‚Aniara‘ (2018)

Mitte der 50er Jahre schuf der schwedische Autor Harry Martinson ein Versepos mit dem Titel „Aniara“. Unter dem Eindruck der Nachkriegsjahre und des kalten Krieges ersann er das Ende der Menschheit in der Miniatur eines ruderlos gewordenen Raumschiffs. 1974 erhielt Martinson vor allem für dieses Werk den Nobelpreis für Literatur, eine damals alles andere als unumstrittene Entscheidung. Das Werk hat mehrere Opern inspiriert, dank seiner schwedischen Herkunft selbstverständlich auch Metal und eine schwedische TV-Adaption von 1960. Nun brachten Pella Kagerman und Hugo Lilja den Stoff auf die Leinwand.

Die Erde ist verwüstet. Wer es sich leisten kann unternimmt mit großen Raumern die dreiwöchige Reise zum kolonisierten Mars. Eines dieser Schiffe ist die Aniara. An Bord ist auch die MIMA. Eine künstliche Intelligenz, die auf die Erinnerungen ihrer Benutzer zugreifen kann die so angenehme Erinnerungen an die alte Erde wieder lebendig werden lassen kann. Überwacht wird das von der Mimarobe (Emelie Jonsson), einer freundlichen, empathischen Mitarbeiterin von niedrigem Rang auf dem Schiff, die heimlich in Pilotin Isagel (Bianca Cruzero) verliebt ist. Nur wenige Passagiere zeigen Interesse an MIMA, nutzen lieber die Einkaufsmöglichkeiten oder andere Unterhaltungsangebote. Dann kommt es bei einem Ausweichmanöver zur Katastrophe. Durch eine Kollision verliert die Aniara allen Treibstoff und Steuermöglichkeiten und treibt vom Kurs ab. Kapitän Cheffone (Arvin Kananian) teilt mit, dass man den ersten Himmelskörper nutzen wird, um sich zurück zu schleudern, wobei das Jahre dauern wird. Doch die Mimarobe erfährt von ihrer Kabinengenossin, einer Navigatorin, dass das gelogen ist. Man wird auf absehbare Zeit nicht in das Gravitationsfeld irgendeines Himmelskörpers geraten. Plötzlich ist die MIMA vollkommen überlaufen, die K.I. von den traumatischen Erinnerungen der Passagiere an die Erde überwältigt. Die jahrelange Reise in die Finsternis des Äußeren wird zwangsläufig auch zu einem Blick nach innen.

‚Aniara‘ ist was dabei herauskommen könnte, wenn Andrei Tarkowski ein Remake von ‚Wall-E‘ machen würde. Der niedliche Roboter wird durch eine nicht greifbare K.I., die später suizidal wird, ersetzt. Interessanter ist das Schicksal der Menschen, die auf ihrer neuen Zwangsheimat einem unausweichlichen Ende entgegenschleudern. Gesteigerte Algenproduktion und Wasseraufbereitung sorgen zwar dafür, dass das Leben weitergehen kann, allerdings zerbrechen alsbald die proper schwedischen, sozialen Strukturen. Merkwürdige Kulte bilden sich aus (‚Midsommar‘ lässt grüßen), Selbstmorde nehmen überhand, der Kapitän wird erst zum Westentaschendiktator, dann zum Witz. Hedonistisches Feiern, Drogen und matschiger Algenschnaps werden zur neuen Normalität. Der Film drückt das in immer größeren Zeitsprüngen zwischen seinen betitelten Kapiteln aus. Erst Tage, dann Wochen, Monate und Jahre springen wir in die Zukunft. Einer Zukunft in der sich Hoffnung immer mehr falsch und fast schädlicher als Fatalismus anfühlt.

Was den Film funktionieren lässt ist vor allem seine merkwürdige Bodenständigkeit. Von außen durchaus effektive Science Fiction Spezialeffekte, wirkt das Innere der Aniara durchaus vertraut. Irgendwo zwischen nordischer Fähre und plüschigem Kreuzfahrtschiff wirkt es absolut glaubwürdig mit seinen Konsumtempeln, Arkaden und Kinos. Diese verfallen zu sehen holt den Film aus der abstrakten SciFi, auf eine nachvollziehbare Ebene. Auch sagt der Film nie was nun wirklich genau auf der Erde geschehen ist, wir sehen nur Erinnerungsfetzen durch die Brille der MIMA. Allerdings haben zahlreiche Passagiere des Schiffes mehr oder weniger starke Verbrennungen, ein gelungenes Beispiel für visuelles Erzählen. Der Fatalismus der Erzählung geht auch über das Schicksal der Aniara hinaus. So fragt die Mimarobe (im Film wird das wie ihr Name behandelt, ist aber offensichtlich ein Titel. Nur die Brückenbesatzung bekommt Namen) einen verzweifelten Passagier, warum der denn der Meinung sei auf dem Mars wäre es so viel besser als hier auf dem Schiff. Eiskalt sei es da und es wächst nur eine winzige Pflanze, die das Einzige sei, was es dort zu essen gibt.

