Newslichter Ausgabe 43: Raumschiff-Captains, Thronspiele und Ex-X-Men

Willkommen bei Ausgabe 43 des Newslichters. Heute geht es mal nicht nur um Filme, sondern auch ein klein wenig um Serien. Aber Filmnewstechnisch war es halt ein wenig dünn. Das gab mir aber immerhin Gelegenheit die Saga um ‚Gambit‘, den ‚X-Men‘-Film, der niemals war (und jetzt auch nicht mehr sein wird) auszuführen. Die erstaunlichste Neuigkeit dieser Woche dürfte aber sein, dass Taika Waititi Adolf Hitler spielen wird. Legen wir also schnell los.

 

Picard kommt zu Amazon

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18525169.html

Es war ja schon eine sensationelle Nachricht, dass Patrick Stewart noch einmal in die Starfleet-Uniform von Captain (wenn er denn nicht befördert wurde) Jean-Luc Picard zurückkehren würde. Jetzt stellt sich heraus, dass die, bislang noch unbetitelte, neue Serie bei Amazon Prime gezeigt werden wird. Soweit nichts Besonderes, ein bisschen merkwürdig wird es, wenn man bedenkt, dass die andere aktuelle Trek Serie, ‚Discovery‘, bei Netflix läuft. Ärgerlich für Hardcore-Trekkies, die beide Serien schauen wollen und somit zwei Abos abschließen müssen. Doch eine solche Verteilung verschiedener Aspekte eines Franchises auf mehrere Anbieter dürfte in naher Zukunft eher normaler denn ungewöhnlicher werden. Vor allem wenn die Dienste von Disney und Apple auf den Markt kommen. In wieweit das Einfluss auf die Attraktivität von Streaming-Angeboten haben wird, muss denn auch die Zukunft zeigen.

 

Garth Marenghis ‚Game of Thrones‘

http://grantland.com/features/the-return-hbo-game-thrones/

Okay, alle reden über ‚Game of Thrones‘, dann muss ich wohl auch endlich mal. Als jemand, der nach der 4. Folge aus der Serie ausgestiegen ist, bin ich dafür offensichtlich nicht im Geringsten qualifiziert, aber davon lasse ich mich natürlich nicht abhalten. Reaktionen im Internet zeigen mir, dass die Zuschauer mit dem Verlauf der achten Staffel alles andere als glücklich sind. Vielleicht hätten die Alarmglocken bereits 2013 läuten sollen, als einer der Showrunner, David Benioff, auf die Frage nach den Themen der nächsten Staffel mit „Themes are for eighth-grade book reports,“ antwortete. Einer Aussage, die in ihrer vollendet selbstverliebten Doofheit höchstens noch von „I know authors who use subtext, and they’re all cowards“ von Garth Marenghi getoppt wird. Und der ist fiktiv. Was ich sagen will: wenn Ihr ‚Game of Thrones‘ satt habt, schaut stattdessen ‚Garth Marenghi’s Darkplace‘.
So, bevor jemand fragen kann, inwiefern das hier nun News sind, lieber schnell und unauffällig zum nächsten Thema (nicht nur für Achtklässler!).

 

