Lasst uns über Filme klönen: Film & Interaktivität – Teil 1 Grundlagen und Geschichte

Heute beginnen wir das Klönen schon direkt im Artikel, denn ich habe mir jemanden eingeladen, der tatsächlich mal ganz offiziell Ahnung vom Thema hat. Den „Spieleforscher“ nämlich, aka Dr. Christian Roth, Forscher und Dozent am Lektorat für Interaktives Narratives Design der University of the Arts Utrecht. Mit ihm möchte ich hier und in einem folgenden Artikel über den scheinbaren Antagonismus und die symbiotischen Möglichkeiten von Film und Interaktivität sprechen, ein Gespräch, von dem wir hoffen, es mit Euch in den Kommentaren fortsetzen zu können.

Im Folgenden werde ich die Abkürzungen SF für den Spieleforscher und FL für mich (sprich, filmlichter) verwenden. Weiterlesen

Sind Prequels eigentlich immer Mist?

Oha, was für eine provokative Überschrift! Die Antwort lautet natürlich „nein“ aber sie sind die Art von Erweiterung eines „Franchises“, die ich am wenigsten mag und ich glaube, dass das ganz bestimmte Gründe hat. Die Mühlen der Unterhaltungsindustrie mahlen nach bestimmten Mustern. Macht ein Film, eine Serie, ein Buch, ein Comic oder was auch immer genug Geld, dann muss mehr davon her. Das Offensichtlichste ist zumeist eine Fortsetzung. Was aber, wenn eine Fortsetzung, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich oder wünschenswert ist? Dann muss ein Prequel her. Das Publikum mag schließlich die Charaktere in dem Werk, also will es doch bestimmt auch wissen, wie sie an den Ausgangspunkt des Originals gekommen sind.

Und genau hier liegt der Hund begraben. „Das Publikum mag die Charaktere“ bedeutet, es hat uns gefallen dabei zuzusehen, wie die Charaktere sich von A nach B bewegt haben, wie sie gelitten haben, wie sie triumphiert haben und wie sie gewachsen sind. Jetzt dabei zuzusehen, wie sie von Z nach A kommen erscheint wie ein Rückschritt, wie ein völlig sinnloser Kunstgriff im besten Falle, wie zynische Geldschneiderei im Schlimmsten. Was wir aus ihrer Vergangenheit über die Charaktere wissen müssen hat uns das Original ohnehin in ausreichendem Maße mitgeteilt, alles Andere erscheint doch redundant oder sogar schädlich bei Charakteren, die sich besser ein gewisses Unbekanntes bewahrt hätten.

Wollte wirklich irgendjemand wissen, was Darth Vader so als Kind getrieben hat? Hätte man 1997 Star Wars Fans befragt, was sie gerne sehen möchten, wären dabei die Teenager-Abenteuer von Anakin Skywalker rausgekommen? Und jetzt, wo wir sie haben, haben sie seinen Charakterbogen in der alten Trilogie in irgendeiner Form bereichert? Wollte wirklich jemand wissen, wie Hannibal Lecter zum Kannibalen geworden ist (‚Hannibal Rising‘)? Gewinnt der Charakter irgendetwas dadurch, dass es natürlich fiese Nazis waren, die dahinterstecken? Wollte wirklich jemand wissen, wie der Wizard nach Oz gekommen ist (‚Die fantastische Welt von Oz‘)? War das ernsthaft eine Frage die im Raum stand? Erinnert sich jemand an ‚Pan‘, Joe Wrights Megaspektakel, dass uns erklären wollte, wie Captain Hook und Peter Pan zu Feinden geworden sind, letztlich aber nur dadurch halbwegs im Gedächtnis blieb, dass Hugh Jackman als Blackbeard mit einem Haufen Kindersklaven Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ singt (ja, wirklich)?! Und niemand, wirklich niemand braucht mehr Hintergrundinformationen über die Aliens aus ‚Alien‘. Die gewinnen ihre Faszination doch gerade daraus, dass sie völlig fremdartig sind (das steht sogar schon im Namen!), eine Biowaffe oder was-auch-immer hingegen kann ich durchaus verstehen!

Selbst wenn zum größten Teil neue Charaktere eingeführt werden kann der Erfolg des Originals für das Prequel schädlich sein. Ich hätte sehr gerne eine vernünftige Verfilmung des ‚Hobbit‘ gesehen, ist es doch meiner Meinung nach das beste Buch von Herrn Tolkien. Da die Verfilmung, die wir bekommen haben aber mit dem Spektakel des Herrn der Ringe konkurrieren musste wurde sie in einer Art aufgebläht, die allen Charme des Buches zunichtemachte und durch eine mechanistische Achterbahnfahrt aus Trickaufnahmen ersetzte. Okay, ich habe mich genug in Rage geschrieben, schließen wir mit etwas Positivem.

