‚Black Panther‘ (2018)

‚Black Panther‘ stand ziemlich weit oben auf der Liste der Marvel-Filme, die ich noch nachholen wollte. Ich bin ein großer Fan von ‚Creed‘, mit dem Ryan Coogler sein Talent bewiesen hat auch aus einer völlig saftlosen Hülle, wie dem ‚Rocky‘ Franchise, noch einen wahren Strom an Kreativität pressen kann. Wer also wäre besser dafür geeignet einen spannenden Marvel-Film zu drehen. Und was für eine Erwartungshaltung auf diesem Film ruhte. Der erste amerikanische Mainstream-Blockbuster mit einem (beinahe) durchgängig schwarzen Cast würde er werden. Ein utopisches Afrika unberührt von Kolonisierung und Sklaverei sollte er präsentieren. Eine würdevolle Repräsentation für die afrikanische Diaspora weltweit sein. Eine cinematische Antwort auf die „Shithole Countries“ Rhetorik gewisser Politiker liefern. Oh, und nebenbei noch eine Superhelden-Story erzählen. Kann das gelingen? Schauen wir mal.

T’Challa (Chadwick Boseman) soll nach dem Tod seines Vaters T’Chaka der neue Black Panther und König des verborgenen, hochtechnisierten Reiches Wakanda werden. Dort lebt man, aufgrund des Wundermetalls „Vibranium“ in einer weit fortschrittlichen Welt, während sich Wakanda nach außen hin als armes Drittweltland präsentiert. Als T’Challa eine Chance sieht Ulysses Klaue (Andy Sekis), den Mörder seines Vaters, in Südkorea zu stellen, macht er sich gemeinsam mit der Spionin Nakia (Lupita Nyong’o) und der Kriegerin Okoye (Danai Gurira) auf den Weg. Doch kaum haben sie Klaue gestellt, befreit ihn ein Unbekannter (Michael B. Jordan), der einen königlichen Siegelring Wakandas besitzt. Das ist Erik „Killmonger“ Stevens. Der Sohn von T’Chakas Bruder, den der als Verräter an Wakanda getötet hatte und den jungen Erik in Armut in Amerika zurückließ. Dort diente er zunächst als Soldat, dann unterwanderte er für das CIA andere Länder. Nun taucht er in Wakanda auf, um das militärische Potential des fortschrittlichen Landes zu benutzen, um weltweite Revolutionen auszulösen und das politische Gefüge umzukehren.

Um eines gleich klarzumachen, die obige Zusammenfassung wird mehreren Aspekten des Films nicht gerecht. Zum einen bringt er ein wahnsinnig umfangreiches Personal auf den Schirm, ihm gelingt aber das Kunststück, dass ich mich, anders als bei anderen Superheldenfilmen nie fragen musste, wer denn jetzt nochmal wer war. Die Charaktere sind distinkt und eindeutig gezeichnet, manchmal nur in wenigen Szenen. Figuren wie Letitia Whites Technikgenie Shuri oder Winston Dukes gewaltiger M’Baku, der Anführer des nicht eben königstreuen Jabari-Stammes, bleiben gut im Gedächtnis. Auch zeichnet Coogler ein umfassendes Bild von Wakanda, in dem sich Science Fiction Elemente und magischer Realismus mit afrikanischer Kultur und Mythologie verbinden. Er schafft so eine sehr bunte, sehr lebendige Welt, die sich, nicht nur im Marvel Film, ziemlich einzigartig anfühlt. Ein sich freiwillig isolierendes Land, mit selbstfahrenden Magnetbahnen auf der einen Seite, mit Nachfolgeduellen für das Königtum auf Leben und Tod an urig wirkenden Wasserfällen auf der anderen. Kurz ein Land zwischen absoluter Moderne und uralter Tradition. Ein Land, das das Wort Feminismus nie gehört hat, allein deswegen weil Frauen ohnehin gleichberechtigt sind und gar ausschließlich die Dora Milaje, die Ehrengarde des Königs stellen, basierend auf der historischen Vorlage des Königreichs Dahomey. Überhaupt bedient sich Coogler für sein Wakanda in ganz Afrika. Die Kostüme enthalten Elemente beinahe aller afrikanischen Kulturen von den Tuareg bis zu den Massai. Manche Charaktere scheinen gar auf dem Kleiderschrank realer Vorbilder zu beruhen, so die Königinmutter (Angela Bassett) auf Winnie Mandelas. Die Skyline wird bestimmt von Variationen auf alte, afrikanische  Bauwerke, etwa die berühmten drei Moscheen von Timbuktu, aber auch hochmoderne, etwa das Pearl of Africa in Kampala. Das schafft zusammen ein faszinierendes Bild eines „Afrofuturismus“, bedient aber auch, das muss gesagt werden, dieses Bild, das viele von Afrika haben. Dieses diffus homogene Bild, das nicht recht zwischen den verschiedenen Kulturen unterscheiden kann oder will. Ich verstehe aber, warum es hier so gemacht wurde, spricht der Film doch eher die (vor allem US-amerikanische) afrikanische Diaspora an und will gar keinen realen, afrikanischen Ort, sondern einen idealisierten darstellen.

