‚Run‘ (2020)

Aneesh Chaganty konnte mich mit seinem Thriller ‚Searching‘, einem dieser Filme die (fast) ausschließlich auf Monitoren spielen, weitgehend überzeugen. Für seinen Nachfolger gibt er diese neuartige Form nun auf und geht gar auf ganz klassisches Thriller-Territorium zurück. Auf minimales Thriller-Territorium, für einen gelungenen zwei Personen Film um eine Mutter-Tochter Beziehung. Wer den Film völlig unvoreingenommen sehen will, sollte jetzt aufhören zu lesen, weil so ein Film ja immer auch von seinen Wendungen lebt. Ich werde mich aber bemühen nichts zu verraten, was über den Trailer hinausgeht.

Diane Shermans (Sarah Paulson) Tochter Chloe war eine Frühgeburt und ihre Überlebenschancen standen nicht gut. 17 Jahre später muss Chloe (Kiera Allen) jeden Tag einen Haufen Tabletten schlucken, für ihre Herz-Arrhythmie und  Hämochromatose. Sie leidet unter Asthma und benutzt einen Rollstuhl. Doch Diane hat ihr abgelegenes Haus voll auf ihre Bedürfnisse eingestellt und kümmert sich vorsorglich um sie, unterrichtet sie sogar zuhause. Freunde hat Chloe, außer ihrer Mutter, keine, doch das wird sich gewiss bald ändern, wenn sie eine Universität besucht. Zu ihrer Überraschung und Enttäuschung hat die technisch extrem begabte, junge Frau aber bislang keinerlei Antworten auf ihre Bewerbungen erhalten. Eines Tages sorgt eine zufällige Entdeckung in einer Einkaufstasche dafür, dass Chloe beginnt die Beziehung zu ihrer Mutter mehr und mehr in Frage zu stellen.

Möglicherweise genügt diese Beschreibung schon, damit Ihr ein Bild eines gewissen anderen Filmes vor Eurem inneren Auge habt. Und ‚Run‘ selbst ist sich dieser Verwandtschaft durchaus bewusst, bekommt doch ein Nebencharakter den Namen „Kathy Bates“ verpasst. Dennoch haben wir es hier ganz und gar nicht mit einem müden Abklatsch von ‚Misery‘ zu tun. Zu grundlegend anders ist die Ausgangssituation der Mutter-Tochter Beziehung, zu anders das Chloe von Geburt an beigebrachte Abhängigkeitsverhältnis.

Chaganty inszeniert seinen Film äußerst minimal und effizient. Er gibt als sein Vorbild hier Alfred Hitchcock an, an dass er, vielleicht nicht überraschend, nicht wirklich heranreicht, doch er schlägt sich insgesamt sehr gut. Jede neue Einstellung, jeder Dialog vermittelt uns neue Information. Jedes neue Hindernis wirkt aus Chloes Warte zunächst einmal unüberwindlich, doch umso befriedigender ist es, wenn sie ihre aufgezwungene Hilflosigkeit mit ihrer durchaus erheblichen Kompetenz überwindet.

Dabei hat der Film, wie die meisten Thriller, auch seine eher unglaubwürdigen Momente. Aber immerhin sind das unglaubwürdige Momente, wie man sie nicht schon tausendmal gesehen hat. Wenn etwa Chloe eine zufällige Nummer anruft und den Mann am anderen Ende der Leitung (der sich gerade mitten in einem Streit mit seiner Frau befindet) bittet etwas für sie zu googeln und der tut es tatsächlich, dann finde ich das wenigstens mal fragwürdig. Aber es reißt mich nicht unbedingt aus dem Film.

Das liegt daran, wie gut dem Film der Spannungsaufbau gelingt. Bereits in den ersten 20 Minuten ist eine Szene, so gruselig, dass sie auch jedem Horrorfilm gut gestanden hätte. Und Chaganty nimmt sogar in Kauf, dass manche Zuschauer das gruselige Element übersehen, anstatt es überdeutlich zu machen. Und auch über den Rest des Films fand ich meinen Hintern oft genug an der Sofakante, was für einen Thriller ein ziemlich gutes Zeichen ist.

Aber bei einem Film, in dem über 90% der Dialoge zwischen zwei Charakteren stattfinden, sind natürlich die Darsteller von extrem erhöhter Bedeutung. Sarah Paulson habe ich über die Jahre in allerlei Nebenrollen gesehen, wo ich sie immer mindestens sehr gut fand. Hier in dieser Hauptrolle als Mutter Diane kann sie jedoch glänzen wie selten zuvor. Ihr Charakter ist erbärmlich, gruselig, erschreckend überzeugend, mit einem bis ins Groteske übersteigerten Selbstgerechtigkeitsgefühl, mörderisch und irgendwo auch tragisch. Sie kann all das ohne viele Worte transportieren. Sie hat eine dieser magnetischen Leinwand/Bildschirmpräsenzen, von der man den Blick nicht abwenden kann, selbst wenn man gern würde. Während Paulson also grandios ist, ist die wirkliche Entdeckung des Films vermutlich Kiera Allen. Sie benutzt auch im wirklichen Leben einen Rollstuhl, weswegen sie allerlei kleine Tricks mit dem Gerät beherrscht und schlicht sehr geschickt im Umgang damit ist. Nichts was direkt ins Auge springt, aber es macht die Rolle erheblich glaubwürdiger. Ihre wirkliche Stärke ist aber ihr offenes Gesicht, dem man problemlos abkauft, dass das Schlimmste, was diese junge Frau je gemacht hat ist, etwas Schokolade aus der Tasche ihrer Mutter zu mopsen. Doch der  man auch glaubt, wenn sie mit einer wahrhaft aussichtslosen Situation konfrontiert wird, einen eisernen Willen und erhebliche Stärke in sich zu finden.

