Die Lebenserwartung von Franchises Teil 2 – deutscher Exkurs

Was als kurzer Blick auf deutsche, „tote“ Filmfranchises geplant war ist, mal wieder, etwas aus den Fugen geraten und erscheint hier nun als eigener Teil. Internationale Franchises folgen nächste Woche (es sei denn, es drängt sich wieder was dazwischen).

Nachdem wir uns letzte Woche mit den Definitionen der Begriffe „Franchise“ und „sterben“ gelangweilt haben und einen kurzen Blick auf langlebige Filmfranchises geworfen haben, wollen wir uns diese Woche eher den „toten“ Franchises zuwenden. Fangen wir mit dieser Betrachtung doch einfach mal in Deutschland an. Denn hier gibt es einige faszinierende Beispiele.

Da wären zunächst natürlich einmal die Edgar Wallace-Filme. Da in Deutschland angesiedelte Krimis in der Nachkriegszeit nicht besonders erfolgreich waren, versuchte es der dänische Produzent Preben Philipsen 1959 mit der Verfilmung des Romans ‚Der Frosch mit der Maske‘ des Briten Edgar Wallace, angesiedelt in Foggy London Town. Nach dem grandiosen Erfolg dieses Films gründete Philipsen einen deutschen Ableger seiner Produktionsfirma Rialto Films und erwarb die exklusiven Filmrechte am Werk Wallaces. 32 Filme entstanden so bis 1972. Ab 1961 unter der Leitung von Produzent Horst Wendtlandt. Das Aussehen der Produktionen wurde dabei insbesondere von Regisseur Alfred Vohrer, der für 14 Filme verantwortlich zeichnet, geprägt, wobei Harald Reinl den Grundstein legte. Mehr noch aber durch häufig wiederkehrende Darsteller, allen voran Eddi Ahrent, Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski. Aber auch internationale Stars waren zu sehen, etwa Christopher Lee. Klassische whodunnit Motive wurden mit sanftem Grusel maskierter Schurken und Humor verwoben. Ende der 60er ging der Erfolg erheblich zurück. Man holte italienische Produktionspartner ins Boot, doch 1972 war mit ‚Das Rätsel des silbernen Halbmondes‘, der fast völlig unter italienischer Aufsicht entstand Schluss. Die Edgar Walle reihe war „tot“. In Italien lebte sie sicher in gewisser Weise im Genre des Giallo fort. Und in Deutschland wurde sie ein häufig geschehener Gast im Fernsehen.

Und damit sind wir wieder beim Problem des „toten“ Franchises. Die Wallace Filme durchdrangen, auch nachdem es keine neuen mehr gab, immer noch die deutsche Popkultur. Genug, dass RTL und Otto Waalkes 1994 ‚Otto – die Serie‘ produzierten, in der Komiker Otto in Szenen der Serie mit mehr oder weniger humoristischem Effekt eingefügt wurde. 1995 folgte auf RTL auch eine „ernsthafte“ Fernsehversion mit 8 Filmen, sehr frei nach Wallace, die einige der alten Darsteller gewinnen konnte. 2004, mehr als 30 Jahre nach dem sogenannten „Tod“ des Franchises produzierte Oliver Kalkofe ‚Der Wixxer‘, eine namentliche Parodie auf ‚Der Hexer‘, die aber die Filmreihe als Ganzes auf den Arm nahm. Der Film war erfolgreich genug, um 2007 die Fortsetzung ‚Neues vom Wixxer‘ zu rechtfertigen. Wahrscheinlichkeit, dass man sich hier früher oder später an einer Neuauflage versucht? Sehr hoch.

Für das nächste Franchise kann ich einen guten Teil der oben erwähnten Namen schlicht wiederholen. Rialto Film, Horst Wendtlandt, Harald Reinl und Alfred Vohrer. Denn ab 1962 wollte man auch die kontemporär sehr beliebten Karl May Romane umsetzen. Allen voran die beliebten Geschichten um Winnetou. Erfolgsverwöhnt plante man hier direkt mit einer Serie. Für die Rolle des Old Shatterhand stand früh der Amerikaner und ehemalige Tarzan-Darsteller (behaltet das mal im Hinterkopf für nächste Woche…) Lex Barker fest. Für die Rolle des Winnetou entdeckte Wendtlandt den recht unbekannten Franzosen Pierre Brice. Der erste Film wurde zu einem Megaerfolg und um die Hauptdarsteller entwickelte sich gar eine Hysterie, die bei ihren Auftritten bei Filmpremieren annähernd Beatles-eske Züge annahm. Bis 1968 entstanden 9 weitere Filme der Rialto, die teilweise außer den Charakteren nichts mehr mit den Buchvorlagen zu tun hatten. An dem Erfolg beteiligte sich ebenfalls Produzent Artur Brauner mit seiner CCC-Film. Er produzierte Karl May Verfilmungen, die nichts mit Winnetou zu tun hatten. Für die Rolle des Kara ben Nemsi castete er ebenfalls Barker.

Auch hier darf man vermutlich wieder fragen, wie „tot“ das Franchise nach 1968 war. Denn nicht nur hat der Erfolg der Reihe in der DDR die DEFA Indianerfilme inspiriert, die bis in die 80er produziert wurden, auch im Westen gab es zahlreiche Fernseh- und Zeichentrickbearbeitungen von Karl May und Indianer-Stoffen. Auch Winnetou selbst wurde immer wieder gesehen. In ‚Winnetous Rückkehr‘, einem Zweiteiler des ZDF etwa, in dem Brice 1998 die Rolle noch einmal übernahm. Und noch 2015 war der Stoff auf RTL in ‚Winnetou – Der Mythos lebt‘ zu sehen. Und nicht zu vergessen die jährlichen Karl May-Spiele, die seit den frühen 50er Jahren May Abenteuer als Theater im Bad Segeberger Kalkstadion inszenieren (daneben gibt es zahlreiche weitere Karl May Spiele), die höchstens mal von einer globalen Pandemie aufgehalten werden. Doch der größte Erfolg ist hier die Parodie. Mit ‚Der Schuh des Manitu‘ landete Michael Bully Herbig 2001 einen der größten Erfolge der deutschen Kinogeschichte. Eine plump kalauernde Nummernrevue, die Bullys Sketchherkunft ganz deutlich erkennen lässt. Dabei ist die Umsetzung durchaus professionell und technisch kompetent. Aber natürlich erklärt sich ein ganz großer Teil des Erfolgs des Films über die ungebrochene Begeisterung für Winnetou. Wahrscheinlichkeit einer Neuauflage: naja, passiert doch schon dauernd, bringt heute aber nicht mehr den ganz großen Erfolg. Ich vermute, da es heute Kinogänger gibt, die eher Bullys Version als der originalen Nostalgie entgegenbringen, dürfte es eine große Neuauflage schwer haben.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, für das nächste „tote“ Franchise sind wir schon wieder bei Rialto und Horst Wendtlandt. Otto Waalkes war ab den 70er Jahren eine Sensation in der deutschen Komik. Er verband Wortspiele und Kalauer mit clownesker Körpersprache und Geräuschen, allerlei komischen Liedern und immer wieder Parodien. Bezeichnend war auch, dass Waalkes in Interviews und ähnlichem stets „im Charakter“ blieb. Verlage wussten mit ihm anfangs wenig anzufangen, doch als sich seine Bücher und Schallplatten seiner Auftritte verkauften wie geschnitten Brot und erste Fernseherfolge hinzukamen, wurde ein Kinofilm immer mehr zum logischen nächsten Schritt. Umgesetzt von Rialto unter Produktion von Horst Wendtlandt. Und ‚Otto – der Film‘ wurde zu einem gigantischen, zum bis dahin größten, Erfolg des deutschen Kinos. Klar, dass der ein Franchise nach sich zieht. Bis zum Jahr 2000 folgten vier Fortsetzungen. Seitdem war Otto zwar noch häufiger im Kino, auch in Hauptrollen, zu sehen, die Filme hatten aber nicht mehr das „Otto“ Branding (von der Parodie ‚Otto’s Eleven‘ einmal abgesehen).