Wie oben bereits gesagt, Chadwick Bosemans T’Challa und seine Mitstreiter sind gut und getroffen, treffend umrissen und werden sympathisch dargestellt. Aber gerade auf der Schurkenseite, oft genug die Schwachstelle von Marvelfilmen, zeichnet sich ‚Black Panther‘ aus. Da ist Ulysses Klaue, ein völlig überzogener britischer Gauner mit Mega Man Armkanone. Hat man erst einmal verarbeitet, dass man hier Andy Serkis mal nicht als CGI Charakter sieht gibt er eine durchaus unterhaltsame Vorstellung. Viel wichtiger aber ist Erik Killmonger. Der ist das Produkt von Wakandas Isolationspolitik, ebenso wie von amerikanischer Innen- wie Außenpolitik, die Menschen in Armut leben lässt, ihnen dann einen Ausweg durch Dienst in einem der zahlreichen Kriege bietet. Und in Killmongers Fall, ohn dann zum Werkzeug andere Nationen zu unterwandern macht. Beinahe könnte man meinen die wirklichen Bösen säßen beim CIA (beinahe, siehe unten). Sein Ziel einer weltweiten Revolution ist nachvollziehbar, aber auch tödlich, womöglich für alle beteiligten Seiten. Er ist somit immer der Antagonist, aber einer mit verständlichen zielen, der sich vor allem nicht selbst als „Schurke“ begreift. Der Film behandelt ihn denn auch mit einiger Empathie, insbesondere seine letzten Worte hallen lange nach. Durch eine sehr (sehr!) grobe Brille betrachtet erinnert es durchaus an die Dichotomie Martin Luther King – Malcolm X in der Bürgerrechtsbewegung.

Im marveltypischen, großen Endkampf, hier so etwas wie ein wakandischer Bürgerkrieg, wird die politische Lesart, die bisher nicht einmal Unterton, sondern sehr deutlich war, für mich allerdings zum Problem. Das liegt vor allem an der Beteiligung von Martin Freemans CIA-Agent Ross. Der war bis hierhin eher so etwas wie der stets verwirrte Quotenweiße, doch wenn er dann im Bürgerkrieg zu einer Art aktiver und zentraler (heldenhafter!) CIA Beteiligung wird, so finde ich das, im Hinblick auf die afrikanische Geschichte seit dem Ende der Kolonien, ehrlich gesagt beinahe ekelhaft (hätte er nicht wenigstens SHIELD oder irgendein Fantasie-Agent sein können?). Aber hier liegt das „Problem“ des Films, in einem anderen Marvelfilm würde ich es vermutlich einfach hinnehmen (seien wir ehrlich, bei genauer Analyse ist etwa ‚Iron Man’… unangenehm), hier bin ich aber bereits politisch eingestellt.Vermutlich wollte man nur sicherstellen, dass sich weiße Jungs, wie ich, nicht allzu verängstigt fühlen…

Der Film fühlt sich, was die Action angeht, oftmals mehr wie ein moderner James Bond als wie ein typischer Superheldenfilm an, was mir sehr zupass kam. Sicherlich werden hier auch mal Autos desintegriert, aber eben nicht gleich ganze Wolkenkratzer. Die Actionszenen sind gut inszeniert, die CGI weitgehend gelungen. Nur wenn sich zwei CGI Darsteller gegenseitig auf die Nuss geben fühlt sich das wieder einmal völlig gewichts- und folgenlos an und ich sehne mich zurück nach ‚Creed‘, wo jeder Schlag mit einem unausweichlichen Preis einherging. Die treibenden Rhythmen aus Ludwig Göranssons, von westafrikanischen „Talking Drums“ inspiriertem, Soundtrack, ergänzen sich wunderbar mit den von Kendrick Lamar kuratierten Rap-Songs.

