‚The Neon Demon‘ (2016) – Wusstet Ihr schon, dass die Modebranche oberflächlich ist?

Erst einmal wünsche ich natürlich pfrohe Fingsten! Können wir nun einen Moment über Nicolas Winding Refn sprechen? Ich mag einen Großteil seiner Filmografie. ‚Pusher‘ war ein gelungener Crimethriller im Drogenmilieu, den ich damals aber vor allem wegen Kim Bodnia geschaut habe. ‚Bronson‘ sein (höchstens) vierteldokumentarischer Film über den „gefährlichsten Häftling des Vereinigten Königreichs“ mit dem „Künstlernamen“ Charles Bronson ist vielleicht sein bester. Zumindest derjenige, der am ehesten seinen Stärken entspricht. Und dann kam sein Hollywood-Durchbruch und Weltruhm in Form von ‚Drive‘. Der Neo Noir Thriller um einen namenlosen Stunt-/Fluchtwagenfahrer war cool, hypnotisch, schaltete Ryan Goslings Karriere in den Hyperdrive und dürfte den größten Verkaufsschub von Satinjacken mit Skorpionen drauf aller Zeiten ausgelöst haben.

Und was dann? Noch ein Film mit Gosling! Würde der Blitz zweimal einschlagen? Refns nächster Film war ‚Only god Forgives‘ eine überlange Meditation auf Maskulinität und ihre Gefahren. So könnte man ehrlich gesagt fast alle von Refns Filmen beschreiben, allerdings standen hier die gletscherhafte Trägheit der Erzählung und Refns unbestreitbare Selbstverliebtheit und zahllose abgeschlagene Hände, die männliche Geschlechtsorgane symbolisieren im Weg. Wie selbstverliebt ist er? Genug um ‚Only God Forgives‘ selbst zu einem „Meisterwerk“ zu erklären. In einem Interview mit Regielegende William Friedkin hat der wenig Geduld mit dieser Art der Selbstein- oder -überschätzung:

Aber Friedkins ironischer Blick direkt in die Kamera lässt mich mehr an eine ‚Stromberg‘-Folge denken, denn an ein echtes Interview. Ist das alles eine womöglich gewollte Selbstparodie? Ist das Refns Art seine Lust nach negativer Aufmerksamkeit auszuleben, wie Landsmann Lars von Trier, der als sein Film ‚Melancholia‘ in Cannes ausnahmsweise keine Kontroverse auslöste mal eben Sympathie für Hitler bekundete und dann eimerweise der geliebten, negativen Aufmerksamkeit bekam? Ist in Dänemark irgendwas im Pølser, das das dafür sorgt, dass einem zu viel Lob Angst macht? Vermutlich nicht, aber behalten wir es im Hinterkopf, wenn wir uns dem zuwenden, wofür Ihr eigentlich hier seid: ‚The Neon Demon‘.

Und es ist nicht schwer an Selbstverliebtheit zu denken, denn kaum legt man die Blu-Ray ein poppt eine „Einleitung“ von Refn auf, die aus nichts anderem besteht, als dass er verkündet man habe nun Gelegenheit seinen neuesten Film zu „genießen“. Im Vorspann sind seine Initialen NWR durchgehend zu sehen, bevor sein Name bildschirmfüllend, fast größer als der Filmtitel eingeblendet wird.

Die Handlung ist schnell erzählt: die 16jährige Jesse (Elle Fanning) kommt nach L.A. um Model zu werden. Aufgrund ihrer Jugend und ätherischen Schönheit feiert sie bald Erfolge. Das weckt den Neid der älteren Modelkolleginnen Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) und weckt ganz andere Interessen bei Visagistin Ruby (Jena Malone) und Hank (Keanu Reeves), dem widerwärtigen Betreiber des Motels, in dem Jesse wohnt.

Da ist natürlich noch mehr an der Geschichte aber nicht viel. Refn, der das Drehbuch mit den Dramatikerinnen Mary Laws und Polly Stenham geschrieben hat, setzt nicht auf Komplexität. Die Modelbranche sieht sich selbst in hochtrabender Selbstverliebtheit, während eigentlich nur rücksichtslose alte Männer junge Frauen zu brutaler Konkurrenz anstacheln. Das ist seine sicherlich simplistische, aber auch nicht ganz falsche These. Refn verzichtet jedoch nicht nur auf eine komplexe Geschichte, er verzichtet quasi vollständig auf etwas anderes, was normalerweise grundlegend für eine Geschichte ist: Charaktere. Fannings Jesse bewegt sich schlafwandlerisch, fast wie sediert durch die Szenen, anfangs freundlich, später weniger. Die einzige die halbwegs so etwas wie Komplexität erhält ist Malones Ruby, die dadurch zu einem nicht eben sympathischen aber zumindest zum interessantesten Charakter wird. Alle anderen sind mehr oder weniger Märchen-Archetypen. Die Modelkonkurrentinnen sind die bösen Stiefschwestern, außen hübsch, innen hässlich. Christina Hendricks als Agenturchefin ist die böse Königin, Keanu Reeves der große, böse Wolf (der zumindest erkennbaren Spaß daran hat den Widerling zu spielen), etc..