Wann also ist ein Prequel nicht schlecht? Da sind zum einen diejenigen, bei denen man sehr genau hinsehen muss, um zu merken, dass es überhaupt Prequels sind. Beispiele wären ‚Indiana Jones und der Tempel des Todes‘ oder ‚Zwei glorreiche Halunken‘. Prequels zu Filmen deren Handlungstränge ohnehin nicht sonderlich eng verknüpft sind, die einfach zeitlich früher spielen. ‚Star Wars – Roque One‘ andererseits ging den eleganten Weg uns nichts neues über bestehende Charaktere erzählen zu wollen, sondern eine Frage des Originals (oder eigentlich zwei) zu beantworten, die nicht unbedingt einer Antwort bedurfte, dadurch aber auch keinen Schaden nimmt. Die X-Men Prequels gehen es auch recht klug an, insofern, dass bekannte Charaktere erst nach und nach eingeführt wurden und sie einen der interessantesten Aspekte der originalen X-Filme zum zentralen Element machen, die Beziehung zwischen Charles Xavier und Erik Lensherr.

Stimmt Ihr mir zu? Seht Ihr das völlig anders? Habt Ihr positive oder negative Beispiele für Prequels, auch über Film hinaus?

Und ja, das hier sollte mal ein „Lasst uns über Filme klönen“ werden, brachte aber nicht genug Material…

Lasst uns über Filme klönen: Teutonischer Titel Terror (OT: Weird German Movie Title Translations)

Der Stummfilm galt als universell und weltweit verständlich. Sicherlich, Zwischentitel mussten in andere Sprachen übersetzt werden, doch verließen sich die wenigsten wirklich guten Stummfilme allzu sehr auf diese Krücke. So stürzte die Geburt des Tonfilms nicht wenige Filmemacher in ein Dilemma. Charlie Chaplin zum Beispiel wollte seinen Tramp keinesfalls sprechen lassen, würde ihn das doch auf eine bestimmte geografische Region festlegen. Doch all das ist mehr ein Thema für ein anderes Mal, will ich doch heute auf einen Punkt schauen, der auch beim Stummfilm eben nicht „universell“ war. Die Titel. Filmtitel wurden schon immer weltweit angepasst. Eben nicht nur übersetzt, sondern angepasst. „Eingedeutscht“, wie man das bei uns nennt. Kulturelle Anspielungen, Wortspielereien, all das muss den jeweiligen kulturellen und sprachlichen Gebräuchen angepasst werden. Ziel der Filmverleihe ist dabei natürlich so viele Leute wie möglich zum Lösen einer Eintrittskarte oder, in neuerer Zeit, zum Kauf von Heimmedien oder Stream-Angeboten zu bringen.

Und genau das hat hier in Deutschland (und sicherlich auch anderswo) zu manchen äußerst seltsamen und manchen reichlich ärgerlichen Titelschöpfungen geführt. Und diese möchte ich mir heute mit Euch zusammen ansehen. Für die Aufteilung dieses Artikels werde ich mich am Titel meines vermutlich liebsten Italo-Westerns orientieren: ‚Zwei glorreiche Halunken‘. Einen Moment, werdet ihr jetzt vermutlich sagen, wie kann man aus dem Titel denn eine vernünftige Aufteilung ableiten? Völlig richtig, da hat das Eindeutschen schon zugeschlagen und wir müssen dafür auf den Originaltitel schauen: ‚Il buono, il brutto, il cattivo‘, wörtlich „Der Gute, der Hässliche, der Böse“. Und das funktioniert doch ganz gut. Die englische Übersetzung ist übrigens näher am Original, vertauscht aber den Hässlichen und den Bösen. Ich werde auch ein wenig durchtauschen, denn um positiv zu enden, werde ich zuerst unter „der Böse“ einen Blick auf Titel werfen, die mich wirklich ärgern, dann unter „der Hässliche“ einige unterhaltsam-bizarre Kreationen beleuchten und schließlich unter „der Gute“ schauen, ob denn das Eindeutschen auch mal etwas wirklich Positives hervorgebracht hat. Weiterlesen

Lasst uns über Filme klönen: Warum Horror?

Teil 1: Theater, Mord und Politik

Im Herbst des Jahres 1962 schloss das Pariser „Théâtre du Grand Guignol“ seine Pforten. Das mit weniger als 300 Plätzen für Pariser Verhältnisse winzige Theater war 1897 gegründet worden. Ein Abend bestand aus einer Handvoll kurzer Vorstellungen. Waren anfangs vor allem derbe Komödien erfolgreich, zeigte sich schnell, dass sich das Publikum vor allem für die Horror-Stücke begeisterte. Grausamkeiten aller Art, Mord, Folter, Vergewaltigung, brutale Rache aber auch Krankheit und Krieg wurden dem Publikum hier in möglichst blutigem Detail präsentiert. Schauspielerin Paula Maxa schätzt, dass sie zwischen 1917 und 1930 etwa 10.000 mal auf mindestens 60 verschiedene Arten ermordet wurde1. Den Grund für das Anfang der 60er Jahre schwindende Interesse suchte Charles Nonon, der letzte Direktor des „Grand Guignol“, im 2. Weltkrieg und im Holocaust. Nichts könne diesen wahren Schrecken gleichkommen, meinte er. Da hat er sicherlich Recht. Doch da war noch etwas Anderes, etwas dem sein nicht sehr altes und nicht sehr ehrwürdiges Theater nichts entgegenzusetzen hatte. Der Unterhaltungsmoloch des 20ten Jahrhunderts hatte zu ihm aufgeschlossen: der Film. Auch die Filmemacher, ebenso wie das Publikum hatten die unfassbaren Schrecken des Krieges gesehen, hatten gesehen, was Menschen bereit sind einander anzutun. Nach einer Pietätsphase von 15 Jahren tauchten diese Schrecken nun im Film auf. Die Schreckgestalten wurden Menschen, wie Du und ich. ‚Psycho‘ (1960) aus den USA, ‚Peeping Tom‘ (1960) aus Großbritannien, ‚Les Yeux sans Visage‘ (1960) aus Frankreich oder ‚Onibaba‘ (1964) aus Japan. Die Täter waren Menschen, wie die Opfer und die Taten erreichten eine neue Qualität blutiger Grausamkeit, z.B. in ‚Blood Feast‘ (1963), der allgemein als erster Splatterfilm gilt. Diese Filme schienen förmlich hervorzubrechen, der Zeitgeist nach ihnen zu verlangen. Es war eine kleine Revolution im Horrorfilm und nicht die erste. Weiterlesen

