‚Duell am Missouri‘ (1976) – Nicholson vs. Brando

Wer nicht eben Westernfan ist hat von ‚Duell am Missouri‘ vermutlich noch nie gehört. Selbst unter Westernfans gehört er nicht zu den typischen Titeln, die man allzu häufig genannt hört. Schaut man auf das Talent vor und hinter der Kamera, dann erstaunt das. Jack Nicholson war eines der Gesichter des „New Hollywood“ und spätestens mit ‚Einer flog übers Kuckucksnest‘ auch mitten im Mainstream angekommen. Und Marlon Brando war ein Star, dessen Karriere nach einigem Abflauen durch seine Zusammenarbeit mit Francis Ford Coppola auf bestem Wege war neue Höhen zu erreichen. Regie führte einer der Köpfe der neuen Richtung des „New Hollywood“, ‚Bonnie und Clyde‘ Regisseur Arthur Penn. Die Musik komponierte John Williams, der kurz zuvor den Soundtrack zu Hitchcocks ‚Familiengrab‘ geschrieben und im nächsten Jahr ‚Star Wars‘ vertonen würde. Das gibt eine ganz gute Idee, wo Hollywood damals gerade war. Sicher, Western waren nicht mehr das Blockbuster-Genre, das sie einmal waren, aber revisionistische Western, die ein realistischeres, bodenständigeres Bild, meist aus Sicht der Arbeiterklasse, auf eine, nicht nur in den USA, ebenso ikonische wie verklärte Zeit werfen, waren durchaus en vogue. Was konnte schief gehen? Nun, vor allem Marlon Brando. Jedenfalls aus kontemporärer Sicht. Aus heutiger Sicht ist er, wenigstens in meinen Augen, das mit Abstand beste Element eines insgesamt interessanten Films.

Es beginnt zunächst alles, wie man sich einen 70er-Jahre Western vorstellt. Tom Logan (Nicholson) und seine Bande von Pferdedieben (darunter Charakterköpfe wie Randy Quaid oder Harry Dean Stanton) sind die Anti-Helden des Stücks. Eine Bande zu groß geratener Jungs, die giggelnd und mit den Füßen scharrend im Bordell stehen oder sich untereinander kabbeln. Doch als der Großgrundbesitzer Braxton (John McLiam) einen von ihnen ohne Prozess aufhängen lässt, kaufen sie in seiner Nähe eine Farm, um fortan ganz gezielt seine Tiere zu stehlen. Während der Großteil der Bande aber zunächst der Schnapsidee nachgeht den kanadischen Mounties(!) ihre Pferde zu mopsen, gibt sich Logan als ehrlicher Farmer-Nachbar und bandelt mit Braxtons rebellischer Tochter Jane (Kathleen Loyd) an.

Das ist alles wunderbar mit tollen Landschaftsaufnahmen fotografiert und man ahnt in welche Richtung es geht. Ein ziemlich ernsthafter „Western als Kapitalismuskritik“, dem vielleicht gelegentlich ein wenig die Action abgeht, aber als Charakterstück statt Heldenepos funktioniert er durchaus. Dann reitet nach ca. vierzig Minuten Robert E. Lee Clayton (Brando), den Braxton als Kopfgeldjäger gegen die Pferdediebe gedungen hat, an der Seite seines Pferdes hängend in den Film. Er grabscht sich eine Handvoll Eis, mit der die Leiche eines Mitarbeiters Braxtons frischgehalten wird und tupft sich damit die Stirn, brüllt sämtliche Anwesende an, wie dämlich sie seien, die Pferdediebe einfach zu töten statt die Namen ihrer Kumpane aus ihnen herauszufoltern, verlangt nach einem lavendelduftenden Bad und teilt mit, dass er einen Anflug schwerer Blähungen kommen fühlt. All dies tut er im Original mit einer Sprache, die wohl einen irischen Dialekt darstellen soll, aber ehrlich gesagt so klingt als wäre er wenigstens leicht besoffen.

Er ist ein absoluter Fremdkörper im Film, eine Vorstellung bar jeder Kontrolle, und ich verstehe ein Stück weit, warum er damals dafür kritisiert wurde. Und ja, von diesem Film an wurde Brandos exzentrisches Verhalten nur immer noch stärker bis hin zu den traurigen Spätwerken, die bei ihm zuhause gedreht werden mussten. Hier aber würde ich argumentieren hat sein Wahnsinn durchaus Methode. Wenn er als alte Frau verkleidet Pferdediebe mit brennendem Lampenöl überschüttet, sie mit einer seltsamen Mischung aus Tomahawk und Wurfstern ermordet, spätestens aber wenn er seinem Pferd sagt, es habe die Augen Kleopatras und die Lippen Salomes, bevor er mit ihm eine Möhre teilt, wie Susi und Strolch Spaghetti, dann liegt mein Kinn auf dem Boden, ob der Frage, wie es das in den Film geschafft hat.

Die Antwort darauf lautet, dass er hinter den Kulissen ganz genauso war und den anderen Darstellern alberne, aber weitgehend gutmütige Streiche gespielt hat und Penn keinerlei Anstalten gemacht hat, ihm irgendwas zu verbieten. Im Film wird diese Albernheit umso wirkungsvoller, weil in einigen Szenen mit Nicholson der zutiefst bedrohliche Brando zum Vorschein kommt. Wenn Clayton versucht Logan zu provozieren, bis der ihn anzugreift, dann ist das plötzlich bar jeder Komik.