Refn erzählt seine Geschichte, die mehr oder weniger äquivalent zu diesen billigen Erotikthrillern ist, die in den 90ern spät nachts auf den Privaten kamen (habe ich gehört), vor allem über Symbolismus. So schauen die Models ständig in den Spiegel (natürlich wird einer in Splitter geschlagen) und als die Rivalitäten ausbrechen, werden Wildkatzen zu einem ständigen Bild. Am Anfang als die naive Jesse gerade in L.A. angekommen ist, sieht sie in einem Club eine Show, bei der ein Model in einem Kokon aus Seilen, wie in einem Spinnennetz, von der Decke hängt, während Gigi und Sarah hinter ihrem Rücken feixen. Ich habe nie gesagt es wäre cleverer oder gar subtiler Symbolismus. Dialoge, gerade die zwischen Jesse und ihrem Freund, hingegen werden schnell zur Qual. Nicht zuletzt weil beide derart ruhiggestellt wirken, dass die Szenen die… Hektik… einer… Unter… wasser… zeitlupen… aufnahme… erreichen.

Überhaupt ist eher visueller Maximalismus angesagt. Die optische Seite ist die auf der der Film am ehesten punkten kann. Allerdings fühlt sich das für mich alles wie aus zweiter Hand an. Manche Szenen zeigen die extreme Beleuchtung eines Dario Argento (‚Suspiria‘), Refns L.A. hat dieselbe abstrahierte, verstörende Qualität wie bei David Lynch (‚Mulholland Drive‘) oder Cronenberg (‚Maps to the Stars‘) und das Gemisch aus Sexualität und Gewalt erinnert frappierend an frühe Brian DePalma Werke, wie ‚Ms. 45′. Das ist also alles auf durchweg hohem Niveau, begeht nur den Kardinalsfehler mich andauernd an Filme zu erinnern, die ich lieber schauen würde.

Ähnliches gilt für Cliff Martinez‘ elektronischen Soundtrack, der irgendwo zwischen Giorgio Moroder, Tangerine Dream und Kraftwerk zu verorten ist. Gelegentlich scheint er aber Sorge zu haben mit den Bildern nicht mithalten zu können und schaltet auf eine aufdringliche, beinahe schon nervige Vordergründigkeit.

Es scheint klar, dass Refn mit alldem irgendwo hinwill. Und wenn er dann nach einer guten Stunde endlich den Gang auf wüstes Grand Guignol hochschaltet, sieht es für einen Moment so aus als würde er sich auf – zwar äußerst widerliches – aber dennoch zumindest überraschendes Terrain zubewegen. Doch dann lenkt er eilig um und wir finden uns auf Standard Horror Pfaden wieder. Eine weitere, nicht unbedingt positive Überraschung erwartete mich, als ich dachte der Film wäre vorbei. Er hatte noch fast 20 Minuten auf der Uhr, für einen weitgehend belanglosen Epilog, der aber immerhin den für mich größten Lacher in diesem sich selbst geradezu wahnwitzig ernst nehmenden Film enthielt.

Wer eine ganz ähnliche, aber besser erzählte Geschichte, allerdings im Hollywood Business, sehen möchte, dem kann ich nur ‚Starry Eyes‘ von 2014 empfehlen. Der folgt sogar einer ähnlichen Progression, doch wenn der zu seinem brutalen Ende kommt, fühlt sich das, im Gegensatz zu hier, aufgrund der bodenständigeren Inszenierung und den vorhandenen Charakteren wie ein echter Hieb in die Magengegend an. Der Film und seine großartige aber unbekannte Hauptdarstellerin Alex Essoe haben definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient. Demnächst mehr dazu an dieser Stelle.

