Was war DIVX und warum ist es gescheitert?

Man lernt bekanntlich nie aus. So habe ich neulich zum Tom Hanks Film ‚That Thing You Do!‘ recherchiert. In der US-Veröffentlichungsgeschichte fiel mir dort etwas auf. Nach VHS und Laserdisc erschien der Film dort 1998 als „DIVX“. Eine DVD Veröffentlichung erfolgte erst drei Jahre später. DIVX? Was ist DIVX? Fragte ich mich jedenfalls. Und die Antwort darauf gestaltete sich interessanter als ich gedacht hätte.

Um eine Sache direkt klarzustellen: wir sprechen hier nicht über den Video-Codec DivX, der um die Jahrtausendwende höchstbeliebt war, weil man damit gerippte DVD Filme ohne allzu großen Qualitätsverlust (najaaa, für damalige Ansprüche) auf CD-Rom Größe komprimieren konnte. Allerdings war der Name des Codecs, anfangs noch mit angehängtem Zwinker-Smiley, durchaus eine Anspielung an das gescheiterte System DIVX, über das wir nun endlich sprechen wollen.

DIVX war nichts weniger als ein Versuch der US Elektronik-Kette Circuit City und der Anwaltskanzlei Ziffren, Brittenham, Branca & Fischer den US Leihfilmmarkt zu revolutionieren (und bei Erfolg sicherlich auch den der restlichen Welt). Die Idee liest sich zunächst einmal durchaus clever. Der Kunde kann eine DIVX-Scheibe, mit einem Film darauf, für einen geringen Betrag bei einem Händler erwerben. Zuhause wird sie in den DIVX-Player eingelegt. Das war quasi ein vollwertiger DVD Player, der aber auch ans Telefonnetz angeschlossen werden konnte und musste, um DIVX zu nutzen. Zusätzlich musste ein Konto vorhanden sein. Denn nach dem ersten Einlegen einer DIVX hatte man 48 Stunden Zeit den Inhalt sooft man wollte zu schauen. Danach hatte man zwei Möglichkeiten. Entweder man zahlte zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal die „Leihgebühr“ und hätte erneut 48 Stunden Zeit, oder man zahlt einen etwas höheren Betrag und schaltete die Scheibe ein für alle mal frei. Dieser Freischaltstatus wäre danach übrigens an kein Konto geknüpft, sondern direkt an die Scheibe, sodass sie auch verkauft oder verschenkt werden könnte. Ganz schön fortschrittlich!

Das liest sich erst einmal wie eine durchaus gute Idee, um teuren „Blindkäufen“ zu entgehen. Erst mal billig die Scheibe mitnehmen und, sofern der Film gefällt, kann man sie immer noch freischalten. Und da jeder DIVX Player auch ein DVD Player war, wäre hier eine wunderbare symbiotische Beziehung mit diesem 1997 eingeführten Format möglich gewesen. Das Problem war, dass sich Circuit City auf Anhieb eine ganze Menge Feinde gemacht hatte. Teilweise ohne Not.

Da waren zunächst einmal die absolut berechtigten Einwürfe von Umweltschützern, die vor extremen Mengen Plastikmüll durch die „Leih“-Scheiben warnten, wenn gesehene DIVX Scheiben direkt in den Müll wandern würden. Ob derartige Bedenken 1998, in der Zeit der AOL CDs und zahlloser Zeitschriften mit Coverscheiben, irgendwen beeindruckten, darf ernstlich bezweifelt werden.

Allerdings verscherzte man es sich auch direkt mit den Mächten hinter der DVD. Den Entwicklern Toshiba und Sony und Filmstudioriesen wie Warner, die bereits voll auf die DVD setzten (wer erinnert sich noch an die Papp-Cases?), indem DIVX Marketing DVDs als „Basic DVDs“ beschrieb und die eigenen Scheiben als „DIVX Enhanced“. Das sorgte dafür, dass teilweise Anti-DIVX Werbung in US-Tageszeitungen geschaltet wurde, die den Begriff „Open DVD“ den verschlüsselten DIVX Scheiben gegenüberstellte.

