Und dann… was? Merkwürdige, filmische Folgeprojekte

Ich habe mich in den letzten Wochen ja (über?)reichlich zu ‚Psycho‘ (1998) ausgelassen. Dabei habe ich wenigstens kurz erwähnt, dass es den Film nur gab, weil Gus Van Sant nach dem großen Erfolg von ‚Good Will Hunting‘ quasi carte blanche besaß, was sein nächstes Projekt betraf. Und wenn auch die Idee eines 1:1 Remake von ‚Psycho‘ für einige Panikattacken bei Universal gesorgt haben dürfte, bekam er doch seine 60 Millionen Dollar dafür. Aber Gus Van Sant ist natürlich alles andere als allein mit einem solchen merkwürdigen Folgeprojekt. Wir müssen nicht einmal groß in der Zeit zurückgehen, um uns ernsthaft zu wundern, was wohl nun dazu geführt hat. Ich will gar nicht so tun, als könnte ich diese Frage immer beantworten, ich gehe den Artikel mehr im Sinne von Benoit Blanc an: „It makes no damn sense! Compels me though…“

‚Knives Out‘ könnte man vermutlich sogar selbst als überraschendes Folgeprojekt bewerten. Autor/Regisseur Rian Johnson hatte schließlich seinen Fuß in der ‚Star Wars‘ Tür. Sollte (und soll, soweit ich weiß) seine eigene Trilogie bekommen, nachdem er ‚Die Letzten Jedi‘ gedreht hatte. Ob es an der kontroversen Auseinandersetzung mit dem Film liegt, oder an etwas anderem, Johnson tat, was heute kaum noch jemand wirklich erfolgreich schafft, er etablierte etwas Neues an der Kinokasse. Und ich glaube, darüber dürfen nicht nur wir als Zuschauer ganz glücklich sein, sondern auch Herr Johnson selbst, wenn man den Zustand des Franchises ‚Star Wars‘ anschaut. Aber hier soll es ja nicht um gelungene und erfolgreiche Anschlussprojekte gehen, sondern das genaue Gegenteil.

Und wenn wir nahe an der Van Sant Situation bleiben wollen, müssen wir nicht weiter schauen, als zu Tom Hooper. Der hat sich mit ‚The King’s Speech‘ und ‚Les Miserables‘ quasi als Oscar-Garant etabliert. Und mit Letzterem und seinem „realistischen“ Ansatz ans Musical diesem oft tot gesagten Genre zu einem seiner (gar nicht so seltenen) Erfolge verholfen. Also wurde sein Blankoscheck unterschrieben und er nutzte ihn, um ein Musical ohne wirklich stringente Handlung in einen Film umzusetzen. Einen Film, den er mit Darstellern ohne Motion Capture-Anzüge drehte, sie aber später in Katzen verwandeln wollte, was bedeutete, dass Effects Artist jedes einzelne Bild des Films rotoskopieren mussten, um die Figuren zu befellen (und – dem Vernehmen nach – mit später entfernten Arschlöchern auszustatten). Da half es wenig, dass ein nach den Reaktionen auf einen ersten Trailer panisch gewordenes Universal auch noch die Mittel zusammenstrich. ‚Cats‘ wurde einer der meist beachteten Flops der letzten Jahre. Ein derartiger Flop, dass derzeit sogar Hoopers alte Filme vielfach neu bewertet werden und sich die Meinung durchzusetzen scheint, er sei eigentlich nie gut gewesen und wurde nur von fähigen Darstellern gerettet. Man kann es vielleicht auch übertreiben. Das traurige Ende des Debakels war dann, als Darsteller Rebel Wilson und James Corden bei der Verleihung der Oscars launige Bemerkungen über die mangelnde Qualität der ‚Cats‘ Effekte machten. Ein abschließender Mittelfinger ins Gesicht der Effektkünstler, die sich an dem Film abgearbeitet haben, nur um ihn dann verrissen zu sehen.

Sogar ein wenig in die Zukunft können wir schauen, um ein Beispiel zu finden. Paul King hat mit seinen beiden ‚Paddington‘ Filmen perfekte Familienunterhaltung abgeliefert. Aber offenbar war er besorgt zu sehr auf das „sprechender Bär“ Genre festgelegt zu werden (wobei ‚Auslöschung‘ zeigt, dass das ein weites Feld ist) und lehnte einen dritten Film ab, der damit prompt auseinanderfiel, da die meisten Darsteller ebenfalls absprangen. Was will er nun machen, anstatt den sympathischen Bären mit Marmeladensucht ein weiteres Mal zu inszenieren? Er dreht ‚Wonka‘. Und nein, das ist keine Beleidigung in einem obskuren, britischen Dialekt, das ist ein Prequel zu ‚Charlie und die Schokoladenfabrik‘ von 1971. Oder doch der Burton/Depp Version von 2005? Jedenfalls zur Verfilmung des Roald Dahl Buches. Es gäbe zwar ein von Dahl geschriebenes Sequel, aber anscheinend ist es wichtiger die (ugh) Origin von Schokoladenfabrikbetreiber Willy Wonka zu erfahren. Das liest sich wie eine Idee von 2006, die 2023 nur 17 Jahre zu spät kommen wird. Aber wie ich meine Einschätzungen so kenne, wird das ein gigantischer finanzieller Erfolg und wir sehen ‚Wonkas‘ für die nächsten 10 Jahre.