Für ‚The Neon Demon‘ bleibe ich jedenfalls ein wenig perplex mit der Frage zurück, wie es gelingen kann einen Film voll fähiger Darsteller, schöner Menschen, Intrigen, okkulter Rituale, Kannibalismus und Nekrophilie derart langweilig zu machen. Denn ganz egal ob gewollte oder ungewollte Selbstparodie, wenigstens unterhaltsam sollte sie doch sein.

Zusammen mit ‚The Dressmaker‘ letzte Woche, waren das dann wohl die Modewochen bei der Filmlichtung… kommt für Filmbesprechungen, bleibt für ungeplante Pseudoaktionen! Nur hier!

Advertisements

Mehr zum „Digitalen Konserven-Schauspiel“ und ein Rückblick auf posthume/unfreiwillige Auftritte in den 90ern

„You have owned my likeness all these years, so every time I look in the mirror I have to send you a check for a couple of bucks.“ 

– Carrie Fisher zu George Lucas

Zunächst einmal ein unschöner Nachtrag zum Thema „Uncanny Valley“, aus dem Beitrag Digitales Konserven-Schauspiel. Ich habe mich dort ja über „Peter Cushings“ „Auftritt“ in ‚Rogue One‘ beklagt, aber inzwischen hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, wie furchtbar die Wiederbelebung einer verstorbenen Darstellerin sein kann, wenn nicht die tiefen, tiefen Taschen einer Disney Star Wars Produktion dahinterstehen. Für Leser mit stählernen Nerven präsentiere ich einen Werbespot von 2013, in dem eine sehr plastikartig wirkende „Audrey Hepburn“ zumindest mir weniger Lust auf Schokolade macht, als dafür sorgt, dass ich mich unter dem Sofa verstecken möchte:

Da erwartet man doch, dass sie jeden Moment sagt: „Ei nied jur Dreiwers Käp, jur Modohkah änd sie äddress of Sarah Conner!“ Ist aber von ihren Nachkommen genehmigt und somit wohl „in Ordnung“.

Allerdings treibt Darsteller der Umgang mit ihrem digitalen Bildnis inzwischen durchaus um. So hat Robin Williams offenbar vor seinem tragischen Selbstmord ein bindendes Dokument verfasst, das jede filmische Verwendung seines Bildes bis ins Jahr 2039 verbietet. Rechtsanwalt und Vorsitzender der Agentur CMG Worldwide Mark Roesler berichtet, dass seine Klienten sich durchaus bewusst sind, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass ihre Karriere heutzutage nicht unbedingt mit ihrem Tod endet. Mindestens 25 seiner Klienten waren im Jahr 2016 aktiv darin Vertragswerke aufzusetzen, die die Verwendung ihres Bildes nach ihrem Tode verwalten sollten[1]. Die Verwendung des Bildes bereits Verstorbener kann allerdings schwieriger sein und durchaus familiäre Spannungen unter den Hinterbliebenen aufgrund der Deutungshoheit hervorrufen. Das ist allerdings nicht unbedingt neu, wie wir weiter unten sehen werden.

Das einleitende Zitat von Carrie Fisher ist natürlich nicht ernst gemeint und stammt aus einer Spottrede Fishers anlässlich George Lucas‘ 61. Geburtstag im Jahr 2005. Sie spielte damit allerdings auf eine tatsächliche Situation an: Lucasfilm besitzt die Bildrechte an Prinzessin Leia und so konnte Frau Fisher seit 1977 Actionfiguren, Schulranzen oder Bettzeug mit ihrem ewig jungen Gesicht darauf in jedem Kaufhaus finden. Oder auch, wie sie in der Rede weiter beschreibt, Shampooflaschen, bei denen man ihr den Kopf abdreht und das Haareinigungsmittel aus dem Halsloch gießt. Ein merkwürdiges Gefühl, da bin ich sicher. Ich verlinke hier die gesamte Rede, die hat zwar nicht wahnsinnig viel mit dem Thema zu tun, aber „Mrs. Han Solo“ war hier, wie üblich, hochgradig unterhaltsam („Queen Armadillo“), kein Wunder, dass sie zu einer der gefragtesten „Script Doctors“ Hollywoods wurde.

Die Idee beliebte, verstorbene Stars wie Audrey Hepburn zurückzubringen, um damit Produkte zu verkaufen ist zumindest keine ganz neue. In der US-Marketing Abteilung des Staubsaugerherstellers Dirt Devil hatte man 1997 die glorreiche Idee Fred Astaire in der berühmten Szene aus ‚Königliche Hochzeit‘ (1951), in der er die Zimmerwand hinauf zur Decke tanzt, einen neuen Tanzpartner, in Form eines Staubsaugers unterzuschieben. Der ist recht krude in Originalaufnahmen hineinkopiert und die Szene wird durch neu gedrehte Nahaufnahmen einer Hand mit dem Staubsauger ergänzt.