Doch könnte man durchaus argumentieren, dass Franchise Otto sei alles andere als „tot“ (Herrn Waalkes selbst wünsche ich selbstverständlich beste und lange Gesundheit!), schließlich ist er doch gerade jetzt, in diesem Moment, in der Hauptrolle von ‚Catweazle‘, einer Neuauflage einer britischen Serie der 70er, zu sehen. Aber es steht eben nicht mehr die „Otto“-Persona im Mittelpunkt, sondern eine Serie von der ich nicht überzeugt bin, wie viele sich an die noch erinnern. Vom erfolgreichsten deutschen Film dürfte der jedenfalls weit entfernt bleiben.

Otto steht hier auch mehr stellvertretend für eine ganze Reihe Komiker-Franchises der 80er Jahre. Seien es die Didi (Hallervorden) oder die Supernasen Filme. Mit Klamauk und aus dem Fernsehen bekannten Gesichtern war damals der Kinoerfolg schon halbwegs gesichert. Was heute nicht mehr unbedingt klappt. Wobei das Fernsehen sich für die Unterhaltung auch weitgehend auf „Reality“-Müll zurückgezogen hat. Woher sollen da die Charakternasen kommen?

Rialto war übrigens auch noch an der Produktion zahlreicher Spencer/Hill und Louis De Funes Filmen beteiligt, die also rein technisch hier auch auftauchen könnten. Aber das würde wohl zu weit führen. Es zeigt sich bei dieser groben Untersuchung, dass die 60er Jahre und die 80er Jahre des deutschen Kinos anscheinend besonders geeignet waren, erfolgreiche Franchises zu produzieren. In den 50ern war es eher das Genre des Heimatfilms, der derart happy endings hatte, dass eine Fortsetzung kaum Sinn geben würde. Und der „Neue Deutsche Film“ der 70er war eher künstlerisch als finanziell ausgerichtet. Natürlich gibt es auch heute noch erfolgreiche deutsche Franchises, man schaue nur auf ‚Fack ju, Göthe‘.

Selbstverständlich erhebt mein kurzer (heh) Text hier keinerlei Anspruch auch auf nur annähernde Vollständigkeit. Nicht zuletzt, weil ich mich rein auf die Nachkriegszeit konzentriert habe. Auch davor gab es durchaus Franchises, erwähnt sei hier nur als Beispiel Paul Wegeners ‚Der Golem‘-Filme (inklusive eines nie realisierten „Crossovers“ mit ‚Alraune‘). Doch beenden wir diesen Exkurs an dieser Stelle und kehren nächste Woche zum internationaleren Thema zurück. Wenn Ihr lebende oder „tote“ deutsche Franchises in den Kommentaren ergänzen wollt, freue ich mich darüber natürlich.

PS: ist der „Til Schweiger Film“ ein Franchise?

Die Lebenserwartung von Franchises Teil 1

„Kein Franchise wird jemals wieder sterben dürfen!“ Das ist so ein neunmalkluger Satz, den ich gern, vor allem beim Newslichter verwende. Allerdings bin ich ein Scharlatan, der keine Ahnung hat, wovon er spricht. Darum traue ich solchem Blödsinn, den ich von mir gebe erst einmal nicht. Von daher lohnt es sich vermutlich, diesen Satz mal genauer zu untersuchen. Er sagt genau genommen zwei Sachen aus. Explizit, eben genau das was da steht, jetzt und in Zukunft wird kein Filmstudio (dies ist ein Filmblog, deshalb schränke ich diesen unachtsam allgemein formulierten Satz einmal auf dieses Medium ein) mehr ein Franchise „sterben“ (oh, diese Anführungszeichen sind ein Omen) lassen. Implizit sagt er aber auch, dass es mal eine „gute alte Zeit“ gab, in der Franchises gestorben sind.

Prima, das sind doch Dinge, die sich mit vermutlich minimaler  Recherche leicht be- oder widerlegen lassen! Dachte ich. Weil ich ein Scharlatan bin. Ein Nixwisser, ein Trottel, der mit seiner Zeit nicht umzugehen weiß. Also dann, definieren wir doch mal was ich mit „Franchises“, die für die Aussage qualifiziert sind, meine.

Erst mal natürlich Filmfranchises. Also eine Filmreihe mit mehr als einem Film, die in derselben Kontinuität spielen, oder die wenigstens thematisch eng zusammenhängen. ‚Ghostbusters‘ etwa, um mal ein völlig zufälliges Beispiel zu wählen. Allerdings wächst so ein Franchise natürlich schnell über den Film hinaus. Im Fall von ‚Ghostbusters‘ mit Zeichentrickserien, Spielzeug, Videospielen, Brettspielen und Tonnen von Merchandise. Was bedeuten könnte ein Franchise „stirbt“ als Filmfranchise, überlebt aber in einer anderen Nische.

Das gilt natürlich noch mehr für Franchises, die schon bestehen, bevor es einen Film gibt. Die können sich wohl auch mit einem Film schon als „Franchise“ im Sinne des Satzes qualifizieren. Zahllose Videospiel- oder Comicverfilmungen, etwa. Wenn dieser eine Film schlecht genug läuft, um ein solches Franchise zu zerstören, wäre es sicher qualifiziert. Kann man (oder wenigstens ich) sich aber kaum vorstellen. Die Ninja Turtles dürfte es kaum an ihrer harten Schale kratzen, dass die letzten beiden Filme eher so mittel waren. Dafür haben sie zu viele Eisen im Ooze. Ein Super Mario oder Assassins Creed werden ihre mäßigen Filme in ihren Hauptabsatzmärkten, den Spielen, kaum bemerken.