Filmisch ist es einer der besseren Marvel-Filme, vom Setting her ist er interessant genug, dass ich mir – wohl zum ersten Mal bei einem Superheldenfilm – gewünscht habe er wäre länger. Letztlich fallen selbst meine Probleme nicht so sehr ins Gewicht, dass sie das Vergnügen des Films besonders gestört hätten. Es ist wirklich gemein von Marvel, dass sie gerade als ich beschlossen hatte quasi keine Superheldenfilme mehr zu sehen, so viele interessante Regisseure angeheuert haben, siehe auch Taika Waititi oder Jon Watts (na ja und andere wieder gefeuert haben…). Und es wird spannend zu sehen, ob Coogler, anders als bei ‚Creed‘, für die unausweichlichen Fortsetzungen wieder die Regie übernimmt.

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Newslichter Extrablatt: die Oscars werden „kurz“ und „populär“

Das erste Extrablatt des Newslichters steht ganz im Zeichen von Hollywoods liebstem Goldjungen. Ich bin ja mehr oder weniger einer von den Leuten, denen der Oscar ziemlich egal ist. Letztlich feiert sich die Filmindustrie da halt mal besonders auffällig selbst. Und vor allem bin ich der Meinung (und Ihr könnt gerne so tun, als würde ich das in Euer Poesiealbum schreiben, während Ihr mit den Augen rollt und halbherzig versucht es mir wegzuziehen), dass Kunst kein Wettkampf sein sollte. Aber für die Gewinner hat ein Oscar natürlich schon meist positive Folgen. Mehr und größere Filme sind die Folge. „Mit Oscargewinner XY“ macht sich im Trailer und auf dem Poster halt besser bei zukünftigen Projekten. Ganz bedeutungslos ist er also nicht.

Doch haben die Oscars ein Problem: immer weniger Leute interessieren sich für sie. Denn zu allererst sind die Oscars erst einmal eine (beinahe) weltweit übertragene Fernsehshow. Und deren Publikum geht seit Jahren zurück. In diesem Jahr gar um ganz besonders schmerzhafte 20 Prozent. Und ausgerechnet die jungen Leute bleiben als Zuschauer aus. Dem muss natürlich gegengesteuert werden und dafür hat die Academy of Motion Picture Arts and Sciences nun einige Neuerungen verkündet. Weiterlesen

Newslichter Ausgabe 4: neuer Streamingservice, alter Picard und ein verbotener Bär

Neue Woche, neue Newslichter! Dieses Mal war es materialtechnisch ein wenig dünn, es gab vor allem zahllose, weitgehend uninteressante Neuigkeiten zu allerlei Superheldenfilmen. Superhelden-Afficionados gehen aber auch hier nicht leer aus und bekommen ein umfangreiches Update zur James Gunn Situation (siehe Newslichter 2). Die anderen Nachrichten, die ich kommentiere, mögen nicht viele sein, dafür sind sie inhaltlich um so interessanter, so präsentiere ich Euch unter anderem einen neuen gratis Streaming-Dienst. Ich frage mich ob überhaupt jemand diese Einleitungen liest, oder ob Ihr alle schon unten bei den News seid… wie auch immer, die News:

 

‚Christopher Robin‘ darf nicht nach China

https://www.moviepilot.de/news/aus-diesem-bizarren-grund-darf-christopher-robin-nicht-in-china-laufen-1109846

