Newslichter Ausgabe 4: neuer Streamingservice, alter Picard und ein verbotener Bär

Neue Woche, neue Newslichter! Dieses Mal war es materialtechnisch ein wenig dünn, es gab vor allem zahllose, weitgehend uninteressante Neuigkeiten zu allerlei Superheldenfilmen. Superhelden-Afficionados gehen aber auch hier nicht leer aus und bekommen ein umfangreiches Update zur James Gunn Situation (siehe Newslichter 2). Die anderen Nachrichten, die ich kommentiere, mögen nicht viele sein, dafür sind sie inhaltlich um so interessanter, so präsentiere ich Euch unter anderem einen neuen gratis Streaming-Dienst. Ich frage mich ob überhaupt jemand diese Einleitungen liest, oder ob Ihr alle schon unten bei den News seid… wie auch immer, die News:

 

‚Christopher Robin‘ darf nicht nach China

https://www.moviepilot.de/news/aus-diesem-bizarren-grund-darf-christopher-robin-nicht-in-china-laufen-1109846

Die Überschrift stimmt nicht ganz, Christopher Robin selbst hätte wohl kein Problem. Winnie Puuh hingegen ist in China nicht gern gesehen. Auch das ist nicht ganz richtig: er wird nur von der chinesischen Regierung nicht gern gesehen. Denn er ist in China zu einer Art politischem Meme geworden, das den gemütlich wirkenden Staatspräsidenten Xi Jinping mit dem pummeligen Honigjunkie vergleicht. So werden seit längerem alle Puuh Bilder in chinesischen sozialen Netzwerken gesperrt oder gelöscht. Auch HBO wurde gesperrt nachdem John Oliver in seiner ‚Last Week Tonight‘ Show einen solchen vergleich angestellt hat. Da wird man bei Disney jetzt ganz stark sein müssen und sich vielleicht erst mal einen Topf Honig genehmigen. Und ich hoffe jemand hat ein Auge auf I-Aah, den trifft das sicherlich. Aber, da ich erst mal keine Chinareise plane, kann ich es ja sagen: der Herr Jinping sieht schon ein bisschen nach Winnie Puuh aus…

 

„Make It So!“

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Comeback-fuer-Star-Trek-Patrick-Stewart-wird-wieder-zu-Captain-Jean-Luc-Picard-4129437.html

Dafür bin ich gerne bereit mal einen Ausflug in Fernsehnews-Regionen zu unternehmen: Sir Patrick Stewart wirft sich für eine neue Serie ein weiteres Mal in die unbequeme Starfleet-Uniform und verkörpert seine Paraderolle Captain Jean-Luc Picard der USS Enterprise. Ob er allerdings noch Kapitän der Enterprise ist, ob er überhaupt noch Teil der Starfleet ist, all das ist offen. Ist mir aber auch egal, er ist Captain Picard, meinetwegen kann er Steine sammeln, ich schau es trotzdem. „Schauen Sie Nummer 1, eine Grauwacke! Die muss ich Mr. Data zeigen!“

 

Nicolas Winding Refn präsentiert das Bahnhofskino unter den Streamingdiensten

Sein letzter Film, ‚The Neon Demon‘, ist bei mir ja nicht eben wahnsinnig gut weggekommen. Allerdings kann und will ich Nicolas Winding Refn seine Liebe für den Film nicht absprechen. Und zwar gerade für die Art von Film, die sonst nicht eben viel Liebe bekommt: B-Movies, Exploitation oder alles man sonst so kurz als „Schund“ zusammenfasst. Genau das will Refn jetzt auf seiner eigenen, kostenlosen Streamingplattform präsentieren. Da er sich selbst mindestens ebenso sehr wie Filme liebt, heißt die natürlich byNWR, damit wir bloß nicht vergessen, wem wir das zu verdanken haben. Ich konnte bislang nur kurz reinschauen und da sah es für mich aus, als ob die Filme in bestmöglicher Qualität vorliegen und liebevoll präsentiert werden. Ich bin gespannt, was es da, fernab von allen „Wenn Du diesen Hollywoodblockbuster mochtest, dann wird Dir auch dieser Hollywoodblockbuster gefallen“ Algorithmen, zu erstöbern gibt, es scheint zumindest im Moment monatlich Nachschub zu geben.
Ihr findet den Dienst unter byNWR.com und müsst einen kostenlosen Account erstellen.