Eine Einschränkung wird allerdings an dieser Stelle nötig. In meinen Augen sind nicht alle ‚Dracula‘ Filme, alle ‚Sherlock Holmes‘ oder alle ‚Robin Hood‘ Filme usw. ein Franchise. Das sind verschiedene Verfilmungen derselben literarischen Figur. Allerdings gib es innerhalb dieser zahlreichen Verfilmungen durchaus wieder Franchises. Etwa die Universal Dracula-Filme. Oder die der Hammer Studios. Bei Holmes die 14(!) Rathbone/Bruce Produktionen, oder die im Vergleich kümmerlichen zwei Downey jr./Law Filme.

Was definitiv auch nicht gilt, sind versuchte, aber schon im Ansatz gescheiterte Franchises. ‚John Carter‘? Kein Franchise. Das „Dark Universe“? Kein Franchise. Die Filme, die als solches qualifiziert werden könnten, wie ‚Invisible Man“ erscheinen sicher nicht zufällig ohne dieses Branding. Hier gab es nie ein Franchise, das hätte „sterben“ können.

In Ordnung, damit haben wir die Idee des Wortes „Franchise“ in meiner Aussage gut genug umrissen, um uns auf die Suche nach Beispielen zu machen. Kommen wir jetzt zur Definition des Wortes  „sterben“ (und hier verabschieden sich vermutlich auch die letzten paar Leser). Dieses Wort ist schwierig. Denn es gibt einen Unterschied zwischen „sterben“ und „enden“. ‚Zurück in die Zukunft‘ hat geendet. Es ist in keiner Art und Weise gestorben. Es gibt immer noch Fans, immer noch neue Veröffentlichungen der Filme und Bildbände, Spiele, Hintergrundmaterial usw.. Vor allem hängt aber immer noch das Damoklesschwert des Remakes über der Reihe. Also, eine Reihe, die noch mit anhaltendem Erfolg beendet wird endet. Sterben tut ein Franchise, bei dem langsam Erfolg und Budgets immer kleiner werden, die Filme immer schwächer, bis das Franchise ein klägliches Ende nimmt. Ein Musterbeispiel hierfür wären die ‚Planet der Affen‘ Filme. Wären sie, wenn sich hier das Damokles-Schwert des Reboots/Prequels nicht als kleiner Segen erwiesen hätte und für drei gelungene Filme vor ein paar Jahren gesorgt hätte. Was natürlich in gewisser Weise meine Aussage bestätigt. Aber soweit sind wir noch nicht. Aber ja, ich gebe zu, der „Tod“ eines Franchises ist schwer zu bestimmen. Solange noch ein leises Echo seines Namens durch die Popkultur geistert, kann es jeder Zeit wieder auferstehen. Aber gemeint ist hier mit „Sterben“ „aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitestgehend verschwunden, abgesehen vielleicht von einer kleinen Gruppe Fans“.

So damit haben wir, sicher keinen wissenschaftlichen Standards standhaltenden, aber für unsere Zwecke genügende Definitionen der Begriffe „Franchise“ und „sterben“ im medialen Sinne geschaffen. Jetzt geht die Recherche los. Eine Recherche, die weit anstrengender war, als ich mir das vorgestellt hätte. Doch dazu werden wir mehr in Teil zwei sehen.

Damit dieser Teil aber irgendeinen halbwegs unterhaltsam/informativen Inhalt hat und nicht gänzlich aus trockenen Definitionen besteht, schauen wir doch erst einmal das genaue Gegenteil eines gestorbenen Franchises an. Was ist das langlebigste Film-Franchise? Mein Bauchgefühl sagte sofort, in einer very sophisticated Stimme: „Bond, James Bond!“

Und, zugegeben, der Geheimagent ihrer Majestät hat beste Karten (wie bei jedem Baccara-Spiel), um zu gewinnen. Seit 1962 erschienen 24 (demnächst 25) offizielle Filme von Eon und zwei „inoffizielle“. Trotz wechselnder Darsteller und sich verändernder Kontinuität bilden die Filme ein einheitliches Franchise. Tatsächlich könnte Bond sogar gewinnen. Wenn wir die Definition etwas strecken, um eine Fernsehverfilmung von ‚Casino Royale‘ aus dem Jahr 1954 mit einzuschließen. Hier hieß James allerdings „Jimmy“ und arbeitete (schockschwere Not!) für die CIA. Doch während wir noch mit solchen Dehnübungen beschäftigt sind, ertönt ein markerschütternder Schrei und „Jimmy“, samt Tux und Martiniglas, wird von einem weißen Glühen auf seine subatomaren Bestandteile reduziert.

‚Godzilla‘ ist hier, um uns daran zu erinnern, dass er seit 1954 in 32 japanischen und vier amerikanischen Filmen aufgetreten ist (und zwar donnernd). Sicherlich, man könnte hier argumentieren, ob es sich tatsächlich um ein einziges Franchise handelt, da die Filme von verschiedenen Studios gehandhabt wurden, es verschiedene Kontinuitäten gibt und auch der Tonfall der einzelnen Filme oft genug extrem unterschiedlich ist. Doch ganz Ähnliches könnte man über Bond sagen. Und vermutlich bleibt das auch gar nicht aus, bei einer Filmreihe, die Jahrzehnte umspannt. Aber Godzilla hat einen festen Platz in der Popkultur, hohen Wiedererkennungswert und hat sich bereits mehrfach mit King Kong und, im Comic, mit den Avengers geprügelt. Und er ist Ehrenbürger von Tokio. Sorry, aber da kann so ein Geheimagent einfach nicht mithalten. Godzilla ist nicht nur König der Monster, er ist auch der Ludwig XIV. unter den Franchises, was die Amtszeit angeht. 

Doch beide dieser ewiglangen Franchises werden uns sicher auch durch die absehbare Zukunft begleiten. Werden sich weiterändern und weiterwachsen. Wir werden uns nächste Woche für den zweiten Teil wiedersehen, wo wir uns hoffentlich ein paar tote Franchises angucken können. Wenn Ihr bis dahin ein paar weitere besonders langlebige (womöglich noch langlebiger als die atomare Echse?) Franchises in die Kommentare posten wollt, würde ich mich darüber sehr freuen. Bis dann.

Gibt es noch Filmstars?

Die Frage aus der Überschrift ist eine, die man häufig liest. Und jede Leserin wird darauf vermutlich ihre eigene Antwort finden. Fast interessanter finde ich aber, warum sich diese Frage stellt.