‚Run‘ ist ein gelungener Thriller äußerst klassischer Bauart. Hier wird nicht unbedingt das Rad neu erfunden, aber das vorhandene Rad dreht eben derart rund, dass es eine Freude ist. Und eine schicke, neue Radkappe ist auch drauf, um diese Metapher das entscheidende Stück zu weit zu führen. Die Covid-19 Pandemie hat leider eine Kinoauswertung verhindert, aber das ist ein Film der, denke ich wenigstens, auch im Heimkino seine volle Wirkung entfalten kann. Empfehlung von mir!

Völlig vom Thema gelöstes PS: dank des Titels des Films habe ich jetzt einen Ohrwurm von diesem 80er Jahre-Banger! Wenn mir jemand erklären könnte, warum das kein größerer Hit geworden ist, wär ich interessiert.

‚Wind River‘ (2017)

Taylor Sheridan (manchen vielleicht noch als Darsteller von Gauner Danny Boyd in ‚Veronica Mars‘ bekannt), hat eine durchaus beeindruckende Karriere als Drehbuchautor hingelegt. Denis Villeneuves ‚Sicario‘ hat er geschrieben und ‚Hell or High Water‘, inszeniert von David Mackenzie. Mit ‚Wind River‘ legte er jetzt nicht nur als Autor den dritten Teil seiner losen „the modern-day American frontier“ Trilogie vor, sondern übernahm auch die Regie. Sein Regie-Debüt ist es nicht, das war ein Low Budget Horrorfilm namens ‚Vile‘ von 2011, den Sheridan aber offenbar lieber vergessen würde. Mit den Mitteln des Neowesterns untersucht Sheridan nicht nur die physischen, sondern auch die gesellschaftlichen Grenzgebiete der USA. Statt der Wüste ist nun aber die bittere Kälte des Shoshone/Arapaho Reservates „Wind River“ in Wyoming der Schauplatz. Doch wieder ist ein zentrales Verbrechen der Aufhänger für einen tieferen Bick auf eine Gemeinde, ihren Ort in der Gesellschaft und wie ein Wohnort und seine Umstände Menschen formen.

Cory Lambert (Jeremy Renner) arbeitet für den U.S. Fish and Wildlife Service als Wildhüter und Jäger um und auf dem Wind River Reservat. Vor ein paar Jahren zerbrach seine Ehe zu Arapho-Frau Wilma, als ihre 16jährige Tochter Emily ermordet wurde. Nun findet er, weitab von jeglicher Zivilisation, die Leiche Emilys bester Freundin Natalie (Kelsey Chow). Da die Leiche auf Reservatsgebiet gefunden wurde ist die Stammespolizei zuständig. Die darf in einer Mordsache aber nur unter Leitung des FBI aktiv werden. Hierzu wird die entschlossene aber auf die Situation völlig unvorbereitete Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) nach Wyoming geschickt. Bald sieht sie sich mit der Situation konfrontiert, dass einerseits die Bürokratie in keiner Weise daran interessiert ist die Einwohner des Reservats zu schützen, die ihr, andererseits, genau deswegen nicht vertrauen. Sie bittet Cory um Hilfe. Dieser hat inzwischen Natalies Eltern versprochen „auf seine Weise“ für Gerechtigkeit zu sorgen. Doch die ist in Wind River schwer zu finden.

Betrachtet man den Film als reines „whodunnit“, stellt einzig die Frage in die den Mittelpunkt, wer für Natalies Tod verantwortlich ist und wie dies aufgeklärt wird, dann ist es eine recht simple Geschichte. Doch ist der „Fall“ hier tatsächlich nur der Aufhänger. Von Anfang an heult der Wind fast ununterbrochen in unterschiedlichen Stufen der Gewalt. Jane erfährt, die Leichte ist 8 km entfernt, doch so wie sie gekleidet ist, wäre sie tot, bevor sie ankommen. Abgesehen davon, dass man eh die zehnfache Strecke fahren müsse um dort anzukommen. Die Stimmung ist rau, es ist ein hartes Land auf dem wir uns hier befinden, ein Land mit eigenen Regeln. Ein Land, so kristallisiert sich langsam heraus, auf dem vermutlich niemand leben sollte, auf dem man vielleicht gar nicht wirklich leben kann, auf dem es nichts außer Schnee und Stille gibt. Und doch sind Leute gezwungen dort zu wohnen und Stille und Schnee ist alles was sie haben.

Cory Lambert hat gelernt hier zu leben, auch wenn er es wohl nicht müsste. Und das Land war auch hart zu ihm. Er hat den Tod seiner Tochter verarbeitet, oder gibt dies wenigstens vor. Denn wenn man hier an etwas zerbricht, dann steht man vermutlich niemals wieder auf. Das quasi ständige Heulen des Windes wird noch verstärkt durch einen wunderbar merkwürdigen Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis. Zurückgenommene Musik, gelegentlicher, leiser Gesang, aber was dominiert ist eine Art Wehklagen, das aus dem Land selbst zu kommen scheint.