Taika Waititis ‚Jojo Rabbit‘ kommt im Oktober

https://screenrant.com/jojo-rabbit-movie-release-date-2019-taika-waititi/

Der neuseeländische Regisseur Taika Waititi hat einmal gesagt, er ginge an jeden neuen Film heran, mit der Idee, dass der seine Karriere ruinieren könne. Das gehöre für ihn dazu. So hat er nach dem autobiografisch geprägten ‚Boy‘ die Vampir-Mockumentary ‚What we do in the shadows‘ gemacht, danach das grandiose Abenteuer/Komödien-Drama ‚Wo die wilden Menschen jagen‘. Nach diesen Indie Filmen wagte er direkt den Sprung zum Blockbuster mit ‚Thor: Tag der Entscheidung‘. Bis hierhin hat nichts davon seine Karriere auch nur angekratzt, im Gegenteil. Doch sein nächster Film klingt zumindest so, als brächte er das Potential dazu mit. In ‚Jojo Rabbit‘ entdeckt ein einsamer, deutscher Junge während des Zweiten Weltkriegs, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen auf dem Dachboden versteckt. Da dies gegen seinen naiven Patriotismus verstößt, wendet sich der Junge an seinen imaginären Freund Adolf Hitler, für Rat, was zu tun sei. Waititi will selbst die Rolle der naiv-dummen Fantasie-Version von Hitler übernehmen und Ziel des Films ist selbstverständlich sich über Nazis und ihre mörderische Ideologie lustig zu machen. Dennoch scheint mir hier ein gewisses Potential vorhanden, dass das zu einem neuen ‚The day the clown cried‘ für Waititi werden könnte. Gewisse Sorgen gab es, als der Film auf Veröffentlichungslisten des Studios Disney plötzlich nicht mehr auftauchte. Doch nun ist er offiziell für Oktober dieses Jahres verkündet. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

 

X-Man ‚Gambit‘ aus der „Development Hell“ in die Absage

https://screenrant.com/gambit-movie-dead-disney/

Nun ist es offiziell aus mit Channing Tatums ‚X-Men‘ Ableger ‚Gambit‘. Nach der Übernahme von Fox hat Disney das Projekt für gestorben erklärt. Grund genug für mich, einen Blick auf einen Film zu werfen, anhand dessen man wunderbar sehen kann, was der Begriff „Development Hell“ bedeutet.

Für den Beginn der tragischen Saga müssen wir weit zurück. 2006 in ‚X-Men: der letzte Widerstand‘ sollte Channing Tatum zum ersten Mal den Mutanten ‚Gambit‘ spielen. Ein charmanter Cajun aus New Orleans, der beliebige Objekte (meist Spielkarten) mit kinetischer Energie aufladen kann, so dass sie, auf ein Ziel geworfen, explodieren. Letztlich wurde der Charakter aber gestrichen. Doch Tatum und die Produzenten versicherten, dass der Charakter früher oder später auftaucht. Drei Jahre später tat er das, in ‚X-Men Origins: Wolverine‘, allerdings gespielt von Taylor Kitsch. Doch da alle Beteiligten diesen Wolverine Film gerne vergessen würden, gab es immer noch eine Chance für Tatums Film. Und so verkündete Produzentin Lauren Shuler Donner 2014, Gambit würde in ‚X-Men: Apocalypse‘ zum ersten Mal auftauchen, der dann von einem Origin Film gefolgt würde. Im Juni 2014 kam Rupert Wyatt als Regisseur zu dem Projekt, dass 2016 erscheinen sollte. Ebenfalls 2016 stellte sich dann aber heraus, dass von Gambit in ‚Apocalypse‘ absolut nichts zu sehen ist. Rupert Wyatt verließ das Projekt, der Film wurde verschoben. Doug Liman kam als neuer Regisseur an Bord, verließ es aber bereits nach kurzer Zeit wieder, offiziell wegen „Terminproblemen“. Die Erfolge von ‚Deadpool‘ und ‚Logan‘ sorgten dafür, dass das Drehbuch runderneuert wurde, vermutlich um es dunkler und zynischer zu machen. Ein offenbar langsam verzweifelter Tatum bot an selbst Regie zu führen und sogar aus eigener Tasche zu produzieren. Stattdessen wurde im Oktober 2017 Gore Verbinski als neuer Regisseur gewonnen. Als offizieller Titel des Films wurde ‚Chess‘ verkündet. Im Januar 2018 verließ Verbinski das Projekt. Im Mai 2018 wurde ein neues, neues Drehbuch fertig. Im September wurde verkündet, dass der Dreh im Februar 2019 beginnen soll, obwohl noch kein Regisseur gefunden sei. Ebenfalls im September war zu erfahren, dass das neue, neue, neue Drehbuch nun eine romantische Komödie sei (so viel zu finster und zynisch, oh Moment, das ist schon drei Iterationen her…). Im Mai zog Disney dann den Stecker.

