schon den Vergleich mit ‚Before Sunrise‘ ziehe, der Film wäre toll geeignet für ein spätes Sequel, das schaut, wo seine Charaktere heute sind und wie sie heute zueinander stehen. ‚Twice‘ als Titel ist geradezu schmerzhaft offensichtlich. Ich sag’s ja nur.

Wenn ich dem Film überhaupt etwas vorwerfen wollen würde, dann höchstens, dass er ‚Can A Song Save Your Life‘ noch etwas schwächer aussehen lässt. Der wirkt nun wie die glatt gebügelte, „hollywoodisierte“ Version der Geschichte, aller Ecken und Kanten beraubt. ‚Sing Street‘ wird zwar weiterhin mein liebster Film von Carney bleiben, aber ‚Once‘ ist ohne jede Frage absolut sehenswert.

Reisetagebuch: ‚Love & Mercy‘ (2015)

Filmreisechallenge #49: schaue einen Film, in dem es um einen Musiker oder eine Band geht

 

Lasst mich damit starten, dass ich sicherlich nicht der größte Experte bin, was die Beach Boys oder Brian Wilson im Allgemeinen angeht. Sicher kenne ich einige Beach Boy Songs, Pet Sounds ist allerdings ihr einziges Album, das ich zur Gänze gehört habe. Wilsons Solo-Arbeit hingegen war mir quasi völlig unbekannt, was sich nach Sichtung dieses Films aber durchaus ändern könnte. Sollte ich im Folgenden also allzu großen Blödsinn über die realen Personen schreiben, korrigiert mich gerne.

Ich habe mich ja im Zuge meiner Besprechung zu ‚Walk Hard‘ über die Formelhaftigkeit von Musiker-Biopics, die der Film persifliert, zur Genüge ausgelassen. Da reicht es zu sagen, dass ‚Love & Mercy‘ einen anderen Ansatz findet. Er konzentriert sich auf zwei kurze, aber entscheidende Phasen im Leben von Brian Wilson. Seinen künstlerischen Höhepunkt in den 60ern und die langwierige und schwere Rückkehr aus schweren psychischen Problemen in den 80ern. Der Film vermischt beide Zeitebenen, für meine Zusammenfassung behandle ich sie getrennt.

Nachdem Brian Wilson (Paul Dano) Mitte der 60er im Flugzeug eine Panikattacke erleidet, beschließen er und der Rest der Beach Boys, dass er nicht mehr mit ihnen auf Tour gehen wird und stattdessen an ihrem nächsten Album arbeiten soll. Inspiriert und herausgefordert von Rubber Soul der Beatles will Wilson mit Pet Sounds wahrlich Großes schaffen. Weg vom Surfer Sound der Beach Boys, hin zu ungewöhnlichen Kompositionen und einem der ersten Konzeptalben überhaupt. Seine zurückkehrenden Bandgenossen stellte er vor vollendete Tatsachen, sehr zum Unmut vor allem von Mike Love (Jake Abel). Obwohl die folgende Single Good Vibrations ein großer Erfolg wird, sorgen die Entfremdung von seinen Freunden und Experimente mit LSD dafür, dass sich Wilsons geistige Gesundheit rapide verschlechtert. Das Scheitern des Nachfolgealbums Smile lässt ihn dann vollends abstürzen.

Mitte der 80er trifft Autoverkäuferin Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) zufällig auf Brian Wilson (John Cusack), als der ein Auto kaufen will. Die beiden beginnen eine Beziehung, doch muss Melinda bald feststellen, dass Wilson vollständig unter der Kontrolle seines Vormunds und „Radikal-Therapeuten“ Eugene Landy (Paul Giamatti) steht, der ihn von Familie und Freunden isoliert hat. Während Landy sich bemüht auch ihre Beziehung zu torpedieren, versucht Ledbetter die Familie Wilsons über die Fehlbehandlung Landys, der auch als Wilsons Manager auftritt, zu informieren.