Sheridan inszeniert genau wie er schreibt, mit einer gewissen Distanz, aber einer tiefen Menschlichkeit hinter fast allem was er zeigt. Das zeigt sich am ehesten in Hauptcharakter Cory. Jeremy Renner ist ein Darsteller den man (also ich) gerne unterschätzt. Inzwischen denke ich er ist jemand, der nur richtig besetzt sein will. Besetzt man ihn falsch, ist er kaum zu sehen, geht im Film quasi unter. Hier hingegen ist er perfekt besetzt. Ein auffälligerer Darsteller hätte aus dem stets alles besser wissenden und könnenden, stets Cowboyhut tragenden Cory vermutlich leicht eine Marlboro-Mann-Karikatur machen können, doch Renner schafft es zu vermitteln, dass es hinter seinem stoischen Gesicht arbeitet, kocht und brodelt und wütet, stets am Rande der puren Verzweiflung. Olsen wird vom Film leider weit weniger gegeben, woran sie sich abarbeiten könnte. Sie ist die Außenseiterin, die keine Ahnung hat, wie irgendwas funktioniert. Sie ist unser Zugang als Zuschauer in eine Welt, die wir auch nicht unbedingt verstehen. Leider darf sie den ganzen Film, auch nachdem wir Zugang gefunden haben, nie mehr sein als das.

Damit kommen wir zum, aus meiner Sicht, großen Kritikpunkt des Films. Sheridan will hier ganz offensichtlich die Geschichte von Indianerinnen erzählen, eine zu recht empörte Titelkarte merkt gar an, dass über deren Verschwinden in den USA nicht einmal eine Statistik geführt wird. Aber warum erzählt er dann nicht ihre Geschichte, sondern die von Cory und Jane Banner? Der einzige Moment, den wir aus der Perspektive Natalies erleben ist eine Rückblende zu dem scheußlichen Verbrechen an ihr. Gut, ich will mich gar nicht naiv stellen, die Antwort auf die Frage ist offensichtlich. Weil man einen Film mit zwei MCU-Stars in den Hauptrollen finanziert bekommt, den anderen Film eher nicht. Ich will hier auch gar nicht über den Film spekulieren, der sein könnte, der Film der da ist, ist nämlich durchaus sehr gelungen, es ist nur eine merkwürdige Dissonanz, die ich weder übersehen noch unerwähnt lassen konnte.

Sheridan macht Filme, wie sie derzeit in den USA kaum ein anderer macht. Es ist clever mit den Mitteln des Westerns, dem amerikanischen Genre schlechthin (auch wenn es die Italiener besser können…), einen Finger auf die schmerzenden, aktuellen Ungerechtigkeiten einer allzu selbstbewussten Nation zu legen. Von den drei Filmen seiner losen Trilogie fand ich ‚Wind River‘ vermutlich den schwächsten. Das soll nicht heißen, ich fand ihn schlecht! Ich hatte nur mit der oben erwähnten Dissonanz meine Probleme und dann war mir der dritte Akt ehrlich gesagt ein bisschen zu „over the top“, ein wenig zu dick aufgetragen. Sicher, es ist unfair einen unerfahrenen Regisseur direkt mit Denis Villeneuve zu vergleichen, aber es sagt vermutlich einiges aus, dass er zwar etwas schwächer abschneidet, dem Vergleich aber durchaus standhalten kann.

Letztendlich empfehle ich den Film durchaus. Erwartet bloß keinen Spaß, erwartet bittere Kälte, die Euch, ganz unabhängig von Außentemperaturen, in Mark und Bein fahren wird.

PS: haha, das Thumbnail des Trailers tut Renner keinen Gefallen, oder? Das ist ein Gesichtsausdruck, den ich als „träge Überraschung eines Mannes, der gerade gehört hat, dass am Catering-Buffet schon alle Mettbrötchen verspachtelt wurden“ beschreiben würde…

‚Bad Times At The El Royale‘ (2018)

Im Folgenden ziehe ich einen Echtwelt-Vergleich zwischen einer historischen Person und einem Charakter des Films, der in sich selbst einen ordentlichen Spoiler für den dritten Akt darstellt. Ich warne nochmal im Text an entsprechender Stelle und markiere auch das Ende des Spoilers. Allerdings ist meine Meinung ohne den Spoiler vermutlich kaum nachzuvollziehen.

Drew Goddard ist vor allem für ‚Cabin In The Woods‘ bekannt. Sein liebevoll-satirisches Zurschaustellen von Horror-Klischees. Nicht zuletzt deswegen wollen viele in ‚Bad Times At The El Royale‘ eine Dekonstruktion des Neo Noir Thrillers sehen. Ich muss zugeben ich sehe das nicht. Ich sehe hier einen erzählerisch wenigstens teilweise ambitionierten Vertreter des Genres, aber keine Dekonstruktion. Dafür ist „Neo Noir“ als Genre vielleicht auch, wie passend, zu nebulös. Goddard bedient sich hier ganz offensichtlich der Ästhetik Quentin Tarantinos, jedoch um eine Geschichte zu erzählen, die in ihrem Kern womöglich eher David Lynch nahesteht. Tarantinos Ästhetik zu nutzen ohne sie exakt zu kopieren ist nicht ganz einfach, wie zahllose, meist vergessen Versuche aus den 90ern zeigen. Denn Tarantino selbst ist vor allem ein Meister der Collage. Er nimmt bestehende popkulturelle Versatzstücke und verpasst ihnen einen ganz eigenen Spin. Goddard gelingt es hier jedoch beinahe. Nicht die Ästhetik ist am Ende das Problem, sondern die Erzählung, der im dritten Akt vollständig die Puste ausgeht. Aber von Anfang an.