Der Film enthält so eine überdeutliche, wenn auch nie ausgesprochene Aussage. Das Glück der Menschheit, so macht der Film deutlich, ist unausweichliche mit der Erde verbunden. Die Zerstörung unserer Erde führt zwangsläufig zu einem Ende der Menschheit. Zunächst zu einem Ende der Menschheit wie wir es kennen und dann zur großen Finsternis. In gewisser Weise erzählt der Film also die Handlung von Douglas Trumbulls ‚Lautlos im Weltraum‘ mit den Mitteln von Tarkowskis ‚Solaris‘. Ich hoffe ich habe deutlich genug gemacht, dass es sich um keinen fröhlichen Film handelt…

Emelie Jonsson trägt einen Großteil des Films. Dialoge werden nur sehr zurückgenommen verwendet, weswegen wir auf ihre Reaktionen angewiesen sind, um den menschlichen Zugang zur Handlung zu bekommen. An ihrem ausdrucksstarken Gesicht lesen wir ab, wo wir uns befinden. Demgegenüber steht Bianca Cruzeros anfangs völlig zurückgenommene, scheinbar emotionslose Pilotin (Raumpiloten müssen so sein, wie wir erfahren). Später lernen wir, dass unter der scheinbar unbewegten Oberfläche nur umso stärkere Emotionen wüten.

‚Aniara‘ ist Science Fiction wie ich sie mir wünsche. Clever erzählt, mit einer klaren Aussage, fesselnd und faszinierend. Nur lohnt es sich noch einmal daran zu erinnern, dass ‚Aniara‘ ein wirklich deprimierender Film über Hoffnungslosigkeit ist. Aber skandinavisches Kino hat ja auch eher selten den Ruf fröhliche Schenkelklopfer zu produzieren. Ob man das derzeit braucht, muss jeder selbst entscheiden. Sehenswert ist der Film allemal.

Here’s To You, Ennio Morricone

Am 6. Juli 2020 ist Ennio Morricone an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Sein Werk, seine Bedeutung für die Filmmusik hier in einem einzigen Text auch nur anreißen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Für mehr als 500 Filme hat er den Soundtrack geschrieben, hunderte weitere nutzten seine Musik. Also bleibe ich bei einem kurzen Blick auf sein Leben und tue das einzig Vernünftige, nämlich seine Musik zu verlinken.

Am 10. November 1928 geboren, war klar, dass Ennio in die Fußstapfen seines Vaters treten und Konzerttrompeter werden würde. 1946 erhielt er sein Diplom als Trompeter. Er schloss allerdings ein weiteres Studium als Komponist an, das er 1954 erfolgreich beendete. Im selben Jahr heiratete er Maria Travia, mit der er bis 1966 vier Kinder bekommen würde. Ende der 50er wurde er zu einem bedeutenden Arrangeur des italienischen Schlagers. Als Ghostwriter schrieb er erste Filmkompositionen für etablierte Komponisten. 1961 schrieb er, als Dan Savio, seinen ersten „offiziellen“ Soundtrack. Als Familienvater besaß er oftmals nicht die finanzielle Freiheit so avantgarde zu sein, wie er es sich gewünscht hätte, lieferte meist einfach das, was von ihm verlangt wurde. Das würde sich grundlegend ändern, als er 1964 auf seinen alten Schulkameraden Sergio Leone traf.

Leone seinerseits war wohl überrascht in „Dan Savio“, der seinem Film ‚Für eine Handvoll Dollar‘ zugeteilt wurde, Morricone wiederzutreffen. Hier jedenfalls würde Morricone improvisieren müssen. Denn Geld für ein großes Orchester war nicht vorhanden und Leone wollte ohnehin einen originellen Sound. Vielerorts kann man lesen, dies sei der Moment, als die Filmmusik vom reinen Begleitwerk zum integralen Bestandteil des Films wurde. Diese These halte ich, etwa im Angesicht des Erfolgs von Musicalfilmen im Hollywood der 30er und 40er Jahre, für sehr schwer haltbar. Nein, Morricone tat hier etwas anderes. Mehr noch als Leone mit seinem Film das Aussehen des neuen Genre des Italowesterns prägte, prägte Morricone seinen Klang. Dafür vermischte er natürliche Laute, Pfeifen, Peitschenknallen, Pistolenschüsse mit dem Sound von E-Gitarren, etablierten Konzertinstrumenten und Chorgesang.

DAS ist der Sound, den wir in unserem inneren Ohr hören, wenn wir das Wort Italowestern lesen. Jeder folgende Film des Genres hatte drei Möglichkeiten: 1. Ennio Morricone für den Soundtrack anheuern 2. jemand anderen dranzusetzen, der versucht wie Morricone zu klingen oder 3. bewusst exakt anders als Morricone zu klingen. Jeder wollte Möglichkeit 1. Und so verfasste Morricone in den nächsten 10 Jahren eine gigantische Menge Soundtracks.

Als Beispiele seien hier das Stück L’Arena aus ‚Il Mercenario‘/‘Die gefürchteten Zwei‘

Vamos a Matar, Compañeros aus ‚Zwei Companeros‘, beide für Sergio Corbucci

und The Chase aus ‚Der Gehetzte der Sierra Madre‘ von Sergio Sollima erwähnt.