Schlimmer noch, die Qualität der Veröffentlichungen ließ zu wünschen übrig. Viele Filme auf DIVX erschienen als Pan & Scan 4:3 Versionen quasi ohne Bonusmaterial. Während gerade die DVD bewies, wie das viel besser geht. Und so war im Online Fandom die Stimmung von Anfang an extrem gegen DIVX eingestellt, weil man eine schlechtere Alternative fürchtete, die dem gerade aufkommenden DVD Markt das Wasser abgraben könnte. So wurden von Anfang an teilweise bösartige Gerüchte gestreut. Etwa, dass die DIVX Geräte dauerhaft auf die Telefonleitung zugreifen und so die Kosten in erstaunliche Höhen treiben würden. Das stimmte natürlich nicht. Das Gerät selbst verband sich zweimal im Monat, oder aber, wenn vom Kunden selbst die Freischaltung einer Scheibe vorgenommen wurde.

Und dennoch sah im Weihnachtsgeschäft 1998, als DIVX im großen Stil in den amerikanischen Markt eingeführt wurde, die Situation eigentlich nicht wirklich schlecht aus. Dreamworks, Paramount und 20th Century FOX wollten ihre Filme exklusiv auf DIVX veröffentlichen und auf normale DVDs verzichten. Disney immerhin beide Formate unterstützen. Hauptgrund hierfür war vermutlich der bessere Kopierschutz von DIVX. Und tatsächlich schien sich ein erster Erfolg einzustellen. Im Januar 1999 hatte DIVX einen Marktanteil von 23% erreicht. Bis März erschienen über 400 Titel in dem Format. Aber dennoch war das Ende bereits abzusehen. Und die meisten von Euch ahnen vermutlich bereits warum.

Keine große Technikkette war bereit DIVX Player oder Medien in ihre Regale zu stellen. Warum sollten sie auch, wenn sie damit ihren eigenen Konkurrenten, Circuit City, direkt unterstützen würden? Und selbstverständlich boykottierten große Videothekenketten wie Blockbuster Video das Format vollständig. Warum sollte man sich damit das eigene Kerngeschäft kaputtmachen (das würde dann Netflix ein gutes Jahrzehnt später erledigen)? Dazu kam dann eben noch die enttäuschende Qualität der Veröffentlichungen, so dass selbst Kunden, die einen Circuit City in ihrer Nähe hatten vermutlich wenig Grund sahen DIVX Scheiben anstatt DVDs zu erwerben. Die Unkenrufe aus dem Internet und von düpierten Branchenriesen taten ihr Übriges.

Circuit City selbst hatte sich mit Entwicklung und Anlaufkosten des Formats erheblich überhoben und berichtete von etwa 114 Millionen Dollar Verlust. Andere Quellen sprechen von über 300 Millionen. Und so wurde bereits nach einem halben Jahr, Mitte Juni 1999, die Reißleine gezogen, nachdem es nicht gelang, andere Investoren ins Boot zu holen. Der Verkauf von Playern und Scheiben wurde gestoppt. Kunden konnten ihre Player zurückgeben und erhielten 100 Dollar erstattet. Scheiben wurden zum vollen Preis zurückgekauft. Alle produzierten, unverkauften Scheiben zerstört und damit die Befürchtungen der Umweltschützer vermutlich noch übertroffen. Wer Gerät und Scheiben nicht zurückgab, konnte diese noch zwei Jahre lang, bis Ende Juni 2001 uneingeschränkt nutzen. Danach wurde die DIVX Funktionalität abgeschaltet und man hätte „nur“ noch einen DVD Player im Regal. DIVX Scheiben waren nun nutzlos und das Format vom einen auf den anderen Tag tot.

