Stan Lee und die Schwierigkeit der Neubesetzung

Nach langer Zeit geht es heute mal wieder um digitale Darsteller. Ja, ich gebe gern zu, das ist ein Thema, das mich vermutlich mehr beschäftigt als es sollte. Aber Film, also Realfilm im Gegensatz zu Animation, ist für mich die Interaktion zwischen Licht und echten Menschen. Menschen, Darstellern, die Entscheidungen im Moment treffen, die eine Textzeile anders interpretieren als erwartet, die mit einer Drehung ihres Kopfes mehr transportieren, als es der Text der Szene jemals könnte. Und das ist bevor wir über die moralischen Fragen hinter der CGI-Rekreierung verstorbener Darstellerinnen sprechen.

Es ist fraglich, inwieweit Comicautor Stan Lee sich selbst als „Darsteller“ hätte beschreiben mögen, allerdings ist fraglos, dass seine Cameo-Auftritte Marvel Filmen, auch wenn sie bei unterschiedlichen Studios erschienen, etwas Verbindendes gegeben haben. Und so erklärte Disneys Marvel Studios nach seinem Tod im November 2018 kategorisch, dass es keine weiteren Stan Lee Cameos mehr geben würde. Nun aber hat Marvel Studios von „Stan Lee Universe“, einer Marke kreiert von Genius Brands International und POW! Entertainment, zwei Firmen in die Lee und seine Nachkommen eng involviert sind, für 20 Jahre die Rechte an Lees Aussehen, Stimme und Unterschrift erworben. Mit dem Recht sie in TV- und Filmproduktionen, Themenpark“erlebnissen“ und auf Merchandise verwenden zu dürfen.

Das müsse nun nicht unbedingt bedeuten, dass Disney Lee digital „widerbeleben“ und als Cameo Figur in künftigen Filmen verwenden will, beeilten sich Experten zu versichern. Nein, natürlich bedeutet es das nicht zwangsläufig. Aber nun ist Disney auch nicht gerade berühmt dafür, Geld für Dinge auszugeben, mit denen sie nichts anfangen wollen. Sicherlich wird an die gigantische Marvel-Maschinerie nun ein kleiner Regler gesetzt, der mit „Stan Lee CGI“ beschriftet ist, und an dem in den nächsten Jahren sehr vorsichtig gedreht wird, bis exakt das Maß gefunden ist, das beim Publikum funktioniert. Denn so funktioniert die Maschinerie.

Es ist die Art von Nachricht, die perfekt maßgeschneidert ist, um mich zu ärgern. Aber nun versuche ich einmal einen Moment „objektiv“ zu betrachten, ob das wirklich moralisch verwerflich ist, oder ob das Problem nicht eher bei mir liegt. Nach allem was ich über Lee weiß, und das ist zugegeben nur sein öffentliches Bild, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass ihm selbst das gefallen würde. Der Mann war fraglos, wenn schon kein Darsteller, so sicherlich doch ein Selbstdarsteller. Jemand, dem Medienaufmerksamkeit gefallen hat. Manchmal sogar zum Schadens einer Kunst. So hat die Tatsache, dass er in Interviews nie der Behauptung widersprochen hat, der alleinige Erfinder allerlei ikonischer Charaktere zu sein, zum Bruch mit dem kongenialen Zeichner Jack Kirby geführt. Ich könnte mir also vorstellen, dass Lee die Idee gefällt, dass er Jahrzehnte nach seinem Tod an der Seite seiner Schöpfungen zu sehen sein wird. Aber ich weiß es natürlich nicht. Und fragen kann ihn weder ich, noch sonst irgendwer.