Morricones Western Soundtracks lassen einen einheitlichen Stil erkennen, waren jedoch stets perfekt auf die Bilder des jeweiligen Films abgestimmt und stehen für sich. Und bei Leones letztem großen Western, ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ war Morricones Musik bereits zur Regieanweisung geworden. Sie war vor dem Film fertig und wurde am Set zur jeweiligen Szene abgespielt. Die Darsteller konnten also gar nicht anders als auf die Musik zu reagieren. Und wie die Enthüllung von Schurke Frank zeigt, Morricone kann einen guten Film großartig und einen großartigen Film unsterblich machen. Die Szene hätte nicht die Hälfte ihrer Wirkkraft ohne seine Musik.

Morricone konnte sich nun die Filme aussuchen, für die er arbeiten wollte. Er nahm sich hochpolitischer Themen, wie Gillo Pontecorvos ‚Schlacht um Algier‘

oder dessen ‚Queimada‘ an.

In den 70ern ging seine Arbeit aber bereits auch über Italien hinaus und bis nach Hollywood, wo er etwa Terrence Malicks grandiosen ‚Days of Heaven‘ vertonte.

Regisseure, die zum ersten Mal mit ihm arbeiteten, waren oftmals verwundert. Er kam nicht zu ihnen, sie kamen zu ihm nach Rom. Und anstatt ihnen am Klavier vorzuspielen, ließ er sich Szenen beschreiben oder zeigen, sagte wenig und begann zu schreiben. Er war berühmt dafür quasi die gesamte Orchestrierung von Anfang an im Kopf zu haben. Und sollte es doch mal später passieren, dann fuhr er auch gern im Auto rechts ran und begann zu schreiben. Inspiration hielt er für Unsinn. Neugier, Studium und Fleiß sah er als wahres Geheimnis seines Erfolges an.

Eine Kollaboration, die sich Morricone immer gewünscht hatte, aus der aber nichts wurde, war mit Stanley Kubrick. Tatsächlich standen beide in Gesprächen für ‚A Clockwork Orange‘. Doch als Kubrick aus einem Telefongespräch erfuhr, dass Morricone parallel an einem anderen Film arbeiten würde, meldete er sich nie wieder bei ihm.

1982 trat John Carpenter auf ihn zu. Mit ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ war er in der seltenen Situation jemand anderen für den Soundtrack bezahlen zu können. Morricone war verwirrt, warum Carpenter es nicht dennoch selbst machen wollte. „Weil ich zu Ihrer Musik geheiratet habe.“ Antwortete der. Morricone legte ihm zwei Soundtrackkonzepte vor. Ein orchestrales und ein elektronisches, das quasi exakt wie Carpenters Musik klang. Letzteres hat er natürlich genommen. Es ist beachtlich, wie gut Morricone auch mit der ungewohnten, elektronischen Musik umgehen konnte. Sein Thema klingt wie eine, nicht ganz perfekte, Nachahmung eines menschlichen Herzschlages. (Und war 1983 für die Goldene Himbeere als schlechteste Musik nominiert, nur als Information für Leute, die glauben, die „Raspberries“ seien erst in den letzten Jahren zu totalem Schwachsinn verkommen)

Einen meiner liebsten Soundtracks schuf er allerdings 1986 für Roland Joffés ‚The Mission‘. Mehrfach hatte er bewiesen, dass er in seinen Soundtracks ein einzelnes Instrument herauszustellen weiß, sei es die Mundharmonika in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘, oder die Panflöte in ‚Es war einmal in Amerika‘. Hier nun ist es die Oboe. Eine solche dient im Film nämlich als wesentliches Werkzeug der Völkerverständigung. In den Händen eines weniger talentierten Komponisten hätte das sehr leicht peinlich werden können. Doch Morricone lässt es mit ‚Gabriels Oboe‘ glaubhaft erscheinen.

Damit wären wir bei einem anderen Thema, den Oscars. Die Beziehung zwischen Morricone und Hollywood war nicht unbedingt ganz einfach. Er weigerte sich dort hinzuziehen, und Hollywood verweigerte ihm lange Zeit den „Ritterschlag“ eines Oscars. Oh sicher, 2007 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk, jenen Entschuldigungspreis der Academy, auf dem genauso gut „Trostpreis“ stehen könnte. Fünf Mal war er bis dahin nominiert gewesen. Darunter auch für ‚The Mission‘, was der Soundtrack war, über den er später sagte, er hätte damit eigentlich gewinnen müssen. Schalkhaft sagte er ebenfalls, wenn es nach ihm ginge, müsste er eigentlich alle zwei Jahre einen Oscar bekommen. Und bekommen sollte er ihn noch. Quentin Tarantino wollte lange Zeit mit ihm arbeiten. Doch Zeit und Morricone fortgeschrittenes Alter machten dem immer wieder einen Strich durch die Rechnung, sodass Tarantino auf bestehende Kompositionen von Morricone zurückgreifen musste. Für ‚Django Unchained‘ schrieb er ihm allerdings ein Stück. Und für ‚Hateful Eight‘ arbeiteten sie endlich zusammen und Morricone erhielt seinen „echten“ Oscar. Man könnte erwarten Morricone, damals Mitte 80, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Für seinen ersten Western seit dem Bud Spencer Film ‚Eine Faust geht nach Westen‘ von 1981 ein Best Of seiner Italowestern Soundtracks neu aufwärmen. Doch finden sich hier keine twängelnden Gitarren, kein Pfeifen. Die Musik ist orchestral und kühl, erinnert eher an seine Arbeit am Giallo-Film (die ich hier schmählich übergangen habe) und im Intro direkt an ‚Das Ding‘. Die perfekte Textur für Tarantinos paranoiden Thriller.