Die Überschrift stimmt nicht ganz, Christopher Robin selbst hätte wohl kein Problem. Winnie Puuh hingegen ist in China nicht gern gesehen. Auch das ist nicht ganz richtig: er wird nur von der chinesischen Regierung nicht gern gesehen. Denn er ist in China zu einer Art politischem Meme geworden, das den gemütlich wirkenden Staatspräsidenten Xi Jinping mit dem pummeligen Honigjunkie vergleicht. So werden seit längerem alle Puuh Bilder in chinesischen sozialen Netzwerken gesperrt oder gelöscht. Auch HBO wurde gesperrt nachdem John Oliver in seiner ‚Last Week Tonight‘ Show einen solchen vergleich angestellt hat. Da wird man bei Disney jetzt ganz stark sein müssen und sich vielleicht erst mal einen Topf Honig genehmigen. Und ich hoffe jemand hat ein Auge auf I-Aah, den trifft das sicherlich. Aber, da ich erst mal keine Chinareise plane, kann ich es ja sagen: der Herr Jinping sieht schon ein bisschen nach Winnie Puuh aus…

 

„Make It So!“

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Comeback-fuer-Star-Trek-Patrick-Stewart-wird-wieder-zu-Captain-Jean-Luc-Picard-4129437.html

Dafür bin ich gerne bereit mal einen Ausflug in Fernsehnews-Regionen zu unternehmen: Sir Patrick Stewart wirft sich für eine neue Serie ein weiteres Mal in die unbequeme Starfleet-Uniform und verkörpert seine Paraderolle Captain Jean-Luc Picard der USS Enterprise. Ob er allerdings noch Kapitän der Enterprise ist, ob er überhaupt noch Teil der Starfleet ist, all das ist offen. Ist mir aber auch egal, er ist Captain Picard, meinetwegen kann er Steine sammeln, ich schau es trotzdem. „Schauen Sie Nummer 1, eine Grauwacke! Die muss ich Mr. Data zeigen!“

 

Nicolas Winding Refn präsentiert das Bahnhofskino unter den Streamingdiensten

Sein letzter Film, ‚The Neon Demon‘, ist bei mir ja nicht eben wahnsinnig gut weggekommen. Allerdings kann und will ich Nicolas Winding Refn seine Liebe für den Film nicht absprechen. Und zwar gerade für die Art von Film, die sonst nicht eben viel Liebe bekommt: B-Movies, Exploitation oder alles man sonst so kurz als „Schund“ zusammenfasst. Genau das will Refn jetzt auf seiner eigenen, kostenlosen Streamingplattform präsentieren. Da er sich selbst mindestens ebenso sehr wie Filme liebt, heißt die natürlich byNWR, damit wir bloß nicht vergessen, wem wir das zu verdanken haben. Ich konnte bislang nur kurz reinschauen und da sah es für mich aus, als ob die Filme in bestmöglicher Qualität vorliegen und liebevoll präsentiert werden. Ich bin gespannt, was es da, fernab von allen „Wenn Du diesen Hollywoodblockbuster mochtest, dann wird Dir auch dieser Hollywoodblockbuster gefallen“ Algorithmen, zu erstöbern gibt, es scheint zumindest im Moment monatlich Nachschub zu geben.
Ihr findet den Dienst unter byNWR.com und müsst einen kostenlosen Account erstellen.

 

Putin macht Steven Seagal zum Sondergesandten für kulturelle Beziehungen zu den USA

http://www.spiegel.de/panorama/leute/steven-seagal-wladimir-putin-macht-filmstar-zum-sondergesandten-a-1221754.html

Ist das eine Filmnews? Nein, nicht wirklich. Aber es könnte eine werden, denn das ganze riecht derart nach einer politischen Farce, dass ein Film darüber beinahe nur komisch sein kann, außer Seth Rogen bekommt das Thema in die Finger, aber malen wir den Teufel nicht an die Wand. Ich zumindest würde nur zu gerne einen guten Film darüber sehen, mit Mads Mikkelsen als Putin und (nachdem ich aktuelle Fotos gesehen habe) John Goodman als Aikido-Seagal. Für die Regie schweben mir die Coen Brüder vor.