Und wenn ich auch in den letzten Wochen gelegentlich kritisch war, was Disney-Entscheidungen angeht: hier fällt es mir sehr schwer ihnen zu widersprechen. Der Einzige, der mir ein wenig leid tut, ist Channing Tatum, der ernsthaft enthusiastisch schein, den Charakter zu spielen. Aber nun ist ja ohnehin die ganze Zukunft des X-Franchises (außer Deadpools) fraglich.

Und damit endet Ausgabe 43 des Newslichters auch schon wieder. Wir sehen uns nächste Woche.

Newslichter Ausgabe 35: Cannes, Mutanten und ein Ende

Willkommen zurück beim Newslichter! Heute ist es soweit! Heute endet die am längsten laufende Storyline dieser Beitragsreihe mit einer faustdicken Überraschung! Und natürlich wisst Ihr was das bedeutet: damit endet Phase I des Newslichters und Phase II beginnt! Ich kann Euch allerdings beruhigen, Phase II stellt eine direkte Fortsetzung und nicht etwa einen weichen, oder gar harten Reboot oder ein Remake dar. Die Regeln des Newslichter-Verse bleiben die exakt gleichen, genau genommen werdet Ihr nicht den geringsten Unterschied wahrnehmen. Ihr müsst nur verstehen, dass ab jetzt alles neu und sensationell, aber dennoch genauso wie Ihr es kennt und mögt ist! Hyyyyype! So, jetzt aber los, der Gag hat sich schon nach einem Satz totgelaufen.

 

James Gunn zurück im Regiestuhl von ‚Guardians 3‘

https://www.moviepilot.de/news/guardians-of-the-galaxy-3-disney-holt-james-gunn-als-regisseur-zuruck-1116951

Was soll ich sagen? Die intensive, aber stets faire Berichterstattung des Newslichters hat Erfolg gezeigt. Mediengigant Disney hat Regisseur James Gunn für ‚Guardians oft he Galaxy 3‘ wieder angeheuert. Wir erinnern uns: im letzten Sommer brachten einige Trolle eine Reihe geschmackloser Witze, die James Gunn fast ein Jahrzehnt zuvor auf Twitter gemacht hatte, zur Kenntnis von Disney. Gunn hatte diese Witze gelöscht und sich dafür entschuldigt, bevor er je von Disney angeheuert wurde. Dennoch gab sich Disney Präsident Alan Horn als höre er zum ersten Mal von der Sache und entließ Gunn quasi auf der Stelle. Das löste Proteste von Fans, anderen Filmemachern und nicht zuletzt dem ‚GotG‘ Cast aus. Doch Disney blieb hart. Freuen konnte sich DC/Warner, die den arbeitslosen Gunn stante pede für ‚Suicide Squad 2‘ anheuerten.

Doch nun hat Horn verkündet, er wäre von Gunns Entschuldigung beeindruckt gewesen (von welcher, der Jahre alten, oder einer neuen?). So groß war offenbar sein Vertrauen in Gunn die ganze Zeit, dass Disney nie auch nur mit einem anderen Filmemacher als Ersatz für Gunn gesprochen hätte. Was genau mag nun wirklich passiert sein? Meine Theorie ist, dass Horn überreagiert hat und dann exakt genug Zeit verstreichen lassen wollte, dass ein Wiederanstellen von Gunn nicht nur nicht wie das Eingestehen eines Fehlers aussieht, sondern wie ein toller Erfolg, als den Disney das jetzt verstanden wissen möchte. Für unwahrscheinlich halte ich hingegen, dass es ein inszenierter Medienrummel rund um die Verschiebung von ‚GotG 3‘ (schließlich muss Gunn jetzt erst mal ‚Suicide Squad 2‘ fertig machen) gewesen ist. Disney kann nicht wirklich glücklich sein, dass Gunn  jetzt einen weiteren Job für die Konkurrenz hat.

Wie auch immer, die Gunn-Saga hat nun (vermutlich) ihr glückliches Ende gefunden und der Newslichter kann sich anderen Dingen zuwenden, über die es zu maulen gilt.