Astaires Witwe hatte sich einverstanden erklärt, doch Astaires Tochter sah die Würde ihres Vaters in den Dreck gezogen und protestierte lautstark gegen die Verwendung der Aufnahmen, unter anderem durch Rückgabe ihres eigenen Dirt Devil, den sie, nach eigenen Angaben, nur deshalb nicht wegwerfen wollte, damit er wenigsten die Umwelt nicht verschmutzte. Beim Publikum fragten sich die Jüngeren wohl wer das eigentlich sei, die Älteren empfanden es ebenfalls als etwas geschmacklos. Als die Zeitungen dann in ihren Überschriften „Deal with the Devil“ Wortspiele machten, war der Spot sehr schnell wieder verschwunden.

Sogar noch 6 Jahre früher versuchte Coca Cola seine zuckerlose Zuckerwasservariante mit Hilfe der verstorbenen Humphrey Bogart, Jimmy Cagney, Louis Armstrong und dem quicklebendigen Elton John zu verkaufen. Angeblich soll es sich um „digital neu erstellte Szenen“ handeln und nicht, wie bei Astaire um bestehende Clips aus Filmen. Allerdings sind mir die Momente zu kurz, um mir da ein Urteil zu bilden.

Bogart war auch abseits der Werbung einer der ersten verstorbenen Schauspieler, die später in einem Film, oder in diesem Fall einer Fernsehserie, auftauchten. In der Folge ‚You, Murderer‘ der mal mehr, mal weniger unterhaltsamen Anthologieserie ‚Geschichten aus der Gruft‘ inszenierte Regisseur Robert Zemeckis 1995 die Geschichte eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der aussieht wie Humphrey Bogart. Der war früher ein Krimineller, der sein Gesicht in plastischer Chirurgie hat verändern lassen. Die Folge wurde aus „Bogarts“ Egoperspektive gefilmt. Wir sehen den Schauspieler nur in steifen, gekünstelten Reflektionen, die Szenen aus anderen Filmen verwenden, die Texte werden von einem Imitator gesprochen.

Über den Erfolg der Folge kann man sicher streiten, klar ist, dass Zemeckis von diesen Methoden fasziniert war. In seinem Film ‚Forrest Gump‘ von 1994 hatte er bereits mit einer umgekehrten Methode gearbeitet. Hier wurde Gump Darsteller Tom Hanks stattdessen in Archivmaterial kopiert, wo er historische Ereignisse miterlebte und sogar Präsidenten die Hand schüttelte. Das funktionierte zumindest für mich weit besser als die steife Variante in ‚Geschichten aus der Gruft‘.

1997 sollte Zemeckis Verwendung von Archivmaterial aber einen kleinen Skandal auslösen. In seinem Film ‚Contact‘ werden Botschaften aus dem All empfangen. Zemeckis verwendete Aufnahmen einer Pressekonferenz des damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und schnitt sie so um, dass sie wie eine Reaktion auf die Nachrichten wirkten. Das Weiße Haus beklagte nach Veröffentlichung, dass die Verwendung Clintons auf diese Weise nicht abgesprochen war. Die Reaktionen des Studios Warner und Robert Zemeckis darauf unterschieden sich entscheidend: Warner behauptete eine Abmachung hätte durchaus stattgefunden, während Zemeckis davon ausging, dass eine Einwilligung Clintons, aufgrund seiner Stellung als Person des öffentlichen Interesses, gar nicht nötig wäre. Wie dem auch sie, da die Clinton Administration es bei der Beschwerde beließ und keine weiteren Schritte unternahm, sind die Szenen weiterhin in jeder Version des Films enthalten.

Etwas Ähnliches tat der Norweger André Øvredal (‚Autopsy of Jane Doe‘) für seinen unterhaltsamen Found Footage Monsterjagdfilm ‚Troll Hunter‘ (2010). Der endet mit einem Epilog, in dem der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg auf einer Pressekonferenz versehentlich die Existenz von Trollen zu bestätigen scheint. Tatsächlich verwendete der Film Aufnahmen von Stoltenberg, in denen er über ein norwegisches Ölfeld namens „Troll Feld“ gesprochen hat und Øvredal nahm Manipulationen am Ton vor[2].