Beide Zeitebenen sind mit Filmmaterial, dass der Zeit angemessen ist gefilmt. Und insbesondere Dano ist dem Wilson der Zeit so ähnlich, dass man sich in manchen Momenten fragt, ob man gerade Archivmaterial oder Aufnahmen für den Film sieht (beachtet dafür insbesondere die Sloop John B Sequenz ab 1 Minute im untenstehenden Clip). Wichtiger noch, die 60er Jahre Sequenzen sind gänzlich dem kreativen Prozess verschrieben. Genau das, was ich von einem Film über Musik will. Als nicht sonderlich musikalischer Mensch ist der Prozess der Schöpfung von Musik für mich ein besonders faszinierender. Insbesondere hier, wo klar wird, dass nicht alles rein auf dem „Genie“ Wilsons basiert, sondern auch jemand wie er auf ein ständiges Feedback, einen Austausch mit den Musikern angewiesen ist. Insbesondere, weil Autodidakt Wilson, die Musik zwar in seinem Kopf hört (im wahrsten Sinne des Wortes, er leidet an akustischen Halluzinationen), die Notation aber anderen überlassen muss. Hier baut er „Fehler“ in die Komposition mit ein („If you repeat a mistake every four bars, it’s not a mistake!“) lässt zufällig aufgenommene Stimmen in den Aufnahmen oder nutzt Hundegebell. Die Studiomusiker (die Beach Boys waren an den Aufnahmen quasi nicht beteiligt, außer beim Singen) werden hier von echten Musikern verkörpert, was man deutlich merkt und was die Schaffensphase glaubwürdiger macht. Der erzürnte Mike Love soll als Reaktion auf den neuen Sound gesagt haben „Never fuck with the formula!“, ein Satz den jedes erfolgreiche Franchise sich bis heute zu Herzen nimmt, obwohl Love diese Aussage bestreitet. Im Film sagt er es denn auch nicht direkt, obwohl es mehr als angedeutet wird. Die Sequenzen in den 60ern sind ebenso grandios wie tragisch und sicherlich das Herzstück des Films.

Die Sequenzen in den 80ern sind stiller und unterkühlter. Cusack sieht nicht im Geringsten aus wie Wilson, was mich vermuten lässt, dass das hier beabsichtigt war. Die Geschichte zwischen Ledbetter und Wilson ist durchaus rührend und Cusack vermittelt den Schmerz und die Hilflosigkeit Wilsons in dieser Phase seines Lebens glaubwürdig. Elizabeth Banks spielt Melinda Ledbetter als jemanden, die nicht sonderlich beeindruckt vom früheren Ruhm Wilsons scheint, sondern mehr an ihm als Person interessiert ist und hin- und hergerissen scheint zwischen Liebe, Furcht vor einer derart problembehafteten und, dank Landy, durchaus bedrohlichen Situation und dem Wunsch Wilson zu helfen. Damit sind wir bei einem der kleineren Probleme des Films. Eugene Landy, verkörpert von Paul Giamatti bewegt sich durchgehend am Rande der Karikatur, überquert den fraglos auch das eine oder andere Mal. Autor Oren Moverman und Regisseur Bill Pohlad haben gesagt die Darstellung Landys beruhe auf Gesprächen mit Melinda Ledbetter und verbürgten Aussagen von Landy selbst. Die cartoonhafteren Momente stammen allesamt nicht von Ledbetter. Giamatti hat sich zur Vorbereitung auf die Rolle Vorträge Landys angehört, die er als „lange Paragrafen, die beeindruckend klingen, bei genauerer Untersuchung aber keinerlei Sinn ergeben“ beschreibt. Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass wir es mit einer Person zu tun haben, die ein Autor so nicht schreiben würde, weil es zu übertrieben wirkt. Wilson selbst jedenfalls beschrieb Giamattis Darstellung „beängstigend“ (weil realistisch). Der Film scheint eine direkte Linie ziehen zu wollen, von Wilsons Vater, der ihn als Kind geschlagen hat und als Erwachsener versucht ihn zu unterminieren (God only knows klänge nicht wie ein Liebeslied, sondern wie eine Selbstmordnachricht), zu Landy. Nicht zuletzt weil der Darsteller des Vaters, Bill Camp, erhebliche physische Ähnlichkeit zu Giamatti hat.

Für den Soundtrack zeichnet, neben Beach Boys/Wilson Songs natürlich, Atticus Ross verantwortlich, der Bruchstücke von vorhandenen Beach Boys Songs zu neuen Kompositionen verarbeitet und dadurch einen hochoriginellen aber passenden Ton trifft.