Kein ganz großes Wunder also, dass ich von dem Format nie gehört habe. Für gut sechs Monate in den USA verkauft, vom Hersteller zurückgekauft und seit über 20 Jahren unbrauchbar, dürften DIVX Scheiben selbst relativ selten sein. Wobei findige Techniker natürlich Mittel und Weg gefunden haben die Scheiben auch später noch abzuspielen. Aber, ganz ehrlich, wozu? Es war ein interessanter Ansatz in einer Zeit, als die Silberscheibe den Heimkinomarkt revolutionierte, blieb aber hinter allen Erwartungen zurück und implodierte. Das Ende von Circuit City 2009 ist sicherlich nicht allein auf DIVX zurückzuführen, sondern die Entwicklung des Marktes weg von großen Technikhäusern hin zum Online-Shopping. Aber der Verlust einiger 100 Millionen Dollar dürfte nicht geholfen haben. Geschweige denn die Experimentierfreude von Circuit City gefördert haben.

Was macht einen Film „so schlecht, dass er gut ist“?

Es ist eine dieser Eigenschaften, die vornehmlich gewissen Filmen nachgesagt wird. Dass sie so schlecht seien, dass sie schon wieder gut werden. Das ist natürlich eine höchst persönliche Einschätzung, die vermutliche jede Person anderen Werken zukommen lassen oder absprechen wird. Aber bei einigen Filmen herrscht hier schon durchaus Konsens. Und da ich mir gerne die furchtbar wichtigen Fragen des Lebens stelle, will ich heute einmal untersuchen, was diese Bezeichnung ausmacht. Wie oben erwähnt wird es dennoch meine persönliche Meinung bleiben müssen, weil ihr vermutlich ganz andere Filme als ich „so schlecht, dass sie gut sind“ findet.

Nähern wir uns dem Thema erst einmal nicht von der qualitativen Seite, sondern vom Medium her. Warum ist es gerade der Film, der so beliebt ist für die qualitative Einschätzung „so schlecht, dass er gut ist“? Vermutlich weil er ein passives Medium mit relativ geringem Zeitaufwand ist. Kaum jemand wird sich hinsetzen und Stunden um Stunden einer schlechten TV Serie zu sichten, nur weil man sich hier und da unterhalten fühlt. Aber auf 90 Minuten eines Films destilliert kann das funktionieren. In einem Roman können handwerkliche Fehler die Rezeption auf eine Weise stören, die entweder erhebliche Anstrengung oder ziemlichen Ärger auslösen wird. Gerade wenn wir nicht nur über miserable Prosa, sondern Grammatik-, Rechtschreib oder Setzungsfehler sprechen. Auch ein Videospiel, in dem etwa die Sprungtaste nur jedes dritte Mal funktioniert erfordert weit mehr Geduld als ein Film, von dem man sich eben auch mit einem Bier in der Hand berieseln lassen kann. Es gibt sicherlich Beispiele für „so schlecht, dass sie gut sind“ in sämtlichen Medien (Musik wäre das nächst-wahrscheinliche), aber der Film ist für viele das offensichtlichste.

Also, was muss ein Film tun, um so schlecht zu sein, dass er gut ist? Zunächst einmal offensichtlich „schlecht“ sein. Mindestens ein Aspekt des Films muss vom Rezipienten als so unterirdisch wahrgenommen werden, dass er den gesamten Film versaut. Das können „objektive“ Kriterien sein, etwa schlechte Ausleuchtung, Anschlussfehler, Schnittfehler, sichtbare Crew, oder Versprecher der Schauspieler, die im Film verbleiben. Ich setze objektiv hier in Anführungsstriche, weil das letztlich auch alles künstlerische Konventionen sind, die man nicht wirklich objektiv bewerten kann. Zumeist geht es eh eher um subjektive Empfindungen, wie mangelhaftes Drehbuch, schlechte darstellerische Leistungen, billige Kulissen, unglaubwürdiges Setting, miese Effekte und so weiter.