1969. Das Motel ‚El Royale‘ liegt genau auf der Grenze der US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada. Auf der einen Seite besteht eine Schanklizenz auf der anderen darf Glückspiel betrieben werden. Einige Jahre zuvor war das ‚El Royale‘ einer der Szeneorte schlechthin. Nun scheint es jedoch kaum mehr auf Gäste eingestellt. Doch Gäste kommen. Staubsauger-Vertreter Seymour „Laramie“ Sullivan (Jon Hamm) ist der erste, wie er jeden wissen lässt und er will, obwohl allein, die Honeymoon-Suite beziehen. Dann sind da der alternde katholische Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo). Und zuletzt eine junge Frau im Hippie-Outfit (Dakota Johnson), die sich als „FUCK YOU“ ins Gästebuch einträgt. Alsbald stellt sich heraus, dass keiner der Gäste das ist was sie oder er vorgibt (oder in Johnsons Charakters Fall, gar nicht erst versucht vorzugeben). Doch auch das Motel selbst verbirgt hinter seiner 60er Fassade aus Perlenvorhängen, Wurlitzer Jukeboxen und Feuerschalen jede Menge ziemlich dreckige Geheimnisse. Vielleicht also kein Wunder, dass der einzige Mitarbeiter Miles Miller (Lewis Pullman) gerade Vater Flynn gern ein anderes Hotel empfehlen würde…

Die Ästhetik ist die Tarantinos, der Tenor des anfänglichen Films aber definitiv Lynch. Hinter einer romantischen Fassade nostalgischer Americana verbergen sich reihenweise Abgründe. Hier vor allem in Form von Überwachungsgerät und Geheimgängen. Die Paranoia sitzt tief in diesem merkwürdigen Hotel mitten auf einer bedeutungslosen Linie. Da wundert es kaum, das auf dem Fernseher in der Lobby mal Berichte über lokale Morde zu sehen sind und dann Lügen vom Abhörexperten Richard Nixon.

Die eigentlich bedeutungslose Bundesstaatengrenze, im Gegensatz zu fast allem anderen in diesem labyrinthinen Bau schnurgerade, wird zum Sinnbild für moralische Entscheidungen der Charaktere. Manch einer tut sich schwer einen Fuß darüber zu setzen, andere überqueren sie ohne sie auch nur zu beachten. Andere balancieren sorgfältig auf ihr dahin. Goddard deutet so geschickt charakterliche Tiefe an, auch wenn der Film in dieser Hinsicht nicht wirklich abliefert.

Die Dialoge sind clever, wenn auch oft genug nicht ganz so clever wie sie selbst glauben. Macht aber nix, mindestens Erivo und Bridges lassen das was da ist im bestmöglichen Hochglanz erscheinen. Johnson ist ebenfalls gut und Hamm voll in seinem Element. Der Film erzählt oft mehrfach dieselbe Situation aus anderen Blickwinkeln. Das, gemeinsam mit oft schnellen Schnitten auf ebenso überraschende wie heftige Gewalt, lassen den Film mit ordentlich Verve ablaufen. Die Fragen, die man vielleicht als Zuschauer hat werden durch Schwung und sehr gute und vor allem hervorragend aufgelegte Darsteller direkt wieder überspielt und ich zumindest fühlte mich gut unterhalten und war ernsthaft gespannt, wie sich die Handlungsknoten auflösen würden.

SPOILER!!! Und dann folgt der dritte Akt. Hier latscht Chris Hemsworth als Charles Manson Verschnitt Billy Lee in den Film und sämtliche Handlung kommt zu einem absolut knirschenden Stillstand. Gefühlt ewig lange verfolgen wir nun die Billy Lee Show. Und wo bislang jeder Charakter irgendeinen interessanten Kniff hatte ist Billy Lee mit „Charles Manson“ bereits vollständig umschrieben. Dazu kommt das Hemsworth in der Rolle nicht wirklich gut ist. Ich bezweifle sie wäre mit einem besser besetzten Darsteller zu retten gewesen, aber hier geht sie schlicht gründlich schief. Es scheint fast, als wollte Goddard, das wir als Zuschauer uns vom „charismatischen“ (ich meine, er hat fesche Bauchmuskeln) Lee verführt fühlen, aber allzu offensichtlich ist was er ist. Zu vordergründig und offensichtlich Hemsworths Spiel. Sogar die Charaktere im Film durchschauen Lees leere, narzisstische Vorstellung. Aber dennoch sitzen wir hier und sehen sie uns an. Und zwischendurch mal auf die Uhr.

Blöd übrigens für Goddard, dass das ästhetische Vorbild Tarantino kurz darauf in ‚Once Upon a Time in Hollywood‘ mit der Situation weitaus eleganter umgeht, indem er seinen Manson zur absoluten Randfigur degradierte. SPOILER ENDE!

 Wie auch immer, für mich war der Film ab hier nichtmehr zu retten. Wo er vorher gezeigt hatte, das eine ästhetische Anlehnung an Tarantino nicht zwangsläufig Abklatsch bedeutet, wünscht man sich hier fast er wäre etwas mehr Tarantino abgeschaut. Das ist ein Ende so schlecht, dass es für mich tatsächlich ruiniert was vorher kam. Auch ganz von Billy Lee abgesehen frage ich mich ob das Drehbuch für den letzten Abschnitt nicht noch wenigstens einer dringenden Überarbeitung bedurft hätte. Uns fünf Minuten vor Schluss noch einen Charakter in ausführlicher Rückblende vorzustellen ist immerhin mindestens ungewöhnlich.