Schließen möchte ich mit einem Stück aus seiner politischen Ära. „Here’s To You“ stammt aus dem Film ‚Sacco und Vanzetti‘ über die italienstämmigen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide waren in den USA der 20er Jahre Anhänger der anarchistischen Arbeiterbewegung und wurden in New York, in einem unfairen Schauprozess, fälschlich eines Raubmordes schuldig gesprochen und hingerichtet. Beide wurden 1977 posthum rehabilitiert. Komponiert von Morricone mit einem Text von Joan Baez, basierend auf einer späten Aussage Vanzettis, beginnt das Stück als Trauermarsch und endet im Triumph.

Addio Maestro. Grazie per la Musica.

Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 besten Historienfilme

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag. Heute fragt uns Gina nach den 5 besten Historienfilmen. Ich könnte jetzt wieder komplexe Regeln aufstellen für die Auswahl des Films, doch da mich heute meine 5 (oder 6) Kandidaten geradezu angesprungen haben, kann ich mir das zum Glück sparen. Legen wir los!

  1. ‚Master & Commander‘

Manchmal habe ich das Gefühl neben Peter Weir und Russel Crowe der Einzige zu sein, dem an dieser Verfilmung aus der Romanreihe um den Kapitän „Lucky“ Jack Aubrey etwas liegt. Dabei macht der Film etwas richtig, woran so viele andere Historienfilme scheitern. Anstatt einer existierenden Person Taten anzudichten, erfindet er eine neue und führt sie in ein vollkommen realistisches, historisches Szenario ein, in dem sie vollkommen glaubwürdig handeln darf. War es im Buch noch ein amerikanisches Kriegsschiff, mit dem Aubrey es aufnehmen musste, wurde es für den Film ein französisches, aus Sorge das US Publikum würde auf die Barrikaden gehen. Genützt hat’s nix, das Publikum wollte insgesamt lieber Jack Sparrow als Jack Aubrey sehen. Schade.

  1. ‚The Witch‘ und ‚Der Leuchtturm‘

Ich konnte mich nicht für einen Film von robert Eggers entscheiden, also landen beide auf der Liste. Sie stellen zwar unterschiedliche Epochen dar, doch gemeinsam ist ihnen, dass Eggers niemals gezielt auf die Zeit seiner Filme hinweist. Stattdessen fühlt man sich als Zuschauer zu gleichen Teilen in einer glaubhaften aber völlig fremden Welt wieder und mit Charakteren konfrontiert die für sich logisch, für uns aber ungewohnt handeln.

  1. ‚Barry Lyndon‘

Kubricks etwas ungeliebter Barry Lyndon ist das genaue Gegenteil. Kubrick besteht darauf, das wir wissen hier Historie zu sehen. Und lässt sie exakt so aussehen wie zeitgenössische Gemälde. Damals musste er sich, um bei Kerzenschein drehen zu können, noch von der Nasa mit Objektiven aushelfen lassen, aber es hat sich gelohnt. Kein anderer Film hat bislang wieder einen derart ambitionierten Versuch unternommen. Das bei Perfektionist Kubrick jede Gabel und jeder Knopf historisch korrekt ist, steht ja eh außer Frage.

  1. ‚The Favourite‘

Yorgos Lanthimos präsentiert seinen Historienfilm als einen ironisch-distanzierten Blick auf eine dekadente, intrigenspinnende Hofgesellschaft, in der sich zwei Frauen um die Gunst von Olivia Colmans grandioser Queen Anne streiten. Das die zu gleichen Teilen bemitleidenswert, unerträglich und furchteinflößend ist, ist für den historischen Film wenigstens ungewohnt. Ebenso, dass man einen nackten Torie mit Perücke zu sehen bekommt, der vom gesamten Hofstaat mit Granatäpfeln beworfen wird.

  1. ‚Porträt einer jungen Frau in Flammen‘

Céline Sciammas Film um eine Malerin, die eine junge Adelige heimlich malen muss, während sie vorgibt ihre Gesellschafterin zu sein ist nicht einfach nur technisch perfekt, großartig besetzt und sieht umwerfend aus. Sciamma will ganz nebenbei noch eine Diskussion über Bedeutung und Arten des Sehens, nicht nur im visuellen Medium Film, führen. Dabei wird es aber nie, was bei französischen Filmen nicht selbstverständlich ist, zum gefilmten Essay, sondern bleibt zu jedem Moment eine fesselnde Liebesgeschichte.

Newslichter Ausgabe 100: Singvögel, Schildkröten und Murmeltiere… jetzt wird’s zoologisch

Willkommen bei Ausgabe 100 des Newslichters. Wow, 100 mal habe ich hier nun schon zumeist Unsinn, gelegentlich Wichtiges aus der Filmindustrie kommentiert. Und wie könnte man so ein Jubiläum besser feiern, als mit neuen Filmnews? Genau, gar nicht. Es sei denn, drei der vier News drehen sich, in gewisser Weise, um Tiere. Das wäre noch besser.

Der traurigen Nachricht zum Tode Ennio Morricones werde ich am Samstag einen eigenen Beitrag einräumen. Das würde hier jeden Rahmen, in Sachen Länge und Tonalität, sprengen. Heute soll es um Corona und den Umgang damit in Hollywood, die Frage ob wirklich jede IP wieder aufgekocht werden muss und Teenage-Schildkröten in der midlife crisis gehen. Legen wir also los!