Der Zuschauende muss den Film also als „schlecht“ empfinden. Entscheidend für „so schlecht, dass er gut ist“ ist in meinen Augen nun, dass das Vergnügen, welches man als Zuschauer aus dem Film zieht, nicht den Ideen des Films folgen darf. Ein „schlechter“ Actionfilm, in dem ich die Action dennoch als aufregend empfinde ist nicht „so schlecht, dass er gut ist“. Das wäre eher ein „guilty pleasure“. Wobei ich den Begriff hasse. Ein Film muss sich schon sehr viel sehr Übles leisten, damit ich mich schuldig dafür fühle, ihn zu mögen. So viel, dass ich ihn vermutlich eh nicht mehr mag. Nein, ein Actionfilm ist dann „so schlecht, dass er gut ist“, wenn ich über die Ungeschicklichkeit des Gezeigten lachen muss. Und das ist meiner Meinung nach wesentlich. Das Vergnügen, dass ich aus dem Film ziehe darf nicht den Ideen der Macher folgen, damit der Film „so schlecht, dass er gut ist“ wird!

Das Vergnügen, dass man aus einem solchen Film zieht ist denn auch meist das Lachen. Was einer der Gründe dafür ist, dass  Komödien selten als Beispiele für „so schlecht, dass sie gut sind“ genannt werden. Ein schlechter Horrorfilm kann komisch sein. Ein schlechtes Drama kann komisch sein. Ein schlechter SciFi Film kann komisch sein. Und so weiter. Aber eine schlechte Komödie ist, per Definition, ja gerade eben nicht komisch. Sicher kann auch ein Witz so schlecht sein, dass er auf ganz neue Weise komisch wird, aber das ist schwieriger als versuchten Ernst auf komische Weise zu versemmeln.

Womit wir zu einem wichtigen Kriterium der „Qualität“ des „so schlecht, dass er gut ist“ Films kommen: der Fallhöhe. Je höher die Ansprüche, die die Filmemacher an sich selbst stellen und die sie komplett verfehlen, umso höher ist das Vergnügen, dass man  auf die ironische „so schlecht, dass er gut ist“ Weise aus dem Werk ziehen kann. Je höher der Anspruch, umso mehr wird die letztliche Absurdität der ganzen Unternehmung offenbar. Der zynische Cashgrab einer Uwe Boll Videospielverfilmung ist sicherlich schlecht, vielleicht sogar „so schlecht, dass er gut ist“, aber er wird nie zu einem der berühmtesten Vertreter dieses Genres werden. Dazu braucht es höheren Selbstanspruch. Vielleicht den eines Ed Wood, der in ‚Plan 9 from outer Space‘ moralische Science Fiction schaffen wollte. Einen tiefen Blick werfen, auf die selbstzerstörerischen Impulse der Menschheit. Am Ende aber nur billigte Sets, UFOs an der Schnur, statt Bela Lugosi einen Chiropraktiker mit Umhang vor dem Gesicht und desinteressierte oder talentfreie Darsteller zur Verfügung hatte. Oder den eines James Nguyen, der mit ‚Birdemic‘ nicht nur eine Hitchcock Hommage schaffen, sondern nebenbei auch noch auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam machen wollte. Und grandios scheiterte, an ewigen Autofahrszenen, einem Hauptdarsteller, der nicht überzeugend eine Straße heruntergehen kann und Clipart-„Spezial“effekten. Oder natürlich ‚The Room‘, Tommy Wiseaus grandiose Selbstüberschätzung, die Geschichte eines Mannes, der von seinem gesamten Umfeld verraten wird. Ein Film, in dem schlicht nichts so funktioniert wie es soll.

Diese Fallhöhe ist auch der Grund, warum absichtliche „so schlecht, dass sie gut sind“-Filme für mich fast nie funktionieren. Wie etwa dieser ‚Sharknado‘ Scheiß. Seht her, wir haben Schrott gemacht, aber absichtlich! Toll oder? Diese Art von Film benötigt ein tiefes Wissen um die Art von Film, die man machen möchte und eine große Liebe für das Genre. Ein ‚Black Dynamite‘ etwa versteht und liebt das „blaxploitation“ Genre und zeigt seine Unzulänglichkeiten perfekt auf. Ins Bild hängende Mikrofone oder ein Stuntman, der nach einer verbockten Szene plötzlich ausgetauscht wird, etwa. Aber beide Beispiele sind, zumindest nach meiner Definition, ja gar keine „so schlecht, dass sie gut sind“ Filme. Denn aus dem einen ziehe ich überhaupt kein Vergnügen und im anderen folgt mein Vergnügen exakt den Ideen der Filmemacher.