Meine Reaktion auf den dritten Akt scheint, im Vergleich mit anderen Besprechungen, außergewöhnlich negativ, aber ich war ernsthaft enttäuscht darüber, was hier an Potential verschleudert wurde. Empfehlen kann ich den Film offensichtlich nicht, aber macht Euch gern ein eigenes Bild (und falls Ihr das schon habt, widersprecht mir in den Kommentaren), letztlich ist genug Gutes vorhanden, dass man seine zwei Stunden und zwanzig Minuten (viel zu lang, übrigens!) sicher nicht vollständig verschwendet. Und ich gebe offen zu, ich musste auch erst davon überzeugt werden, dass ‚Cabin In The Woods‘ mehr ist als ein „Wo ist Freddy?“-Wimmelbildchen.

‚Spurlos – Die Entführung der Alice Creed‘ (2009)

Das ist ein Film, von dem ich, da bin ich ziemlich sicher, zum ersten Mal auf dem alten Blog von ma-go gelesen habe. Kurz darauf habe ich die BluRay käuflich erworben, auf einem Flohmarkt. Das war in Zeiten lange bevor jemand wusste, was Covid ist. Der Verkäufer hat einen derart aggressiven Sticker als Preis benutzt, dass er auch mit Lösungsmittel nicht restlos zu entfernen war. Nichts davon interessiert Euch, liebe Leser, ich weiß. Aber es ist nötige Information, denn der Film hat lange auf meinem „zu sehen“ Stapel gelegen. Sehr lange. Erstaunlich lange. Und der Grund dafür ist ausnahmsweise einmal offensichtlich. Auf der Rückseite der Bluraypackung sind einige Pressezitate, wie toll der Film sei. Und dann im selben Format ein Satz, der nicht als Zitat gekennzeichnet ist. Es ist der vermutlich furchtbarste Satz, den ich je auf einer professionellen Packung gelesen habe: „Bond-Girl Gemma Arterton beweist, wie sexy ein verängstigtes Opfer sein kann.“ Öha. Das ist die Art von Satz, die ich eher in ziemlich verstörenden Prozessakten erwarten würde. Der Satz wird noch weitaus übler, nachdem man den Film gesehen hat und wie zutiefst und gewollt unangenehm gerade die frühen Szenen, die Artertons Charakter als „hilfloses Opfer“ zeigen sind. Viel weiter entfernt von „sexy“ geht eigentlich kaum. Aber gut, man soll ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen und einen Film nicht nach seltsamen Sätzen im Klappentext. Schauen wir uns also den Film selbst an.

Die Gauner Vic (Eddie Marsan) und Danny (Martin Compston) entführen Alice Creed (Gemma Arterton), um von ihrem vermögenden Vater ein erhebliches Lösegeld zu erpressen. Kontrollfanatiker Vic hat ein exaktes System ausgearbeitet, um weder Tochter noch Vater eine Möglichkeit zu geben, von der geplanten Geldübergabe abzuweichen. Selbstverständlich passieren dennoch allerlei unerwartete Dinge, aber diese hier weiter auszuführen, wäre dem Film gegenüber ungerecht, da er sehr von seinen Wendungen lebt.

Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kammerspiel. Etwa 90% der Handlung spielen sich in der Wohnung ab, in die Alice entführt wird. Dies zeigt Regisseur J Blakeson in ebenso nüchternen wie schonungslosen Bildern. Die distanziert „sachliche“ Erniedrigung die Alice über sich ergehen lassen muss ist dabei gelegentlich schwer erträglich.

Der Rest ist eine Art Meisterstück in Thriller-Suspense. Blakeson liefert große Wendungen in der Handlung allein dadurch, dass die Charaktere Dinge über sich verraten, die wir vorher nicht wussten. Ganz im Hitchcockschen Sinne ist das Ausmaß des Wissens der Charaktere und des Zuschauers nie gleich. Entweder wir wissen mehr als sie oder sie wissen mehr als wir, oder schlimmer noch, weder wir noch die anderen Charaktere wissen, was ein anderer Charakter weiß (oder wir wissen, dass er weiß, dass der andere weiß, dass…). Diese Unsicherheit schafft eine ständige Spannung.

Wie Alice und Danny verlassen wir für lange Zeit die Wohnung nicht, der einzige der ein- und ausgeht ist Vic, ein Kontrollfanatiker, der auf Kontrollverlusterst mit Aggression, dann Resignation reagiert. Ebenso wie Danny versucht man sein Verhalten bei jeder Rückkehr zu lesen, wächst die Paranoia darüber, was er draußen anstellt.

Aber auch zuweilen tief schwarzer Humor kommt im Film nicht ganz zu kurz. So lernen wir etwa, wie schwer es sein kann, eine Patronenhülse das Klo runterzuspülen und was eine mögliche Alternative dazu ist. Letzteres sogar zweimal.

Eine Geschichte mit derart vielen Wendungen erfordert natürlich auch einiges von den Darstellern, die ohnehin, in Ermangelung von Nebendarstellern oder Landschaftsaufnahmen, ohnehi die gesamte Zeit über im Mittelpunkt des Interesses stehen. Gemma Arterton hat hierbei fraglos die schwierigste Aufgabe. Ist sie doch den größten Teil des Films über an ein Bett gefesselt, wenn nicht geknebelt. Trotzdem zeigt sie ihre Alice als entschlossene junge Frau, die an der Situation nicht zerbricht. Sie bestand während der Dreharbeiten darauf auch in Drehpausen ans Bett gebunden zu sein, um in der Rolle zu bleiben. Marsan als „Profi“ Vic (wir lernen im Lauf des Films, dass er das auch zum ersten Mal macht) ist der vermutlich undurchsichtigste Charakter. Derjenige, den die Kamera am häufigsten verlässt. Marsan lässt ihn mysteriös und gefährlich erscheinen, gibt ihm aber auch eine Verletzlichkeit, die ihn nur noch bedrohlicher macht. Über Martin Compstons Danny kann ich am wenigsten sagen, weil er Angelpunkt der meisten Wendungen ist. Ich bin allerdings sicher, ich werde seine Darstellung mit dem vollständigen Wissen um seinen Charakter bei einer weiteren Ansicht komplett anders wahrnehmen.