Doch nicht nur Darsteller wissen mit Folgeprojekten zu erstaunen. Das Marvel Cinematic Universe ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass es Stars produziert. Man schaut die Filme weniger wegen der Darsteller, als wegen des Settings und der Charaktere. Wenn es eine Ausnahme von dieser Regel gibt, dann heißt sie Robert Downey jr.. Das wäre vermutlich der Darstellername, der im Zusammenhang mit dem MCU zuerst fällt. Und nicht nur weil er mit ‚Iron Man‘ der erste war. Nun hatte er es bekanntlich satt, den Tony Stark zu geben, wollte endlich wieder etwas anderes tun. Man darf annehmen, dass ihm alle Türen offen standen und er genug Geld für mehrere Lebzeiten auf dem Konto hat. Er konnte tun was auch immer er will. Und er drehte ‚Dolittle‘. Eine erneute Verfilmung der Abenteuer des Arztes, der mit Tieren reden kann (die natürlich von Prominenz gesprochen werden). Bloß, dass er diesmal einem furzenden Drachen einen Dudelsack aus der Körperöffnung polkt, die den ‚Cats‘ entfernt wurde. Die Kritik hat‘s verrissen, finanziell war es mehr so mittel. Warum also das? Es war offensichtlich keine Auftragsarbeit, Downey hat den Film auch produziert, das war also exakt das, was er machen wollte. Wie oben erwähnt: das warum kann ich nicht beantworten. Was ich aber sagen kann ist, dass die Autoren all dieser Think Pieces, darüber, dass Marvel Downey von Filmen wie ‚Shaggy Dog‘, wo er mit Tim Allen als Hund interagierte, gerettet habe, völligen Unsinn geschrieben haben. Da gab es nix zu „retten“. Das war was Downey wollte. Warum auch immer.

Enden wir mit einem ebenso überraschenden, wie tragischen Folgeprojekt und gehen dafür dann doch etwas zurück in der Geschichte. In den 70er Jahren hat sich Francis Ford Coppola etabliert, als jemand, der raue, realistische Dramen dreht. Über „männliche“ Themen. Gangster und Soldaten in ‚Der Pate‘ und ‚Apocalypse Now‘. Vor allem aber als jemand, der alles tut um vor Ort zu drehen. Der dafür sorgt, dass wir den Asphalt des New Yorks der 40er unter den Sohlen spüren, den Schlamm Südostasiens quasi schmecken können. Dafür hat er sich und seine Mitarbeiter bekanntlich monatelang auf den Philippinen gequält. Wenig überraschend fand er das aber selbst ziemlich furchtbar. Er wollte nicht mehr von Wind und Wetter und Licht und falschen Straßenlaternen abhängig sein. Er wollte Kontrolle über jeden Aspekt des Filmens. Und da er die Hollywood Studios eh nicht leiden konnte, wollte er seine Produktionsfirma Zoetrope, 1969 gemeinsam mit George Lucas gegründet, 1980 in ein echtes eigenes Studio, Zoetrope Studios, umwandeln. Aber ein Studio nach neuen, besseren Regeln. Alles würde im Studio gedreht. Exakt geplant, auf Video probegedreht und dann effizient abgearbeitet. Für die Mitarbeiter bedeutete das eine geregelte 9-5 Arbeitszeit. Darsteller waren Angestellte des Studios, genauso wie Techniker und alle anderen und arbeiteten an mehreren Projekten gleichzeitig. Jeden Freitagabend gab es eine Party für alle Mitarbeiter um den Zusammenhalt zu stärken. Den Nachwuchs wollte Coppola extrem fördern mit Führungen für Kinder und Praktika für Jugendliche.

Das erste Projekt dieses unabhängigen anti-Hollywood Studios sollte ‚Einer mit Herz‘ (‚One From The Heart‘) werden. Ein Film der klassische Musical-Optik mit Coppolas realistischer Erzählweise kombinieren würde. Ausleuchtung, Matte-Paintings, Miniaturen, all das sollte die Künstlichkeit des Films noch unterstreichen. Doch statt typischer Musical-Tunes gäbe es Tom Waits‘ Blues-Gegurgel zu hören. Doch war natürlich die Ambition sehr hoch, diesen ersten Film zum Erfolg zu führen. Und es stand der Mann dahinter, der für eine der schlimmsten Produktionen aller Zeiten (‚Apocalypse Now‘) verantwortlich war. Schnell ließ das Projekt die geplanten 2 Millionen Budget weit hinter sich. Es wurden 26 Millionen daraus, weit mehr als die Zoetrope besaß. Exakt so viel, wie Coppola besaß. Und selbst das reichte nicht. Doch die Angestellten liebten die Idee des Studios so sehr, dass sie umsonst arbeiteten. So viel zum geregelten 9-5. Nun hing nicht nur die Zukunft des Studios, sondern die von Coppola an dem Film. Und er floppte. Brutal. 600.000 Dollar spielte er ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn der Großteil der Leser mit „‚Einer mit Herz‘? Nie gehört!“ reagieren, obwohl sie sich sonst in Coppolas Filmografie gut auskennen. Ich kannte ihn auch vor allem wegen Waits Beteiligung. Leider ist er auch kein unentdecktes Meisterwerk. Der Spiegel ätzte damals, der Film wirke, als würde man auf einem hochmodernen Synthesizer Hänschen Klein spielen. Und ganz falsch ist es nicht. Visuell ist der Film toll, schon allein dafür sollte man ihn einmal gesehen haben. Das Problem ist die Struktur, die ein Musical ist, aber auf Musiknummern verzichtet. Damit fehlt ein entscheidender, emotionaler Ausdruck und die Charaktere bleiben reichlich blass. Immerhin, Tom Waits hat während seiner Arbeit Skript Assistentin Kathleen Brennan getroffen. Beide sind bis heute glücklich verheiratet und arbeiten auch künstlerisch erfolgreich zusammen.