Die Geschichte geht etwa so: Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts begann in Hollywood die Zeit der Regisseure. Die Macht der Studios war schon eine ganze Weile gebrochen und plötzlich stelle sich heraus, dass bärtige, langhaarige Weirdos wie George Lucas oder Stephen Spielberg mit ihren seltsamen Ideen hunderte Millionen an der Kinokasse machen konnten. Der Blockbuster war geboren und auch wenn gelegentlich mal einer davon baden ging, wurde er zu einer wichtigen Geldquelle für die Filmstudios. So wichtig, dass man die Kontrolle darüber irgendwann nicht mehr den gar nicht mehr so langhaarigen, aber immer noch bärtigen Weirdos überlassen wollte. Blockbuster wurden zu Franchises, zu Marken. Und Marken verlangen nach Kontrolle, wenn sie auch in 20 Jahren noch funktionieren sollen. Und so kam die Studiokontrolle zurück, der eiserne Griff härter als je zuvor. Der Regisseur wurde wieder zum Erfüllungsgehilfen, der seine Rolle in der Maschinerie zu spielen hatte und tat er das nicht, gab es dutzende andere bärtige Weirdos, die gerne seinen Platz einnehmen. Es reichte nun nicht mehr, wenn ein Blockbuster das Doppelte oder Dreifache seines Budgets einspielte, jetzt geht es darum Rekorde zu brechen. Ein Platz in den Top Ten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, Minimum. Ein solcher Erfolgsdruck lässt denn auch keinen Platz für Innovation. Hier wird präsentiert was sicher funktioniert. Superhelden, Jedi, Dinosaurier und gelegentlich Geheimagenten. Was es hier nicht braucht sind Stars. Viel wichtiger ist, dass das Publikum den Namen des Charakters kennt, anstatt seines Darstellers. Robert Downey jr. ist ein fähiger Darsteller, eine charismatische Präsenz. Sicherlich wird die eine oder der andere seinetwegen in die Filme gegangen sein. Doch der Großteil wollte Tony Stark sehen, den Downey nun einmal verkörperte.

Und diese Blockbuster sind nun so groß, müssen so viel Umsatz machen, dass sie im wahrsten Sinne die Luft aus dem Raum saugen. Sie sind im Multiplex nicht in einem oder zwei Sälen zu sehen, sondern in fünf oder sechs. Wofür bleibt da noch Raum? Für den kleinen Film, den auch Streaming Studios immer mehr produzieren. Für romantische Komödien, für Horror und auch den, natürlich, überlebenden Auteur-Film. Filme, die ihrerseits wieder keine Stars benötigen. Sie leben von ihrer originellen Geschichte, visuellem Einfallsreichtum. Genau die Mid-Budget Produktionen, die die womöglich davon leben, dass mehrere Stars interagieren, die von ihrer Chemie leben, die haben am meisten gelitten. Die gibt es fast nicht mehr, sind erdrückt von den unvorstellbaren Massen der Blockbuster und ihrer Marken. Und deshalb gibt es heute keine Filmstars mehr.

Eine in sich durchaus logische Geschichte, die sicherlich nicht ganz falsch ist. Aber auch nicht ganz richtig, denn sie lässt sich problemlos widerlegen. „Oh, es gibt keine Actionstars mehr!“ hört man häufig. Echt nicht? Und was ist mit Dwayne „The Rock Johnson? Man sollte meinen, der sei in jeder Hinsicht schwer zu übersehen. Wie in den 80ern Schwarzenegger hat es Johnson geschafft, sich selbst zu einer Marke zu machen. Geht man in einen Film mit Dwayne Johnson weiß man ziemlich genau was einen erwartet. Vor dem gelegentlichen Flop ist auch er nicht gewappnet, aber das waren Stallone oder Schwarzenegger nun wahrlich auch nicht. Aber jenseits des Rock wird es schon wieder dünn, oder? Vin Diesel? Ist vollkommen an den Erfolg der Marke Fast & Furious geknüpft. Alles was er in den letzten Jahren abseits davon versucht hat ging krachend schief. Tom Cruise? Ist ebenfalls mehr oder weniger an Mission: Impossible geknüpft. ‚Jack Reacher‘ lief nicht, ‚Oblivion‘ fand quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und ‚Edge of Tomorrow‘ hat „nur“ sein Budget verdoppelt. Das zählt halt nix mehr. Von ‚Die Mumie‘ wollen wir lieber gar nicht reden.

Aber Cruise zeigt ein weiteres Problem des Action Kinos: fehlender Nachwuchs. Es treiben sich zu einem guten Teil immer noch dieselben Nasen herum wie in den 90ern. Manche mehr (Keanu Reeves) andere weniger (Bruce Willis) elegant.

Mal ganz von Genre abgesehen gibt es natürlich auch noch die Stars, die drehen können was sie wollen und ein eingebautes Publikum haben. Leonardo Di Caprio ist vielleicht das beste Beispiel. Oder auch Brad Pitt. Aber auch hier wieder: nicht mehr ganz junge Beispiele. Ist es vielleicht einzig der Restglanz eines früheren Startums, der hier nachwirkt?

Vor ein paar Jahren äußerte Will Smith (sicher selbst ein gutes Beispiel für einen Star, der nicht mehr wirklich zieht) gegenüber dem Magazin Hollywood Reporter, dass es heute kaum noch neue Stars geben könne, aufgrund der sozialen Medien. Die Nähe zu den Fans sei so viel größer geworden, dass der entfernte Glamour eines Stars nicht mehr machbar sei.

Hier fange ich dann an mich zu fragen: sind es vielleicht gar nicht die Studios, wollen womöglich wir als Publikum gar keine Stars mehr? Wir haben es schon seit mindestens den 80er Jahren genossen, wenn Papparazzi den achso eleganten Stars das Podest unter den Füßen weggetreten haben. Wenn wir Fotos gesehen haben, auf denen sie in schmuddeliger Jogginghose den Müll rausbringen. Wenn am privaten Pool eine Plauze zum Vorschein kam, die nicht unbedingt kleiner als die eigene war. Wenn sie plötzlich ihre Alimente nicht mehr zahlen konnten oder wollten. Kurz, wenn sie eben nicht mehr wirklich Stars waren, sondern normale Menschen. Und heute? Heute braucht es gar keine Paparazzi, heute posten sie selbst auf Instagram wie sie in schmuddeliger Hose den Müll rausbringen. Gerade in der Pandemie war zu sehen, wer sich hier allzu abgehoben statt in Bluejeans präsentierte fiel eher durch.

Oder ist der Begriff des „Stars“ in sich einfach vollkommen ausgehöhlt? „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ machte ihn zu einem gelegentlich recht ekligen Witz. Schafft man es in Lifestyle-Magazine oder irgendwelche Reality Shows kann man heute ein Star sein, nur weil man relativ unerträglich ist. Da muss man nix für können, man muss nur wissen wo man die Nase in die Kamera hält. Oder man wird ein Star auf Youtube weil man Essen probiert, Videospiele kommentiert, oder unterhaltsam irgendwo runterfällt. Warum sollte da die Idee eines „Stars“ noch irgendwen hinter dem Fernwärme-Heizkörper hervorlocken?