 

Putin macht Steven Seagal zum Sondergesandten für kulturelle Beziehungen zu den USA

http://www.spiegel.de/panorama/leute/steven-seagal-wladimir-putin-macht-filmstar-zum-sondergesandten-a-1221754.html

Ist das eine Filmnews? Nein, nicht wirklich. Aber es könnte eine werden, denn das ganze riecht derart nach einer politischen Farce, dass ein Film darüber beinahe nur komisch sein kann, außer Seth Rogen bekommt das Thema in die Finger, aber malen wir den Teufel nicht an die Wand. Ich zumindest würde nur zu gerne einen guten Film darüber sehen, mit Mads Mikkelsen als Putin und (nachdem ich aktuelle Fotos gesehen habe) John Goodman als Aikido-Seagal. Für die Regie schweben mir die Coen Brüder vor.

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Update zur Gunn-Situation

(ohne Links, das wären zu viele)

Die spürbarste Folge der plötzlichen Entlassung des ‚Guardians of the Galaxy‘ Regisseurs, ist das einige Disney-verbundene Kreative ihre Präsenz in sozialen Medien aufgegeben haben (z.B. Scott Derrickson) oder zahlreiche Tweets gelöscht haben (z.B. Rian Johnson). Einen anderen Weg wählte Schauspieler/Regisseur Bobcat Goldthwait (‚World’s Greatest Dad‘). Der schrieb Disney einen offenen Brief, in dem er sie aufforderte seine markante Stimme als „Pech“, aus dem Disney ‚Hercules‘ Film, aus Vergnügungsparkattraktionen zu entfernen. Er habe viele unpassende Witze in seinem Leben gemacht und sei nun offen Trump-kritisch. Es wäre ihm daher sehr unangenehm Disney Unannehmlichkeiten zu bereiten. Auch rät er ihnen einen Blick auf aktuelle, keineswegs scherzhaft gemeinte Tweets seines ‚Hercules‘-Kollegen James Woods zu werfen.
Einen offenen Brief veröffentlichten auch die ‚Guardians‘ Darsteller gemeinsam. Darin kritisieren sie Gunns Entlassung und fordern Disney auf ihn wieder anzustellen. Man merkt allerdings jeder Zeile die anwaltliche Beratung an, um ja nicht die Disney Verträge zu brechen. Sorgloser gibt sich da nur Dave Bautista, der auf die Frage wie er die Arbeit am nächsten ‚Guardians‘ Film nun sehe, antwortete er würde tun wozu er sich vertraglich verpflichtet habe, doch die Arbeit für Disney sei ihm unter diesen Umständen widerwärtig („nauseating“).
Apropos ‚Guardians 3‘. Man hat bei Disney immer noch keinen Nachfolger benannt, was überrascht, nicht nur nach der sehr eiligen Entlassung, sondern auch wenn man bedenkt, dass die Dreharbeiten an dem sicherlich umfangreichen Projekt bereits Anfang nächsten Jahres starten sollen. Wartet man vielleicht doch nur auf einen passenden Moment Gunn wieder anzustellen und gleichzeitig das Gesicht zu wahren? Oder sind die ‚Guardians‘ ohnehin auf der Disney-Abschussliste, wie manche Stimmen, nach dem Umgang mit den Charakteren in ‚Infinity War‘ (den ich nicht gesehen habe) behaupten?
Im Internet hat man in einer viralen Aktion jedenfalls schon einen Nachfolger für Gunn gefunden: Jimmy Gunnbergo. James Gunn mit luxuriösem Photoshop-Schnauz.

 

Wir sehen uns in einer Woche an dieser Stelle wieder, wenn wir bis dahin nicht alle zu schnell im trockenen Boden versickernden Pfützen geworden sind. Oder?

‚The Neon Demon‘ (2016) – Wusstet Ihr schon, dass die Modebranche oberflächlich ist?

Erst einmal wünsche ich natürlich pfrohe Fingsten! Können wir nun einen Moment über Nicolas Winding Refn sprechen? Ich mag einen Großteil seiner Filmografie. ‚Pusher‘ war ein gelungener Crimethriller im Drogenmilieu, den ich damals aber vor allem wegen Kim Bodnia geschaut habe. ‚Bronson‘ sein (höchstens) vierteldokumentarischer Film über den „gefährlichsten Häftling des Vereinigten Königreichs“ mit dem „Künstlernamen“ Charles Bronson ist vielleicht sein bester. Zumindest derjenige, der am ehesten seinen Stärken entspricht. Und dann kam sein Hollywood-Durchbruch und Weltruhm in Form von ‚Drive‘. Der Neo Noir Thriller um einen namenlosen Stunt-/Fluchtwagenfahrer war cool, hypnotisch, schaltete Ryan Goslings Karriere in den Hyperdrive und dürfte den größten Verkaufsschub von Satinjacken mit Skorpionen drauf aller Zeiten ausgelöst haben.