Clayton so wird uns klar repräsentiert die aus der Bahn geratene, quasi verselbstständigte und groteske Gewalt des gesetzlosen Westens, die langsam verdrängt wird. Ihn interessieren nicht Logans Ideen von Freiheit und Selbstbestimmung, ihn interessiert nicht einmal Braxtons brutal erworbener Reichtum. Als Braxton versucht den merkwürdigen, bedrohlichen Mann loszuwerden und ihm den Auftrag entzieht, erklärt ihm Clayton, es sei zwar schön bezahlt zu werden, doch die Arbeit, sprich das Ermorden der Pferdediebe, müsse natürlich dennoch erledigt werden.

Es ist sicherlich nicht die beste Arbeit irgendeines Beteiligten. Selbst Williams‘ Mundharmonika-lastiger Soundtrack nutzt sich nach einer Weile ab. Aber dennoch finde ich den Film hochfaszinierend. Nicht nur, weil man Nicholson und Brando interagieren sieht, sondern eben auch wegen Brandos faszinierender Fremdartigkeit. Er ist ein bisschen wie Anton Chigurh in ‚No Country For Old Men‘. Eine vollkommen unerwartete Zutat in einem ansonsten recht bekannten Gericht, die ihm eine völlig unerwartete Würze verleiht. Nichts was man jedes Mal dazugeben würde, aber es ist schön zu wissen, dass man immer noch etwas völlig Neues draus machen kann.

‚Feinde – Hostiles‘ (2017)

Die Idee der „Manifest Destiny“, der „offensichtlichen Bestimmung“ der USA sich nach Westen auszubreiten und dort, mit dem „Willen Gottes“, Land in Besitz zu nehmen, das „niemand“ nutzt, ist ein wichtiger Teil des amerikanischen Gründungsmythos. Natürlich nutzten Indianer das Land lange vorher, wehrten sich entsprechend gegen ihre Vertreibung, was in einer Reihe Kriege gipfelte, die von allen Seiten mit absoluter Grausamkeit geführt wurden und im Beinahe-Genozid und der Vertreibung und Umsiedlung der Urbevölkerung endete. Im Westerngenre, von den siegreichen USA erfunden, kamen allen Seiten hier ganz typische Rollen zu. Die Siedler hilflos ausharrend in der Wagenburg, umtost von den schreienden „Wilden“, bis über einem Hügel das Sternenbanner aufleuchtet und die Kavallerie blauuniformierte Ordnung schafft. Wie sie dann weiter ins Dorf der Indianer reitet und dort Männer, Frauen und Kinder grauenvoll ermordet und zwangsumsiedeln sparen sowohl der Gründungsmythos, als auch der klassische Western natürlich aus. Seit den 70ern versuchen revisionistische Western (etwa ‚Das Wiegenlied vom Totschlag‘) dieses Bild zu einem realistischeren zu machen. Den amerikanischen Imperialismus als Wurzel der Auseinandersetzung zu finden und auch in den Indianern menschliche Charaktere zu finden. In diese Reihe gesellt sich auch ‚Feinde‘.

1892. Captain Blocker (Christian Bale), Veteran der Indianerkriege ist damit beschäftigt in New Mexico aus dem Reservat flüchtige Apachen zu stellen. Eine Aufgabe, die er mit grausamer Gleichgültigkeit erledigt. Er bekommt den Auftrag, den sterbenden Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi), der ihm einst auf dem Schlachtfeld gegenüberstand, samt Familie aus dem Gefängnis in seine Heimat nach Montana zu bringen, damit er dort bestattet werden kann. Eine Propaganda-Aktion, die die Großzügigkeit der USA beweisen soll. Nur unter Androhung der Streichung seiner Pension nimmt Blocker den Auftrag mit einer kleinen Gruppe Soldaten an. Bald stoßen sie auf die traumatisierte Rosalee Quaid (Rosamund Pike) deren gesamte Familie auf ihrem einsamen Siedlerhof von Commanche ermordet wurde. Sie nehmen sie mit. Als die Commanche auch den Soldaten einen erfolgreichen Hinterhalt legen, bitten Yellow Hawk und sein Sohn Blocker darum sie von ihren Fesseln zu befreien und zu bewaffnen, da die Commanche auch sie töten würden und der Captain nicht mehr genug Männer zur Verteidigung habe…

Der letzte Film, den ich von Regisseur Scott Cooper gesehen habe war ‚Black Mass‘. Hier spielte Johnny Depp unter, für ihn inzwischen typischer, dicker Maske einen Bostoner Gangsterboss quasi wie einen Vampir. Das Ganze wirkte so künstlich, dass ich mich vor ‚Feinde‘ eine Weile gesträubt habe. Zumindest in dieser Richtung hätte ich mir keine Sorgen machen müssen. Cooper und sein Kameramann Masanobu Takayanagi verzichten auf jede Künstlichkeit, setzen die Landschaft, einerseits friedlicher Hintergrund für viele Grausamkeiten, andererseits genau das worum gestritten wird, beeindruckend in Szene. Da ziehen Gewitter aus der Ferne über die Prärie, Wälder und Berge scheinen so riesig, dass sich die Charaktere lächerlich dagegen ausnehmen, Regen fällt so dicht, das nichts vor ihm sicher scheint. Die Forts, Gehöfte und Dörfer der Siedler sind brüchige Holzbuden, die sich sinnlos vor der Ewigkeit dieser Landschaft ausnehmen.