Das ist aber auch das einzige Happy End. Coppola musste wieder für die verhassten Studios arbeiten, um gut 25 Millionen Dollar Schulden loszuwerden. Als Star-Regisseur dauert das zum Glück nicht sooo lange. Aber liefert immerhin hier eine Antwort auf das Warum einiger Projekte. Zoetrope schleppte sich noch bis 1990, als es Insolvenz anmeldete und dann als American Zoetrope refirmierte. Nun werden hier aber nur noch Francis‘ und Tochter Sophia Coppolas Filme produziert (und ‚Jeepers Creepers‘, warum auch immer). Das Studio gibt es lange nicht mehr. Interessanterweise wurde Zoetrope Mitbegründer Lucas 20 Jahre nach Coppola auch vom Wunsch nach absoluter Kontrolle getrieben. Er drehte für seine Prequel-Trilogie nicht nur alles im Studio sondern gleich vor Greenscreen. War Coppola da Mitschuld dran? Keine Ahnung, aber ich glaube er hat so oder so genug für ‚Einer mit Herz‘ gelitten.

Welche Folgeprojekte haben Euch überrascht? Im Positiven wie im Negativen?

Die 5 Besten am Donnerstag: meine 5 liebsten Serien im Jahr 2020

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag! Heute fragt uns Gina, welche 5 Serien uns 2020 am besten gefallen haben. Dabei müssen es nicht unbedingt Serien von 2020 sein, wir müssen sie nur 2020 gesehen haben. Tja, habe ich 2020 überhaupt 5 Serien gesehen? Ich bin mir nicht ganz sicher, Schauen wir mal. Die Liste ist nicht wertend, ich habe aber die Sachen, die ich wirklich neu gesehen habe auf die oberen Plätze gelegt.

5. ‚Der Tatortreiniger‘

Was soll ich viel sagen, immer noch großartig!

4. ‚Twin Peaks‘

Genau genommen war es Staffel 3, die ich nochmal gesehen habe. Und die ist beim zweiten Mal noch besser. Man wartet nicht mehr darauf, dass bestimmte Ereignisse eintreten, sondern kann sich ganz und gar nach den Vorstellungen der Serie auf sie einlassen. Wenn das Lynchs Abgesang vom Film war, dann fraglos ein großartiger!

3. ‚Elementary‘

Äußerst angenehme Sherlock Holmes Kost für Zwischendurch. Eine Serie, die es einem nicht übel nimmt, wenn man sie nicht „bingt“, sondern auch mal Pausen einlegt.

2. ‚The Expanse‘

Gute SciFi Serie in verdammt coolem Setting. Und ich habe sogar schon mit Staffel 2 angefangen, komme also vielleicht sogar mal durch mit einer Serie!

1. ‚Jordskott – Die Rache des Waldes‘

Ich kenne nur die erste Staffel. Und die lebt von atmosphärischen Aufnahmen und Hauptdarstellerin Moa Gammel. Die Geschichte um ein merkwürdiges Dorf, in dem immer wieder Kinder verschwinden und eine Holzfirma krude Geschäfte macht, nimmt sich angenehm ernst und auch wenn es im späteren Verlauf in der Handlung etwas knarzt und knackt, hatte ich doch viel Vergnügen damit. Aber mit gruseligem Wald kriegt man mich eigentlich immer.

Newslichter Ausgabe 128: Kevin, Russell und Napoleon

Willkommen bei Ausgabe 128 des Newslichters. Auch mitten im grauen Januar braucht Ihr auf Eure Filmnews nicht zu verzichten! Ein Großteil davon spielt sich zwar heute auf Twitter ab, aber das macht es ja nicht weniger sensationell. So habt Ihr bestimmt nicht damit gerechnet heute von Macaulay Culkin zu hören, oder? Und wenn Ihr Euch jetzt fragt wer das ist, dann fragt Eure Eltern. Wenn die dann eine bestimme Geste ausführen, lasst mich Euch so viel sagen, er ist nicht das Modell zu Munchs „Der Schrei“. Ansonsten wird Russell Crowe wütend und Ridley Scott hat noch viel vor. Es findet quasi ein ‚Gladiator‘ Klassentreffen beim Newslichter statt! Legen wir also los!

Kevin und Kevin

Nach dem Sturm auf das Capitol-Gebäude in Washington am sechsten Januar, gibt es Stimmen, vor allem auf Twitter, die verlangen, Donald Trumps Cameo-Auftritt in ‚Kevin – Allein in New York‘ solle geschnitten werden. Dieser Auftritt entstand, da Trump in den 80ern und 90ern Filmteams häufig Dreherlaubnis innerhalb seiner New Yorker Immobilien erteilte. Als Gegenleistung wollte er einen Cameo-Auftritt im fertigen Film. Üblicherweise endete das mit einer Benachrichtigung kurz vor Veröffentlichung, dass die Cameo-Szene der Laufzeit wegen geschnitten werden müsse. Chris Columbus hat sie in seinem Film dringelassen. Die Idee des Herausschneidens finde ich mindestens schwierig. Einerseits ist die Szene vollkommen belanglos, andererseits wäre das ein völlig überflüssiges Stechen in ein Wespennest, ein Präzedenzfall, den, vermutlich, niemand ernsthaft schaffen will. All das wäre ohnehin belangloses Twitter-Gemurmel, hätte sich nicht Trumps Szenenpartner, Kevin höchstselbst, Macaulay Culkin eingeschaltet. Nicht nur unterstützt der die Entfernung Trumps, er unterstützt vor allem eine Idee, sein heutiges selbst in Trumps Rolle (im Film) zu schneiden. Sprich, der 40jährige Kevin zeigt dem 11jährigen den Weg. Und das finde ich dann doch absurd genug, dass man daraus eine eigene Special Edition machen sollte. Dann aber auch bitte Marty und Doc in den Hintergrund der Szene setzen, wo sie panisch reagieren, weil Kevin mit sich selbst interagiert. Leider wird das nicht passieren, aber die Zensur wohl zum Glück auch nicht.