‚Spurlos‘ ist exakt die Art von Film, über die sich viele (darunter ich) beklagen, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Der extrem reduzierte Thriller. Ein Kammerspiel, dass aus einer heruntergekommen Wohnung einen Dampfkochtopf der Verwicklungen macht, angereichert mit bestens aufgelegten Darstellern und einer gewissen Kompromisslosigkeit in seiner Darstellung. Wenn das für Euch interessant klingt, dann sei Euch der Film unbedingt ans Herz gelegt, ganz egal, was auf der Rückseite stehen mag.

PS: interessante Trivia, der britische Film scheint gleich zwei europäische Remakes inspiriert zu haben. Den niederländischen ‚Bloedlink‘ (ein nichtidealer Titel, wenn man ihn deutsch ausspricht…) und den deutschen ‚Kidnapping Stella‘. Ob beide exakte Remakes sind, weiß ich nicht, nur das beide den Namen Vic für einen der Gangster beibehalten.

PPS: der Originaltitel ‚The Disappearance of Alice Creed‘ ist übrigens besser als der deutsche.

‚Searching‘ (2018)

Manchmal hat ein Film eine gute Idee, scheitert aber an deren Umsetzung. Genau das ist meiner Meinung nach bei dem Film ‚Unfriended‘ von 2014 der Fall. Eine Geschichte um Cyberbullying und dessen dramatische Folgen, die sich ausschließlich auf einer Computeroberfläche in Videotelefonie und Chats abspielt klingt faszinierend. Scheiterte dann aber an unerträglichen Charakteren und Slasher-Mumpitz so öde, dass sich Jason Voorhees ausgeloggt hätte. Das hat aber bei weitem nicht jeder so gesehen und so machte der Film mit einer knappen Million Dollar Budget über 68 Millionen Gewinn. Als Erstlingsregisseur Aneesh Chaganty und Ko-Autor Sev Ohanian einige Zeit später bei ‚Unfriended‘-Produzent Timur Bekmambetow mit einer Idee für einen Kurzfilm, der nur auf den Desktops verschiedener Geräte spielen sollte auf der Matte standen, wollte der ihn nicht finanzieren. Stattdessen sollten sie, basierend auf dem ‚Unfriended‘ Erfolg, gleich einen ganzen Spielfilm daraus machen. Und, um das schon einmal vorweg zu nehmen, Chaganty hat es geschafft zu zeigen, dass ein solcher Film kein reines Gimmick sein muss. Indem Ohanian und er ein Drehbuch verfassten mit einer Geschichte und Charakteren, die auch bei konventioneller Erzählweise funktionieren würden.

David Kim (John Cho) macht sich Sorgen. Seine 16jährige Tochter Margot (Michelle La), die er nach dem tragisch frühen Tod seiner Frau allein erzieht, ist nach einer abendlichen Lerngruppe nicht nach Hause gekommen. Als er die Polizei informiert, wird die fähige, engagierte Detective Vick (Debra Messing) auf den Fall angesetzt. Diese bittet David Margots Freunde anzurufen und, anhand ihres Laptops, auch ihre Social Media-Kontakte zu befragen, während sie in der „wirklichen Welt“ ermittelt. Bei seinen Nachforschungen merkt David bald, dass er seine Tochter nicht so gut kennt wie er dachte. In der Schule hat sie keine Freunde. Den Klavierunterricht hat sie vor einem halben Jahr beendet, aber weiterhin jede Woche die 100 Dollar dafür eingesteckt. Vick ist bald überzeugt, dass das Mädchen von zu Hause fortgelaufen ist. Doch wie passt das mit der Tatsache zusammen, dass sie in der Nacht ihres Verschwindens mehrfach versucht hat ihren schlafenden Vater anzurufen?

Mehr über die Handlung zu verraten wäre unfair, lebt der Thriller doch von der Entdeckung neuer Tatsachen. Auffällig dabei ist, dass er für die ersten zwei Drittel seiner Handlung dabei sehr bodenständig bleibt, vor allem die familiäre Vater-Tochter Beziehung in den Vordergrund stellt und zumindest mich damit sehr an den gelungenen aber unbekannten ‚Lake Mungo‘ erinnert hat (wenn auch ohne die Horror-Elemente). Im letzten Akt ergeht sich die Handlung dann in einer ganzen Reihe von Twists, die der Grenze zum Albernen teilweise bedenklich nahe kommen, für mich aber den Rest des gelungenen Films nicht wirklich beschädigen.

Es ist interessant, wie nachvollziehbar sich die Desktop-Darstellung anfühlt. Sicherlich, es ist etwas unglaubwürdig, wie oft David seine Webcam laufen lässt, doch sein Multitasking, etwa Detective Vick bei ihrem ersten Anruf direkt zu googeln, wirkt absolut intuitiv. Und ist eine gelungene Möglichkeit dem Zuschauer sehr schnell Hintergrund zu vermitteln, ohne diesen krampfig in die Dialoge einbauen zu müssen. David als Home Office-Arbeiter kennt sich dabei durchaus am PC und im Netz aus, weiß etwa wie er an die Passwörter seiner Tochter kommen kann, aber ist auch genau an den Stellen ahnungslos, wo ich das von einem Mittvierziger erwarten würde („Was ist ein Tumblr?“).