 

‚Songbird‘ vor dem Aus?

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18531579.html

Der Thriller ‚Songbird‘ sollte die Corona-Krise zum Thema haben. Nicht nur deswegen, sondern auch weil er einer der ersten Filme gewesen wäre, die in Hollywood wieder in Produktion gehen, waren zahllose Augen auf ihn gerichtet. Nun hat es für Produzent Michael Bay aber eine der schlechtesten Neuigkeiten gegeben, die man sich vorstellen kann. Die einflussreiche Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA hat für den Film eine „Do Not Work“ Aufforderung für den Film erstellt, die ihren Mitgliedern, quasi allen Schauspielern in Hollywood, unter Androhung empfindlicher Strafen, effektiv verbietet an dem Film zu arbeiten. Der Grund ist der intransparente Umgang mit Coronavirus-Sicherheitskonzepten. Offenbar wurde nie über den Ansatz, dass selten mehr als ein Schauspieler in einem Raum sein soll hinaus konkretisiert, keine detaillierten Sicherheitsprotokolle mitgeteilt. Sollte die Aufforderung bestehen bleiben, könnte das ein Aus für den Film bedeuten. Auf Produzentenseite versucht man die Angelegenheit derzeit als bald gelösten „Papierkram“ abzutun, allerdings ist ein gewisser PR-Schaden für den Film, der sich neue, angepasste Konzepte auf die Fahnen geschrieben hatte schon jetzt unübersehbar. Es wird sich zeigen müssen, ob die vielzitierten „innovativen Techniken“ nur unter Verschluss gehalten wurden, oder leeres Gerede waren. Insbesondere in einem Los Angeles, das derzeit traurige Rekordzahlen an Neuerkrankungen vermelden muss, ist ein schulterzuckender Umgang mit dem Virus schlicht nicht gangbar.

 

‚Teenage Mutant Ninja Turtles‘ rebooten mal wieder

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18531530.html

Schildkröten, das ist bekannt, werden ziemlich alt. Da erstaunt es auch nicht, wenn ihre Teenager Jahre deutlich länger dauern als bei anderen Spezies. Bei den ‚Teenage Mutant Ninja Turtles‘ nun immerhin schon seit den späten 80ern. Die Pizza-süchtigen Kanalisationsbewohner scheinen nicht totzukriegen. Die letzten beiden Realfilme, ebenfalls von Michael Bay produziert, kamen bei der Kritik Allerdings gar nicht gut an und zumindest der Zweite blieb unter den finanziellen Erwartungen. Also dachte man sich, rebooten wir sie halt gleich wieder. Erneut als Realfilme produziert von Michael Bay. Doch das scheint sich nun geändert zu haben. Man will für die Filme, vielleicht nicht zuletzt unter dem Einfluss der Corona-Krise, nun voll auf Computeranimation setzen. Auch hat Bay seinen Produzentenposten verloren und ist durch Seth Rogen ersetzt worden. Das lässt eine deutlich humorigere Variante der Turtles erwarten. Davon unabhängig produziert derzeit auch Netflix einen Animationsfilm mit den mutierten Teenager Ninja Schildkröten. Apropos, das Unterhaltsamste was ich mit den Grünlingen in letzter Zeit gesehen habe, war ihr animiertes Crossover mit Batman. Okay, das war auch das Einzige mit ihnen, was ich gesehen habe, aber Spaß hat es gemacht. Aber ich bin sicher, sie werden auch in 15 Jahren noch Teenager und Ninjas sein.

 

‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ Serie?

https://screenrant.com/groundhog-day-movie-tv-show-stephen-tobolowsky/

Ich bin, das ist vermutlich deutlich geworden, nicht der allergrößte Freund von Reboots und Remakes. Ich lehne sie nicht rundheraus ab, allerdings wirken sie fast immer wie eine kreative Krücke. Ein Film bei dem ich bei einem Remake vermutlich auf die Barrikaden gehen würde, ist allerdings ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘. Obwohl eine Studioproduktion, bin ich doch der Meinung in dem Film steckt ganz viel Herz und Seele von Harold Ramis. Zu viel als das irgendjemand anderes den Film adäquat rebooten könnte. Was bei der Thematik des Films ohnehin reichlich albern wirkt. Auch war ein, zugegeben trauriges, kreatives Element die Spannung zwischen den alten Freunden Ramis und Bill Murray, die zu einem Bruch der Freundschaft führte, der erst kurz vor Ramis‘ tragisch frühem Tod mit 69 Jahren gekittet werden konnte. Und seit diesem tragischen Tod gibt es exakt keinen Grund mehr, warum Punxatawney Phil jemals wieder seinen Schatten auf der Leinwand entdecken sollte. Nun hat Stephen Tobolowsky, Darsteller des Ned Ryerson („Biiiing!“) allerdings in einem Podcast erzählt, dass ihn ein Produzent angesprochen habe, ob er die Rolle 30 Jahre später für eine Fernsehserie basierend auf dem Film noch einmal spielen wolle. Eine Fernsehserie brauche ich zwar auch nicht, allerdings kann ich sie besser ignorieren, als mir das bei einem Remake/Reboot möglich wäre. Ich wünschte nur manche Dinge könnten liegengelassen werden als das was sie sind und nicht als Ressource betrachtet werden, die man immer weiter ausbeuten muss. Aber hey, das Murmeltier grüßt schließlich täglich. Moment, war das nicht ein Sinnbild für die Hölle?