Und was dann? Noch ein Film mit Gosling! Würde der Blitz zweimal einschlagen? Refns nächster Film war ‚Only god Forgives‘ eine überlange Meditation auf Maskulinität und ihre Gefahren. So könnte man ehrlich gesagt fast alle von Refns Filmen beschreiben, allerdings standen hier die gletscherhafte Trägheit der Erzählung und Refns unbestreitbare Selbstverliebtheit und zahllose abgeschlagene Hände, die männliche Geschlechtsorgane symbolisieren im Weg. Wie selbstverliebt ist er? Genug um ‚Only God Forgives‘ selbst zu einem „Meisterwerk“ zu erklären. In einem Interview mit Regielegende William Friedkin hat der wenig Geduld mit dieser Art der Selbstein- oder -überschätzung:

Aber Friedkins ironischer Blick direkt in die Kamera lässt mich mehr an eine ‚Stromberg‘-Folge denken, denn an ein echtes Interview. Ist das alles eine womöglich gewollte Selbstparodie? Ist das Refns Art seine Lust nach negativer Aufmerksamkeit auszuleben, wie Landsmann Lars von Trier, der als sein Film ‚Melancholia‘ in Cannes ausnahmsweise keine Kontroverse auslöste mal eben Sympathie für Hitler bekundete und dann eimerweise der geliebten, negativen Aufmerksamkeit bekam? Ist in Dänemark irgendwas im Pølser, das das dafür sorgt, dass einem zu viel Lob Angst macht? Vermutlich nicht, aber behalten wir es im Hinterkopf, wenn wir uns dem zuwenden, wofür Ihr eigentlich hier seid: ‚The Neon Demon‘.

Und es ist nicht schwer an Selbstverliebtheit zu denken, denn kaum legt man die Blu-Ray ein poppt eine „Einleitung“ von Refn auf, die aus nichts anderem besteht, als dass er verkündet man habe nun Gelegenheit seinen neuesten Film zu „genießen“. Im Vorspann sind seine Initialen NWR durchgehend zu sehen, bevor sein Name bildschirmfüllend, fast größer als der Filmtitel eingeblendet wird.

Die Handlung ist schnell erzählt: die 16jährige Jesse (Elle Fanning) kommt nach L.A. um Model zu werden. Aufgrund ihrer Jugend und ätherischen Schönheit feiert sie bald Erfolge. Das weckt den Neid der älteren Modelkolleginnen Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) und weckt ganz andere Interessen bei Visagistin Ruby (Jena Malone) und Hank (Keanu Reeves), dem widerwärtigen Betreiber des Motels, in dem Jesse wohnt.

Da ist natürlich noch mehr an der Geschichte aber nicht viel. Refn, der das Drehbuch mit den Dramatikerinnen Mary Laws und Polly Stenham geschrieben hat, setzt nicht auf Komplexität. Die Modelbranche sieht sich selbst in hochtrabender Selbstverliebtheit, während eigentlich nur rücksichtslose alte Männer junge Frauen zu brutaler Konkurrenz anstacheln. Das ist seine sicherlich simplistische, aber auch nicht ganz falsche These. Refn verzichtet jedoch nicht nur auf eine komplexe Geschichte, er verzichtet quasi vollständig auf etwas anderes, was normalerweise grundlegend für eine Geschichte ist: Charaktere. Fannings Jesse bewegt sich schlafwandlerisch, fast wie sediert durch die Szenen, anfangs freundlich, später weniger. Die einzige die halbwegs so etwas wie Komplexität erhält ist Malones Ruby, die dadurch zu einem nicht eben sympathischen aber zumindest zum interessantesten Charakter wird. Alle anderen sind mehr oder weniger Märchen-Archetypen. Die Modelkonkurrentinnen sind die bösen Stiefschwestern, außen hübsch, innen hässlich. Christina Hendricks als Agenturchefin ist die böse Königin, Keanu Reeves der große, böse Wolf (der zumindest erkennbaren Spaß daran hat den Widerling zu spielen), etc..