Vielleicht sind es wirklich wir als Publikum, die Schauspieler nicht mehr als, im wahrsten Sinne des Wortes, Lichtgestalten wahrnehmen wollen, sondern als ganz normale Menschen, die morgens aufstehen und ihren Job machen. Machen sie den gut, sind wir durchaus bereit zu klatschen und die Batzen Geld nicht zu neiden, die sie dafür bekommen. Aber die Idee des Stars hat sich womöglich einfach überholt. Jedenfalls für den Moment. Bis die Leute als Gewinner dastehen, die nie auf Twitter waren, oder auf Instagram ihren Kleiderschrank präsentieren und sich ihre geheimnisvolle Aura bewahrt haben. Bis es dann wieder eine Reaktion in die andere Richtung gibt und so weiter. Weder Film noch Schauspieler werden in nächster Zeit verschwinden. Zum Glück. Ihr Status hingegen wird immer im Fluss bleiben. Und das ist völlig okay.

Ich glaube, wir müssen mal über ‚Avatar‘ reden

Ich mache hier auf meinem Blog ja gerne selbstironische Bemerkungen, dass ich über genau dieselben Themen spreche, wie tausende andere Blogger und Internetnutzer im Allgemeinen. Aber liegt es nur an meiner ganz persönlichen „Bubble“, oder reden wirklich verdammt wenige Leute über James Camerons ‚Avatar‘? Derzeit immerhin gerade wieder einmal der finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten (wenn man nicht für Inflation bereinigt) vor ‚Endgame‘. Und es stehen laut James Cameron nicht eine, nicht zwei nicht drei sondern vier Fortsetzungen ins Haus, bis ins Jahr 2027. ‚Avatar‘ scheint für all seinen Erfolg erstaunlich wenig blaue Fingerabdrücke auf dem Mosaik der Popkultur hinterlassen zu haben. Natürlich hat der Film seine Fans (und wenn Du einer bist will ich Dir gar nicht zu nahe treten) und dennoch ist da diese unübersehbare Diskrepanz zwischen finanziellem Erfolg und kulturellem Echo. Woran liegt das? Ich werde unten darüber spekulieren, aber keine der Antworten befriedigt mich so wirklich, wenn Ihr eine bessere habt, sagt sie mir bitte gern.

Stand womöglich das technische Spektakel allzu sehr im Vordergrund? 3D oder nicht 3D war etwa seit Mitte der 2000er eine wichtige Frage beim Kinogang. Und viele, mich eingeschlossen, haben nie wirklich den Mehrwert des 3D Kinos ergründen können. Dann kam Cameron mit seinem Weltraumspektakel und erschuf eine komplett neue Welt in drei Dimensionen. Selbst 3D Muffel wie ich mussten zugeben, ja, der Film hat schon einen gewissen Zugewinn durch seine Technologie. Dazu kam beeindruckende Performance Capture, die sicher wegweisend war und überhaupt eine eindrucksvolle Welt vollständig im Rechner erschaffen. Während Lucas mit seinen ‚Star Wars‘ Prequels erste Schritte machte mit rein digitalen Welten und perfekt kontrollierbaren Studiodrehs, zeigte Cameron hier wie man damit elegant gehen konnte und Disney rennt heute damit. Aber der 3D Boom ist lange abgeklungen und, wie gesagt, die Technologie hat allgemein aufgeholt. Werden Camerons 4(!) ‚Avatar‘ Sequels den Erfolg wiederholen können? Cameron produziert grundsätzlich keine Flops, daher bezweifle ich, dass er keine Ahnung hat was er tut, aber rein technisch muss ich mich doch fragen, was er hier aus dem Ärmel schütteln könnte, was heute noch einmal einen solchen Wow-Effekt auslösen würde.

War die Story allzu generisch? Sämtliche Vergleiche wurden schon oft genug gezogen. ‚Schlümpfe‘ im Weltall. ‚Pocahontas‘ im Weltall. Der mit dem Wolf tanzt‘ im Weltall. ‚Lawrence von Arabien‘ im Weltall. Cameron zeichnete seine Themen breit. Erhaltung der Natur und Anti-Imperialismus standen im Mittelpunkt, aber auch alte Klischees wie der weiße Retter der „edlen Wilden“ kamen zum Vorschein. Eine ganz gute Idee, wie sehr sich die Story an Allgemeinplätzen abarbeitete gibt vielleicht die schiere Anzahl an Klagen, die Cameron Plagiate vorwarfen. Ein gutes halbes Dutzend Autoren meinten ihre Geschichten in ‚Avatar‘ wiederzuerkennen. Und damit meine ich nicht die Ähnlichkeiten zu oben genannten, bekannten kulturellen Elementen. Eine rücksichtslose Gruppe, die irgendeinen Rohstoff auf einem fernen Planeten abbauen will, doch dann verbündet sich einer aus ihren Reihen mit den dort Ansässigen ist halt wirklich schon das eine oder andere Mal geschrieben worden. Auch in der Science Fiction. Man könnte halt fast sagen, es wäre ‚Dune‘ im Weltall. Also, auch im Weltall aber im Weltall-Dschungel statt in der Weltall-Wüste. Und alles ist blau außer den Augen.

Hätte ‚Avatar‘ schlicht ein Expanded Universe benötigt? Unser popkulturelles Gedächtnis zeigt, man möge mir die Formulierung verzeihen, in den letzten Jahren gewisse Demenzerscheinungen. Eine Serie wie ‚Game of Thrones‘ kann über Jahre das heißeste Ding seit Erfindung des Eiskugelportionierers sein, doch eine enttäuschende letzte Staffel später ist der Winter gekommen und wieder gegangen und keinen interessiert der Frühling auch nur noch im Geringsten. Und auch ‚Avatar‘ ist gekommen und wieder gegangen. Cameron plante selbst einen Prequelroman zu schreiben, daraus ist nie was geworden, stattdessen sollte Steven Charles Gould eine Reihe Romane im Universum schreiben. Daraus ist, soweit ich das sehe, auch nie etwas geworden. Seit 2017 sind wieder Romane in Planung, allerdings müssen diese mit Camerons 4(!!) Sequels abgestimmt werden und, nochmal soweit ich das sehe, lassen bislang ebenfalls auf sich warten. Was bleibt sind eine Handvoll Comics, die seit 2017 erscheinen. Bloß liest kaum noch jemand Comics. Der Film selber brachte es nur auf das übliche Videospiel und einige Actionfiguren. Fast schwer vorstellbar, dass der erfolgreichste Film aller Zeiten nicht gleich eine Serie, Online-Special und irgendwelchen Plastikkram zum Sammeln säckeweise hervorgebracht hat. Auch hier hat vor allem Disney dazugelernt und bimmelt uns alle Jahre wieder mit Marvels und Star Warses und Remakes von klassischer Animation und dazwischen mit allerlei dazugehörigen Serien vor der Nase herum, damit sie ja nicht unsere furchtbar unstete Aufmerksamkeit verlieren. Denn heute gibt es so viele Medien, die allesamt so leicht erreichbar sind und die alle nur darauf warten von uns konsumiert zu werden, dass ‚Avatar‘ als Film der einfach Films ein will, sich im Blockbustermarkt schon seltsam ausnimmt. Doch hier korrigiert Cameron ja nun im Extrem. Eben mit vier Sequels. Bis 2027. Wird ‚Avatar 2‘ kein Totalflop werden wir es die nächsten jahre wohl eher nicht übersehen können. 