Leider ist damit aber auch bereits der Höhepunkt des Films beschrieben. Denn sein Ziel die Feindschaft der Siedler, Soldaten und Indianer untereinander, alle gefangen in einem ausweglosen Kreislauf der Gewalt zu beschreiben geht leider reichlich fehl. Und das liegt gerade an dem allzu typischen Grund, dass die indianischen Charaktere nicht genug herausgearbeitet werden. Bale gibt seinen Blocker anfangs mit geradezu soziopatischem Machismo, darf sich aber immer wieder darüber auslassen, woher sein Hass gegen die Ureinwohner stammt. Wes Studis Yellow Hawk hingegen muss seinen Schmerz beinahe vollkommen durch Haltung und Blicke transportieren. Und sobald Rosalee den Film betritt, wird er ohnehin vollends an den Rand gedrängt. Rosalee ist sicher der am besten geschriebene Charakter des Drehbuches und ihre Beziehung zu Blocker ist sicher interessant, doch hätte zumindest ich gern mehr von Studi gesehen.

Auch der Umgang mit der „Manifest Destiny“ ist irgendwo erstaunlich. Cooper behandelt sie so, als wüssten alle Beteiligten, dass was sie tun schlecht ist. Wenn die Frau eines Offiziers am Essenstisch die Misshandlung der Indianer anklagt, wird sie behandelt, als hätte sie einen dreckigen Witz erzählt, doch widersprechen tut ihr niemand. Und ein PTSD-geplagter Soldat entschuldigt sich bei Yellow Hawk tränenreich für alle Grausamkeit, die ihm und allen Ureinwohnern angetan worden sei. Das ist für mich alles etwas zu einfach. Und so hat der Film am Ende auch nicht wirklich etwas zu seinem Thema zu sagen, als das typische, etwas schwachbrüstige „es ist schwieriger gegeneinander grausam zu sein, wenn man Zeit miteinander verbracht hat“. Dazu sieht sich der Film offensichtlich im direkten Dialog mit klassischen „Indianerwestern“. So zitiert er etwa mehrfach visuell ‚Der schwarze Falke‘ und endet gar auf einer Variante des Schlusses dieses Films (nicht wirklich ein Spoiler…).

Optisch ist der Film sehr groß. Nicht nur in seinen bereits beschriebenen  Landschaftsaufnahmen, auch in seinen Actionszenen, die auf mich recht realistisch wirken. Plötzliches Aufflammen tödlicher Brutalität, die vor allem darin besteht sich gegenseitig aus nächster Nähe niederzuschießen.

Unterstützt wird diese Optik nicht nur von sehr gutem Sounddesign, man glaubt den durch jede Ritze heulenden Wind fast zu spüren, sondern vor allem von Max Richters Soundtrack. Oft zurückgenommen scheint sich hier Musik der einzelnen Fraktionen mit geradezu sphärischen Klängen zu treffen. Mal ertönte eine einzelne Fiedel, mal indianische Percussion. Und in den besten Momenten scheint die Musik der Landschaft selbst zu entsteigen.

Bale spielt Blocker mit der für ihn typischen Intensität. Ein Mann geschädigt durch das was er gesehen und, obwohl er das nicht wahrhaben will, getan hat. Auffallend die Szenen in denen Blocker ganz offensichtlich weinen möchte, doch außer einem trockenen Schluchzen bleiben seine Augen trocken. Rosamund Pikes traumatisierte Rosalee ist wie schon geschrieben, der wichtigste Charakter. Die „schwache Frau“ überwindet ihr Trauma weit besser als alle anderen und gibt dem Geschehen ein gewisses Maß an Herz. Für Wes Studi wünschte ich mir seine Rolle wäre größer. Studi ist eines dieser typischen „habe ich schon mal gesehen“ Filmgesichter, der in großartigen Filmen (‚Heat‘), in weniger großartigen (‚Street Fighter‘) und „nicht wirklich guten, aber ich mag sie trotzdem“-Filmen (‚Octalus‘) auftaucht. Dies hier ist sicher eine seiner besten Rollen und eine die Studi, selbst ein Cheyenne, sehr am Herzen gelegen hat.

Als reines Sinnerlebnis funktioniert der Film also durchaus. Und auch die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank sehr gut. Nur gelingt es Cooper leider nicht vollends etwas wirklich Spannendes aus der faszinierenden Grundsituation zu machen. So behält zumindest für mich der nachwievor viel zu wenig gesehene ‚Slow West‘ die Krone den Cowboyhut des besten modernen Westerns. ‚Feinde‘ lohnt sich für Fans des Genres aber dennoch. So wählerisch können wir auch gar nicht mehr sein…

‚Hell or High Water‘ (2016) – „Alright, I think I got these boys figured.“

In manchen Momenten ist ‚Hell or High Water‘ ein Western. In vielen anderen Momenten ist er keiner. In manchen Momenten zeigt er wie absurd ein Western in der heutigen Welt wirkt. In anderen wie absurd der Western als solches vielleicht schon immer war. Er tut das, indem er die Systeme zeigt, die in Bewegung sind, wenn der schwarze Hut und der weiße Hut aufeinander schießen. Gigantische Systeme, die ihr Handeln bestimmen und auf die sie keinen Einfluss haben. Und er bestätigt einen Haufen Vorurteile, die ich schon immer über Texas hatte…