Natürlich ist diese Definition alles andere als wasserdicht. Es gibt sicherlich Filme, die mag man genau so wie sie gewollt sind, aber es gibt einzelne Szenen darin, die sind „so schlecht, dass sie gut sind“. Oder umgekehrt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Grenzen zwischen bewusstem „camp“, also augenzwinkernder Albernheit und „schlechtem Film“ wohl ziemlich fließend sind. Anders ist es für mich nicht zu erklären, dass etwa ein Film, wie ‚Killer Klowns From Outer Space‘ auf „so schlecht, dass sie gut sind“ Listen landen kann. Wenn jemand mit dem Film Spaß hat, dann sind die Ansprüche der Macher voll erfüllt. Das bedeutet natürlich nicht, dass man ‚Killer Klowns From Outer Space‘ nicht schlecht finden darf (das bedeutet nur, dass wir keine Freunde sein können). Aber wer ihn „so schlecht, dass er gut ist“ findet, hat ihn nicht verstanden.

Und damit sind wir wieder beim extrem Subjektiven der gesamten Einschätzung. Ich habe Leute gesehen, die diese Einschätzung jedem Film zukommen lassen, der erkennbar nicht die Finanzen eines Hollywoodblockbusters zur Verfügung hat, den sie aber dennoch mögen. Oder jedem Film, der willentlich darauf aufmerksam macht, dass er nicht „realistisch“ ist. Es ist eben kein fest gefasstes Genre (soweit es die überhaupt gibt), sondern eine zutiefst persönliche Einschätzung. Darüber was schlecht ist und darüber, was dennoch unterhält.

Der Stunt und der Film

Stuntleute sind doch so etwas wie die unbesungenen Heroen des Films. Sie werden angezündet, erschossen, stürzen von Klippen, springen in Autos über Schluchten, stürzen mit Autos in Schluchten, springen aus in Schluchten stürzenden Autos, lassen Stars wie brillante Nahkämpfer wirken, hopsen zwischen fahrenden Fahrzeugen hin und her als wär es nichts. Und besonders viel Anerkennung bekommen sie dafür weder von der Filmindustrie selbst, noch von deren Zuschauern.

Dabei haben sie anfangs durchaus die Richtung der Filmindustrie mitbestimmt. Der erste „professionelle“ Stuntman (sprich, der erste, der bezahlt wurde) war ein heute unbekannter Akrobat und Schwimmer, der 1908 für Francis Boggs ‚Der Graf von Monte Christo‘ von einer Klippe ins Meer sprang. Er bekam dafür satte 5 Dollar (heute inflationsbereinigt um 150 Dollar). Weit bedeutender aber war, dass im frühen 20ten Jahrhundert der Westen der USA nicht mehr wirklich „wild“ war. Mit all den finsteren Implikationen, die das für die dortigen Ureinwohner hatte. Das bedeutete eine ganze Menge nun arbeitsloser Cowboys. Was liegt näher, wenn man eine große Menge hocherfahrener Reiter und Viehtreiber hat, als den Westen im Film wieder wilder denn je zu machen?

Und so wurde der Western eines von Hollywoods frühen, großen Genres. Stunttechnisch interessant in der Zeit ist fraglos auch das Genre des Slapstick. Doch gab es einen gewaltigen Unterschied zum Western. Die Stars wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin machten ihre Stunts hier allesamt selbst. Und gerade im Falle Keatons waren das teilweise durchaus haarsträubende Leistungen. Eine Ausbildung hierfür gab es natürlich nicht. Wie Zirkusclowns lernten sie durch schmerzhaftes Ausprobieren. Behalten wir Darsteller, die ihre eigenen Stunts absolvieren aber mal im Hinterkopf. Die werden noch wichtig.