Für mich bekommt das Ganze aber einen furchtbar bitteren Beigeschmack, wenn man bedenkt, was in den letzten Monaten von Lees Leben, nach dem Tod seiner langjährigen Ehefrau Joan Boocock, geschehen ist. Da gab es mehrere Leute, die versucht haben versucht haben aus Lees Auftritten und seinem Bild Profit zu schlagen und ihn dafür auch physisch von seiner Familie abgesondert haben. „Elder abuse“ wie man das im Englischen nennt. „Skrupellose Geschäftsleute, Schmeichler und Opportunisten“ nannte Lee sie in einer Klage vom April 2018. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: soweit ich weiß sind Lees Nachkommen in dieser Entscheidung voll involviert und sie ist in ihrem Sinne. Nur fällt es mir schwer die recht eklige Geldschneiderei auf dem Rücken eines sterbenden Witwers gänzlich auszublenden.

Ich hätte kein Problem mit der Verwendung von einem Bild von Lee im Hintergrund. Oder auch von filmischem Archivmaterial. Aber eine CGI-Version von ihm widerstrebt mir, so sehr mir damals CGI-Tarkin in ‚Rogue One‘ widerstrebt hat. Ich finde es geschmacklos und fast schon makaber. Und das mag nicht unbedingt „objektiv“ sein, aber ich tue mich sehr schwer damit, mich hier von etwas anderem überzeugen zu lassen.

Womit wir bei Star Wars wären. Kathleen Kennedy, Präsidentin von Lucasfilm, hat nämlich etwas aus dem (relativen) Misserfolg von ‚SOLO – A Star Wars Story‘ gelernt. Nicht etwa, dass ein später Wechsel der Regisseure schwierig ist. Nicht, dass ein Skript, das als Komödie gedacht war, kaum mehr funktioniert, wenn man einfach die Pointen rausschneidet und es als dramatisch verkauft. Nein, ihre Lehre aus dem Film ist, dass es unmöglich sei, die Figuren aus den ikonischen, ursprünglichen Star Wars Filmen neu zu besetzen. Und ja, damit hat Lucasfilm Alden Ehrenreich, den neuen Solo-Darsteller, zum zweiten Mal den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Das erste Mal war, als groß verkündet wurde, er bräuchte Schauspielunterricht. Das muss wohl so eine Art Rekord sein. Das wird besonders augenfällig, wenn man bedenkt, dass die Kenobi Serie bereits in den Startlöchern steckt. Soweit ich weiß, immer noch mit Ewan McGregor. Ist  der der einzige fähige moderne Darsteller, oder tritt man die doch noch einmal komplett in die Tonne und ersetzt ihn durch CGI Alec Guinness?

Aber was können wir aus Kennedys Aussage für die Zukunft folgern? Das man nun endlich mit der Nostalgie für die alten Filme durch ist und etwas komplett Neues versuchen will, da es ja einfach keine Darsteller (mit Ausnahme McGregors) gibt, die den alten das Wasser reichen können? Das wäre die positive Interpretation. Und die sehe ich hier nicht gegeben. Nein, ich fürchte eher, man wird eben ‚Rogue One‘ zum Vorbild nehmen. CGI-Leia und CGI-Tarkin sind die Zukunft. Die ikonischen Darsteller werden auf ewig die ikonischen Darsteller bleiben. Ikonen im wahrsten Sinne des Wortes. Unveränderlich für die Ewigkeit. Da passt Stan Lee doch in die Reihe.

Oh brave new world, that has such computeranimations in’t!

Newslichter Ausgabe 41: Rami Malek, Stan Lee und Disney

Einen schönen Tag der Arbeit und willkommen bei Ausgabe 41 des Newslichters. Falls Ihr dank Feiertag heute etwas mehr News braucht, lest auch das Newslichter Special vom letzten Samstag, in dem es um Lionsgates ‚Chaos Walking‘ und Blockbusterängste der Studios an sich geht. Bei der heutigen Ausgabe wäre es natürlich annähernd kriminell Endgame nicht zu erwähnen. Erledigen wir das also gleich. Endgame. Endgame, Endgame, Endgame. Endgame. So, das sollte reichen. Nun können wir uns in Ruhe den eigentlichen News zuwenden, die sich mit inzwischen bekannten Themen beschäftigen. Bond, Disney/Fox Übernahme und den Oscars. Legen wir also los.