Russell Crowe mag ‚Master & Commander‘ (ich auch)

Bleiben wir auf Twitter (merkt man, dass diese Woche wieder nicht viel los war? Nee, oder?). Hier hat jemand geäußert, dass er noch nie über die ersten zehn Minuten des Films ‚Master & Commander‘ hinausgekommen ist und postete dazu ein Bild von Russell Crowe aus dem Film mit blonder Wallemähne. Der Fehler des Nutzers war Crowe bei der Nachricht ins @ zu setzen. Der beklagte sich in Reaktion direkt über die mangelende Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Jugend und lobte die Qualität von Peter Weirs Film. Und was soll ich sagen, der hat völlig Recht, der Russell! Und ich würde jederzeit Seite an Seite mit ihm die Ehre des Films verteidigen, Telefon in der Hand! Am besten die alten Wählscheibendinger, die richten mehr Schaden an! Am Hörer gehalten, kann man die wie einen Morgenstern… ähem, Verzeihung! Wo war ich? Ach ja, ‚Master & Commander‘. Bis wenigstens 2010 kämpfte Crowe (natürlich ohne Telefon! Da wirft der arme Mann einmal einem Hotelangestellten so ein Ding an den Kopf, weil der nicht unterwürfig genug war und Möchtegern-Internet-Komiker reiten anderthalb Jahrzehnte später immer noch drauf rum! Schrecklich!) noch um eine Fortsetzung, seitdem ist es sehr ruhig darum geworden. Heute ist es wohl, realistisch betrachtet, auch einfach zu spät. Die Karibikpiraten haben seit damals halt den Bedarf an nautischem Abenteuer gedeckt. Captain Jack kam besser an als Lucky Jack, so schade ich das auch finde. Aber seid lieber vorsichtig, wo Ihr Euch über den Film lustig macht, sonst taucht der ‚Master & Commander‘ in Personalunion auf. Aber besser er tippt ins Smartphone, als dass er es wirft. Okay, ich hör ja schon auf!

Ridley Scott dreht Napoleon Film

Apple Studios hat verkündet, dass sie Ridley Scotts Projekt ‚Kitbag‘ finanzieren wollen. Scott ist seit langem vom französischen Kaiser fasziniert, der aus dem Nichts kam und Europa unterwarf. Schauspielerisch wäre es eine Wiedervereinigung mit Joaquin Phoenix, der in Scotts ‚Gladiator‘ den römischen Kaiser Commodus spielte. Laut Scott könne er sich niemand anderen in der Rolle vorstellen. An Projekten mangelt es dem 83jährigen Scott ohnehin nicht. Während er mit der Postproduction an ‚The Last Duel‘ beschäftigt ist, laufen schon die Vorbereitungen zu ‚Gucci‘, über die italienische Modedynastie. Dazu plant er einen Film über die Luftschlacht um England, eine Adaption von Greg Ruckas Spionage-Comic ‚Queen & Country‘, ein weiteres ‚Alien‘ Sequel, sowie eine Adaption des Merlin-Stoffes. ‚Kitbag‘ soll allerdings, als eben bereits finanziell gesichertes Projekt, direkt auf ‚Gucci‘ folgen.

Nächste Woche gibt es nächste Woche. Und einen neuen Newslichter gibt’s auch! Bis dann!

‚Mad Love‘ (1935)

Manchmal entdeckt man einen Film und fragt sich, wie der so lange an einem vorbeigehen konnte. Bei ‚Mad Love‘ stellte sich die Frage eher nicht. Weder MGM, noch Kritik und Publikum mochten den Film sonderlich, daher ist es nicht ganz einfach, ihn zu entdecken. Und das ist ernstlich schade, denn nicht nur ist er Peter Lorres erster Film in den USA, er ist auch die letzte Regiearbeit des einflussreichen Kameramannes Karl Freund. Er ist zum einen ein spätes Exilwerk des deutschen Expressionismus, zum anderen von geradezu wegweisendem, visuellen Reichtum. Er ist eine Verfilmung von Maurice Renards Roman „Orlacs Hände“ und die zweite Filmadaption nach Robert Wienes gleichnamigen Film von 1924.

Im Paris des frühen 20ten Jahrhunderts ist der brillante Chirurg Dr. Gogol (Lorre) von Schauspielerin Yvonne Orlac (Frances Drake) besessen. Jeden ihrer Auftritte im Théâtre des Horreurs (dem realen Grand Guignol nachempfunden), bei denen sie meist gefoltert und getötet wird, hat er gesehen. Als er sich ihr vorstellt ist er am Boden zerstört, da sie nicht nur mit ihrem Mann, Konzertpianist Stephen Orlac (Colin Clive) nach London ziehen wird, sondern von dem seltsamen Arzt und seiner Zudringlichkeit auch abgestoßen ist. Er kauft dem Theater eine Wachsfigur der Schauspielerin ab, der er nun jeden Abend Musik vorspielt. Doch nachdem bei einem Zugunglück Stephens Hände schwer verletzt wurden, wendet sich Yvonne erneut an den Arzt, mit der Bitte um Hilfe. Tatsächlich rettet Gogol die Hände des Pianisten. Doch etwas ist seltsam, Stephen kann plötzlich nicht mehr Klavier spielen, dafür seinen Füllfederhalter mit erstaunlicher Zielsicherheit werfen. Hat das womöglich etwas mit der Leiche eines hingerichteten, mörderischen Messerwerfers zu tun, die Gogol kurz vor Stephens Ankunft in sein Hospital hat bringen lassen?

Es ist reichlich viel Handlung, die Freund da in 68 Minuten Film unterbringen muss. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob der „Orlacs Hände“ Stoff die Grundlage des Horror-Tropos der transplantierten Körperteile eines verbrecherischen Spenders, die dann Kontrolle über das Verhalten des Empfängers gewinnen, ist. Was ich sagen kann ist, dass diese Filmversion damit deutlich bodenständiger und vernünftiger umgeht als viele spätere Vertreter. Auch an „verrückten Wissenschaftlern“ war der Horrorfilm der 30er Jahre alles andere als arm, doch ist Dr. Gogol eine spezielle Version davon, ein von Leidenschaft, nicht von Wissenschaft getriebener Mann („I conquered science, why can’t I conquer love?!“) und vor allem ein Chirurg. Eine Linie, die etwa zu George Franjus großartigem ‚Die Augen ohne Gesicht‘ von 1960 führen würde.