 

Angst bei FOX um ‚Dark Phoenix‘

https://screenrant.com/dark-phoenix-disney-deal-hurting-fox-execs/

Bei FOX fürchtet man, die Zusammenlegung mit Disney könnte zu einem Problem für den neuen X-Men Film ‚Dark Phoenix‘ werden. Beim Marketing weiß man nicht genau, wie man den Film bewerben soll, ist doch schließlich zu erwarten, dass Disney/Marvel etwas völlig anderes mit den X-Men vorhat. Der einzige FOX-Mutant, dessen Zukunft bei der Maus garantiert ist, ist bislang ‚Deadpool‘.

Mit dem Folgenden mache ich mir vielleicht nicht viele Freunde bei Fans des X-Men-Franchises (zu denen ich mich auch zähle): das Problem ist nicht das Marketing, das Problem ist der Film. Und das weiß man bei FOX auch ganz genau. Nicht umsonst ist er schon mehrfach verschoben worden und einige Nachdrehs geordert worden. Ich habe ein wenig das Gefühl, der Film wurde mehr oder weniger aufgegeben, nachdem ‚Apocalypse‘ weder die Kritiker wirklich überzeugen konnte, noch wirklich genug Leute ins Kino gelockt hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass Simon Kinberg, Autor von ‚X-Men: Der letzte Widerstand‘, der allgemein als der schwächste des Franchises gilt, erneut angeheuert wurde, um die exakt gleiche Geschichte noch einmal zu erzählen. Nur diesmal eben auch noch als Regisseur. Ist Jennifer Lawrence wirklich ein so großes Zugpferd für die Serie, dass man ihr ein weit geringeres (und im Trailer reichlich albern aussehendes) Make-Up anbieten musste, damit sie zurückkehrt? Zumindest für mich macht das alles den Eindruck von „ist doch alles egal, Marvel machen eh was sie wollen“ und zwar nicht nur im Marketing.

 

Netflix auch dieses Jahr nicht in Cannes

https://www.cinemablend.com/news/2468575/looks-like-netflix-wont-be-at-cannes-again-this-year

Zum zweiten Mal in Folge wird Streaming-Anbieter Netflix den Filmfestspielen in Cannes fernbleiben. Als 2017 ‚Okja‘ und ‚The Meyerowitz Stories‘ in den Wettbewerb um die Palme D’Or aufgenommen wurden, kam es zu Protesten von französischen Kinobetreibern. Denn in Frankreich gilt, dass 36(!) Monate vergehen müssen, bevor ein Kinofilm in den Stream gehen darf. Daher zeigt Netflix seine Filme dort nicht im Kino. In Cannes stellte man sich auf die Seite der Kinobetreiber und schloss Netflix-Filme, die nicht im Kino waren, zukünftig vom Wettbewerb aus. Netflix entschloss sich seinerseits dann auch keine Filme außerhalb des Wettbewerbs in Cannes mehr zu zeigen. Beide Seiten versichern zwar sich hinter den Kulissen in freundlichen Gesprächen zu befinden, doch zu einer Einigung ist es bislang nicht gekommen. Cannes ist das bislang größte Filmfestival, das sich mit Netflix überworfen hat. Ob es bei der Oscarverleihung zu Regeländerungen kommen wird, zu Ungunsten von Streaming-Diensten, das entscheidet sich in diesem April. Wie berichtet hat ein solcher Vorschlag von (angeblich) Steven Spielberg aber nicht eben viel positives Echo gefunden.

 

Und das war es, das sagenumwobene Ende von Phase I. Habt Ihr die subtilen Hinweise entdeckt, worum es in Phase II gehen wird? Ob Ihr Recht hattet merkt Ihr nächste Woche, wenn es weiter geht als wäre nichts gewesen!

‚X-Men: Apocalypse‘ (2016) – Walk Like an Egyptian

Nachdem mir der Abgesang auf den ollen ‚Logan‘ dann ja doch ziemlich gut gefallen hat, wollte ich nun auch den neuesten Teil der dienstältesten Superhelden-Filmserie nachholen. Die durchschnittliche Qualität der Hauptserie war hier, mit Ausnahme eines Ausreißers nach unten in Form von ‚X-Men: Der Letzte Widerstand‘, ziemlich hoch. Insbesondere die Übergabe des Staffelholzes in ‚Die Zukunft ist Vergangenheit‘ fand ich elegant gelöst. Kann dieses Niveau gehalten werden oder kommt es zur Apokalypse (hehe)?