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Update zur Gunn-Situation

(ohne Links, das wären zu viele)

Die spürbarste Folge der plötzlichen Entlassung des ‚Guardians of the Galaxy‘ Regisseurs, ist das einige Disney-verbundene Kreative ihre Präsenz in sozialen Medien aufgegeben haben (z.B. Scott Derrickson) oder zahlreiche Tweets gelöscht haben (z.B. Rian Johnson). Einen anderen Weg wählte Schauspieler/Regisseur Bobcat Goldthwait (‚World’s Greatest Dad‘). Der schrieb Disney einen offenen Brief, in dem er sie aufforderte seine markante Stimme als „Pech“, aus dem Disney ‚Hercules‘ Film, aus Vergnügungsparkattraktionen zu entfernen. Er habe viele unpassende Witze in seinem Leben gemacht und sei nun offen Trump-kritisch. Es wäre ihm daher sehr unangenehm Disney Unannehmlichkeiten zu bereiten. Auch rät er ihnen einen Blick auf aktuelle, keineswegs scherzhaft gemeinte Tweets seines ‚Hercules‘-Kollegen James Woods zu werfen.
Einen offenen Brief veröffentlichten auch die ‚Guardians‘ Darsteller gemeinsam. Darin kritisieren sie Gunns Entlassung und fordern Disney auf ihn wieder anzustellen. Man merkt allerdings jeder Zeile die anwaltliche Beratung an, um ja nicht die Disney Verträge zu brechen. Sorgloser gibt sich da nur Dave Bautista, der auf die Frage wie er die Arbeit am nächsten ‚Guardians‘ Film nun sehe, antwortete er würde tun wozu er sich vertraglich verpflichtet habe, doch die Arbeit für Disney sei ihm unter diesen Umständen widerwärtig („nauseating“).
Apropos ‚Guardians 3‘. Man hat bei Disney immer noch keinen Nachfolger benannt, was überrascht, nicht nur nach der sehr eiligen Entlassung, sondern auch wenn man bedenkt, dass die Dreharbeiten an dem sicherlich umfangreichen Projekt bereits Anfang nächsten Jahres starten sollen. Wartet man vielleicht doch nur auf einen passenden Moment Gunn wieder anzustellen und gleichzeitig das Gesicht zu wahren? Oder sind die ‚Guardians‘ ohnehin auf der Disney-Abschussliste, wie manche Stimmen, nach dem Umgang mit den Charakteren in ‚Infinity War‘ (den ich nicht gesehen habe) behaupten?
Im Internet hat man in einer viralen Aktion jedenfalls schon einen Nachfolger für Gunn gefunden: Jimmy Gunnbergo. James Gunn mit luxuriösem Photoshop-Schnauz.

 

Wir sehen uns in einer Woche an dieser Stelle wieder, wenn wir bis dahin nicht alle zu schnell im trockenen Boden versickernden Pfützen geworden sind. Oder?

‚The Florida Project‘ (2017) – Neorealismus fährt nach Disney World

Die Armen Amerikas werden im amerikanischen Film nicht eben zahlreich oder besonders liebevoll repräsentiert. Das war nicht immer so. In den 20er und 30er Jahren gab es eine ganze Reihe an Filmen über ‚Die kleinen Strolche‘, eine Gruppe von Kindern, die explizit aus der New Yorker Unterschicht stammten. Und dann war da natürlich noch Chaplin, dessen Tramp so eine Art Avatar für von der modernen Gesellschaft Zurückgelassene, nicht nur in den USA sondern überall, war. Regisseur Sean Baker knüpft mit seinem Independentfilm ein wenig an diese Tradition an. In ‚The Florida Project‘ kommen wir dem eskapistischen Traumziel des amerikanischen Kapitalismus, Disney World, so nahe wie es nur geht und sind gleichzeitig unendlich weit davon entfernt.

Denn ganz in der Nähe des Vergnügungsparks gibt es eine Reihe von Motels mit Namen wie „Future Land“ oder „Arabian Nights“. Deren ursprüngliche Geschäftsidee war es, dass unaufmerksame Touristen ihre Übernachtungen dort und nicht in einem offiziellen Disney Hotel buchen. Doch viele dieser Motels sind zu Auffangstationen für die Ärmsten der Armen geworden. Für die Menschen die nun hier leben, kann eine verpasste Miete den Rauswurf und damit den Verlust der letzten sozialen Sicherheit und Abrutschen in die Obdachlosigkeit bedeuten. Im „Magic Castle“ leben die junge Halley (Bria Vinnaite) und ihre sechsjährige Tochter Moonee (Brooklyn Prince). Halley gelingt es nicht eine geregelte Arbeit zu finden, so verkauft sie billiges Parfüm zu überteuerten Preisen an Touristen in besseren Hotels, um die Miete zusammenzubekommen. Moonee zieht die meiste Zeit mit ihren Freunden Jancey (Valeria Cotto) und Scooty (Christopher Rivera) durch die Gegend, wo sie allerlei Chaos anrichten. Das ist selten zur Freude von Scotty (Willem Dafoe), dem Hausmeister und der Seele des Magic Castle. Der Film zeigt lose die Ereignisse eines Sommers.