Die westliche, klassische Schauspielausbildung verwendete auf den Bühnenkampf nicht allzu viel Zeit, anders als etwa die Ausbildung für die chinesische Oper, die diesen Teil deutlich ernster nahm. Stuntdarsteller konnten beim westlichen Film also durchaus eine sichere Karriere antreten. Sicher natürlich nur in Bezug auf die Arbeitsaussichten, nicht immer unbedingt in Bezug auf die Arbeitssicherheit. Ich hätte auch „Stuntmänner“ sagen können, denn lange Zeit galt das als ein rein männliches Geschäft. Bis in die 80er verwandelten sich zierliche Darstellerinnen, wenn sie denn etwa aus einem Auto springen mussten, in breitschultrige Männer im Kleid mit blonder Perücke. Und dank high defintion können wir es heute alle auf unseren Fernsehern sehen. Nicht, dass das Problem auf Frauen/Männer beschränkt war. In der guten alten ‚Batman‘ Serie aus den 60ern etwa, bemerkt man den Wechsel von Batman Adam West zum Stuntdarsteller dank Kostüm kaum. Doch Burt Ward in seinem deutlich kanpperen Robin Kostüm altert sichtlich um ca. 30 Jahre, wenn es in Zing, Biff, Pow-Szenen geht.

Mich stört das wenig, es ist charmant. Man lernte gewisse Stuntleute quasi schon als Kleindarsteller schätzen. Alle, die mehr als fünf Bud Spencer/Terrence Hill Filme gesehen haben, wissen wen ich meine, wenn ich „der Stuntman mit dem grauen Bart“ sage. Genau der. Der, den es immer besonders übel erwischt hat. Man hielt ja schon Ausschau und war enttäuscht, wenn er mal nicht verkloppt wurde. Dank des Internets kann ich Euch nun sagen, der Mann heißt Riccardo Pizzuti und er lebt noch!

Über die Jahre wurden Stunts jedenfalls immer aufsehenerregender, das Material mit dem Stuntleute arbeiten konnten umfangreicher und, zum Glück, auch Sicherheitsvorkehrungen professioneller. Schmerzhaftes Ausprobieren oder gar tödliches Ausprobieren bevor es zu Sicherheitsbestimmungen kam, waren und sind aber durchaus immer noch zu finden. Doch nun schleuderten „air rams“ Stuntdarsteller nach Explosionen meterweit durch die Luft. In den 60er Jahren setzte sich dann in Hollywood eine der wichtigsten Erfindungen für Stunts durch. „Squibs“. Kleine Päckchen mit Kunstblut, meist in der Kleidung der Stuntdarsteller, die durch eine kleine Ladung zum explodieren gebracht werden und so die Treffer von Geschossen überzogen simulieren.

Der 80er-Jahre Actionfilm ist ohne Squibs kaum vorstellbar. Menahem Golans und Yoram Globus‘ Cannon Group allein dürfte ganze Fabriken zur Herstellung der Blutpäckchen betrieben haben während sie ihre zahllosen Billigproduktionen herunterkurbelten.

Solcherlei Stunts wurden zum Standard. Doch konnte man in den 70er oder 80er Jahren mit Stunts immer noch begeistern. Das galt nicht einmal nur für Blockbuster Produktionen (die Idee des Blockbusters entstand eh erst in der Mitte der 70er). 1988 etwa veröffentlichte ‚Flodder‘-Regisseur Dick Maas ‚Verfluchtes Amsterdam‘ (‚Amsterdamned‘ ist der VIEL bessere Originaltitel). Einen gelungenen niederländischen Giallo mit Groschenromancharme und schicken Aufnahmen von Amsterdam. Mittendrin eine große Schnellbootjagd durch die Grachten. Stuntman Nick Gillard legte hier einen Bootssprung über 67 Meter (und zwei Brücken!) hin, womit er seinen eigenen Rekord aus dem Bondfilm ‚Leben und sterben lassen‘ brach und ins Guinnessbuch einzog. Der reißerische Film warb gerne damit.