Zehn Jahre nach Magnetos (Michael Fassbender) vereiteltem Anschlag auf Präsident Nixon, erwacht tief unter Kairo eine neue Gefahr. Sabah En Nur (Oscar Isaac) gilt als der erste Mutant der Welt. Er kann die Körper anderer Menschen und Mutanten und somit ihre Kräfte übernehmen. Im Jahr 3600 v.Chr. versuchte eine Gruppe ihn zu ermorden, um seine Herrschaft über Ägypten zu beenden. Dummerweise haben sie damit gewartet bis er in einem Körper mit Selbstheilungskräften steckte. Und so steht er im Jahr 1983 wieder auf den Beinen und stellt seine vier Reiter der Apokalypse aus den Reihen der Mutanten zusammen, um mit ihnen die Weltherrschaft zu übernehmen. Professor Xaviers (James McAvoy) Schüler müssen ein weiteres Mal ihr friedliches Leben aufgeben und sich ihm als die X-Men in den Weg stellen. Auch die im Verborgenen agierende Mystique (Jennifer Lawrence) wird eine Entscheidung treffen müssen.

Worauf ich hier im Abspann sehr gespannt war, war die Anzahl der Autoren, die für den Film verantwortlich zeichnen. Es sind vier. Ich hatte ehrlich gesagt noch mehr erwartet. Denn während ich oben den Hauptstrang der Handlung knapp zusammengefasst habe besteht der eigentliche Film aus einer ganzen Reihe disparater Elemente, die offensichtlich aus unterschiedlichen Versionen des Drehbuchs stammen. Erlaubt mir den mMn am wenigsten gelungenen Handlungsstrang um Magneto zusammenzufassen. Der lebt hier inkognito in der Volksrepublik Polen und arbeitet in einer Eisenhütte. Er wohnt mit Frau und Kind in einem märchenhaften Häuschen im Wald, wo die Rehlein traulich durch den Vorgarten hopsen (das hängt mit der Mutantenfähigkeit seiner Tochter zusammen). Aber er verrät sich, als er einem Kollegen bei einem Unfall mit seinen Kräften das Leben rettet. Alsbald steht die Polizei vor der Tür… mit Pfeil und Bogen, um Metall zu verhindern. Frau und Tochter sterben in der folgenden Auseinandersetzung und Magneto ist hasserfüllt wie eh und je. Gemeinsam mit Sabah En Nur, der ihn rekrutieren möchte, zerlegt er das ehemalige KZ Auschwitz und verbringt den Großteil des restlichen Films damit in zehn Metern Höhe zu schweben und mit den Armen zu rudern. Zu behaupten dieser Teil funktioniere für mich nicht wäre eine höfliche Untertreibung. Was für eine Art, einen seiner besten Schauspieler zu vergeuden.

Ein weiterer Fehltritt: dreißig Sekunden nachdem es in Xaviers Schule zu einem Unglück gekommen ist trifft Col. Stryker (Josh Helman), der ewige zweit- bis dritt Antagonist, ein und entführt eine Gruppe Mutanten für etwa 10 Minuten in seine Geheimbasis. Das alles dient dem einen Zweck, einem altgedienten X-Man die Chance für einen ausgedehnten Cameo-Auftritt zu geben, trägt zur eigentlichen Handlung aber mal so gar nix bei. Aber wir müssen wohl die zweieinhalb Stunden vollkriegen, die Pflichtdauer für einen Superheldenfilm.