 

Keine Regeländerung bezüglich Streaming-Filmen bei den Oscars

https://www.hollywoodreporter.com/race/academy-board-does-not-pass-new-rule-targeting-netflix-1204295

Beim Treffen des 54-köpfigen „board of governors“ der Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat es keine Regeländerungen für Streaming-Filme bei der Oscar-Verleihung gegeben. Einer der „governors“, Steven Spielberg nämlich, hatte nach der letzten Verleihung angekündigt, dass er eine solche Regeländerung, die im Extremfall die Teilnahme von Streaming-Filmen (allen voran von Netflix) verbieten würde, auf die Tagesordnung bringen würde. Dafür gab es zumeist negative Reaktionen von Filmemachern, Zuschauern und zuletzt auch von den amerikanischen Kartellwächtern. Das Ausbleiben einer solchen Änderung ist folglich keine allzu große Überraschung. Die Tatsache, dass ein gutes Dutzend der „governors“ bereits mit Netflix zusammenarbeitet, dürfte ebenfalls einen Teil beigetragen haben. Einige Regeländerungen gab es jedoch trotzdem. So ist es nun nicht mehr nötig, dass in dem Jahr mindestens 8 wählbare Animationsfilme erschienen sind, damit es überhaupt eine Verleihung des Oscars für den besten Animationsfilm gibt. Und der „beste fremdsprachige Film“ wird umbenannt in „bester internationaler Film“, als bessere Reflexion des globalen Ansatzes des Filmemachens. Das klingt beides nach sinnvollen Änderungen.

 

Rami Malek als Schurke in ‚Bond 25‘

http://beta.blickpunktfilm.de/details/439621

Einen Titel hat der oft verschobene 25ste Bondfilm immer noch nicht, aber immerhin einen Schurken, in Form von Rami Malek. Madeleine Seydoux wird als Dr. Swann zurückkehren und Jeffrey Wright als Felix Leiter. Natürlich gab es bereits reichlich Spekulation darüber, ob und wenn ja welchen bekannten Bondschurken Malek verkörpern würde. Die Spekulation schien dabei sehr stark in Richtung Dr. No zu gehen. Ich hätte vermutlich einen besseren Vorschlag. Wie wär‘s mit dem Beißer. Da könnte Malek auch gleich die Zahnprothese aus ‚Bohemian Rhapsody‘ noch einmal verwenden.

 

Disney nimmt weitere Fox Produktionen aus dem Programm

https://www.hollywoodreporter.com/news/multiple-fox-films-getting-axed-at-disney-1204252