Die Antwort ist hingegen vermutlich eher nicht die reine Qualität des Films. Ich will die hier nicht groß diskutieren, aber sagen wir mal ‚Transformers‘ hat einen weit größeren Fußabdruck im feuchten Zement der Popkultur hinterlassen. Und ich würde bestreiten, dass die Filme unbedingt besser als ‚Avatar‘ sind. Aber sind es vielleicht die Charaktere und ihre Darsteller? Ich gebe zu, ich habe ‚Avatar‘ lange nicht gesehen und könnte keinen Charakter mehr benennen. Das ist ungewöhnlich für Cameron. Sarah und John Connor, Rose und Jack oder selbst ein Harry Tasker bleiben im Gedächtnis. Und das ist bevor wir bei Arnies ikonischem T800 oder gar Ripley angekommen sind. Aber ‚Avatar‘? Jake Sully heißt der Hauptcharakter. Gespielt vom edelhölzernen Darsteller Sam Worthintgton. Okay, da versteht man schon mal, warum der nicht in Erinnerung bleibt. Zoe Saldana ist im Film aber ihren Charakter könnte ich nicht benennen. Einer meiner liebsten Native American Darsteller Wes Studi ist im Film und ich hatte es vergessen. Der einzige Charakter, der mir vor dem inneren Auge erscheint ist ausgerechnet Stephen Langs fanatischer Colonel. Weil der mich in seiner „alles wegbolzen“-Mentalität an Videospielkarikatur Duke Nukem erinnert hat. Ehrlich gesagt auch nur deshalb. Versteht mich nicht falsch, ‚Avatar‘ hat einen durchaus talentierten Cast (und Sam Worthington), aber eben keine Darstellungen die im Gedächtnis bleiben.

Regelmäßige Leser meines Blogs wissen ja, was von meinen Voraussagen zu halten ist (gar nix!), daher halte ich mich mit Vorhersagen für die ‚Avatar‘ Sequels zurück. Ich wüsste auch überhaupt nicht wie die ausfallen sollten. Ich habe keinerlei Idee, wie sie laufen werden. Werden sie die ersten Plätze der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten belegen, oder zum totalen Flop geraten? Beides halte ich für nicht völlig unmöglich. Eben gerade weil der erste Film so keinerlei Abdruck hinterlassen hat, aus dem man nun Spuren (oder Kaffesatz) lesen könnte.

‚Avatar‘ verwirrt mich. Das ist tatsächlich das Einzige, was ich mit gewisser Sicherheit sagen kann. Wie geht es Euch? Seid Ihr ‚Avatar‘ Fans? Ist der Film Euch völlig wurscht? Verwirrt er Euch wie mich? Freut Ihr Euch auf die vielen Sequels? Wisst Ihr warum es gleich vier sein müssen? Wird James Cameron je die Zeit finden ‚The Abyss‘ mit einer vernünftigen, zeitgemäßen Veröffentlichung auszustatten? Sagt es mir in den Kommentaren. Insbesondere über ein „Ja“ zur letzten Frage tät ich mich freuen…

Wenn Filme die Wahrnehmung von Songs verändern

Ich sag es mal gleich am Anfang: diesen Artikel schreibe ich vor allem, weil ich Beispiele von Euch haben möchte. Wenn Ihr im Folgenden also siedend heiß an ein Lied denken müsst, dann lasst  es mich bitte in den Kommentaren wissen.

Ein Film kann fraglos grundlegend verändern, welche Assoziationen wir zu einem Lied haben. Hat man einmal ‚Reservoir Dogs‘ gesehen wird man vermutlich immer, und sei es unbewusst, an sein Ohr fassen, falls einmal „Stuck in the middle with you“ von Stealers Wheel im Radio läuft. Das funktioniert gelegentlich sogar, wenn man den Film gar nicht kennt. Ich habe etwa ‚Lockere Geschäfte‘ nie gesehen, aber wenn ich mal Bob Segers „Old Time Rock and Roll“ höre, dann denke ich automatisch an diese Szene in der Tom Cruise in Oberhemd und Unterhose in einem Türbogen dazu tanzt. Oder an eine der ca. 500.000 Parodien und Hommagen an diese Szene. Manchmal parodiert man diese Szenen sogar selbst. Wer schon mal mit mehreren Leuten in einem Auto gesessen hat und plötzlich ertönt Queens „Bohemian Rhapsody“ aus den Lautsprechern und es gehen nicht alle ab wie bei ‚Waynes World‘, ja, dann will ich gar nicht wissen, was da schief läuft. Natürlich ist der Effekt am stärksten, wenn man das Lied erst durch den Film kennen lernt. Höre ich „Goodbye Horses“ von Q Lazzarus, dann denke ich an Buffalo Bill und ‚Das Schweigen der Lämmer‘. Und manchmal muss man nicht einmal das Lied hören. Sehe ich am Flughafen eines von diesen automatischen Laufbändern, dann höre ich vor meinem inneren Ohr „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel. Wegen ‚Die Reifeprüfung‘. Schauen wir uns mal ein paar Beispiele für Songs an, die für mich durch Filme verändert wurden.

Fangen wir mit „I Got You Babe“ von Sonny & Cher an. Der wird in ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ für Phil Connors ja quasi zu einer beständigen Erinnerung seiner Gefangenschaft. Jeden Morgen wacht er zu diesem Song auf. Er verliert alles Romantische und wird in seiner ständigen Wiederholung zu einer fast schrecklichen Banalität. Eine Art emotionaler Folter. Tatsächlich hören wir immer nur die letzten Noten des Liedes wenn Phil aufwacht, bevor das belanglose Geplänkel der Radio DJs beginnt.

Und dann ist da Roy Orbisons „In Dreams“. Dean Stockwell bewegt zu dem Song die Lippen in eine Baustellenlampe als Mikrofon in David Lynchs ‚Blue Velvet‘. Kyle MacLachlans Jeffrey ist zu diesem Moment endgültig in der Unterwelt der nur scheinbar heilen Kleinstadtwelt gelandet, was dieser Song wunderbar unterlegt. Überhaupt haben sich mit Orbison und Lynch zwei gefunden, die mehr auf Ton und Atmosphäre als auf den tatsächlichen, wörtlichen Inhalt ihrer Werke bedacht sind. Natürlich verleiht Lynch hier Orbisons „candy colored clown they call the Sandman“ eine weit düsterere, bedrohlichere Note als er zuvor je besessen hätte.