Der Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Teenagern und ihren Eltern (hier noch verstärkt durch den Tod der Mutter) ist kein neues Thema für Film und sicher auch nicht für den Thriller, doch habe ich es bislang nicht so glaubhaft in die heutige Zeit geholt gesehen, wo die geheimen Gedanken der Tochter eben nicht mehr in einem versteckten Tagebuch gehütet,  sondern auf einer Streamingseite für jeden (außer dem Vater der davon nichts weiß) sichtbar sind. Dabei hält sich der Film mit dem Urteil über die moderne Online-Welt zurück. Er zeigt sie als quasi unentbehrlich, wenn er die Geschichte der Kims seit Margots Geburt anhand von Terminplanern, Emails und Videos nachzeichnet. Sie ist integrale Hilfe bei der Suche nach der Tochter, doch befeuern ihre negativen Seiten, zynische „Influencer“ und seelenloses Kommentariat, nach dem weiteren Bekanntwerden von Margots Verschwinden, durchaus die väterliche Paranoia.

Der Film wird sicherlich vor allem seiner Form wegen in Erinnerung bleiben. Allerdings lohnt es durchaus die schauspielerischen Leistungen zu erwähnen. Allen voran John Cho (am bekanntesten vielleicht als Sulu in den „Kelvin“-‚Star Trek‘ Filmen), der in seiner Rolle alles gibt, über die Form hinauswächst mit einer Leistung, die jede Behauptung der Film sei ein reines Gimmick von vornherein zum Schweigen bringen sollte. Er selbst hatte anfangs an der Machbarkeit des Films gezweifelt, ein Zweifel, den er in eine umso bessere Leistung gewandelt hat. Die relativ unbekannte Michelle La erfüllt die nicht unbedingt dankbare Aufgabe, ihre Margot innerhalb kurzer Videoschnipsel zu einem nachvollziehbaren, sympathischen aber dennoch mysteriösen Charakter zu machen erstaunlich gut. Etwas schwächer habe ich Debra Messing erlebt, die sich mit dem Schauspiel direkt in die Kamera nicht so recht wohlgefühlt zu haben scheint.

Diese Art von Film wird wohl eher nicht die Zukunft des Mediums sein, selbst ‚Searching‘ gibt seine strenge Form von „wir sehen was David auf seinem Gerät sieht“ zwischendurch auf, wenn wir Ausschnitte aus Live-Nachrichten sehen, in denen David selbst auftaucht. Aber nicht zuletzt weil ‚Searching‘ aus knapp 900.000 Dollar Budget über 75 Millionen Gewinn gemacht hat, werden wir wohl noch einige andere in dieser Form sehen. Ob ein veritables Genre daraus wird, a la Found Footage, das wird hingegen die Zukunft zeigen müssen. Sicher ist, dass diese Filme veralten werden, mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Kommunikation im Internet ändert. Also nicht gerade langsam. Aber zu diesem Moment in der Zeit fühlt sich ‚Searching‘ wie ein äußerst gelungener, kontemporärer Thriller an.

 

‚Nocturnal Animals‘ (2016)

Filmrezensionen für ein Blog zu schreiben sollte eigentlich ziemlich einfach sein. Man beschreibt doch schließlich nur kurz den Film, die eigenen Gedanken dazu und ordnet ihn ein wenig in die Filmgeschichte ein. Fertig. Die schwierigsten Filme, um darüber zu schreiben, sind für mich einerseits diejenigen, die mich begeistert haben und die mehr sind als die Summe ihrer Teile. Letztlich kann ich hier aber nur die Teile beschreiben und nicht die Alchemie ihrer Zusammenwirkung. Die müsst Ihr Leser mir dann halt glauben. Noch „schlimmer“ sind andererseits Filme wie dieser, die eigentlich in allen ihren Teilaspekten hervorragend sind, die mich aber dann irgendwie doch nicht vom Hocker reißen können. Ja, damit habe ich meine Bewertung schon ein wenig vorweggenommen, aber bitte lest weiter, bevor Ihr wütende Kommentare tippt oder gleich das Fenster schließt.

Susan Morrow (Amy Adams) leitet eine Kunstgallerie, obwohl sie der meisten Kunst dort distanziert und zynisch gegenübersteht. Abends fährt sie heim in ihren modernistischen Alptraum eines Hauses aus Glas, Beton und spiegelnden Flächen, der das gähnende Vakuum von einer Beziehung zwischen ihr und  Ehemann Hutton (Armie Hammer) umschließt. Da erhält sie völlig unerwartet das Manuskript eines Romans ihres Ex-Mannes Edward (Jake Gyllenhaal). Von nun an spielt der Film auf drei Ebenen. Erstens die „Gegenwart“, in der Susan das Manuskript liest und davon abgestoßen aber auch fasziniert ist. Zweitens Rückblenden zu ihrer Beziehung mit Edward. Und drittens dem Inhalt des Manuskripts selbst. Darin wird ein Mann namens Tony Hastings (ebenfalls Gyllenhaal) zusammen mit seiner Frau Laura (Isla Fisher) und Tochter India (Ellie Bamber) bei der Fahrt durch die texanische Wüste von drei Rednecks unter der Führung von Ray (Aaron Taylor Johnson) von der Straße abgedrängt. Tony wird verprügelt und in der Wüste ausgesetzt, Frau und Tochter von den dreien entführt. Gemeinsam mit dem Polizisten Bobby Andes (Michael Shannon) versucht Tony herauszufinden, was passiert ist.