Ob das eine ähnliche Reaktion hervorrief, wie die von Clinton kann ich, nicht zuletzt aufgrund nicht vorhandener Kenntnisse des Norwegischen, nicht sagen.

Und damit sind wir quasi wieder in der Neuzeit angekommen. Ich hoffe Ihr fandet diesen etwas frankensteinisch zusammengenähten Abriss aus Überbleibseln, die im letzten Artikel keinen Platz fanden, Informationen, die ich erst später hatte und einem kurzem Geschichtsüberblick informativ. Ich werde das Thema digitale Darsteller jedenfalls im Auge behalten, scheint es doch aktueller denn je. So wollen die frisch wiedervereinigten ABBA einen ihrer neuen Songs nicht selbst im TV präsentieren, sondern das von ihren (vermutlich 35 Jahre jüngeren) „digitalen Egos“ erledigen lassen[3]. Lasst mich also auch mit einem passenden(??) Zitat schließen:

„If you see the wonder of a fairy tale
You can take the future even if you fail“

– ABBA „I Have A Dream“

 

[1] https://www.reuters.com/article/us-film-resurrections-analysis-idUSKBN14J1TU

[2] http://bloody-disgusting.com/editorials/24457/interview-andre-ovredal-director-of-trollhunter

[3] https://www.theguardian.com/music/2018/apr/27/i-still-have-faith-in-you-what-do-you-think-abbas-new-song-will-be-like

Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 besten Filme aus den Jahren 1986-1989

Heute machen wir bei den 5 Besten am Donnerstag die 80er voll. Gorana fragt uns nach den 5 besten Filmen der Jahre 86 bis 89. Das sind wieder Jahre, in denen man aus dem Vollen schöpfen kann und eine Beschränkung auf 5 nicht einfach ist. Aber langsam haben wir ja alle Übung darin. Natürlich dürfen auch diesmal „ferner liefen“s nicht fehlen.

  1. ‚Der Himmel über Berlin‘ (1987)

Damiel ist ein Engel. Schweigender Beobachter der Menschheit, der in ihr Schicksal nicht eingreifen kann. Als er sich in eine Trapezartistin verliebt beginnt er mit seinem Schicksal zu hadern. Wim Wenders bester Film. Poetisch, warmherzig und eine schöne Zeitreise in ein anderes Berlin. Außerdem lernen wir, dass Columbo mal ein Engel war.

  1. ‚Evil Dead II‘ (1987)

Falls immer noch jemand zweifelt, ob eine Fortsetzung/Remake besser sein kann als das Original, sollte Sam Raimis ‚Evil Dead II‘ die ultimative Antwort geben. Die perfekte Vereinigung von Splatter und Slapstick und es ist ein Heidenspass Bruce Campbell und Konsorten dabei zuzusehen, wie sie eine Hütte im Wald zerlegen und die Reste mit Blut füllen.

  1. ‚Die Braut des Prinzen‘ (1987)

Fantasyfilm, Mantel und Degen Film, Märchenfilm und Satire in einem und alle Elemente passen ideal zueinander. Kreischende Aale, Ratten von außergewöhnlicher Größe und mörderische Männer mit sechs Fingern. Schwungvoll und voller Figuren, die in Erinnerung bleiben. Allen voran natürlich Inigo Montoya („you killed my father, prepare to die“).

  1. ‚Brazil‘ (1985)

Und noch ein bester. Terry Gilliams, nämlich. Irgendwo zwischen George Orwell, Franz Kafka und Monty Python kann man ‚Brazil‘ verorten, mit seiner 40er Jahre Ästhetik, seinen bürokratischen Alpträumen, seiner düsteren Zukunftsvision, aber eben auch seinem Humor. Eine bitterböse Groteske mit großartigem Ensemble Cast, die heute mindestens so gut funktioniert wie damals.

  1. ‚Blue Velvet‘ (1986)

In David Lynchs surrealem Noir Thriller räumt er mit der Idee der verträumten, amerikanischen Kleinstadt gründlich auf. Hinter der sorgfältig geweißten Fassaden verbergen sich Gewalt, Sadismus, Mord und Perversion. Nicht zuletzt legen Lynch und Hauptdarsteller Kyle McLachlan den grundstein für ‚Twin Peaks‘. Und Dennis Hopper darf sich in einer seiner besten Antagonistenrollen austoben. Roy Orbisons „In Dreams“ wird nie wieder so klingen wie vorher.