Und hier ein Beispiel dafür, dass die Musik nicht einmal direkt gespielt werden muss. In Yorgos Lanthimos ‚Dogtooth‘ hält ein Elternpaar seine Kinder im eigenen Haus gefangen, erzählt ihnen von einer angeblich feindseligen Welt, die draußen lauert. Doch die ältere Tochter bekommt Videos in die Hände. Von Hollywoodfilmen. Darunter ‚Flashdance‘. Das sorgt dafür, dass sie am Hochzeitstag der Eltern einen anderen Tanz als erwartet aufführt. Und für eine der vermutlich unangenehm-schmerzlich-peinlichsten Szenen der Filmgeschichte. Wie  halt nur Lanthimos das kann. Ich werde jedenfalls „What A Feeling“ nie wieder hören, ohne an diese Szene zu denken, in der der Song gar nicht vorkommt.

Und hier einfach mal ein Beispiel für perfekten Musikeinsatz, wenn in ‚Manhunter‘ Will Graham Francis Dollarhyde zu „In A Gadda Da Vida“ von Iron Butterfly stellt. Gibt’s gar nicht viel dazu zu sagen (außer, dass ich gelegentlich bei dem Song auch an die Szene aus den Simpsons denke). Und vielleicht, dass die Szene vor allem deswegen aussieht wie sie aussieht, weil Michael Mann sämtliches Geld ausgegangen war. Aber dank des Songs funktioniert sie!

Okay, wisst Ihr was, jetzt seid aber wirklich Ihr dran. Ich habe einige offensichtliche Beispiele ausgelassen (Ich sag nur „Johnny B. Goode“, „Eure Kinder werden es lieben!“), aber ich bin sicher es gibt hunderte, wenn nicht tausende Beispiele. Gebt mir ein paar!

Und dann… was? Merkwürdige, filmische Folgeprojekte

Ich habe mich in den letzten Wochen ja (über?)reichlich zu ‚Psycho‘ (1998) ausgelassen. Dabei habe ich wenigstens kurz erwähnt, dass es den Film nur gab, weil Gus Van Sant nach dem großen Erfolg von ‚Good Will Hunting‘ quasi carte blanche besaß, was sein nächstes Projekt betraf. Und wenn auch die Idee eines 1:1 Remake von ‚Psycho‘ für einige Panikattacken bei Universal gesorgt haben dürfte, bekam er doch seine 60 Millionen Dollar dafür. Aber Gus Van Sant ist natürlich alles andere als allein mit einem solchen merkwürdigen Folgeprojekt. Wir müssen nicht einmal groß in der Zeit zurückgehen, um uns ernsthaft zu wundern, was wohl nun dazu geführt hat. Ich will gar nicht so tun, als könnte ich diese Frage immer beantworten, ich gehe den Artikel mehr im Sinne von Benoit Blanc an: „It makes no damn sense! Compels me though…“

‚Knives Out‘ könnte man vermutlich sogar selbst als überraschendes Folgeprojekt bewerten. Autor/Regisseur Rian Johnson hatte schließlich seinen Fuß in der ‚Star Wars‘ Tür. Sollte (und soll, soweit ich weiß) seine eigene Trilogie bekommen, nachdem er ‚Die Letzten Jedi‘ gedreht hatte. Ob es an der kontroversen Auseinandersetzung mit dem Film liegt, oder an etwas anderem, Johnson tat, was heute kaum noch jemand wirklich erfolgreich schafft, er etablierte etwas Neues an der Kinokasse. Und ich glaube, darüber dürfen nicht nur wir als Zuschauer ganz glücklich sein, sondern auch Herr Johnson selbst, wenn man den Zustand des Franchises ‚Star Wars‘ anschaut. Aber hier soll es ja nicht um gelungene und erfolgreiche Anschlussprojekte gehen, sondern das genaue Gegenteil.

Und wenn wir nahe an der Van Sant Situation bleiben wollen, müssen wir nicht weiter schauen, als zu Tom Hooper. Der hat sich mit ‚The King’s Speech‘ und ‚Les Miserables‘ quasi als Oscar-Garant etabliert. Und mit Letzterem und seinem „realistischen“ Ansatz ans Musical diesem oft tot gesagten Genre zu einem seiner (gar nicht so seltenen) Erfolge verholfen. Also wurde sein Blankoscheck unterschrieben und er nutzte ihn, um ein Musical ohne wirklich stringente Handlung in einen Film umzusetzen. Einen Film, den er mit Darstellern ohne Motion Capture-Anzüge drehte, sie aber später in Katzen verwandeln wollte, was bedeutete, dass Effects Artist jedes einzelne Bild des Films rotoskopieren mussten, um die Figuren zu befellen (und – dem Vernehmen nach – mit später entfernten Arschlöchern auszustatten). Da half es wenig, dass ein nach den Reaktionen auf einen ersten Trailer panisch gewordenes Universal auch noch die Mittel zusammenstrich. ‚Cats‘ wurde einer der meist beachteten Flops der letzten Jahre. Ein derartiger Flop, dass derzeit sogar Hoopers alte Filme vielfach neu bewertet werden und sich die Meinung durchzusetzen scheint, er sei eigentlich nie gut gewesen und wurde nur von fähigen Darstellern gerettet. Man kann es vielleicht auch übertreiben. Das traurige Ende des Debakels war dann, als Darsteller Rebel Wilson und James Corden bei der Verleihung der Oscars launige Bemerkungen über die mangelnde Qualität der ‚Cats‘ Effekte machten. Ein abschließender Mittelfinger ins Gesicht der Effektkünstler, die sich an dem Film abgearbeitet haben, nur um ihn dann verrissen zu sehen.

Sogar ein wenig in die Zukunft können wir schauen, um ein Beispiel zu finden. Paul King hat mit seinen beiden ‚Paddington‘ Filmen perfekte Familienunterhaltung abgeliefert. Aber offenbar war er besorgt zu sehr auf das „sprechender Bär“ Genre festgelegt zu werden (wobei ‚Auslöschung‘ zeigt, dass das ein weites Feld ist) und lehnte einen dritten Film ab, der damit prompt auseinanderfiel, da die meisten Darsteller ebenfalls absprangen. Was will er nun machen, anstatt den sympathischen Bären mit Marmeladensucht ein weiteres Mal zu inszenieren? Er dreht ‚Wonka‘. Und nein, das ist keine Beleidigung in einem obskuren, britischen Dialekt, das ist ein Prequel zu ‚Charlie und die Schokoladenfabrik‘ von 1971. Oder doch der Burton/Depp Version von 2005? Jedenfalls zur Verfilmung des Roald Dahl Buches. Es gäbe zwar ein von Dahl geschriebenes Sequel, aber anscheinend ist es wichtiger die (ugh) Origin von Schokoladenfabrikbetreiber Willy Wonka zu erfahren. Das liest sich wie eine Idee von 2006, die 2023 nur 17 Jahre zu spät kommen wird. Aber wie ich meine Einschätzungen so kenne, wird das ein gigantischer finanzieller Erfolg und wir sehen ‚Wonkas‘ für die nächsten 10 Jahre.