Refn erzählt seine Geschichte, die mehr oder weniger äquivalent zu diesen billigen Erotikthrillern ist, die in den 90ern spät nachts auf den Privaten kamen (habe ich gehört), vor allem über Symbolismus. So schauen die Models ständig in den Spiegel (natürlich wird einer in Splitter geschlagen) und als die Rivalitäten ausbrechen, werden Wildkatzen zu einem ständigen Bild. Am Anfang als die naive Jesse gerade in L.A. angekommen ist, sieht sie in einem Club eine Show, bei der ein Model in einem Kokon aus Seilen, wie in einem Spinnennetz, von der Decke hängt, während Gigi und Sarah hinter ihrem Rücken feixen. Ich habe nie gesagt es wäre cleverer oder gar subtiler Symbolismus. Dialoge, gerade die zwischen Jesse und ihrem Freund, hingegen werden schnell zur Qual. Nicht zuletzt weil beide derart ruhiggestellt wirken, dass die Szenen die… Hektik… einer… Unter… wasser… zeitlupen… aufnahme… erreichen.

Überhaupt ist eher visueller Maximalismus angesagt. Die optische Seite ist die auf der der Film am ehesten punkten kann. Allerdings fühlt sich das für mich alles wie aus zweiter Hand an. Manche Szenen zeigen die extreme Beleuchtung eines Dario Argento (‚Suspiria‘), Refns L.A. hat dieselbe abstrahierte, verstörende Qualität wie bei David Lynch (‚Mulholland Drive‘) oder Cronenberg (‚Maps to the Stars‘) und das Gemisch aus Sexualität und Gewalt erinnert frappierend an frühe Brian DePalma Werke, wie ‚Ms. 45′. Das ist also alles auf durchweg hohem Niveau, begeht nur den Kardinalsfehler mich andauernd an Filme zu erinnern, die ich lieber schauen würde.

Ähnliches gilt für Cliff Martinez‘ elektronischen Soundtrack, der irgendwo zwischen Giorgio Moroder, Tangerine Dream und Kraftwerk zu verorten ist. Gelegentlich scheint er aber Sorge zu haben mit den Bildern nicht mithalten zu können und schaltet auf eine aufdringliche, beinahe schon nervige Vordergründigkeit.

Es scheint klar, dass Refn mit alldem irgendwo hinwill. Und wenn er dann nach einer guten Stunde endlich den Gang auf wüstes Grand Guignol hochschaltet, sieht es für einen Moment so aus als würde er sich auf – zwar äußerst widerliches – aber dennoch zumindest überraschendes Terrain zubewegen. Doch dann lenkt er eilig um und wir finden uns auf Standard Horror Pfaden wieder. Eine weitere, nicht unbedingt positive Überraschung erwartete mich, als ich dachte der Film wäre vorbei. Er hatte noch fast 20 Minuten auf der Uhr, für einen weitgehend belanglosen Epilog, der aber immerhin den für mich größten Lacher in diesem sich selbst geradezu wahnwitzig ernst nehmenden Film enthielt.

Wer eine ganz ähnliche, aber besser erzählte Geschichte, allerdings im Hollywood Business, sehen möchte, dem kann ich nur ‚Starry Eyes‘ von 2014 empfehlen. Der folgt sogar einer ähnlichen Progression, doch wenn der zu seinem brutalen Ende kommt, fühlt sich das, im Gegensatz zu hier, aufgrund der bodenständigeren Inszenierung und den vorhandenen Charakteren wie ein echter Hieb in die Magengegend an. Der Film und seine großartige aber unbekannte Hauptdarstellerin Alex Essoe haben definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Demnächst mehr dazu an dieser Stelle.

Für ‚The Neon Demon‘ bleibe ich jedenfalls ein wenig perplex mit der Frage zurück, wie es gelingen kann einen Film voll fähiger Darsteller, schöner Menschen, Intrigen, okkulter Rituale, Kannibalismus und Nekrophilie derart langweilig zu machen. Denn ganz egal ob gewollte oder ungewollte Selbstparodie, wenigstens unterhaltsam sollte sie doch sein.

Zusammen mit ‚The Dressmaker‘ letzte Woche, waren das dann wohl die Modewochen bei der Filmlichtung… kommt für Filmbesprechungen, bleibt für ungeplante Pseudoaktionen! Nur hier!