Ich kenne den Roman ‚Tony & Susan‘ von Austin Wright, den Regisseur Tom Ford hier adaptiert hat, nicht, bin nach dem Film allerdings ein wenig neugierig. Denn im Film funktionieren gewisse Auslassungen, die im Roman vermutlich schwieriger werden. So bekommen wir keine Zeile von Edwards Prosa zu hören oder zu lesen, wir sehen sein Manuskript nur in der Umsetzung in Filmbilder. Und da stellt sich natürlich sofort die Frage, ob er selbst den Hauptcharakter wie sich selbst beschrieben hat, oder ob dieses „Casting“ von Leserin Susan vorgenommen wurde. Auffällig, dass die Ehefrau im Manuskriptteil nicht von Adams, sondern von Isla Fisher gespielt wird, die ihr allerdings sehr, sehr ähnlich sieht. Später geben die Rückblenden durchaus einige Hinweise darauf wessen Fantasie wir hier präsentiert bekommen. Ohne zu viel über die spätere Handlung zu verraten, ein Roman kann bestimmte Emotionen, die sein Autor zu einer bestimmten Zeit empfunden hat transportieren, ohne dass der Roman selbst dabei autobiografisch sein muss. Oder womöglich ist jeder Roman daher in gewisser Weise autobiografisch.

Überhaupt ist der Film am stärksten, wenn es um die Verbindungen zwischen den verschiedenen Handlungsebenen geht, die immer wieder ineinander verlaufen und sich überschneiden. Nicht nur handlungstechnisch auch optisch. Sei es durch bestimmte Objekte, ein rotes Sofa, ein grünes Auto, ein Kreuz um den Hals, oder durch die Haltung oder Positionierung von Figuren. Hier haben Ford und sein Kameramann Seamus McGarvey perfektionistische Detailarbeit geleistet. Nichts ist zufällig in irgendeiner Szene platziert und man beginnt sich langsam aber sicher zu fragen, ob die kalte, distanzierte, leblose Welt der Kunstszene, oder die rohe, brutale Neo Noir-Umgebung von Texas die „wirklichere“ ist. Oder vielleicht doch die sanfter inszenierten Rückblenden und alles andere ist eine furchtbare Zukunftsvision.

Diese fraglose, technische Meisterleistung, mit Ausnahme  weniger Szenen die ich als Fehltritte empfunden habe (ein alberner Jumpscare in einer Babyphone-App und das Ende der Beziehung von Susan und Edward, dass in der Rückblende so überdramatisch inszeniert ist, dass es auch aus einer Daily Soap stammen könnte), ist es aber dann auch die für mich zu einem Problem des Films wird. Ford ist nicht nur Regisseur, er ist auch Modeschöpfer und womöglich ist das gelegentlich ein Problem, denn die Szenen, selbst die im dreckigen Hinterwäldler-Texas in denen Grausiges geschieht, sind derart elegant inszeniert, dass man fast erwartet gleich würden Preisschilder für Klamotten und Accessoires eingeblendet. Ford scheint, wenn er an einer Oberfläche kratzt darunter selten das Menschliche, im Guten wie im Schlechten, zu finden, sondern nur eine weitere Oberfläche, ein weiteres (zugegeben cleveres) Puzzleteil. Das und die Tatsache, dass er Susan, den zentralen Charakter, ganz offensichtlich so überhaupt nicht mag und mich als Zuschauer im Laufe des Films davon überzeugt, obwohl sie vom lebenden Sympathiebonus Amy Adams gespielt wird, lässt den Film für mich im letzten Akt ein wenig auseinanderfallen. Wo er mit einem Donnerschlag enden möchte, bleibt für mich eher ein Schulterzucken.

Der letzte Absatz soll übrigens keineswegs bedeuten, dass Adams schlecht in diesem Film wäre. Im Gegenteil. Sie spielt ihre Susan als jemanden die in ihrem Leben an genau dem Ort gelandet ist, wo sie niemals sein wollte. Ihre Blasiertheit sorgt denn auch dafür, dass sie Kunst nicht mehr wirklich ernst nimmt und daher auch das Manuskript womöglich nicht als das wahrnimmt, was es ist. Jake Gyllenhaal, den wir vor allem als Tony sehen, gibt diesen als das Gegenteil des typischen Helden, den wir in einem solchen Neo Noir Roadmovie sehen würden (man denke etwa an Kurt Russell in ‚Breakdown‘). Tony ist schwach und Gyllenhaal hat kein Problem damit ihn genau so darzustellen. Was das für Edward bedeutet können wir nur erahnen, da wir nur sein Werk nicht aber ihn selbst in der „Gegenwart“ zu sehen bekommen. Die Schau stiehlt, wie so oft, ein wenig Michael Shannon als Polizist, der ab einem bestimmten Moment nichts mehr zu verlieren hat. Kaum ein anderer kann in kleinste Gesten so viel Zorn oder Verachtung legen wie Shannon.

‚Nocturnal Animals‘ ist ein technisch beeindruckender Film mit sehr guten Darstellerleistungen, der mich, wie eingangs erwähnt, ein wenig kalt gelassen hat. Ob es nun wirklich die technische Makellosigkeit selbst gewesen ist, die bei mir für Distanz gesorgt hat oder doch etwas anderes, weiß ich natürlich nicht wirklich. Falls aber irgendwas von dem was ich geschrieben habe interessant klang, dann solltet Ihr den Film dennoch auf jeden Fall schauen. Er ist auf keinen Fall langweilig, auf keinen Fall verschwendete Zeit und die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass Ihr darin mehr werdet finden können als ich. Ich werde ihn sicher irgendwann noch einmal sehen. Nur nicht so bald.