Freunds Interesse ist aber ehrlich gesagt weit mehr ein visuelles, als ein erzählerisches. Tatsächlich wird in den ersten Minuten des Films deutlich, dass hier etwas mehr als Ungewöhnliches auf den Zuschauer zukommt. Wenn sich nämlich die Eröffnungstitel als frostige Buchstaben auf einer Glasscheibe erweisen, die von einer Faust eingeschlagen wird. Mit großer Eleganz und einem tiefen Verständnis für unheimliche Stimmung arbeitet sich Freunds Kamera sodann an Lorres faszinierendem Gesicht mit den vorstehenden Augen ab, dessen Wirkung durch seinen kahlrasierten Schädel hier noch unterstützt wird. In absolutem Kontrast stellt er es zu Drakes Gesicht und ihren fließenden Haaren. Lorres Charakter, der stets auf die Kamera zuzustürzen scheint und Drakes, der versucht ihr zu entkommen. In finsteren Pariser Gassen, wo monströse Fratzen von hohen Bögen dräuen.

 So viel visuelles Flair liegt in dem Film, dass Pauline Kael, in ihrem berühmten kritischen Essay „Raising Kane“ (‚Mank‘ basiert wohl in Teilen darauf), Orson Welles vorwarf unter anderem bei diesem Film abgekupfert zu haben. Ihre Fakten sind hier zugegeben etwas dünn, Gogol und Kane seien beide kahl und haben beide einen Kakadu. Vor allem aber findet sie ‚Mad Love‘ ganz furchtbar. Peter Bogdanovich war einer der ersten, der dem Essay öffentlich widersprach, für uns hier wesentlich ist aber nur, dass er ‚Mad Love‘ noch grottiger als Kael fand: „one of the worst movies I’ve ever seen.“ Und ich verstehe es schlicht nicht. Peter Lorre, hier noch mit deutlich stärker ausgeprägtem deutschen Akzent und ohne die typische Sprachmelodie seiner späteren, englischen Rollen (und dem Vernehmen nach, der Sprache auch nur phonetisch mächtig), ist nichtsdestotrotz in seinem Element. Der verzweifelt-verrückte Gogol ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben, ein Glück für ihn, denn bei Columbia, wo man ihn 1935 unter Vertag genommen hatte wusste man nichts mit ihm anzufangen und lieh ihn so für diesen Film an MGM aus. Frances Drake ist ähnlich großartig als Yvonne Orlac, die aus Liebe zu ihrem Mann, die Nähe von Gogol erträgt. Drake hatte hinterher nicht unbedingt gute Worte für Freund übrig. Er sei nur am Visuellen interessiert gewesen und habe keine Ahnung gehabt, wie man Regie führt. Den ersten Teil glaube ich sofort, den zweiten finde ich wenigstens überraschend, denn die Darstellungen sind dafür ziemlich gut und die Geschichte stringent erzählt.

Aber reden wir nochmal über das Visuelle! Seht Euch das Kostümdesign in dieser Szene an und sagt mir, das sei nicht wegweisend!

Oder seht Euch diesen Moment an, in dem sich Yvonne als ihre eigene Wachsfigur ausgibt und so ein Geständnis zu hören bekommt und sagt mir, dass sei nicht ein Lorre in Topform:

Wenn das der schlechteste Film ist, den Bogdanovich je gesehen hat (wenigstens bis in die 70er), dann muss er beim Kuratieren dessen was er schaut ein geradezu unfassbar glückliches Händchen besitzen. Schade ist, dass es die Kritik bei Erscheinen und lange danach weitgehend so sah. Oder noch schlechter. Bei Erscheinen galt der Film als die Art von „Horror-Dreck“, der dafür sorgt, dass Filme zensiert werden müssen. Inzwischen scheint der Film eine leise Renaissance zu erfahren. Wenn man etwa Kritiker-Bloody Mary Rotten Tomatoes befragt, dann sind sich 100% der Kritiker einig, der Film sei „fresh“. Sind aber halt auch bloß 12.

Wenn Ihr mit alten Horrorfilmen, insbesondere etwa den Universal Monstern, etwas anfangen könnt, dann gebt auch ‚Mad Love‘ unbedingt eine Chance! Ich kann natürlich nicht versprechen, dass Ihr es nicht bereuen werdet, aber zumindest langweilen werdet Ihr Euch nicht, wenn der Kameramann hinter ‚Der Golem‘, ‚Metropolis‘ oder ‚Berlin – Sinfonie einer Großstadt‘ die visuellen Muskeln spielen lässt! Werdet bloß nicht so alt wie ich, ohne den Film gesehen zu haben!

Einen offiziellen Stream oder eine problemlos erhältliche Veröffentlichung scheint es derzeit nicht zu geben, eine kurze Suche im Internet sollte aber Erfolg versprechen.