Paul Danos Darstellung des jungen Wilson ist einfühlsam, beeindruckend und tragisch, getrieben und verzweifelt. Es ist erstaunlich, dass er für diese Leistung nicht einmal eine Oscar-Nominierung erhalten hat. Cusacks Darstellung fällt dagegen ein wenig ab. Er scheint im typischen „Musiker in der Spätphase der Drogen und Probleme“-Modus zu sein, wobei auch bei ihm immer mal wieder wahrhaftige Momente auftauchen. Die 80er Sequenzen werden aber ohnehin vor allem von Elizabeth Banks getragen, die gut darin ist Ledbetter als eine Frau zu verkörpern, die einerseits von Wilsons Situation zutiefst verstört ist, andererseits aber mehr als genug Empathie beweist, dass es nicht überrascht zu hören, dass sie und Wilson, Mitte der 90er weit nach der Handlung des Films, heiraten würden.

Kurz Bill Pohlad hat hier mit seiner zweiten Regiearbeit (die letzte war 1990, Pohlad arbeitete ansonsten als Produzent) eine der für mich besten Musiker-Biopics überhaupt geschaffen. Einem Film, dem es gelungen ist bei mir Interesse für einen Musiker zu schaffen, wo vorher nicht sonderlich viel war. Sicherlich, beide Teile funktionieren hier zwar nicht gleich gut, aber allein der Versuch zwei völlig verschiedene Tonarten miteinander zu mischen, wie Wilson das in seiner Musik tut, verlangt nach Respekt. Ebenso das Leben eines Musikers, der vor allem für seine psychische Krankheit bekannt scheint, darzustellen ohne dabei sensationalistisch zu wirken. Empfehlung!

Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 besten Musikfilme

Willkommen zu den 5 Besten. Heute wird es wieder einmal musikalisch. Nach den 5 besten Musikfilmen fragt uns Gorana heute. Und stellt damit mal wieder eine alles andere als leichte Aufgabe. Weil man die Filme relativ schwer vergleichen kann, ist die Aufzählung mal wieder nicht wirklich als wertend zu betrachten.

  1. ‚School of Rock‘ (2003)

Ein bestens aufgelegter Jack Black, Kinder, die tatsächlich wirken wie Kinder und gute Musik. Sicherlich nicht Richard Linklaters größter Wurf aber ein höchst unterhaltsamer Film, den ich immer wieder schauen kann.

  1. ‚Amadeus‘ (1979)

Ein Film um Genie, Neid und Wahnsinn. Lustig, charmant und rührend zugleich. Und F. Murray Abrahams Antonio Salieri darf, wenn schon nicht in der Riege der größten Komponisten, doch immerhin in der Riege der besten Film-Antagonisten Platz nehmen.

  1. ‚Singin‘ in the Rain‘ (1952)

Für mich das quintessentielle Hollywood-Musical. Die Handlung um Stummfilmdarsteller, die mit dem neuen Medium des Tonfilms zurechtkommen müssen, war damals vermutlich noch nostalgisch, heute wirkt sie weit entfernt und doch ist der Umgang mit neuer Technik ein ständiges Thema. Letztlich ist es aber auch ein augenzwinkernder Blick auf den Hollywoodbetrieb selbst. Die Musik geht ins Ohr und zumindest im Falle des Titelsongs auch nie wieder raus.

  1. ‚Good Vibrations‘ (2013)

Ein hochsympathischer Film um den Belfaster DJ Terri Hooley und seinen Musikladen/sein Musiklabel „Good Vibrations“ mit dem er lokale Bands groß rausbringen wollte. Dem Film gelingt es Hooley zu einer liebenswerten Figur zu machen ohne ihn zu verklären. Und ein Feelgood Film zu sein, ohne die Situation in Belfast in den 70ern zu beschönigen. „When It comes to punk: New York has the haircuts, London Has the trousers, but Belfast has the Reason!“

  1. ‚Blues Brothers‘ (1979)

Irgendwie gelingt es dem Film die Reise von Jake und Elwood Blues nicht wie eine Karaoketour wirken zu lassen, sondern wie wirkliche Verehrung für schwarze, amerikanische Musik. Dabei helfen sicherlich Gastauftritte von Größen wie James Brown, Ray Charles oder Aretha Franklin. Und auch abseits der Musik ist die Geschichte der Brüder Blues, die von Illinois Nazis, einer mysteriösen Frau und einer Country-Western-Band aufs Korn genommen werden äußerst unterhaltsam.