Wir werden weiter über Filme klönen – zwei kleine Umfragen

Nachdem mich Eure Beteiligung an meinem kleinen Experiment schier umgehauen hat – sowohl quantitativ, wie qualitativ (vielen Dank nochmal Euch allen!) – soll es natürlich damit weitergehen. Und am besten noch mehr Leute erreichen und wenn ihr mir dafür zwei kurze Fragen beantwortet würde das dabei sicher helfen!

Zum Ersten bin ich mir etwas unsicher, was die Länge meiner Artikel angeht. Einerseits sollen sie Eure Zeit nicht über Gebühr beanspruchen und nicht jedes Gespräch von vornherein erschlagen, andererseits möchte ich da schon umfassend meine Ideen zu dem jeweiligen Thema wiedergeben, sowie ein paar Aufhänger für Diskussion schaffen. Bei dem Gewalt-Thema habe ich tatsächlich meinen ursprünglichen Text etwas gekürzt, um unter 2000 Worten zu bleiben. Wie seht ihr das? Gerne mehr, lieber weniger oder genau richtig?

 

Mir schweben außerdem bereits einige Themen für zukünftige Beiträge vor, die ich hier in der Reihenfolge meiner eigenen Begeisterung aufliste. Über welche würdet ihr gern reden? Habt ihr eigene Ideen?

Warum Horror? Was begeistert uns an Horror? Und warum bringt Horror überhaupt – im Gegensatz zu fast allen anderen Genres – einen Bedarf nach Erklärung mit sich?

Klischees und Stereotype im Film. Wie entstehen sie, warum bleiben sie bestehen, kann man sie loswerden, will man sie immer loswerden?

Film Noir. Schwarz-weiß, hell dunkel und trotzdem moralisch komplex. Der Film Noir fasziniert bis heute und existiert weiter im Genre des Neo-Noir. Außerdem hat er unser aller Bild vom Privatdetektiv geprägt.

Wenn ihr einen eigenen Themenvorschlag habt, schreibt ihn bitte in die Kommentare.

 

Ich bedanke mich schon mal im Vorraus bei allen Teilnehmern!

 

Lasst uns über Filme klönen: Knarren und Gewalt im Film

Ich habe eine Theorie. Die Schusswaffe ist tief und unauslöschlich in der DNA des Mediums Film codiert. Für das Hollywood-Kino gilt das fraglos. 1903 ließ Regisseur Edwin S. Porter seinen Film ‚Der große Eisenbahnraub‘ mit dieser Szene enden:

Dies geschah kaum sieben Jahre nachdem die Brüder Lumière mit ‚Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat‘ ihr Publikum zwar wohl nicht, wie die Legende es will, in Panik versetzt aber doch zumindest beunruhigt haben. Porter wollte bei seinem Publikum also fraglos eine viszerale Reaktion herausfordern. Der Film wurde zu einem der erfolgreichsten, frühen, amerikanischen Filme. Wurde zu einem Vorbild für spätere „Blockbuster“-Macher, wie D. W. Griffith. Und während Europa im Ersten Weltkrieg damit beschäftigt war sich mit echten Waffen gegenseitig umzubringen, übernahmen die bis dahin eher unbedeutenden USA die Führungsrolle im Filmgeschäft. Und mit den USA trat auch die Leinwand-Version der Schusswaffe ihren Siegeszug an. Sei es das blutige Hong Kong Ballett eines John Woo, in dem die Choreographie von Mündungsfeuer und spritzenden Körperflüssigkeiten unterstützt wird. Oder die Western-Opern eines Sergio Leone, wo die wortlosen Libretti aus stahlblauen Augen gestarrt werden, unterbrochen nur vom stets tödlichen Bellen der Revolver. Die Schusswaffe ist kein amerikanisches Phänomen mehr. Sie ist eingebacken in die grundlegende Symbolik des Kinos. Die USA waren nur ihr chromosomaler Adam. Weiterlesen