Irgendwo in West Texas. Der geschiedene Vater Toby (Chris Pine) überfällt zusammen mit seinem Bruder, Ex-Knacki Tanner (Ben Foster) eine Reihe von Banken. Sie überfallen nur die kleinesten Zweigstellen ohne Überwachungssystem, nehmen nur kleine, unsortierte Scheine mit. Sie tun das, um die elterliche Farm davor zu bewahren an die Bank zu fallen, damit Toby sie seinen Söhnen vermachen kann. Die gut geplanten und schwer nachzuverfolgenden Überfälle erwecken das Interesse von Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und seines Partners Alberto (Gil Birmingham). Fest entschlossen seinen Ruhestand noch ein paar Tage hinauszuschieben heftet sich Hamilton an die Fährte der Bankräuber.

Das Bild, dass der Film von West Texas zeichnet ist das genaue Gegenteil vom klassischen „Yeehaw, auf nach Westen!“ Bild des Westerns. Die Straßen sind gesäumt von verrostenden Traktoren und von Werbetafeln, die von Angeboten für günstige Kredite künden. Überarbeitete, frustrierte Cowboys haben volles Verständnis dafür, dass ihre Kinder etwas anderes machen wollen. Es ist kein Bild des Aufbruchs, es ist ein Bild des Untergangs. Ein Bild eingefasst in die riesigen Himmel und endlosen Weiten der Prärie, die die resignierten Einwohner biertrinkend von den Verandas ihrer uralten Häuser beobachten und warten. Warten worauf? Auf das Unausweichliche, vermutlich.

Und wer nicht wartet ist zornig. Zornig auf Big Business und Technologie, auf einen Kapitalismus, der sie zurückgelassen hat. Auf ein Bankensystem, dass ihnen das Land, das ihre Vorfahren vor 150 Jahren mit einiger Brutalität den Comanche weggenommen haben, nun ohne eine Armee, ja ohne einen Schuss abnimmt. Es ist dieser Zorn, der beinahe jeden Moment des Films bestimmt. Banküberfälle in ländlichen Texasdörfern können womöglich noch gefährlicher sein als in der Großstadt. Weiß man doch hier nie, welcher noch so harmlos aussehende alte Mann einen Revolver im Hosenbund verborgen hat. Und selbst nach gelungenem Überfall besteht die reelle Chance, dass die örtliche, männliche Bevölkerung sich in eine Reihe Pickups zwängt und die Verfolgung aufnimmt, um ihre Schrotflinten endlich einmal an etwas anderem ausprobieren zu können, als an Bierflaschen und Kojoten.

Dieser Zorn treibt auch die beste Performance des Films, Ben Foster, als kriminell erfahrener Tanner. Diese Rolle zeigt auch, wie gut der Film darin ist Klischees zu vermeiden. Vom ersten Moment an, als man ihn sieht, bei einem Banküberfall, wo er „der Brutale“ ist, derjenige der Leute mit dem Pistolenkolben schlägt und herumbrüllt, wartete ich auf die unausweichliche Szene, in der er zusammenbricht und seinem Bruder Toby und damit dem Zuschauer erzählt, was er wirklich fühlt. Doch diese Szene kommt nicht. Der Film verlässt sich darauf, dass wir die kleinen Nuancen Tanners lesen können, um ihn zu verstehen und Foster ist gut genug diese zu liefern. Chris Pine ist ebenfalls gut, als ein Mann, der sich nicht vormacht in seinem Leben alles, oder auch nur einiges, gut gemacht zu haben. Seiner Exfrau wirft er nie vor ihn verlassen zu haben, für sich selbst will er nichts, nur für seine Söhne, die ihn nicht einmal besonders mögen. Sein Trotz gegen das System wird zu einer Art eigener Moral. Jeff Bridges ist Jeff Bridges und zeigt gleichzeitig, dass ein Film nicht jedem Klischee ausweichen muss. Ist er doch inzwischen quasi selbst eines. Doch nuschelt, schnauft und ächzt er sich in diese Rolle wie das kaum ein anderer neben Bridges könnte. Gil Birminghams Alberto, selbst ein Comanche, scheint ein wenig der Stellvertreter des Zuschauers, der von den seltsamen Sitten West Texas‘ mindestens ein wenig verwirrt ist und mit stoischer Gutmütigkeit die rassistischen Witzchen von Hamilton erträgt.

Sollte ich einen vergleichbaren Film abseits vom klassischen Western finden, dann würde ich wohl auf ‚No Country for Old Men‘ zeigen. Wobei ‚Hell or High Water‘ in seiner eigentlichen Handlung ein simpler „Räuber und Gendarm“ Film bleibt und sicherlich keinen Charakter wie Anton Chigurh vorzuweisen hat. Also vielleicht doch eher wie ‚Fargo‘, nur ohne Schnee. Oder, noch treffender, das erste Drittel von ‚The Place Beyond The Pines‘, nur ohne Bäume. Am ehesten beschreibt es vielleicht den rauen Ton des Films einfach zu sagen, dass der Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis stammt…

In meinen Augen absolut sehenswert.

‚Rivalen unter roter Sonne‘ (1971) – ‚Avengers‘ im Wilden Westen?