Wir müssen immer noch über ‚Psycho‘ (1998) reden

Ich war letzte Woche froh zu sehen, dass einige von Euch mein Bedürfnis über diesen merkwürdigen Film zu reden teilen. Immer ein schönes Gefühl nicht ganz allein zu sein. Dieses Mal will ich meine Meinung dazu abgeben, warum der Film nicht funktioniert. Dafür gehe ich davon aus, dass die Handlung bekannt ist. Ich erzähle sie nicht nochmal nach, verrate aber die Twists. Nur als Warnung, falls ‚Psycho‘ 60 Jahre an Euch vorbeigegangen ist. Wobei Ihr die Twists vermutlich auch dann kennt…

Um das Offensichtlichste gleich aus dem Weg zu schaffen: ‚Psycho‘ (1998) gilt als „schlechter Film“. Aber definitiv nicht als „guter schlechter Film“. Also als schlechter Film, aus dem man auf andere Weise als die vom Film gedachte Unterhaltung ziehen kann. Aber das ‚Psycho‘ Remake hatte auch nie Chancen ein solcher zu sein. Denn die zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich hohe Ziele setzen: Ed Woods ‚Plan 9 aus dem Weltraum‘ will die Sinnlosigkeit von Massenvernichtungswaffen, Tommy Wiseaus ‚The Room‘ die Zerstörung eines Mannes, der von allen Vertrauenspersonen verraten wird, zeigen. Beide scheitern dann aber, an erzählerischem und inszenatorischem Unvermögen. Bei Wood kommt Geldmangel, bei Wiseau schauspielerische Unfähigkeit gepaart mit Eitelkeit dazu. Und genau dieses komplette Verfehlen der hohen Ziele ist lustig und macht die Macher menschlich. Fehlbar und irgendwo sympathisch. Das ‚Psycho‘-Remake ist von vorne bis hinten mit kompetenten Leuten besetzt und folgt einem Dreh- und Schnittplan, der bekanntlich zu einem großartigen Thriller geführt hat. Noch dazu hat er kein hohes, sondern ein faszinierendes aber doofes Ziel, eben den originalen Film 1:1 nachzustellen. Das erreicht er voll. Und keiner macht sich dabei lächerlich. Heraus kommt daher kein „guter schlechter“, sondern wirklich nur ein „schlechter Film“.

Und die andere Offensichtlichkeit gleich hinterher: Filme sind Zeitkapseln. Sie fangen Ideale, Ziele und Ängste der Zeit ihrer Entstehung ein und sind daher nicht einfach in der Zeit versetzbar. Das gilt auch für ‚Psycho‘ und da hilft auch das ganz oberflächliche Feilen am Drehbuch wenig. Marion Cranes heimliche Beziehung mit einem geschiedenen Mann, der Alimente zahlt, mag 1960 ein Skandal gewesen sein, 1998 war das ein Achselzucken. Ich kann mich darauf einlassen, wenn ich einen Film von 1960 schaue, doch bei einem der späten 90er wirkt das peinlich. Sicherlich, Van Sant verdeutlicht, dass es für Sam Loomis wohl eben doch ein Problem ist, indem er dessen Zimmer mit katholischer Ikonografie vollstopft (denn sagen darf er das ja nicht, das würde vom Original abweichen), aber dennoch wirkt es anachronistisch.

Letzte Woche habe ich geschrieben, das Remake sei immer dann am besten, wenn es augenzwinkernd mit dem Original spielt. Wenn Marion das Hotelzimmer, in dem sie sich mit Loomis trifft verlassen will, sagt der er bringt sie noch runter. Sie antwortet, nein, dafür müsse er ja erst Schuhe anziehen. Im Original hat er tatsächlich keine Schuhe an, im Remake hingegen gar nichts. Hier hat Van Sant wunderbar den Originaltext verwendet, um visuell einen Gag draus zu machen. Die meiste Zeit aber kämpft er mit dem Wissen, dass seine Zuschauer wissen was passieren wird. Und dann ist der Film am schwächsten. Wenn Bates Marion ihr Zimmer zeigt und er das Licht im Badezimmer anschaltet, dann scheint da drin eine kränkliche, weiße Zwergensonne aufzugehen. Ein Licht, wie wir es sonst nirgends im Film sehen. Es hätten genauso gut blinkende Neonwerbelichter im Türrahmen angehen können und mehrere Pfeile auf die Tür zeigen. Denn es ist das BADEZIMMER! Mit der DUSCHE drin. Und wir wissen, was unter der DUSCHE passiert! Nur noch ein paar Minuten, dann geht’s looos!!! Aber es ist ja nicht nur, dass wir als Zuschauer das Original kennen. Wir wissen auch, dass der Film ein Urvater von knapp zwei Jahrzehnten Slasherfilm ist. Der Name Loomis taucht sogar 1996 im revisionistischen Slasher ‚Scream‘ noch auf. Aber auch der in den 90ern so beliebte Serienmörderfilm, siehe ‚Das Schweigen der Lämmer‘ oder ‚Sieben‘, kann sich auf ‚Psycho‘ zurückbeziehen. Da wirkt das Remake ein bisschen so, als würde heute ein Regisseur Richard Donners ‚Superman‘ von 1979 1:1 mit aktuellen Darstellern nachdrehen. Ein wegweisender Film für das Superheldengenre, sicher, heute würde er aber völlig deplatziert und noch alberner als damals gewollt wirken (und ich fände es vermutlich wieder faszinierend…).

Da Van Sant sich aber weigert allzu weit vom Original abzuweichen, ist er in dessen Struktur gefangen. Und da ist es nicht nur ein Problem, dass man in den späten 90ern weit schnellere Schnitte gewohnt war. Nach dem Mord an Marion sehen wir Bates minutenlang zu, nicht nur wie er die Leiche entsorgt, sondern auch wie er das Zimmer feudelt, Bilder richtet und Handtücher austauscht. Im Original war das natürlich, um dem Publikum eine Atempause zu geben. Damit es realisiert, das Janet Leighs Charakter wirklich tot ist. Kein Alptraum, keine Finte, der Star ist nach der Hälfte der Laufzeit tot. Und dann hat das nicht mal mit dem gestohlenen Geld zu tun, das war nur ein MacGuffin! Deshalb also wurde nach dem Filmstart keiner mehr reingelassen! Der Hitchcock, dieser Fuchs! 1998 wussten wir aber eben alle, dass Anne Heches Charakter sterben würde. Und da wirkt es nur unerträglich langatmig Bates bei der Spurenbeseitigung zuzusehen.