Das Wichtigste zuerst, der Film ergeht sich nicht in jenem beinahe voyeuristischen Miserabilismus, der Filmen um soziale Außenseiter häufig anhängt. Moonee und ihre Freunde sind zunächst einmal Kinder, die sich ihre kindliche Welt auch ohne finanzielle Mittel schaffen. Ein Großteil des Films ist dabei durchaus komisch. Die Szene etwa, die verkürzt auch im Trailer zu sehen ist, in der Bobby Moonee und Scooty beim Eisessen in der Lobby anstarrt und nur auf ein Kleckern auf den Fußboden wartet, ist zum Beispiel urkomisch. Allerdings verklärt der Film Armut auch nicht zu einer Art magischem Wunderland, wie mir das etwa bei ‚Beasts of the Southern Wild‘ (den ich filmisch sehr mochte) sauer aufgestoßen ist. Wenn ich einen Vergleich ziehen sollte, der nicht bis in die 20er oder 30er Jahre zurückgreift, dann würde ich ihn wohl am ehesten mit der Arbeit von Andrea Arnold vergleichen, an deren ‚Fishtank‘ ich mehr als einmal denken musste.

Das Kindliche steht ohnehin im Zentrum des Films, wenn er von Moonees Sommer-Erlebnissen mit beinahe atemloser Energie erzählt. Auch Halley ist nie wirklich erwachsen geworden und behandelt ihre Tochter mehr wie eine kleine Schwester. Es fällt ihr schwer Verantwortung für ihr eigenes oder Moonees Handeln zu übernehmen. Diese Verantwortung fällt, wie die meiste im Film, direkt an Bobby. Der lebt für das Motel und seine Gemeinschaft, die er vor Gefahren von außen, aber auch vor sich selbst schützt. In einer Szene, nachdem er einen Stromausfall behoben hat, ruft ihm ein Bewohner sarkastisch seine Liebe zu, Bobby dreht sich um zum Motel an sich und ruft „I love you too!“, doch bei ihm kommt es von Herzen. Das Motel und die Leben seiner Bewohner werden ohnehin zu einem reichhaltigen Hintergrund für das Handeln der Hauptpersonen, wie ich das so selten, vielleicht noch bei ‚Das Fenster zum Hof‘, gesehen habe. Der Film ist großartig im Beobachten und belohnt ein genaues Beobachten auch beim Zuschauer. Seine Charaktere können in kleinsten Gesten sehr viel sagen.

Kameramann Alexis Zabe kleidet diese Erzählung in passende Bilder. Die Farben des Films scheinen geradezu zu leuchten. Das satte Lila des Magic Castle, das Orange eines Einkaufszentrums, der weite, blaue Himmel und das satte Grün der Umgebung fasst er in wunderschöne Bilder. Die Hubschrauber und Luxuskarossen, die sich unablässig nach Disney World begeben, bleiben dabei immer ein so ferner Hintergrund, dass sie fast von einer anderen Welt stammen könnten. Es ist toll daran erinnert zu werden, dass man auch für unter 2 Millionen Dollar einen sehr cinematischen Film schaffen kann, wenn man nur mit dem was man hat klug arbeitet.