 

„Who You Gonna Call?“

https://deadline.com/2020/07/ghostbusters-sony-independence-day-box-office-relic-spider-man-far-from-home-1202978592/

Der Unabhängigkeitstag der USA, der vierte Juli, ist immer auch ein wichtiger Tag für das Kino. Wer an diesem Tag das „box office“ beherrscht, beherrscht womöglich auch den Rest des Jahres. Letztes Jahr war das etwa ‚Spider-Man: Far From Home‘. Dieses Jahr ist, natürlich, merkwürdiger. Ein Großteil der US-Kinos ist noch geschlossen, die anderen laufen nur im Teilbetrieb. Das ist eine Situation seltsam genug, dass man sich bewegt fühlen mag, paranormale Hilfe anzufordern. Und das ist geschehen, in Gestalt der ‚Ghostbusters‘ von 1984, die die Topliste dieses Jahr anführten. Eine halbe Million hat der Film am vierten Juli im Kino eingespielt. Klingt nicht nach wahnsinnig viel, aber für einen 36 Jahre alten Film unter den gegebenen Bedingungen ist das nicht übel. Ob man das als gutes Vorzeichen für den dritten Film, der nächstes Jahr ins Kino kommen soll, werten mag oder nicht ist jedem selbst überlassen.

Und das war es für diese Woche. Auf 100 weitere Ausgaben, angefangen mit der von nächster Woche!

‚Tomb Raider‘ (2018)

Videospiele sind in den letzten 2 Jahrzehnten mehr und mehr integraler Teil des Mainstreams und der Unterhaltungsindustrie geworden. Und doch würde ich behaupten, kein Videospielheld hat je wieder eine Durchdringung des Zeitgeistes geschafft, wie ‚Tomb Raider‘ Lara Croft in den späten 90ern. Die frühen Spiele mit ihr brachten erforschendes Herumhüpfen, Rätseln und Ballern auf recht elegante Weise zusammen, doch das allein erklärt den Erfolg der Figur nicht. Lara machte Werbung für alles, von der Automarke SEAT bis zur Zeitschrift Brigitte. Sie kloppte sich als Renderfigur mit den „Die Ärzte“ im Video zu „Männer sind Schweine“, ging als CGi-Filmchen mit U2 auf Tour. Sie zierte zahllose Zeitschriftencover und in Derby, Sitz der Firma Core, wo die Figur erfunden und die ersten Spiele entwickelt wurden, ist gar eine Straße nach ihr benannt. Kann selbst ein Mario das von sich behaupten? Anfang der 2000er kamen dann die unausweichlichen Filme. Mit Angelina Jolie hat man eine fähige Darstellerin an Bord gehabt, dennoch funktionieren beide Filme für mich überhaupt nicht. Hier wurde zum Problem, was bis dato den Erfolg der Figur ausmachte: das Lara als Charakter eine leere Leinwand war, auf die man von der Männerfantasie bis zur feministischen Ikone alles draufprojizieren konnte. Der Hype endete, die Spiele wurden in den 2000ern rebootet und noch einmal in den 2010ern. Das erste dieser neuen Reihe von 2013 liefert die grundlegende Story des neuen Films. Kein Wunder, erzählt es doch den 2010erigtsen aller 2010erigen Blockbuster-Plots: eine Origin-Story. Aber gelingt es ihm auch aus Lara Croft mehr als ein Symbol für was auch immer zu machen?

Die junge Lara Croft (Alicia Vikander) arbeitet als Fahrradkurierin in London. Sie könnte das Erbe des gigantischen Finanzimperiums ihres Vaters Richard (Dominic West) antreten, der vor sieben Jahren verschwunden ist. Doch dafür müsste sie anerkennen, dass er verstorben ist, was sie verweigert. Allerdings kommt sie auf die Spur wo er verschwunden ist: auf der Suche nach dem Grab von Himiko, der ersten Königin in Japan, die auf der Insel Yamatai beerdigt sein soll. Gemeinsam mit Lu Ren (Daniel Wu), dem Sohn des Kapitäns, der ihren Vater nach Yamatai gebracht hat, macht sie sich auf die Suche nach der Insel. Nach erfolgreichem Schiffbruch an deren Küste treffen sie auf Agenten der finsteren Organisation Trinity unter Mathias Vogel (Walton Goggins), dessen Auftraggeber sich finstere Kräfte aus dem Grabmal versprechen. Mit den Unterlagen ihres Vaters hat Lara Vogel nun genau das geliefert, was zur Entdeckung des Grabes noch fehlte. Für sie und Lu Ren entbrennt bald ein Kampf gegen Trinity und einige überraschende Entdeckungen erwarten sie.