Sabah En Nur oder auch Apocalypse ist sehr nahe dran an einem gelungenen Schurken. Aufgrund seines Aussehens und seiner scheinbar unermesslichen Fähigkeiten wirkt er beinahe monströs, in seiner Arroganz allerdings wieder sehr menschlich. Wenn er alle Atomraketen der Welt gleichzeitig starten lässt und sie ins Weltall schickt, um die Supermächte zu entmachten, dann ist das nicht nur eine gelungene Szene, sie stellt ihn auch subtil auf eine Stufe mit Superman, der im wenig gelungenen ‚Superman IV‘ dasselbe tut. In den 80ern war es ein heldenhafter Akt für den Weltfrieden, aus heutiger Sicht eine Schurkentat, ich bin sicher da verbirgt sich irgendwo ein politischer Kommentar…
Für seine vier Gefolgsleute (oder „Reiter“) will er die mächtigsten Mutanten der Welt, sagt er. Entscheidet sich dann aber, mit Ausnahme Magnetos, für den- oder diejenige, die ihm gerade über den Weg läuft. Aber mit Apocalypses Herrschaftsplänen hält auch eine Krankheit in die Serie Einzug, gegen die die X-Men bis jetzt zumindest relativ immun waren. Erinnert Ihr Euch an Magnetos Armrudern? Apocalypse hat seine Kräfte soweit gestärkt, dass Magneto jetzt nicht eine Stadt, sondern ALLE STÄDTE DER WELT gleichzeitig in Schutt und Asche legen kann. Ja, die Spektakel-Inflation des Superheldengenres hat die X-Men voll erreicht. Ist es da ein Wunder, dass es wohl eine von Sabah En Nurs Fähigkeiten zu sein scheint, dass ihn in keinem Zeitalter irgendjemand leiden kann?

Heißt das also alles ist Mist? Um Himmels Willen, bei Weitem nicht! Die neu eingeführten, jüngeren Versionen bekannter Charaktere, Jean Grey (Sophie Turner), Cyclops (Tye Sheridan) oder Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) sind durch die Bank sehr sympathisch und gut dargestellt. Von Storm hätte ich sogar gern mehr gesehen, füllt sie Alexandra Shipp in ihren wenigen Minuten Screentime mit mehr Leben als Halle Berry in vier Filmen. Auch die wiederkehrenden Charaktere sind gut getroffen, wenn Michael Fassbender auch völlig unterfordert ist, bleibt die menschliche Dimension, bei allem überbordenden Spektakel gewahrt. Auch wenn man beginnt sich über den (mangelnden) Alterungsprozess der Charaktere, die man zuerst 1962 während der Kuba-Krise getroffen hat zu wundern.
Ich liebe übrigens die Darstellung des Quicksilver (Evan Peters) in diesen Filmen. Er erhält hier gleich eine Reihe von Szenen, von denen zwar keine die überraschende Qualität der brillanten Küchen-Sequenz aus dem letzten Film erreicht aber die dennoch viel Spaß machen.

Was übrigens auffällt, ist wie sehr sich in der langen Lebensdauer des X-Franchises der Superheldenfilm gewandelt hat. Musste im ersten Film noch schwarzes Uniform-Leder (was hier kurz wieder auftaucht) getragen werden und die Idee des Comic-Kostüms war ein Witz, so besteht jetzt keine Angst vor Buntheit mehr. Apocalypses Design z.B. könnte auch direkt aus der alten ‚Power Rangers‘ Serie stammen (er wird am Ende sogar groß!) und funktioniert hier dennoch. Und Storm sieht dem 80er Jahre Comic Pendant ihres Charakters geradezu erschreckend ähnlich.

Was bleibt als Fazit? Jean Grey bemerkt, als sie mit ein paar der jüngeren X-Men aus einer Kinovorstellung von ‚Die Rückkehr der Jediritter‘ kommt „At Least We Can All Agree The Third One Is Always The Worst!“ Sicherlich ein Seitenhieb auf Brett Ratners zu Recht ungeliebten ‚Letzten Widerstand‘, wenn wir ‚Erste Entscheidung‘, ‚Zukunft ist Vergangenheit‘ und ‚Apocalypse‘ als zweite Trilogie betrachten, dann trifft der Satz auch hier problemlos und lässt gewisse Eigenironie erahnen. Allerdings ist ‚Apocalypse‘ qualitätstechnisch weit über dem Niveau vom ‚Letzten Widerstand‘ anzusiedeln. Gerade nach dem gelungenen letzten Film und dem faszinierenden ‚Logan‘ muss ich allerdings sagen, dass ich hier mehr erwartet hätte. Der nächste X-Film kommt ja bereits 2018 ins Kino und wird inszeniert vom Autoren von ‚Der Letzte Widerstand‘. Den Fehler zu viel zu erwarten werde ich dort also garantiert nicht machen, vor allem weil der Film eine weiteres Mal versuchen wird „Dark Phoenix“ auf die Leinwand zu bringen. Was soll’s, totzukriegen sind die X-Men glücklicherweise nicht.