Ferner liefen:

‚Die Fliege‘

‚From Beyond‘

‚Return of the Living Dead‘

‚Batman‘

‚Stand By Me‘

‚Robocop‘

‚Stirb Langsam‘

‚Near Dark‘

‚Manhunter‘

‚Roger Rabbit‘

uvm.

Reisetagebuch: ‚The Dressmaker‘ (2015) – Kleider richten Unrecht

Reiseziel #01: Schaue einen Film aus Australien

Nach meinem Besuch im verrauchten Paris der 60er im Rahmen der Filmreise Challenge, brauchte ich dringend Frischluft. Und wo könnte man die besser finden als im Land der Beuteltiere und Bumerangs: Australien. Und was soll ich sagen? Die Landschaft hier ist trocken und rau aber schön und… uh, jemand hat mich soeben an die Existenz von Riesenkrabbenspinnen, Inlandtaipanen und Würfelquallen erinnert!! Zeit mich in einen hermetisch verschlossenen Raum zu verdrücken und einen Film zu schauen.

Manchmal liege ich verdammt falsch. Ich habe das Cover von ‚The Dressmaker‘ gesehen und ich habe den Klappentext gelesen und glaubte exakt zu wissen, wo die Reise hingeht. Lasst mich Euch die Ausgangssituation erklären: Mitte der 20er Jahre wird dem Mädchen Myrtle „Tilly“ Dunnage, aus dem australischen Kleinstdorf Dungatar vorgeworfen ihren Mitschüler Stewart ermordet zu haben. Der war der Sohn des Stadtrates und so wird sie des Dorfes verwiesen. Ein Vierteljahrhundert später kehrt Tilly (Kate Winslet), inzwischen eine erfolgreiche Damenschneiderin, zurück nach Dungatar. Augenscheinlich um sich um ihre demenzkranke Mutter Molly (Judy Davis) zu kümmern. Oder steckt doch etwas anderes hinter ihrer Rückkehr? Der Wunsch den Tod Stewarts aufzuklären? Oder gar Rache? Klar ist nur, dass zumindest ihre Kleider bei den Frauen Dungatars schnell Anklang finden. Ansonsten sind nur wenige Dorfbewohner froh Tilly zu sehen. Darunter der Dorfpolizist (Hugo Weaving mit John Waters Strichbärtchen), der Schuldgefühle hegt, weil er Tilly einst fortgebracht hat und eine stille Vorliebe für Crossdressing hat. Und der Außenseiter Teddy (Liam Hemsworth), der mit seinem kognitiv beeinträchtigten Bruder und seiner Mutter in einer Wohnwagensiedlung lebt. Der Rest der Bevölkerung sind mehr oder weniger Karikaturen, die Tilly unterschiedliche Ausprägungen von Hass entgegenbringen.

Von hier aus dachte ich, es wäre doch klar was passiert: Die Dorfbewohner stehen Tilly kritisch gegenüber, doch mit ihren Modekreationen verschönert sie das hinterwäldlerische Dorf, es stellt sich raus, dass ihr größter Kritiker hinter dem Mord steckt, alle lernen eine wichtige Lektion über Vorurteile und am Ende heiratet sie ihre Jugendliebe und alle Frauen tragen ihre Kleider. Hurra! Aber von wegen, dachte sich Regisseurin Jocelyn Moorhouse (und vor ihr die Autorin der Buchvorlage Rosalie Ham). Dass es in durchaus andere Gefilde geht macht der Film innerhalb seiner ersten Minute deutlich. Zu den Tönen einer Italowesternmelodie entsteigt Tilly dem Bus, wie einst Charles Bronson dem Zug, nur mit einer Nähmaschine statt der Winchester unter dem Arm, was vor dem Hintergrund des Outback-Kaffs gar nicht so absurd wirkt. Dann zündet sie sich in ihrem schwarz-weißen Kleid eine Zigarette an und verwandelt sich in jede Femme Fatale eines jeden Noir Films, was vor dem Hintergrund des Outback-Kaffs absolut absurd wirkt.

Der Film will also in allerlei unterschiedlichen Genres funktionieren, womit teilweise extreme Wechsel in der Tonalität einhergehen. Der Umgang mit durchaus ernsten Themen, im Mittelpunkt steht, wie gesagt, der gewaltsame Tod eines Kindes, aber auch häusliche Gewalt, Vernachlässigung, Alkoholismus sowie Demenz und andere Alterserscheinungen, ist zum größten Teil humoristisch. Der tonale Spagat gelingt dabei nicht immer und gelegentlich erscheint der Umgang mit diesen Themen dann doch allzu putzig, wenn nicht gar geschmacklos. Tillys Mutter Molly etwa erkennt ihre Tochter für eine ganze Weile überhaupt nicht, doch ihre Demenz wird zumeist als Grundlage für Humor verwendet, kann im nächsten Moment aber dramatische Züge annehmen. Dass das überhaupt funktioniert liegt meines Erachtens weniger am Drehbuch, als an Judy Davis schauspielerischen Fähigkeiten, die selbst Kate Winslet gelegentlich die Schau stehlen.