Regisseur Roar Uthaug, der mit diesem Namen eigentlich Sänger einer Black Metal band sein müsste, war mir bislang nur von seinem Slasher ‚Cold Prey‘ bekannt. Der fühlte sich derart formelhaft an, dass er mir wenig mehr als ein Schulterzucken entlocken konnte. Auch ‚Tomb Raider‘ kann seine Vorbilder kaum verbergen. Von der Küste Yamatais aus, kann man vermutlich ohne Fernglas Skull Island erspähen, wenn auch die akromegale Fauna auf dem Schädeleiland bleibt. Größtes Vorbild sind, wenig überraschend, natürlich die ‚Indiana Jones‘-Filme. Die Dynamik von einem von diesen übernimmt der Film sogar recht direkt für seine zweite Hälfte. Und auch der Superheldenfilm trägt seinen unvermeidlichen Teil bei, wenn Lara sich bewusst wird, wer ihr Vater wirklich ist und was das für sie bedeutet.

Allerdings ist es zu einem guten Teil gerade die Figur der Lara, die den Film funktionieren lässt. Nicht zuletzt die Darstellung Alicia Vikanders „erdet“ die Figur. So seltsam das auch klingt, für eine junge Frau, die es mit Pfeil und Bogen bewaffnet mit einer Söldnergruppe aufnimmt, bevor sie ein halbmythologisches Grab voller Videospiel-hafter Fallen eröffnet. Laras Entwicklung von einer reagierenden zu einer agierenden Person ist der Leim, der den Film, gerade so, zusammenhält.

Apropos Videospiel-haft: eine wirklich interessante, ästhetische Entscheidung trifft der Film, indem er zahlreiche Actionsequenzen direkt an Videospiel-Herausforderungen erinnern lässt. Sei es das Lara blanke Wände erklimmt, wieder und wieder einhändig von Klippen baumelt, oder durch ein zerbrechendes Flugzeugwrack kraxelt, ich musste feststellen, dass ich geradezu instinktiv auf einen imaginären Controller einhämmerte. Das ist ehrlich gesagt nicht das Schlechteste, was eine Videospielverfilmung auslösen kann. Wohl nicht unbedingt um dem Videospiel näher zu kommen, aber doch schwer zu übersehen, waren gelegentliche, arge Schwächen im CGI. Darunter Totalaussetzer, wie man sie im modernen Blockbuster eigentlich kaum noch zu sehen bekommt.

Alicia Vikander habe ich ja bereits lobend erwähnt. Sie mag schauspielerisch hier etwas unterfordert sein, allerdings wird deutlich, dass sie sich ziemlich in diese Rolle reingehängt hat, nicht zuletzt durch körperliches Training. Doch gelingt es ihr die Wandlung von der normalen Frau in außergewöhnlicher Situation hin zu „Lara Croft: Tomb Raider“ glaubhaft zu vollziehen. So glaubhaft ein Charakter, der sich ein etwa 30 cm langes Metallschrappnell aus dem Torso zieht und kurz darauf eine Klippe erklimmt halt sein kann. Videospiele! Daniel Wus Figur des Lu Ren wird vom Film ein wenig verschwendet. Lara und Lu haben eine funktionierende Chemie, die sie zu einem unterhaltsamen Duo werden lässt, doch dann befreit Lu Trinitys Zwangsarbeiter auf der Insel und marschiert, von einem paar Szenen abgesehen, aus dem Film. Mathias Vogel scheint als Figur irgendwo zwischen Belloq und Col. Kurtz gedacht. Und funktioniert als beides nicht. Ich weiß nicht wie sehr ich das Walton Goggins vorwerfen kann, aber mehr als aus irren Augen in die Welt zu blicken und gelegentlich Superschurken-Kram zu murmeln, kommt da nicht rüber.

Wie eine zutiefst begeisterte Empfehlung liest sich das vermutlich nicht, soll es auch nicht sein. Zwei Stunden ist der Film lang, in denen er zu unterhalten, aber auch ordentlich zu langweilen weiß. Die Unterhaltung überwiegt zwar für mich, doch ob ich mich in sechs Monaten noch an den Film erinnern kann, darf immerhin bezweifelt werden. Für eine Videospielverfilmung spielt der Film aber fraglos in der oberen Liga. Ich weiß, ich weiß, mit schwachem Lob verdammt.

Immerhin, finanziell war der Film ähnlich erfolgreich wie der allererste ‚Tomb Raider‘. Was natürlich bedeutet, dass es eine Fortsetzung geben wird. Und der sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Denn schreiben wird sie Amy Jump und Regie führen wird Ben Wheatley. Konnten sich also auch die beiden den Verlockungen des Blockbusters nicht mehr entziehen. Aber wenn sie dürfen wie sie wollen, dann bin ich mir sicher, dass die beiden eine wirklich interessante Geschichte mit dieser Lara Croft zu erzählen wissen. Ja, wenn sie dürfen wie sie wollen…

Christopher Nolan: Chairman of the Bored

https://www.indiewire.com/2020/06/christopher-nolan-disputes-chair-ban-phones-cigarettes-1234570631/

So richtig viele Neuigkeiten gibt es über den einzigen anstehenden Blockbuster ‚Tenet‘ nicht wirklich. Die Darsteller behaupten allesamt sie hätten den Film selbst nicht kapiert und wir hoffen mal, dass das entweder ein gutes Zeichen, oder gewollte PR ist. Aber so richtig tolle Schlagzeilen lassen sich da nicht draus drechseln. Es bräuchte was handliches, wenn vielleicht der Herr Nolan irgendeine seltsame Marotte hätte. Nichts wirklich Schlimmes, mehr so was albernes. Wir haben tausende gelangweilte Leser, die irgendwas aus der Filmbranche brauchen, verdammt.