Der brutale Frühjahrsputz nach der Übernahme von Fox durch Disney geht weiter. Jeder einzelne Film muss sich vor Alan Horn, dem Disney Studiochef, rechtfertigen. Wie letzte Woche berichtet sucht die ‚Mouse Guard‘ nach einem neuen Studio-Zuhause. ‚News oft he World‘ mit Tom Hanks in der Hauptrolle hat bereits eines gefunden, bei Universal. Auch die nächste Verfilmung eines Buches von Angie Thomas, ‚On The Come Up‘, ist bei Paramount gelandet. Disney hatte vermutlich kein Interesse, weil die letzte Thomas-Verfilmung ‚The Hate U Give‘ zwar international hervorragende Kritiken bekam, Fox am Ende aber zwischen 30 und 40 Millionen Dollar kostete. Tatsächlich scheint die Divison „Fox 2000“, die Disney bereits geschlossen hat und die bei Fox für kleinere, „speziellere“ Produktionen zuständig war, das Hauptziel der beendeten Produktionen zu sein. So auch bei ‚Fruit Loops‘ einer Dramödie in einer psychiatrischen Anstalt mit Woody Harrelson in der Hauptrolle, die noch kein neues Studio gefunden hat. Das bestätigt ein wenig die schlimmsten Befürchtungen in Bezug auf die Übernahme. Dsiney scheint wenig Interesse an kleineren Filmen mitzubringen und sich voll auf die Blockbuster zu konzentrieren. So sind das ‚Kingsman‘ Prequel, die ‚Avatar‘ Sequels, oder auch ‚Tod auf dem Nil‘, Fortsetzung des erfolgreichen ‚Mord im Orientexpress‘ allesamt vor der Mäuseaxt sicher. Ein Prüfstein könnte Steven Spielbergs ‚Westside Story‘ Remake werden. Da ist zwar nichts von einer Einstellung des Projekts zu hören, allerdings lässt Spielberg in seinem Film Charaktere rauchen. Etwas, was die Disney Firmenpolitik nicht zulässt. Alan Horn sagte dazu: „Das Publikum eines Disney Films weiß nicht was es zu sehen bekommt, aber es weiß, was es nicht zu sehen bekommt.“ Und äußerte Bedenken über mögliche Beschwerden im Zusammenhang mit den Glimmstängeln. Womöglich findet sich Spielberg, nach der Oscar/Netflix Debatte, bald wieder in einer öffentlichen Diskussion wieder, diesmal vermutlich in einer, in der er mehr Zuspruch erfährt.

 

Neue Verfilmung von Kings ‚Brennen muss Salem‘

https://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/james-wan-gary-dauberman-tackling-stephen-kings-salems-lot-1204201

Der Erfolg des ersten Kapitels von ‚ES‘ hat die Liebesaffäre von Hollywood mit dem Werk des überaus produktiven Horrorautors Stephen King wohl endgültig neu angeheizt. Mit Salem’s Lot‘/‘Brennen muss Salem‘ steht nun nach ‚Pet Sematary‘ eine weitere Neuverfilmung auf dem Programm. Verantwortlich zeichnet das überaus erfolgreiche ‚Conjuring‘ Duo James Wan und Gary Dauberman. Ich muss zugeben, dass mich die ‚Conjuring‘ Filme nie sonderlich begeistert haben und das ich die originale Miniserie basierend auf dem Buch von Tobe Hooper sehr mag, daher bin ich ein wenig skeptisch. Dennoch sehe ich ein, warum ein Remake hier eine gute Idee ist und warum man sich auf ein derartig erfolgreiches Gespann verlässt. Und wer weiß, vielleicht überzeugen sie mit diesem Film endlich auch mich.

 

Russo Brüder drehen Stan Lee Dokumentarfilm

https://www.cinemablend.com/news/2470768/the-russo-brothers-are-developing-a-stan-lee-documentary

Das nächste Projekt der Russo Brüder, nach der Mammutaufgabe von ‚Avengers: Endgame‘ (verflixt, jetzt habe ich ihn doch legitim erwähnt…) wird ein kleineres, aber dennoch verwandtes werden. Eine Dokumentation über Stan Lees Arbeit bei Marvel. Der kürzlich verstorbene Lee hat in den letzten Jahrzehnten nie erwartete Bekanntheit durch seine Cameo Auftritte in praktisch allen Marvel-Verfilmungen (und gelegentlich in Videospielen) erhalten. Eine ehrliche Dokumentation über Lees Arbeit und Marvel Comics im Allgemeinen könnte höchstinteressant sein. Fraglich ist jedoch, wie geschönt eine Disney-produzierte Version werden würde. Wer eine völlig ungefilterte Version lesen möchte, dem sei das Buch „Marvel Comics: The Untold Story“ von Sean Howe ans Herz gelegt. Nur so viel, bei Marvel wurde es zeitweilig recht wild. Bis hin zu Redakteuren, die auf Weihnachtsfeiern in effigie verbrannt wurden…

 

Das war es auch schon wieder für diese Woche. Doch heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Sorge. So, mit diesem schmerzhaft verhunzten Reim verabschiede ich mich bis nächste Woche.