 

 

‚Baby Driver‘ (2017)

Starten wir doch direkt schwungvoll in ein Frohes Neues Jahr, das Euch hiermit gewünscht sei!
Film für Film dürfte Edgar Wright sehr weit oben in der Liste meiner liebsten, aktiven Regisseure stehen. Mit den ersten beiden Filmen seiner Cornetto-Trilogie, ‚Shaun of the Dead‘ und ‚Hot Fuzz‘ hat er zwei Genres liebevoll parodiert und doch gleichzeitig gelungene Vertreter geschaffen, bevor er im dritten Teil mit ‚The World’s End‘ etwas komplett eigenes auf den Weg brachte und seinen wohl besten Film ablieferte. Nebenbei zeigte er noch mit ‚Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt‘ wie ein guter Videospiel-Film geht und das obwohl es eine Comic-Verfilmung ist. Zu sagen, ich wäre mit einer gewissen Erwartungshaltung an seinen neuen Film herangegangen wäre also beinahe untertrieben.

Nach seinem traurigen Weggang von Marvels ‚Ant-Man‘ nach langjähriger Vorarbeit  sollte dies ein Film werden, den er schon lange machen wollte. Bereits 2003 hatte Wright im Musikvideo zum „Blue Song“ der Band Mint Royale das Konzept der Synchronisation von Musik und Handlung genutzt. ‚Baby Driver‘ sollte dies nun auf Spielfilmlänge tun.

Baby (Ansel Elgort) hat als Kind bei einem Autounfall seine Eltern verloren. Seitdem quält ihn nicht nur ein Tinnitus, den er mit ständiger Musikbeschallung bekämpft, er ist auch zu einem hervorragenden Fahrer geworden. Nachdem er als Jugendlicher „Joyrider“ das Auto von Gangsterboss Doc (Kevin Spacey) gestohlen hat, lässt der ihn seine Schulden als Fluchtwagenfahrer in Raubüberfällen mit ständig wechselnden Crews abarbeiten. Als Baby endlich seine Schulden abbezahlt hat und sich in die Kellnerin Debora (Lily James) verliebt, muss er allerdings schnell feststellen, dass man ein Leben in der Kriminalität nicht so einfach hinter sich lässt.

Die obige Inhaltsangabe kann leider nur unzureichend klarmachen, wie wichtig Musik für den Film ist. Der Film ist genaugenommen so nahe an einem Musical wie man nur sein kann ohne ein Musical zu sein. Die Musik steht dabei auf einer mehrdeutigen Ebene. Es ist die Musik die Baby hört, es ist aber auch die Musik, die für uns als Zuschauer den Film unterlegt. Wenn wir Baby zu Anfang des Filmes begegnen, dann ist er jemand der vollends in seine Musik zurückgezogen ist. Er nutzt sie nicht nur, um seinen Tinnitus zu unterdrücken, er nutzt sie um seine Fluchtfahrten und sein ganzes Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu orchestrieren. Mit Taschen voller iPods für jede Stimmung und Situation. So geht er zum Rhythmus der Musik die Straße hinab und Wright wiederrum orchestriert die Bewegungen aller anderen Passanten ebenfalls nach der Musik, lässt gar die Texte in Graffiti auf Wänden auftauchen. Der wortkarge Baby kommuniziert anfangs sogar zum größten Teil über die Musik. Mit seinem taubstummen Adoptivvater Joseph (CJ Jones) interagiert er mehr über seinen Tanz und die von Joseph gefühlten Schwingungen der Boxen als über Gebärdensprache. Und auch der Kontakt zu Debora entsteht natürlich über Musik. Was Wright und die Cutter Jonathan Amos und Paul Machliss hier an perfekt auf die Musik poliertem Schnitt abliefern hätte es vermutlich mehr als verdient neben ‚Dunkirk‘ für den besten Schnitt Oscar-nominiert zu werden.

Aber ein reiner Musikfilm ist ‚Baby Driver‘ natürlich nicht, er ist auch ein „Autofilm“. Wright reiht sich hier in die Linie von ‚Bullit‘ und ‚Driver‘ (Walter Hill hat im Original einen Audio-Cameo-Auftritt) ein, wobei bereits der Titel und Ansel Algorts gesamtes Auftreten die übliche Maskulinität des Genres absichtlich untergraben. Auch von den ‚Blues Brothers‘ lässt sich, dank der Verbindung von Autos und Musik, hier einige DNA finden. Wobei zu erwähnen ist, dass dies hier der vermutlich am wenigsten als Komödie inszenierte Film Wrights ist, auch wenn er immer noch zahlreiche komische Momente bietet. Auch das Genre des „Liebe auf der Flucht“ Films streift ‚Baby Driver‘, wenn Babys gewohnte Welt zerfällt und das einzig verlässliche Fundament seine Liebe zu Debora wird. Wright möchte hier aber keine Genres ausheben und bewegt sich, von einigen gewollten Stichen abgesehen, durchaus in den ausgefahrenen Bahnen der Genres.