Und dann hat Anne Hathaway in einem dieser ubiquitären Zoom-Calls zwischen irgendwelchen Stars endlich genau den richtigen Hammer rausgehauen. Christopher Nolan erlaubt keine Stühle am Set. Und Frau Hathaway muss es wissen, sie hat schon zweimal mit ihm gearbeitet. Und die Begründung Nolans, die sie gleich dazu liefert, hat es in sich „Wer sitzt arbeitet nicht!“. Millionen von Büroangestellten mögen jetzt verwundert aufblicken, aber Nolan hat es offensichtlich gesagt: Stühle sind für Schwächlinge! Nolan hängt offensichtlich der Ernest Hemingway Schule der Männlichkeit an und der Mann hat auch stets ein Stehpult verwendet, eben weil er nicht verweichlichen wollte! Oh ja, in Christopher Nolans Welt des steten aufrechten Stehens hat man von so etwas wie Hämorrhoiden noch nie gehört.

Christopher Nolan hasst nicht nur Stühle mit der Kraft von 1000 Sonnen, er hasst auch Leute, die auf Stühlen sitzen. Sieht er Dich an seinem Set sitzen, dann stürmt er zu Dir herüber schreit „Hadouken!“ und verpasst Dir einen Uppercut der sich gewaschen hat (stehend!), und bevor Dich die gnädige Ohnmacht umfängt, geht Dir durch den Kopf „Moment mal, ‚Hadouken‘ ist der Feuerball-Move“ und „Mann, bin ich ein (sitzender) Nerd!“ Dabei ist ihm ganz egal, ob Du der Produzent oder gar seine Mutter bist. So sehr hasst er jegliche sessile Lebensform. Solltest Du Dich also je auf einer Premiere eines Nolan-Films finden und der Mann ist anwesend, dann steh um Himmelswillen auf, bevor er den Raum betritt! Denn sonst landest Du auf Nolans Shitlist und da will sicher niemand hin, ich meine man stelle sich nur mal die Wadenmuskeln dieses Niemalssitzers vor! Blöd ist halt, wenn man bei der Premiere hinter Nolan sitzt. Denn natürlich schaut er seinen Film im stehen.

Ja, Nolan ist bekanntlich der größte Kritiker der britischen Monarchie, seitdem er herausgefunden hat, dass ein Thron auch nicht mehr als ein fancy Stuhl ist. Und mit diesen steifbeinigen Kippelmonstern wird er nie seinen Frieden machen! NIE! Hat sein Batman etwa im Tumbler oder auf seinem Batbike bequem gesessen? Nein, er hing reichlich unbequem drauf, wie ein Jockey auf einem Rennpferd. Denn ein Superheld, so war Nolan völlig bewusst, würde die Notwendigkeit von Stühlen alsbald hinter sich lassen müssen. Oh sicher, Bruce Wayne mag von Zeit zu Zeit auf einem Stuhl sitzen. Zur Tarnung. Aber er hasst das! Die brummelige Bat-Stimme? Die speist sich zu 90% aus Zorn darüber auf Stühlen sitzen zu müssen. Nimmt sich der Kreisel am Ende von ‚Inception‘ einen Stuhl und macht es sich bequem? Nein, er kreiselt, deshalb heißt er ja so und Nolan wird niemals nicht in einem Film einen Sitzel verwenden. Wie oft sehen wir David Bowies Tesla in ‚The Prestige‘ sitzen? Schaut es ruhig nach! Nein, Nolans Kampf gegen Big Stuhl ist zentrales Element seiner Kunst und… Eine Sekunde, wir bekommen gerade eine neue Nachricht herein.

Christopher Nolan teilt mit, dass er am Set seiner Filme keineswegs Stühle verbietet. Was Anne Hathaway vermutlich meinte war, dass er diese Stühle auf denen hinten „Regie“ steht und die um den Videomonitor herumstehen entfernen lässt. Und zwar, weil er sie als albernes Statussymbol anstatt physische Notwendigkeit betrachtet. Die einzigen Dinge, die an Nolan Sets verboten sind, sind Handys und Rauchen. Wie erschreckend vernünftig und schmerzhaft unlustig. Aber immerhin enthält das Statement einen Satz, der deutlich macht, dass man sich der Albernheit der Situation bewusst ist: „Cast and crew can sit wherever and whenever they need and frequently do.“

Nolans Karriere wird also nicht von einem irrsinnigen Hass auf Sitzmöbel getrieben. Behauptet er zumindest. Ich denke, es ist lohnend ‚Tenet‘ sehr genau auf den Status hin zu untersuchen, den der Film Stühlen einräumt. Ja wichtiger noch, werden wir ein Sofa sehen? Sitzt jemand auf diesem Sofa? Und wenn ja, aufrecht oder so hingelümmelt und bar jeder Körperspannung wie ich auf einem Sofa aussehe? Ich jedenfalls bin der Meinung, da hat sich ein großes neues Feld für künftige Filmanalyse eröffnet. Oder aber Corona hat das übliche Sommerloch in einer Weise erweitert, dass es nicht nur zu Zeitdilationen führt, sondern auch zu möglichen und unmöglichen Stuhl-Phobien.