Eigentlich ist alles gesagt: ‚Logan‘ (2017)

Ganz ehrlich, als ich den ersten Trailer zu diesem Film gesehen habe, unterlegt mit Johnny Cashs apokalyptischer Coverversion von „Hurt“ und aus rauen Kehlen gepressten, düsteren Sätzen vom Untergang, da habe ich nicht eben viel Lust auf den Film bekommen. Finstere, bierernste  Superhelden versucht Warner-DC schon seit dem Weggang von Christopher Nolan erfolglos wieder einzufangen. Jetzt auch noch Fox? Gerade nachdem der selbstironische ‚Deadpool‘ so erfolgreich war? Auch sämtliche positive Stimmen als der Film dann rauskam konnten mich nicht umstimmen. Allerlei Western Vergleiche machten mich dann doch neugierig. Da war es aber zu spät. Jetzt habe ich ihn auf BluRay gesehen und falls es noch jemanden interessieren sollte, ist hier meine (endlich informierte) Meinung.

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten sind ein Phänomen der Vergangenheit. Seit 25 Jahren wurde kein neuer Mutant geboren. Logan/Wolverine/James Howlett (Hugh Jackman) verdingt sich im Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko als mietbarer Limousinen-Chauffeur. Alt, verbittert, mit versagender Heilungsfähigkeit und langsam und schmerzhaft von seinem Metallskelett vergiftet. Selbst die Klauen wollen nicht mehr wie früher. Er lebt in einer aufgelassenen Eisenschmelze, gemeinsam mit dem Nosferatu-ähnlichen Caliban (kaum zu erkennen: Stephen Merchant), einem Mutanten mit der Fähigkeit andere Mutanten aufzuspüren und dem an Alzheimer erkrankten Charles Xavier (Patrick Stewart). Eisern spart er Geld für Xaviers Medikamente, die dessen schwere Anfälle, die tödlich für alle Umstehenden sein können, unter Kontrolle halten und für ein Boot, um das Land zu verlassen. Als ihm eine Frau 50.000 Dollar bietet, um das junge Mutantenmädchen Laura (Dafne Keen) nach North Dakota zu bringen ist das verlockend, doch bald tauchen gefährliche Verfolger auf.

Ich verstehe die Western-Vergleiche, die viele Besprechungen gezogen haben. Und der Film macht seine Beziehung zu ‚Mein großer Freund Shane‘ auch durchaus deutlich, schauen doch die Charaktere exakt diesen Film. Ich habe mich allerdings die ganze Zeit an ein anderes Genre erinnert gefühlt. Den Film Noir. Der Logan, den wir zu Beginn des Films treffen ist ein typischer Noir Charakter. Desillusioniert, zynisch und freiwillig von der ihn umgebenden selbstzerstörerischen, hedonistischen Welt entrückt, die er nur noch mit einer ausreichenden Dosis Alkohol erträgt. Das ist aber noch nicht der Tiefpunkt für den Helden. Er ist auf eine Lesebrille angewiesen, will er sein Handy benutzen und erreicht seinen absoluten Nadir, wenn er in einem Moment impotenten Zorns auf sein Auto einprügelt und dann eher an Basil Fawlty als an einen Superhelden erinnert. Professor Xavier erfährt eine ähnlich brutale Dekonstruktion. Das mächtigste Hirn der Welt wird von einer degenerativen Krankheit und unkontrollierbaren Anfällen heimgesucht, die den ehemaligen Retter zu einer Gefahr und zu einem sehr anstrengenden Patienten machen, der sein Dasein in einem alten Wasserturm fristet. Einer der tragischsten Momente des Films ist, wenn Laura auftaucht und wir für einen Moment wieder den Mann sehen, der Xavier einmal war. Interessant ist der Kniff, dass in der Realität des Films X-Men Comics existieren. Logan tut sie zwar als Blödsinn für Kinder und Idioten ab, allerdings inspirieren sie das zentrale Element der Handlung, sodass schon beinahe eine Art Metaerzählung dabei herauskommt.