Disney haben ihren ‚Infinity War‘ ja vor kurzem als das „größte Crossover aller Zeiten“ angekündigt. Daran möchte ich auch gar nicht zweifeln, richte an Filmfreunde aber die Frage, wie dieses Crossover für Euch klingt: einer der ‚Sieben Samurai‘, einer der ‚Glorreichen Sieben‘, ‚Le Samourai‘ und das erste „Bondgirl“ in einem Film des Regisseurs der ersten paar Bond-Filme, geschrieben unter anderem vom Drehbuchautoren der ‚Glorreichen Sieben‘ mit der Musik des ‚Lawrence Von Arabien‘ Komponisten. Bei einem solchen Personal war zumindest meine erste Reaktion, als ich von dem Film hörte die Frage, warum den nicht jeder kennt. Ist er so gut, wie die Beteiligten vermuten lassen oder letztlich nur ein merkwürdiges, zu Recht halb vergessenes Kuriosum?

1870 bringt der frisch ernannte japanische Botschafter in den USA ein wertvolles Schwert nach Washington zum Präsidenten. Dafür muss natürlich auch der noch reichlich gesetzlose Westen per Zug durchquert werden. Prompt wird der schwerbewachte Zug von einer Gangsterbande unter Pistolenheld Link (Charles Bronson) und dem Franzosen Gauche (Alain Delon) überfallen. Gauche nutzt die Gelegenheit, um nicht nur das wertvolle Schwert zu stehlen, sondern auch seinen Konkurrenten Link zu ermorden. Letzteres schlägt allerdings fehl. Der zurückgelassene Link wird von den Japanern zwangsrekrutiert den überlebenden Samurai-Wächter Kuroda (Toshiro Mifune) zu Gauche zu führen. Link ist davon nicht eben begeistert, ist sich aber sicher, dass sich Gauche auf direktem Weg zu seiner Freundin Christina (Ursula Andress) machen wird. Die beiden ungleichen Männer werden sich zusammentun müssen, wenn sie den Schurken erreichen wollen.

Ich war gespannt, wie unterschiedlich die Charaktere wirklich wären. Schließlich haben Westernheld und Samurai einige Klischees voneinander abgeschaut. Beide sind üblicherweise schweigsame Stoiker, die kein Problem mit Gewalt haben. Drehbuchautor William Roberts gelingt es aber beiden hier interessante Seiten abzugewinnen. Bronsons Link ist, wenn er denn spricht, ein unzuverlässiges Großmaul, den kaum jemand wirklich zu mögen scheint. Mifunes Kuroda hingegen, erhält, neben seiner „Fish-Out-Of-Water-Position“, ein wenig Pathos aus der Tatsache, dass er sich bewusst ist, dass die Zeit der Samurai vorüber ist. Das dies vermutlich der letzte und einzige Moment sein wird indem er eine Chance bekommt sich zu beweisen. Bronson ist willens seine Rolle deutlich augenzwinkernder anzulegen, als ich das von ihm erwartet hätte. Einer der lustigsten Momente (von denen der Film tatsächlich einige hat) ist wenn er Kuroda zu einer Schlägerei herausfordert und Mifune ihn minutenlang mit Judowürfen wie einen Mehlsack durch die Gegend schleudert, bevor Bronson einlenkt mit „fein, einigen wir uns auf unentschieden“. Von Delons Bösewicht Gauche (den der Trailer zu „Gotch“ macht, warum auch immer) hätte ich sehr gern mehr gesehen. Delon ist immer gut aber hier, als ebenso schmieriger wie eleganter Gangster merkt man ihm richtig an, wie viel Spaß er am Cowboy und Samurai-Spiel hatte. Ursula Andress Christina bekommt vom Drehbuch nicht eben viel geliefert und Andress war eher als Model, denn als Schauspielerin bekannt, was man, diplomatisch ausgedrückt, auch merkt. Letztlich bleibt sie ohnehin eine Nebenrolle.

Die beiden gelungenen Charaktere im Zentrum sind denn auch eine der beiden Stärken des Films. Terence Youngs Regie ist kompetent aber nicht unbedingt aufregend. Die typischen Italo-Western Regionen Spaniens kauft man ihm allerdings problemlos für den Wilden Westen ab. Man hat aber das Gefühl, der Bond-Regisseur ist nicht wahnsinnig daran interessiert dreckige Cowboys zu inszenieren und lebt immer richtig auf, wenn er mal wieder die Maßanzüge von Gauche zeigen darf. Wo er ebenfalls positiv auffällt sind die zahlreichen Actionszenen. Die reichen von großen Gefechten, in denen kiloweise Dynamit hochgeht, zu persönlichen Duellen. Insbesondere einige Szenen in übermannshohem Präriegras sind spannend inszeniert und helfen Mifune zum Einsatz zu bringen, der sonst mit seinem Katana gegen Schießeisen immer ein bisschen den Kürzeren zieht (und Kugeln auszuweichen würden in der Filmgeschichte ja erst 10 Jahre später die Ninja lernen). Auch hat mich überrascht wie blutig es teilweise wurde. hier war definitiv mehr der Samurai-Film als der Western Vorbild. Nicht zuletzt dank einer etwas unmotiviert wirkenden Nebenhandlung um eine Gruppe Commanche, wird der Film fast zwei Stunden lang und damit ein wenig länger als ihm gut täte.