Na schön, sprechen wir über die Duschszene, geht ja nicht anders. Die ist hier natürlich expliziter. Und ausgerechnet hier entfernt sich Van Sant von Hitchcocks Schnitt. Für die frühen 60er war die im Original rasend schnell geschnitten. Natürlich auch, um sie an der Zensur vorbeizubekommen. Gleichzeitig aber fängt Hitchcock so die Wirkung völlig überraschend einprasselnder Gewalt perfekt ein. Viel Blut sieht man nicht, glaubt aber im Schnittstakkato mehr zu sehen. Gerade hier nun hält Van Sant die Einstellungen länger. Wir sehen also tatsächlich Blut an die Wand spritzen, wir sehen „Mutter“ Bates Gesicht im Schatten viel zu lange und wenn Heches Marion sterbend über dem Beckenrand hängt, dann fühlt es sich so an, als halte die Kamera fast unangenehm lange auf ihrem nackten Körper. Bisher war ich ja immer recht neutral, aber diese Szene hat van Sant versaut. Da finde ich kein freundlicheres Wort. Das Original zeigt nach 60 Jahren immer noch Wirkung, das Remake wirkt hier völlig verfehlt. Eine erzwungene Modernisierung inmitten von Altbackenem. Ob Vans Sant meinte hier unbedingt mehr Gore bringen zu müssen, oder sich gerade in dieser Schlüsselszene abheben wollte, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, funktionieren tut die Szene nicht mehr.

Kommen wir zu den Darstellern. Die Darsteller tun mir leid. Denn sie konnten nur verlieren. Ahmen sie die Vorbilder nach, würde man es ihnen übel nehmen, versuchen sie etwas ganz anderes passt es erstens nicht in Van Sants strenges Korsett der Orientierung am Original, zweitens würde auch hier der Klassiker wohl immer gewinnen. Anne Heche spielt sehr viel mehr mit ihrem Gesicht als Janet Leigh. Ihre Marion wird dadurch tatsächlich eine andere. Leighs Marion scheint vollkommen unüberlegt und spontan das Geld gestohlen zu haben. Heches scheint in ständiger Selbstreflexion, in Zweifel und Grübeln. Für die Struktur dieser Geschichte funktioniert Leighs Version viel besser, auch wenn Heche hier vielleicht sogar durchdachter spielt. Viggo Mortensen als Sam Loomis scheint frustriert, dass er hier so wenig zu tun bekommt. So spielt er den Kalifornier Loomis mit unerklärlichem, fetten Südstaatenakzent und gibt ihm eine merkwürdige, nervöse Energie, die gar nicht passen will. Auch hier funktioniert John Gavin als typischer, starkkinniger Hollywoodheld, der Probleme mit dem rechten Schwinger löst, besser. Julianne Moore als Lila Crane hingegen macht sich die Rolle vollkommen zu eigen. Sie ist zorniger und selbstbewusster als Vera Miles, interpretiert ihren Text grundsätzlich komplett anders (und hat einen Walkman…). Sie gefällt mir wirklich gut! Aber dann wird sie von der Struktur des Films untergraben. Denn ihre Lila hätte sich von Loomis eben im Leben nicht sagen lassen, sie solle warten, während er allein zum Motel rausfährt. Muss sie aber, denn die Struktur gibt es so vor. William H. Macy ist gewohnt kompetent, komisches Kostüm hin oder her. Und da Van Sant meint sogar die überflüssigste Szene des Originals einbauen zu müssen, den Psychologen-Erklärbär am Ende, hat immerhin Robert Forster eine Chance zu glänzen, da er sich die selbstzufriedene Besserwisserei spart, die Simon Oakland in der Rolle im Original an den Tag legt.

Und dann ist da Vince Vaughn als Norman Bates. Ich sag es lieber gleich, ich mag Vaughn als Darsteller nicht. Ich mag seine lustige Macho-Persona, die er einige Jahre nach ‚Psycho‘ für sich entdeckt hat, nicht. Ich versuche seine Leistung hier dennoch fair zu bewerten. Wohl kaum jemand hätte hier mit Anthony Perkins gleichziehen, geschweige denn, ihn übertreffen können. Norman Bates ist eine dieser singulären Charakterschöpfungen, an der Hitchcock und Perkins mindestens gleichen Verdienst haben. Und vielleicht genau deshalb denke ich jedes Mal, wenn ich Vaughn in der Rolle sehe, seine gesamte Darstellung wirkt wie die Hausaufgabe einer Schauspielschule: „stelle eine berühmte Filmszene nach, ohne die Darsteller exakt zu kopieren“. Durch sein Bemühen eben nicht Perkins zu sein, entgleitet ihm die Rolle völlig. Perkins soziale Unsicherheit gegenüber Marion, ersetzt er durch ein merkwürdiges Kichern am Ende jeden zweiten Satzes. Und wenn Marion beim Abendessen fragt, warum Bates seine Mutter nicht in ein Heim einweisen lässt, dann blubbern bei Perkins Schmerz und Zorn aus ungesehenen, finsteren Tiefen hervor, wie die Luftblasen im Sumpf, wenn er Marions Leiche verschwinden lässt. Vaughns Bates wird schlicht wütend. Wo Perkins Zorn ungerichtet scheint, ist Vaughns von Anfang an explizit auf Marion gerichtet. Das ist vielleicht wieder dem Problem geschuldet, dass wir alle ja eh wissen, dass Bates Marion töten wird. Warum es also nicht offensichtlich machen? Naja, weil es die Frage aufwirft, warum Marion nach dem Abendessen nicht ins Auto steigt und die 15 Meilen (24 Kilometer) noch eben zu Loomis fährt. Denn es kommen ja noch die körperlichen Unterschiede der Darsteller hinzu. Perkins Bates ist seltsamer, aber scheinbar harmloser, jungenhafter Mann, Vaughns ein zorniger, breitschultriger Hüne.