Ich war mir sicher, dass Brooklyn Prince, die 6jährige Darstellerin der Moonee hier ihren ersten Auftritt hatte. Ich habe mich geirrt, ihre Karriere begann schon mit 2 Jahren in Werbespots. Dann kann ich nur sagen, dass sie weit weg ist von typischen Hollywood Kinderdarstellern, die schon mit dem Schauspielvertrag in der Hand geboren scheinen und dank umfangreichem Training zu keiner natürlichen Reaktion mehr fähig sind. Man hat das Gefühl, die Kamera wäre ihr völlig egal. Wenn sie ein Eis isst, dann ist dieses Eis der Mittelpunkt ihrer Welt, wenn sie Scooty zeigen will, wie sie mit ihrer Achselhöhle furzen kann, dann zählt nur das. Es ist eine der besten, wahrhaftigsten Kinderdarstellungen, die ich je gesehen habe. Sie ist so gut, dass man ihr im späteren Film selbst Sätze problemlos abnimmt, die aus dem Mund anderer Kinderdarsteller wohl recht altklug und gewollt geklungen hätten („You know why this is my favorite tree? ‚Cause it has fallen down, but it’s still growing!“). Für ihre Filmmutter, Bria Vinnaite, ist es tatsächlich ihre erste Rolle und ihre Halley gelingt ähnlich glaubhaft wie Moonee. Hinter ihrer fröhlichen Energie sitzt eine tiefe Frustration, ein Zorn darüber, nie wirklich eine Chance im Leben gehabt zu haben. Wir erfahren nicht eben viel über Halley, doch Vinnaite liefert eine faszinierende Darstellung ab. Insbesondere eine Szene, in der sie kaum ihre Wut kontrollieren kann, weil Bobby ihre Mietzahlung zählt, anstatt sie einfach zu akzeptieren, ist bezeichnend. Und damit sind wir beim einzig „großen Namen“ des Films, Willem Dafoe, der sich seine Oscar-Nominierung redlich verdient hat. Völlig gegen seinen üblichen Typus besetzt ist Bobby ein liebenswerter, großzügiger Charakter, der wenn es sein muss auch zu einiger Härte fähig ist. Er ist der komische Widerpart für Moonees Streiche, aber auch ein unverzichtbarer Kern der brüchigen Gesellschaft.

Ich hoffe es ist klar geworden, dass ich den Film sehr mochte. Einer der besten, wenn nicht der beste Film, den ich bislang dieses Jahr gesehen habe. Habe ich auch etwas zu meckern? Ja, durchaus. Leider funktioniert gerade das Ende für mich nicht. Oder sagen wir eher, die letzten 30 Sekunden. Über die will ich hier natürlich nicht zu viel sagen, nur so viel, was bis dahin ein reiner Hintergrund war, tritt in einer Weise in den Vordergrund, die zumindest ich narrativ nicht begreife. Lassen wir es dabei. Der Rest des Films ist aber so gut, dass ihm das Ende keinen Abbruch tut. Er bleibt also eine dicke Empfehlung.

Gefährlich dumme Filmideen: Fallout, Drogen und unfassbar viele Löwen

Wisst Ihr was eine wirklich schlechte Idee ist? Zu versuchen bei diesen Temperaturen einen vernünftigen Artikel zu schreiben. Zum Glück ist das Schlimmste, was dabei herauskommen kann, neben einem schlechten Artikel, aber nur durchgeschwitzte Kleidung und vielleicht ein überhitzter Computer. Bei schlechten Ideen an einem Filmset kann aber weit Schlimmeres passieren. Auf einige der schlechtesten und gefährlichsten Ideen wollen wir heute einen Blick werfen, während wir kalte Gedanken denken. Weiterlesen

Newslichter Ausgabe 3: Wünsche, Wissenschaft und Steroide

Und hiermit sind sie zurück, heißer als jede Hitzewelle und garantiert in keinem Sommerloch (naja…): die allseits geliebten Filmnews. Die interessanten, die bizarren und natürlich die blöden. Liebevoll kuratiert und kommentiert von mir. Aber das Prinzip sollte inzwischen klar sei, legen wir also direkt los:

 

Listen up, Hoopleheads! ‚Deadwood‘ Film kommt!!

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18520160.html

Yeeehaw, doggie! ‚Deadwood‘ soll endlich (endlich!) mit einem Film mit dem Originalcast und vom Originalschöpfer sein würdiges Ende finden. Zwar nicht im Kino, sondern „nur“ auf HBO, aber lieber so, als so etwas wie den kommenden ‚Sopranos‘-Film. Es stellt sich derzeit wohl noch etwas schwierig dar alle Terminpläne aufeinander abzustimmen, aber was soll’s. Vermutlich wird man nicht glaubhaft  direkt am Ende der Serie ansetzen können, sind doch alle eine gute Dekade älter geworden, aber lassen wir uns überraschen.