Doch nicht nur Darsteller wissen mit Folgeprojekten zu erstaunen. Das Marvel Cinematic Universe ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass es Stars produziert. Man schaut die Filme weniger wegen der Darsteller, als wegen des Settings und der Charaktere. Wenn es eine Ausnahme von dieser Regel gibt, dann heißt sie Robert Downey jr.. Das wäre vermutlich der Darstellername, der im Zusammenhang mit dem MCU zuerst fällt. Und nicht nur weil er mit ‚Iron Man‘ der erste war. Nun hatte er es bekanntlich satt, den Tony Stark zu geben, wollte endlich wieder etwas anderes tun. Man darf annehmen, dass ihm alle Türen offen standen und er genug Geld für mehrere Lebzeiten auf dem Konto hat. Er konnte tun was auch immer er will. Und er drehte ‚Dolittle‘. Eine erneute Verfilmung der Abenteuer des Arztes, der mit Tieren reden kann (die natürlich von Prominenz gesprochen werden). Bloß, dass er diesmal einem furzenden Drachen einen Dudelsack aus der Körperöffnung polkt, die den ‚Cats‘ entfernt wurde. Die Kritik hat‘s verrissen, finanziell war es mehr so mittel. Warum also das? Es war offensichtlich keine Auftragsarbeit, Downey hat den Film auch produziert, das war also exakt das, was er machen wollte. Wie oben erwähnt: das warum kann ich nicht beantworten. Was ich aber sagen kann ist, dass die Autoren all dieser Think Pieces, darüber, dass Marvel Downey von Filmen wie ‚Shaggy Dog‘, wo er mit Tim Allen als Hund interagierte, gerettet habe, völligen Unsinn geschrieben haben. Da gab es nix zu „retten“. Das war was Downey wollte. Warum auch immer.

Enden wir mit einem ebenso überraschenden, wie tragischen Folgeprojekt und gehen dafür dann doch etwas zurück in der Geschichte. In den 70er Jahren hat sich Francis Ford Coppola etabliert, als jemand, der raue, realistische Dramen dreht. Über „männliche“ Themen. Gangster und Soldaten in ‚Der Pate‘ und ‚Apocalypse Now‘. Vor allem aber als jemand, der alles tut um vor Ort zu drehen. Der dafür sorgt, dass wir den Asphalt des New Yorks der 40er unter den Sohlen spüren, den Schlamm Südostasiens quasi schmecken können. Dafür hat er sich und seine Mitarbeiter bekanntlich monatelang auf den Philippinen gequält. Wenig überraschend fand er das aber selbst ziemlich furchtbar. Er wollte nicht mehr von Wind und Wetter und Licht und falschen Straßenlaternen abhängig sein. Er wollte Kontrolle über jeden Aspekt des Filmens. Und da er die Hollywood Studios eh nicht leiden konnte, wollte er seine Produktionsfirma Zoetrope, 1969 gemeinsam mit George Lucas gegründet, 1980 in ein echtes eigenes Studio, Zoetrope Studios, umwandeln. Aber ein Studio nach neuen, besseren Regeln. Alles würde im Studio gedreht. Exakt geplant, auf Video probegedreht und dann effizient abgearbeitet. Für die Mitarbeiter bedeutete das eine geregelte 9-5 Arbeitszeit. Darsteller waren Angestellte des Studios, genauso wie Techniker und alle anderen und arbeiteten an mehreren Projekten gleichzeitig. Jeden Freitagabend gab es eine Party für alle Mitarbeiter um den Zusammenhalt zu stärken. Den Nachwuchs wollte Coppola extrem fördern mit Führungen für Kinder und Praktika für Jugendliche.

Das erste Projekt dieses unabhängigen anti-Hollywood Studios sollte ‚Einer mit Herz‘ (‚One From The Heart‘) werden. Ein Film der klassische Musical-Optik mit Coppolas realistischer Erzählweise kombinieren würde. Ausleuchtung, Matte-Paintings, Miniaturen, all das sollte die Künstlichkeit des Films noch unterstreichen. Doch statt typischer Musical-Tunes gäbe es Tom Waits‘ Blues-Gegurgel zu hören. Doch war natürlich die Ambition sehr hoch, diesen ersten Film zum Erfolg zu führen. Und es stand der Mann dahinter, der für eine der schlimmsten Produktionen aller Zeiten (‚Apocalypse Now‘) verantwortlich war. Schnell ließ das Projekt die geplanten 2 Millionen Budget weit hinter sich. Es wurden 26 Millionen daraus, weit mehr als die Zoetrope besaß. Exakt so viel, wie Coppola besaß. Und selbst das reichte nicht. Doch die Angestellten liebten die Idee des Studios so sehr, dass sie umsonst arbeiteten. So viel zum geregelten 9-5. Nun hing nicht nur die Zukunft des Studios, sondern die von Coppola an dem Film. Und er floppte. Brutal. 600.000 Dollar spielte er ein. Ich wäre nicht überrascht, wenn der Großteil der Leser mit „‚Einer mit Herz‘? Nie gehört!“ reagieren, obwohl sie sich sonst in Coppolas Filmografie gut auskennen. Ich kannte ihn auch vor allem wegen Waits Beteiligung. Leider ist er auch kein unentdecktes Meisterwerk. Der Spiegel ätzte damals, der Film wirke, als würde man auf einem hochmodernen Synthesizer Hänschen Klein spielen. Und ganz falsch ist es nicht. Visuell ist der Film toll, schon allein dafür sollte man ihn einmal gesehen haben. Das Problem ist die Struktur, die ein Musical ist, aber auf Musiknummern verzichtet. Damit fehlt ein entscheidender, emotionaler Ausdruck und die Charaktere bleiben reichlich blass. Immerhin, Tom Waits hat während seiner Arbeit Skript Assistentin Kathleen Brennan getroffen. Beide sind bis heute glücklich verheiratet und arbeiten auch künstlerisch erfolgreich zusammen.

Das ist aber auch das einzige Happy End. Coppola musste wieder für die verhassten Studios arbeiten, um gut 25 Millionen Dollar Schulden loszuwerden. Als Star-Regisseur dauert das zum Glück nicht sooo lange. Aber liefert immerhin hier eine Antwort auf das Warum einiger Projekte. Zoetrope schleppte sich noch bis 1990, als es Insolvenz anmeldete und dann als American Zoetrope refirmierte. Nun werden hier aber nur noch Francis‘ und Tochter Sophia Coppolas Filme produziert (und ‚Jeepers Creepers‘, warum auch immer). Das Studio gibt es lange nicht mehr. Interessanterweise wurde Zoetrope Mitbegründer Lucas 20 Jahre nach Coppola auch vom Wunsch nach absoluter Kontrolle getrieben. Er drehte für seine Prequel-Trilogie nicht nur alles im Studio sondern gleich vor Greenscreen. War Coppola da Mitschuld dran? Keine Ahnung, aber ich glaube er hat so oder so genug für ‚Einer mit Herz‘ gelitten.

Welche Folgeprojekte haben Euch überrascht? Im Positiven wie im Negativen?