Die Schauspieler sind durch die Bank hervorragend aufgelegt, besondere Erwähnung verdienen hier noch Jamie Foxx als Bats, ein brutaler Soziopath mit erschreckend guter Menschenkenntnis und Jon Hamm als ehemaliger Wallstreet-Banker, der an den Überfällen mit seiner Frau Darling (Eliza Gonzales) vor allem des sexuellen Kicks wegens teilnimmt.

Aber am Ende des Tages ist das hier eindeutig Edgar Wrights Film. Und als Zuschauer hat man das Gefühl, um eine Metapher zu wählen die dem Film gerecht wird, einem meisterhaften Musiker bei einem sehr langen Solo auf seinem Instrument zuzuhören. Wrights Instrument ist natürlich die Cinematographie und das Gute ist, das er in seinem Solo, obwohl es gelegentlich sehr verspielt wird, nie die Bedürfnisse seines Publikums aus den Augen verliert und stets auf dessen Unterhaltung bedacht ist. Da bin ich dann auch problemlos bereit kleinere Nickeligkeiten, die ich durchaus mit dem Film habe zu vergeben. So bleibt Debora den ganzen Film über weniger Charakter als mehr reiner „Love Interest“ für Baby. Und gerade im letzten Drittel handeln einige Charaktere auf eine Art und Weise, die sich für mich nicht aus der bisherigen Darstellung ihrer Charaktere ergibt. Wobei ich mich bei Letzterem durchaus irren kann. Das Schönste an Wrights Filmen ist schließlich, dass sich beinahe bei jedem Ansehen neue Ebenen eröffnen. So hat es für mich mehrere Ansehen gebraucht, um zu ergründen wie genial die Hauptcharaktere aus ‚Hot Fuzz‘ konstruiert sind oder wie jede Sekunde von ‚World’s End‘ bis ins Detail durchdacht ist, um die Charakterentwicklung zu unterstützen.

Diese Klasse von Wrights Filmen erreicht ‚Baby Driver‘ für mich zumindest nach dem ersten Ansehen nicht ganz, was rein an erzählerischen und nicht an inszenatorischen Problemen liegt. Dennoch ist ‚Baby Driver‘ ein durch und durch großartiger Film, dessen Ansehen eine reine Freude ist. Eben wie einem Meister seines Faches bei der Arbeit zuzuschauen.

Gestern Gesehen: ‚The Beatles: Eight Days A Week -The Touring Years‘ (2016)

Mann, die Beatles waren eine verdammt gute Live-Band! Tjaha, verehrte Leser, das ist die Art brillanter, tiefgründiger  Einsichten, die Ihr wohl nur hier auf der Filmlichtung erwarten könnt. Aber ernsthaft: sie waren wirklich VERDAMMT gut. Ich mag die Beatles (mag sie eigentlich irgendwer nicht?) und bin geradezu mit ihnen aufgewachsen, denn mein Vater hat Fantum und die Alben aus seiner Jugend behalten. Ich bin allerdings sicherlich nicht der Superfan, der mit biografischen Details zu George Harrison aufwarten kann und anhand dieser songschreiberische Feinheiten nachvollziehen könnte. Und dieser Film war exakt auf meiner Wellenlänge.

Der Film begleitet die großen Tourjahre der Beatles. Von dem Moment in 1963 als sie weltweit schlicht explodierten bis 1966 als sie das Ende ihrer großen Stadientourneen verkündeten. Die Frühzeit der Beatles, also vom Treffen  Lennon/McCartney 1957 bis zu den wilden Hamburger Jahren 60-62 wird in einigen Minuten abgehandelt.  Dann sehen (und hören!) wir die Gruppe nicht nur in hervorragend remasterten Aufnahmen von anfänglich kleineren Clubs bis hin zum damals völlig unerhörten Auftritt im Shea Stadium in New York vor mehr als 50.000 Fans. Wir sehen die Entwicklung der Gruppe, ihren anfänglichen Humor, ihre Schlagfertigkeit mit der sie Reporter regelmäßig gnadenlos ausmanövrieren. Je größer die Auftritte aber werden, im australischen Adelaide war die 15 Kilometerlange Strecke vom Flughafen bis zum Hotel von Fans belagert, je mehr junge Mädchen umkippen, enttäuschte Fans abgewiesen werden müssen, umso mehr schwindet der Spaß der Fab Four am Liveauftritt. Wenn das Geschrei im Stadion so laut wird, dass die Musik nicht mehr zu hören ist fühlen sich die Beatles als Zirkus-Attraktion. In Japan sehen wir einen Ringo Starr, der sich hinter seinem Schlagzeug kaum noch aufrecht halten kann. Gleichzeitig haben die Beatles angefangen sich im Studio selbst zu entdecken und mehr experimentelle Musik zu machen. Mit Effekten, die nur her möglich sind. Und so endet die große Tourzeit und der Film 1966 lange Zeit bevor es „am Ende kompliziert wurde“, wie Paul McCartney es ausdrückt.