 

„‚Meg‘ ist ‚Der weiße Hai‘ auf Steroiden“

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18520203.html

Das heißt, ‚Meg‘ hat eine kaputte Leber, erhöhten Blutdruck, atrophierte Hoden und einen pickligen Rücken? Wird Jason Statham die veränderten Blutfettwerte des riesigen Plattenkiemers nutzen um ihn gezielt mit einem Herzinfarkt auszuschalten? Oder werden sie gar eine Lösung ihrer Differenzen auf persönlicher Ebene finden, da auch der Hai, aufgrund seines Medikamentenmissbrauchs, mit erhöhtem Haarausfall zu kämpfen hat? Man kann nur hoffen, dass der Meg seine Steroide noch nicht im jugendlichen Alter eingenommen hat, führen sie dort doch gerne zur Verknöcherung von Knorpelstrukturen, was gerade als Knorpelfisch vermutlich relativ blöd sein dürfte. Okay, damit habe ich meine eine Pointe wohl mehr als weit genug ausgerollt…

 

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Tyrion Lannister heiß“

https://www.rollingstone.de/peter-dinklage-rumpelstilzchen-1534485/

Peter Dinklage soll in einer Sony Verfilmung den Urvater aller Anonymousse spielen. Den Stroh zu Gold Spinner und erstgeborene Kinder Habenwoller Rumpelstilzchen. Das Drehbuch soll „Sieben Minuten nach Mitternacht“ Autor Patrick Ness liefern. Seien wir gespannt, ob wir dem bekannten selbstzerstörerischen Choleriker oder einem besonneneren Rumpelstilz begegnen werden.

 

Superman will James Bond werden

https://www.focus.de/kultur/kino_tv/henry-cavill-will-der-neue-james-bond-werden_id_9316812.html

Henry Cavill als James Bond? Kurz gesagt: nö. Aber das wird der Sache nicht gerecht, erlaubt mir also etwas weiter auszuholen, ähem: neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee-

eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii etc.

 

Die Wissenschaft hat festgestellt…

https://www.moviepilot.de/news/wissenschaftler-haben-die-formel-fur-einen-erfolgreichen-film-gefunden-1109499

Ich kann jedem, der eine außergewöhnliche Liebe für Allgemeinplätze hegt, nur raten diese Nachricht anzuklicken. An der Cornell University Library hat man 6000 Drehbücher auf der Suche nach der „Formel für den erfolgreichen Film“ ausgewertet. Und dabei Dinge festgestellt, die bereits jeder wusste. Eine Geschichte muss Konflikt enthalten. Eine gute Geschichte sollte Emotionen beim Zuschauer auslösen. Man sollte das Produktionsbudget aufs Genre anpassen. Man sollte diese wichtigen Erkenntnisse aber auf gar keinen Fall eindimensional betrachten und man habe nicht vor „die Filmindustrie zu töten“, was auch immer das nun bedeuten soll. Naja, ich nehme an, nun schauen wir auf jeder Reise, Filme kinoweise, oder so.

 

Carrie Fisher in ‚Episode IX‘

https://screenrant.com/star-wars-9-carrie-fisher-return-confirmed-explained/

Bei Disney hatte man sich ja zum Glück schnell festgelegt Carrie Fisher im neunten Hauptteil der Weltraumsaga nicht durch eine CGI Figur ersetzen zu wollen. Worüber man sich allerdings gezielt ausschwieg war die Möglichkeit eine neue Schauspielerin zu besetzen. Nun wurde allerdings bekannt, das genug ungenutztes, gefilmtes Material aus ‚Die Letzten Jedi‘ von Frau Fisher vorliegt, um Leia, im wohl letzten Teil der sich mit den Skywalkers beschäftigt (aber natürlich bei weitem nicht dem letzten Film) einen würdigen Auftritt zu ermöglichen. Das freut nicht nur den Rest des Casts, sondern auch mich, der fürchtete, es hieße am Anfang des nächsten Films, Leia wäre an den Spätfolgen ihres Raumausflugs gestorben.

 

Und das war es diesmal mit semi-aktuellen überhaupt gar nicht sommerlöchrigen Filmnews. Und ich habe diesmal nichts über die Disney-Fox Verschmelzung geschrieben, obwohl ich Material gehabt hätte. Hat Überwindung gekostet, aber ich habe das Gefühl, das interessiert niemanden außer mir…