Gedankenspiel und Frage: wird der Film besser, wenn Viggo und Vince die Rollen tauschen? Loomis kriegt Vaughn allemal hin und Mortensen könnte vermutlich weit besser die nervöse Energie des „harmlosen“ Norman transportieren. Wäre aber vielleicht ein bisschen alt für die Rolle.

Ich könnte noch sehr viel schreiben. Über die Szene wenn Arbogast stirbt, etwa. Wenn er im Remake die Treppe herunterstürzt, meldet sich plötzlich der experimentelle Filmemacher Van Sant und blendet Einzelbilder einer nackten Frau oder eines Kalbes auf der Straße ein. Warum? Um die „Fake“-heit dieser Trick-Szene, ihr (Alp-)traumhaftes zu unterstreichen? Aber es muss jetzt auch mal reichen, sonst brauch ich einen dritten Part.

Halten wir fest: der Film funktioniert, wenigstens meiner Meinung nach, nicht, weil sich Van Sant zu sehr an die anachronistische Struktur und Erzählweise des Originals klammert und die Darsteller in diese hineinzwingt. Gleichzeitig macht er den Film aber in den Schlüsselszenen, in denen er abweicht fast immer schlechter. Nun, sein Experiment hat gezeigt, dass man einen Film eben nicht von einer Zeit in eine andere transponieren kann, ohne wesentliche Änderungen vorzunehmen. Das haben zwar die meisten bereits vorher geahnt, aber experimentelle Absicherung ist natürlich gute empirische Praxis. Und letztlich können wir für den Ausgang des Experiments dankbar sein.

Ich meine, stellt Euch mal die Welt vor, in der Van Sants Film ein Erfolg geworden wäre. Was für eine alberne Welt das wäre. Da kämen, nur mal als Beispiel, womöglich Disney auf die Idee, ihre Zeichentrickklassiker mit minimalen Änderungen auf aktuelle Technologie zu übertragen und hätten Riesenerfolg damit. Nein, das wäre eine gar zu seltsame Welt und wir sollten Gus Van Sant dankbar sein, dass er uns gezeigt hat, dass das nicht unsere ist…

Die 5 Besten am Donnerstag: meine 5 liebsten Filme im Jahr 2020

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag! Es geht wieder los! Heute fragt uns Gina, welche 5 Filme uns 2020 am besten gefallen haben. Dabei müssen es nicht unbedingt Filme von 2020 sein, wir müssen sie nur 2020 gesehen haben. Ich habe mich dennoch auf aktuelle Nennungen beschränkt, um hier nicht die üblichen Verdächtigen (nein, nicht den Film) wieder zu nennen, nur weil ich sie letztes Jahr halt wieder gesehen habe. Die Liste ist nicht aufsteigend wertend zu verstehen.

5. ‚Once Upon A Time In Hollywood‘/‘Portrait einer jungen Frau in Flammen‘

Ja, eine Doppelnennung. Ja, das ist geschummelt, um einen sechsten Film in die Liste zu schmuggeln. Meldet mich halt beim Filmblog.Ethikrat, wenn Ihr es ernsthaft schlimm findet. Aber ich konnte weder Céline Sciamma noch Quentin Tarantino aus der Liste werfen. Und beide Filme waren eine echte Überraschung. Tarantino hat mich ehrlich gesagt schon länger nicht mehr wirklich begeistert und bei diesem Film habe ich ein wenig selbstzufriedene Hollywood-Nostalgie erwartet. Die ist zugegeben auch da, aber dazu brillante Charakterzeichnung und DiCarios beste Performance. ‚Porträt…‘ wurde mir damit beschrieben, dass Sciamma eine neue Art zu sehen schaffe. Ich rechnete also mit einem gefilmten Essay, wie man sie aus Frankreich immer befürchten muss, 2 Stunden elegant gefilmte Langeweile. Stattdessen bekam ich einen ebenso klugen wie sinnlichen, wie in der Tat brillant fotografierten Film, der mich über seine ganze Laufzeit und darüber hinaus nicht losgelassen hat. Irgendwo ist es passend, dass beide Filme gemeinsam genannt werden, könnten sie doch ästhetischer kaum gegensätzlicher sein…

4. ‚Midsommar‘

Ari Aster zeigt, wie man mit Trauer nicht umgehen sollte. Genau so könnte man wohl auch seinen ersten Film ‚Hereditary‘ beschreiben, aber ich gehöre zu der Minderheit, die von diesem Film weit mehr abgeholt wurde.

3. ‚Knives Out‘

Cleveres Whodunnit und wie jeder gute Krimi mit sozipolitischer Botschaft. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Daniel Craig das letzte Mal so viel Spaß haben gesehen habe. Überhaupt ein brillanter Cast und mit Rian Johnson ein Regisseur, der gezeigt hat, dass er auf Star Wars nicht angewiesen ist. (Der thematisch ähnliche ‚Ready Or Not‘ hat es nicht ganz auf die Liste geschafft)

2. ‚Der Leuchtturm‘

Der perfekte Film für 2020. Wie lange sitzen wir jetzt hier fest? Seit 5 Minuten, 3 Wochen? Lockdown ist doof, aber solange wir nicht mit unserem Chef unter einem Dach sitzen, er dauernd furzt und wir von einer Möwe verarscht werden, könnte es halt immer noch schlimmer kommen.

1. ‚Parasite‘

Dass Bong Joon-Ho ein Genie ist, wusste ich schon vorher, aber was für ein perfekter Film, um es der Welt zu zeigen. Ein wahrlich wilder Ritt, ein wütender erhobener Mittelfinger ins Gesicht eines ungerechten Kapitalismus‘ aber ohne jede Aufregung präsentiert. Ein Film, der scheinbar spielerisch zwischen Genres springt und mit einer visuellen Eleganz, die fast alles andere wie grauen Matsch aussehen lässt.