Obwohl ein europäischer Western (der manchmal sogar fälschlicherweise in Italo-Western-Listen auftaucht) sind Youngs Vorbild offensichtlich klassische, amerikanische Western, in die er dann das ungewöhnliche Element des Samurai einfügt. Sergio Corbucci würde allerdings, für seine letzte Westernarbeit ‚Stetson – Drei Halunken erster Klasse‘ (1975) eine ganz ähnliche Idee umsetzen. Auch Maurice Jarres Musik schaut weniger zu Morricone, denn zu klassischen Hollywood-Themen, mit gelegentlich eingestreuten, klischeehaft fernöstlich klingenden Melodien. Eine wirklich erinnerungswürdige Melodie konnte ich aber nicht ausmachen. Da beeindrucken seine Soundtracks zu David Lean Filmen weit mehr.

Eine wirklich neue Geschichte erzählte der Film, um zwei Männer, die sich nicht mögen, Respekt füreinander entdecken und schließlich Freunde werden wohl auch vor 45 Jahren nicht wirklich, doch macht es einiges an Spaß Mifune und Bronson (den ich aufgrund seiner arg hölzernen, späten Rollen gern unterschätze aber letztlich scheint er geboren Cowboys zu spielen) in lustigen und ernsten Szenen zuzusehen. Die Chemie zwischen beiden und Delon sorgen dafür, dass der Film immer einen leicht ironischen Unterton behält, ohne dabei je zur Parodie zu werden. Den Actionszenen merkt man ihr Alter sicherlich an, allerdings sind sie gut genug inszeniert, um auch heute noch zu wirken. So ganz der Überflieger, den die Beteiligten erwarten lassen ist ‚Rivalen unter Roter Sonne‘ nicht geworden aber immerhin ein sehr gelungener Western. Nun muss sich zeigen, ob ‚Infinity War‘ das auch wird. Also gelungen meine ich. Nicht ein Western. Wenn ‚Infinity War‘ ein Western wird, fresse ich einen Cowboyhut. Den ich extra dafür anschaffen müsste.

Reisetagebuch: ‚Sabata‘ (1969) – „Wenn ich aufhöre zu lachen, bist Du tot!“

Zeitreise #19

So, heute wird das Reisen kompliziert. Denn die Filmreise Challenge führt mich nicht nur per Zeitmaschine ins Italien des Jahres 1969, Gianfranco Parolinis Italowestern transportiert mich noch einmal 100 Jahre zurück und in die Vereinigten Staaten. Das ist verwirrend genug um Doc Brown Kopfschmerzen zu bereiten, also schauen wir lieber direkt auf den Film.

Als eine Gruppe Banditen einen Safe mit Armeegeldern aus der Bank des Kaffs Dougherty stehlen, haben sie nicht mit einer Begegnung mit dem ehemaligen Offizier und Scharfschützen Sabata (Lee Van Cleef), wenn das denn sein Name ist, gerechnet. Der reitet kurz darauf mit Safe und sieben Leichen in Dougherty ein, kassiert die Belohnung und steigt im örtlichen Hotel ab, in dem auch ein merkwürdiger Herumtreiber/Musiker namens Banjo (William Berger) wohnt, der Sabata von früher zu kennen scheint. Schnell findet Sabata heraus, dass an dem Diebstahl auch eine Gruppe einflussreicher Bürger um den reichen Soziopathen Stengel (Franco Ressel) beteiligt war und zusammen mit dem großmäuligen, übergewichtigen Alkoholiker Carrincha (Pedro Sanchez) und einem stummen Akrobaten (Aldo Canti) tut er was jeder gute Italowestern-Held in dieser Situation tun würde: er erpresst sie um immer höhere Summen Geld. Das macht die Leute um Stengel natürlich alles andere als glücklich und sie schicken Sabata Mörder um Mörder erfolglos auf den Hals, bis sie sich für einen ganz besonderen Killer entscheiden. Den will ich hier natürlich nicht verraten, nur soviel, sein Name ist ein Anagramm von Joan B..

Ich war mir recht unsicher, welchen Film ich mir für die „Italowestern-Challenge“ ansehen sollte. Die großen Namen, die Leones, die Corbuccis etc. kenne ich alle schon und wollte einen neuen sehen. Nun ist die Auswahl an Italowestern nicht eben gering, die Bandbreite der Qualität aber mindestens ebenso groß. Ich bin froh sagen zu können mit ‚Sabata‘ einen echten Glücksgriff gelandet zu haben.

Lee Van Cleef ist natürlich exakt die Art bärbeißiger, amerikanischer Charakterkopf, der wie gemacht ist für die Hauptrolle in einem Italowestern. Umso überraschter war ich, dass er mit seinem sauberen, eleganten Auftreten (für Italowestern-Verhältnisse) und der nicht eben seltenen Nutzung von allerlei „Gadgets“ (so hat er zum Beispiel einen Derringer mit einem weiteren Lauf im Griff) beinahe so eine Art Italowestern James Bond gibt. Er mimt hier keinen finsteren Helden, er gibt einen ebenso gierigen wie cleveren Halunken, der allen um ihn herum immer zumindest einen Schritt voraus ist und das macht er sehr unterhaltsam. Mindestens ebenso gut ist William Berger als langhaariger Hippie-Schurke mit Bindungsängsten, süffisanten Dauergrinsen und ewig dängelndem Banjo. Man kann sich beinahe vorstellen, dass er seinen eigenen, parallelen Western durchlebt. Und er steht Sabata in Sachen Gadgets in nichts nach. Denn Banjos Banjo ist nicht nur ein Banjo, müsst ihr wissen.

Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Sei es der normalerweise auf schmierige Handlangerrollen festgelegte Pedro Sanchez, der hier sehr unterhaltsam Sabatas Freund gibt, der jede Geldsumme im Kopf direkt in Whiskymengen umrechnen kann. Oder auch Franco Ressel als mörderischer Drahtzieher mit Überlegenheitskomplex und – man ahnt es inzwischen – seinen eigenen Gadgets. Nur das häufige Desinteresse des Italowesterns an weibliche Figuren fällt hier extrem auf. Linda Veras Rolle als Jane ist klein und unwichtig genug, dass ich sie in meiner Zusammenfassung nicht einmal erwähnt habe und dient letztlich nur dazu Banjos Charakter etwas mehr Profil zu geben. Schade.

Der Film ist gut fotografiert mit einer sehr mobilen Kamera und für Italowestern-Verhältnisse beinahe schon verschwenderisch ausgestattet. Sei es die heimelige Atmosphäre von Dougherty mit seinen blakenden Gaslaternen und den plüschigen Innenräumen des Hotels oder Stengels von aussen normale Ranch, von innen aber durchaus merkwürdig, angefüllt mit allerlei europäischen Artefakten, von Gemälden bis zu Ritterrüstungen und, nicht zuletzt, einem bizarren Duellzimmer. Das bringt ihn wohl nahe genug an einen Bondschurken, dass die Analogie zum Bondwestern auch hier greift.

Zur Musik sei gesagt es gibt nun einmal nur einen Ennio Morricone und der kann nicht für jeden Western komponieren. Marcello Giombini ist kein Morricone, allerdings liefert er sowohl für Sabata als auch für Banjo eingängige, wiedererkennbare Themen ab, die der Film durchaus clever einsetzt, insofern z.B. Banjo sein Thema häufig auf demselben spielt. Schlecht ist die Musik also auf gar keinen Fall. Aber eben kein Morricone…

Tonal ist der Film weit weg von den apokalyptischen Visionen der frühen Italowestern (wenn auch Sergio Corbucci diese gerade im Jahr zuvor mit ‚Leichen pflastern seinen Weg‘ auf die Spitze getrieben hat) aber auch noch weit entfernt vom Klamauk der späten Western a la ‚Mein Name ist Nobody‘. Er macht wenig radikal neu oder auch nur großartig anders, dennoch ist er, vielleicht gerade wegen dieser mittleren Positionierung bemerkens- und sehenswert.

Alles in allem ein unterhaltsamer, rasant erzählter Italowestern, der keinerlei Langeweile aufkommen lässt aber sicher dennoch nicht in meine absolute Favoritenliste aufgenommen werden wird. Weiß irgendjemand ob die beiden Fortsetzungen was taugen? Und weiß jemand wo ich die Zeitmachine geparkt habe?

‚High Noon‘ (1952) – „For what? For nothin‘. For a tin star.“

Der Western lässt sich in mehrere Kategorien einteilen. Da ist zum ersten der „Aufbruchswestern“, wenn die Siedler sich in ihren Planwagen auf nach Westen machen, um neues Land zu erschließen und Menschen, die dreisterweise bereits auf diesem Land leben zu vertreiben. Ist die Siedlung gegründet, dann kommen die Räuber, Gangster und Banditen. Entweder rückt die Gemeinde nun zusammen und besiegt diese Gefahr oder ein ebenso schweigsamer wie tapferer Fremder reitet in die Stadt und rückt die Sache zurecht. Diese beiden Kategorien machen einen Großteil des klassischen, amerikanischen Westerns aus. Aus der zweiten Kategorie ging dann der Italo-Western hervor. Und der war deutlich zynischer. Hier stand hinter den Banditen zumeist irgendein Großkapitalist, der den hart erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand der Siedler nun in die eigene Tasche umverteilen wollte. Und der schweigsame Fremde war in seinen Methoden kaum noch von seinen finsteren Gegenspielern zu unterscheiden. Sergio Leone hat seinen vielleicht besten Italo-Western ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ geradezu mit Anspielungen auf ‚High Noon‘ gespickt. Es ist nicht schwer zu erkennen warum. ‚High Noon‘ ist so etwas wie die amerikanische Rampe zur Atlantik-Western-Brücke. Dass er etwas anders wäre als normale amerikanische Western der Zeit erkennt man schon daran, dass er dort beginnt wo andere Western aufhören.

Marshall Will Kane (Gary Cooper) hat das Städtchen Hadleyville in langer Arbeit aufgeräumt und sicher für Familien und Kinder gemacht. Nun heiratet er die deutlich jüngere Amy (Grace Kelly). Da die als Quäkerin jegliche Form der Gewalt ablehnt, legt er sein Amt nieder, um mit ihr einen Laden zu eröffnen. Doch kaum ist die Zeremonie vorbei, treffen schlechte Nachrichten ein: Frank Miller (Ian McDonald), der ehemalige Kopf des Verbrechens in der Stadt wurde begnadigt. Drei seiner ehemaligen Ganoven warten bereits am Bahnhof auf ihn und wenn er im Zug einträfe (um Punkt 12 Uhr!) würden sie kommen, um sich an Will zu rächen. Die Stadt rät dem Paar zur Flucht, der neue Marshall würde erst am nächsten Tag eintreffen, doch Will weiß, Miller würde ihm überall hin folgen. Also wird er sich ihm hier stellen, wo er als Marshall schließlich Freunde hat. Amy ist von der erneuten Hinwendung zur Gewalt, keine Minute nach der Eheschließung, zutiefst enttäuscht und verkündet die Stadt (und Will) mit demselben Zug zu verlassen mit dem Frank Miller eintrifft.