Der Film geht also durchaus brutal mit seinen Charakteren um und ebenso brutal sind einige physische Sequenzen, die wir zu sehen bekommen. Sei es, dass der Film tatsächlich zeigt, was Logans Klauen mit einem anderen Menschen anstellen würden oder gleich eine ganze Montage, die daraus besteht, wie in einem Krankenhaus Kinder getötet werden. Beinahe schon erstaunlich, dass der mit einer 16er Freigabe davongekommen ist.

James Mangolds Regie-Karriere würde ich eher als durchwachsen bezeichnen, doch diesem Film merkt man in jeder Aufnahme die Liebe und Aufmerksamkeit an, die hineingeflossen sind. Wirken viele Superheldenfilme, bei aller technischen Brillanz doch oftmals ein wenig zweidimensional (vielleicht liegt es an der Comic-Herkunft) nutzt Mangold hier in fast jeder Szene die Tiefe des Bildes effektiv aus. Unterschiedliche Ebenen bedrohen einander, sehnen sich nach einander wirken jederzeit aufeinander ein, Vordergrund und Hintergrund erzählen gleichzeitig und ergänzen sich. Und dann springt Laura aus dem ungewissen Raum hinter der Kamera mit schmerzhaften Folgen für denjenigen der davor steht. Das sind definitiv erzählerische Mittel, die der Film mit dem Western teilt.

Als wir Wolverine vor 17 Jahren das erste Mal in einem Film trafen, da war er die unfreiwillige Vaterfigur für Anna Paquins Roque. Gerade Comic-Fans reagierten irritiert, dass „irgendein australischer Musical-Darsteller“ den beliebten, mürrischen Mutanten spielen sollte. Zahlreiche Auftritte später, kann man sich kaum jemand anderen als Hugh Jackman in der Rolle vorstellen. Und um mit diesem Film einen würdigen Abgang für seine Figur zu bekommen hat er gebettelt, gedroht und am Ende auf einen Großteil seiner Gage verzichtet, um genau den Film machen zu können, den er und James Mangold machen wollten. Und es hat sich gelohnt, der Kreis hat sich geschlossen, Wolverine endet wie er begann als unwillige Vaterfigur und durch die brutale Dekonstruktion in diesem Film kommen wir seinem Charakter näher als je zuvor. Jackman hängt sich hier voll rein und gibt eine ebenso nuancierte wie unprätentiöse letzte Vorstellung. Man merkt, dass es der Film ist den er machen wollte. Für Stewart dürfte es ebenfalls der letzte größere Auftritt als Professor X gewesen sein. Er bekommt hier deutlich mehr zu tun als in den übrigen X-Filmen, wo er meist nur würdevoll in die Gegend schaute und gelegentlich mit Magneto Schach spielte. Unbedingt erwähnenswert ist der Auftritt von Dafne Keen, die ihre Rolle für ihre 11 Jahre mit einer geradezu erschreckenden Intensität spielt. Der Film leidet an der üblichen Marvel-Krankheit des lahmen Schurkencharakters, Boyd Holbrook und seine halbmechanischen Mordbuben bleiben recht blass, einzig ein seelenloser Klon von Wolverine bekommt eine wohl unvergessliche Szene. Doch ist das in diesem Film, der zu gleichen Teilen Charakterstudie und Survivalthriller / Actionfilm ist ausnahmsweise einmal völlig egal.

‚Logan‘ ist ein absolut gelungener Film, meine Skepsis war völlig unangebracht. Er ist ein wenig für das Genre des Superheldenfilms, was die revisionistischen Western der 70er, wie ‚McCabe & Mrs. Miller‘ oder ‚Das Wiegenlied vom Totschlag‘ für den amerikanischen Western waren. Das würde ihn dann wohl zu einem revisionistischen Superheldenfilm machen, ein Genre, dass ich soeben erfunden habe. Ein wenig zu hoch mögen manche überschwänglichen Kritiken die Erwartungen getrieben haben aber enttäuscht wurden sie auf keinen Fall.