Normalerweise erwähne ich keine Kostümbildner, doch da das hier zentrales Element ist muss ich kurz Marion Boyces Kreationen erwähnen, die einerseits glaubhaft 50er Jahre sind, andererseits aber sowohl die Hinterwäldler des Dorfes beeindrucken, als auch mich, der von Mode vermutlich noch weniger Ahnung hat.

Wie dem auch sei, nachdem der Film also schon in den ersten Akten sowohl tonal unerwartet war, als auch einige handlungstechnische Überraschungen bot, so erfahren wir schon nach der Hälfte der Laufzeit, was hinter dem Tod steckt, beginnt dann der dritte Akt, über den ich gerne mehr schreiben würde, doch das wäre unfair. Nur so viel: er tritt eine Reihe von Ereignissen los, teilweise tragisch, teilweise bizarr, aber durchgehend makaber. Nachdem ein bestimmter Charakter gestorben ist, habe ich alle Ideen, ich könne voraussagen, wo es hingeht aufgegeben und mich nur noch auf die wahrlich wilde Fahrt, die Hirse, Cannabis-Kekse und Macbeth mitnimmt, eingelassen. Der Film bricht hier beinahe alle erzählerischen Konventionen und es wird klar, dass Moorhouse fast 20 Jahre nachdem sie ihren letzten Film in Hollywood gedreht hat, keinerlei Interesse hat in ihrer Heimat zum Mainstream zurückzukehren. Am Ende hat der Film sogar noch eine etwas pointiertere Aussage zu Erinnerungen und Vergangenheit, als ich vermutet hätte.

Das Ergebnis ist ein Film, an dem es sicherlich viel zu kritisieren gibt. Der gewollte tonale Spagat gelingt nicht immer, die Erzählweise ist gelegentlich arg simplistisch, wenn nicht gar geschmacklos und viele Charaktere bleiben zu sehr Karikatur um wirklich zu funktionieren. Neben typischen Filmproblemen, wie das Liam Hemsworth für seine Außenseiterrolle ein ganzes Stück zu sauber und gut frisiert ist. Aber seine Hauptaufgabe ist eh gut auszusehen und die erfüllt er natürlich achtbar. Andererseits ist Kate Winslet hervorragend in der Hauptrolle und Judy Davis und Hugo Weaving geben überzeugende, sympathische Nebendarstellungen. Vor allem lohnt sich der Film, meiner Meinung nach aber eben wegen des letzten Drittels, in dem der narrative Zug nicht einfach entgleist, sondern durch das Bahnhofsgebäude kracht und die Hauptstraße herabdonnert. Es ist sicher kein Film, der sich ins Gedächtnis einbrennt, noch wird jeder mit dem tonalen Schleudertrauma zurechtkommen, doch kann ich gar nicht anders als einen Film, der mich so überrascht hat weiterzuempfehlen.

So, nachdem ich mich an die Existenz von Koalas, Wallabys und Schnabeltieren erinnert habe, komme ich dann, allem Giftgetier zum Trotz, wohl doch wieder raus aus meinem Panic Room und bin mal gespannt, wo mich die Challenge nächstes mal hinführt.

Aus dem Giftschrank: unveröffentlichte Filme

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle über Filme gesprochen, die nie über ihre Planungsphase hinausgekommen sind. Das hier ist nicht der von Euch gewünschte zweite Teil zu dem Thema, der folgt in absehbarer Zukunft, sondern eher so etwas wie die andere Seite der Münze. Filme die fertiggestellt, aber aus irgendeinem Grund niemals veröffentlicht wurden. Und während die vollständig gescheiterten Projekte oftmals eine Aura heldenhaften, aber hoffnungslosen Strebens umgibt, ist der Blick auf diese Kategorie von Filmen oftmals kühler (man vergleiche nur meine Überschriften). Dabei können die Gründe für ihr Scheitern ebenso mannigfaltig und gelegentlich überraschend sein. Ich habe als Zeitrahmen gesetzt, dass die Produktion vor mindestens fünf Jahren abgeschlossen sein muss, so dass man nicht mehr von einer Verzögerung sprechen kann, sondern davon ausgehen muss, dass der Film, womöglich endgültig, auf Halde liegt. Weiterlesen

Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 besten Filme aus den Jahren 1981-1985

Diese Woche kommen wir bei unserer donnerstäglichen Reise durch die Jahrzehnte in den 80ern an. Von nun an geht es in 5 Jahresschritten weiter, so möchte Gorana heute von uns die 5 besten Filme von 1981 bis 85 wissen. Das macht es etwas einfacher als die letzten Wochen… aber nicht viel. Bei meiner Nummer 1 spielt eine Menge Nostalgie mit hinein, das ist mir vollkommen bewusst.

  1. ‚Blade Runner‘ (1982)

Einer der einflussreichsten Science Fiction Filme überhaupt. Bei seinem Erscheinen war er seiner Zeit ein wenig zu weit voraus, doch kaum ein anderer Film bestimmte so sehr, wie wir uns urbane Umgebungen der Zukunft vorstellen, wie Ridley Scotts düsterer Future Noir.

  1. ‚Amadeus‘ (1984)

Warum hat Gott einen Mann, den er als unwürdig betrachtet mit Genie gesegnet, während er, der stets anständig und fromm gelebt hat mit Mittelmäßigkeit geschlagen wird? Diese Frage stellt sich Hofkomponist Salierie, als er mit Mozart konfrontiert wird. Die Frage wird für ihn, im Film des kürzlich verstorbenen Milos Forman, zur Besessenheit, der er alles, auch seine eigene Moral opfert. F. Murray Abraham gibt eine Glanzvorstellung als Antagonist, der hier als Protagonist und Erzähler fungiert. Der Rest des Casts ist ebenfalls großartig, ebenso die Kostüme und Kulissen. Ach ja, und die Musik ist auch nicht übel…

  1. ‚The Thing‘ (1982)

Der ultimative Beweis, dass Genre Remakes durchaus großartig sein können. John Carpenters unterkühlter SciFi Horror konfrontiert eine Gruppe Männer in einer abgelegenen Station in der Antarktis mit einem außerirdischen Wesen, das einerseits wie jeder von ihnen aussehen kann, sich andererseits jederzeit in eine windende Masse von Tentakeln, Pseudopodien und Mäulern verwandeln kann. Paranoia, Schockeffekte, Blut, Spannung und Ekel im genau richtigen Verhältnis. Carpenters Bester und ein Hohelied auf den praktischen Effekt.

  1. ‚Fitzcarraldo‘ (1982)

Klaus Kinski schleppt ein Schiff übern Berg. Wie in eigentlich allen Kollaborationen von Kinski und Werner Herzog steht ein manischer Charakter im Mittelpunkt, der Gigantisches plant und großartig scheitert. Anders als bei ihren anderen Filmen erwartet Kinskis Charakter, der mitten im Dschungel ein Opernhaus bauen will, am Ende so etwas ähnliches wie Erlösung. Am besten noch ‚Mein bester Feind‘ dazu schauen, um festzustellen, wie nahe Kinski und Herzog dem gegenseitigen Mord gekommen sind.

  1. ‚Ghostbusters‘ (1984)

Ich liebe diesen Film. ich halte ihn für eine der kreativsten und am besten geschriebenen Komödien aller Zeiten. Wird der Film ebensolche Wirkung auf Leute haben, die ihn heute zum ersten Mal sehen? Nein, er enthält vieles, was nach der Reagan Ära seltsam bis geschmacklos wirkt, was mir als Kind damals schlicht nicht bewusst war. Was für eine Gemeinheit, dass die Umweltbehörde die Jungunternehmer hier einfach daran hindert in einem Wohngebiet einen privaten Atomreaktor zu betreiben! Wie soll man denn so Geld verdienen? Aber wenn er funktioniert? Dann funktioniert er auch heute noch ganz großartig!

Ferner Liefen: ‚American Werewolf‘ (1981), ‚Gremlins‘ (1984), ‚Creepshow‘ (1982), ‚Poltergeist‘ (1982), ‚Nightmare on Elm Street‘ (1984), ‚Terminator‘ (1984), ‚Zurück in die Zukunft‘ (1985)…

Nachtrag zum letzter Woche: Ich hatte das ‚Imperium schlägt zurück‘ fälschlich als von 1981 im Kopf. Der sei hiermit außer der Reihe zumindest erwähnt.