Neben bild- und tontechnisch aufbereiteten Archivaufnahmen der Auftritte, sind neue Interviews mit Paul und Ringo zu sehen, leider nicht auf einem Sofa sondern getrennt. Dazu kommen Archiv-Interviews mit George und John Lennon. Sowie Talking Head Interviews mit Musikern, Komikern, Regisseuren und Schauspielern, die klar machen, dass nicht nur die Popmusik in eine Zeit vor und nach den Beatles aufgeteilt werden muss sondern die gesamte Popkultur. Insbesondere beeindruckend fand ich hier Elvis Costello, der klar macht, dass, bei damaliger Technik,  jeder der  vier bei ihren Stadionauftritten bestenfalls sich selbst, keinesfalls die drei anderen hören konnte und wie viel beeindruckender das ihre hervorragenden Liveauftritte macht (Ringo bestätigt das und sagt er habe sich am Hintern und den Füßen von John und Paul orientiert, um den Takt zu halten). Interessant sind auch Whoopi Goldberg und eine Historikerin, die auf die, für die Vereinigten Staaten damals ungewöhnliche, rassenübergreifende Anziehungskraft der Briten hinweisen („ich hatte das Gefühl wir könnten Freunde sein- obwohl ich schwarz bin“ -Goldberg). Und ihren Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den USA, durch ihre Weigerung in Arenen aufzutreten in denen nach Rassen getrennt wurde (zum Unmut ihres Managers). Dies hat tatsächlich dazu geführt, dass mehrere Stadien diese unsägliche Politik aufgegeben haben.

Andere historische Ereignisse, wie die Ermordung John F. Kennedys werden angerissen, ebenso wie die beiden Beatles Live Action Filme, die in der Zeit entstanden sind. Ansonsten bleibt der Film aber konzentriert bei der Entwicklung der Beatlemania, einem Phänomen, dass für die damalige Zeit einzigartig war und dem weder Polizei, Stadionbetreiber noch die Musiker selbst wirklich gewachsen waren. Und nach Johns berühmt/berüchtigten „größer als Jesus“ Interview in den USA mit öffentlichen Verbrennungen der Alben und Bombendrohungen zum Ende hin eine durchaus finstere Wendung nimmt.

Habe ich auch was zu meckern? Durchaus. Keiner aber wirklich keiner der Songs wird zur Gänze ausgespielt. Die Doku ist hundert Minuten lang und fühlt sich kürzer an. Macht sie doch zwei Stunden lang und spielt ein paar Stücke aus. Weiterhin hat Regisseur Ron Howard klar gemacht, dass sich seine Beatles Kenntnisse vor dem Film etwa auf meinem Niveau befunden haben. Interessiert aber kein tiefer Kenner. Wirkliche Kenner der Beatles werden in diesem Film also vermutlich keinerlei neue Erkenntnisse entnehmen können. Aber die schauen ihn sicher trotzdem, schon wegen der Archivaufnahmen. Und obwohl ich wusste welchen Zeitraum der Film beschreibt kam das Ende für mich doch etwas plötzlich. Der ganze Verlauf der Geschichte macht klar: es ist hier nicht zu ende. War es ja auch nicht. Aber „ich wünschte er wäre länger“ ist sicher nicht der schlimmste Vorwurf, den man einem Film machen kann.

Im Fazit bleibt eine interessante, liebevolle Verbeugung vor einer der größten Popbands aller Zeiten, ohne viele neue Erkenntnisse aber in qualitativ großartigen Bildern und mit absolut brillantem Ton. Und ich bin mir nicht sicher, ob das schon mal jemand gesagt hat aber die Beatles waren eine verdammt gute Live-Band. Klingt unglaublich, ich weiß…