Für Kane beginnt nun eine schmerzhafte Erkenntnis: keiner in der Stadt ist bereit sich auf seine Seite zu stellen. Jeder hat kleinliche Gründe. Sei es sein Deputy, der enttäuscht ist, dass Will ihn nicht zu seinem Nachfolger gemacht hat oder die Kirchengemeinde, die erschüttert ist, dass Kane eine Quäkerin geheiratet hat. Überall sieht er sich vor verschlossenen Türen und ihm zugewandten Rücken. Letztlich muss er sich der Übermacht allein stellen. Oder nicht ganz allein, denn Amy ist bereit aus Liebe ihre Überzeugungen über Bord zu werfen. Am Ende pfeffert ein angewiderter Kane der unsolidarischen Gemeinde seinen Marshall-Stern vor die Füße.

Die ersten Reaktionen auf den Film bei Erscheinen waren nicht gut. Das Publikum freute sich auf wilde Jagden und Schießereien, stattdessen bekam es einen Film zu sehen, der seine Dramatik daraus bezieht, dass ein Mann um Hilfe bittet und sie nicht bekommt. Die gesamte Action findet in den letzten 10 Minuten statt und ist mehr zweckmäßig. Selbst Amys Rettungsakt hat nichts heldenhaftes, wirft sie doch ihren Pazifismus fort, um jemanden in den Rücken zu schießen. Western Regie-Legende Howard Hawks sagte über den Film: „Ein guter Stadt-Marshall läuft nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend und bittet um Hilfe! Und wer rettet ihn? Seine Quäker Frau! Das ist nicht meine Idee eines guten Westerns!“. Das Urteil von John Wayne fiel noch deutlicher aus: „[‚High Noon‘] ist das Unamerikanischste, was ich je gesehen habe.“

War der Grund für die Ablehnung tatsächlich nur, dass Regisseur Fred Zinnemann hier gegen übliche Klischees inszenierte? Nein, denn es hat einen Grund warum die Szenen, in denen sich die Bewohner der Stadt gegen Kane wenden so kraftvoll wirken, wie sie es tun. Drehbuch-Autor Carl Foreman hat genau das erlebt. Im Zuge der von Senator McCarthy veranstalteten Jagd auf alles, was entfernt links wirkte, war er vom „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ als „unkooperativer Zeuge“ eingestuft worden. In seiner Jugend war Foreman kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei und hatte sich geweigert die Namen anderer, längerfristiger Mitglieder zu nennen. Nun stand er bei den Hollywood-Bossen auf der „Schwarzen Liste“ und – wie Kane – vor verschlossenen Türen. ‚High Noon‘ wäre für lange Zeit der letzte Film, der Foremans Namen beim Drehbuch tragen würde. Das war der Hauptgrund für die Kritik durch Konservative wie Hawks und Wayne.

Doch fand der Film trotz allem sowohl sein Publikum als auch kritischen Zuspruch. Und kein Wunder, Zinnemanns Inszenierung quasi in Echtzeit (knapp 100 Minuten werden in gut 80 Minuten Film wiedergegeben), seine beständigen Schnitte auf Uhren und die Eisenbahnschienen, sowie die Tatsache, dass der Film nie das kleine Örtchen verlässt lassen den Druck und die Spannung immer weiter wachsen. Und wenn der Zug sich dann endlich mit lautem Pfeifen ankündigt, dann betrachtet Zinnemanns Kamera noch einmal die Gesichter aller Charaktere und ihre Reaktionen. Stoisch, resigniert, schuldbewusst, zerrissen oder auch voller Vorfreude bei den Gangstern. Die (oscarprämierte) treibende Musik von Dimitri Tiomkin unterstützt die Spannungsbildung in Abwesenheit von Action noch mehr und weiß vor allem den gesungenen Text („Do not forsake me“) geschickt einzusetzen.

Cooper hat nicht nur das perfekte Gesicht für seinen verzweifelten Helden, aus Granit gehauen aber mit ersten Verwitterungserscheinungen, er spielt den Charakter auch erstaunlich nuanciert. Er ist nicht „verweichlicht“ wie Kritiker sagen, er ist der Beweis dafür, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit auch in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben ist. Dafür hat er den Oscar bekommen. Er arbeitete zu der Zeit übrigens in Europa und bat einen Freund ihn für ihn entgegenzunehmen… John Wayne. Grace Kelly in ihrer ersten großen Filmrolle als Amy geht hier, obwohl ein wichtiger Charakter, leider etwas unter. Das größte Problem ist, dass sie (21 Jahre) und Cooper (50, sieht aber älter aus) eher wie Vater und Tochter als ein Paar wirken. Erwähnenswert ist wohl noch, dass einer der drei Gangster, der keinerlei Dialog hat von einem gewissen Lee van Cleef in seiner ersten Filmrolle gespielt wurde.

Damit sind wir auch schon wieder beim Italowestern. Wenn in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ der Gangsterboss also Frank heißt und am Anfang des Films drei Ganoven auf das Eintreffen eines Zuges warten, dann ist das nur der sichtbarste Stempel, den ‚High Noon‘ diesem Genre aufgedrückt hat.