Die 70er waren denn auch die Zeit als der Westen plötzlich eine Entdeckung machte. Das Hongkong-Kino. Oder anders gesagt der Kung Fu oder Wuxia Film. Hier war es üblich, dass die Stars, ganz wie beim alten Slapstickfilm, den Großteil ihrer Stunts selbst absolvieren. Zahllose Stars der Shaw Brothers Studios, Bruce Lee, Sammo Hung, Yuen Biao und selbstverständlich Jackie Chan. Das waren plötzlich auch im Westen bekannte Namen. Und anders als im westlichen Kino galt das hier absolut auch für die weiblichen Stars. In der chinesischen Oper wurden lange Zeit alle Rollen von Männern gespielt. Nicht zuletzt das führte dazu, dass auch Frauen als fähige Kämpferinnen auftraten. Im Wuxia Film (nicht nur aus Hongkong, auch aus Taiwan!), der Kung Fu sehr in der Tradition der Oper zeigt spielten dann aber doch wieder Frauen die Rollen ihres Geschlechts. Und eben auch die fähiger Kämpferinnen. Pionierinnen wie Xu Qin-fang bereiteten den Weg, damit in den 60ern Darstellerinnen wie Hsu Feng (tut Euch selbst einen Gefallen und treibt irgendwo ‚Ein Hauch von Zen‘ auf!) oder Cheng pei-pei echten Starruhm erreichen konnten.

Der Westen war hier deutlich weniger progressiv. Während die männlichen Darsteller nach dem Ende des großen Hongkong-Booms gerne nach Hollywood geholt wurden um ihre Kampfkünste zu zeigen (Jackie Chan ist das offensichtlichste Beispiel), war etwa Michelle Yeoh etwas konsterniert, als ihr Roger Spottiswoode, Regisseur von ‚Der Morgen stirbt nie‘, verbot ihre eigenen Stunts auszuführen. Sie bestand jedoch darauf ihre eigenen Kampfszenen zu drehen.

Der Hongkong-Film seinerseits griff Squibs mit erstaunlicher Begeisterung auf und spätestens in den frühen 90ern war es diese Stuntvorrichtung, die half dem neuen Genre „heroic bloodshed“ seinen Namen zu geben.

Heute scheinen Stunts einiges an ihrer Magie eingebüßt zu haben. CGI lässt Dinge möglich werden, die eigentlich unmöglich sind. Dagegen kommen Stuntleute, die letztlich an die Gesetze der Physik und die Grenzen der Belastbarkeit des menschlichen Körpers gebunden sind kaum an. Wen interessiert es, wenn ein Stuntman mit seinem Schnellboot 67 Meter springen kann, wenn man daraus mit CGI auch 200 Meter machen kann, während Dwayne „The Rock“ Johnson vor dem Greenscreen seine Augenbraue hochzieht?

Es scheint nur noch einen Weg zu geben das Publikum für Stunts zu begeistern. Den Slapstick-Weg, den Hongkong-Weg. Der Star selbst muss den Stunt ausführen. Dann wird er wieder interessant. Und ja, wir denken in diesem Moment alle an die exakt gleiche Person. Tom Cruise vollführt pro Film mindestens einen tollkühnen Stunt und er lässt es jeden wissen, der ihn zu Wort kommen lässt. Und ja, da ist eine Faszination, wenn man weiß, dass es Tom Cruise selbst ist, der da am Flugzeug oder Burj al Khalifa hängt. Der lernt wie man einen Helikopter fliegt, um es dann im Film auch selbst zu tun.

Aber weil es eben nicht der bescheidene, selbstironische Jackie Chan ist, der in Interviews selbst auf die lange Stunt-Tradition bis Keaton verweist, sondern das wohl hollywoodigste aller Hollywoodgrinsen seit es professionelle Zahnreinigung und Scientology gibt, Mr. Tom Cruise himself, kommt schnell ein anderes Wort ins Gespräch: Ego. Und manchmal frage ich mich, ob eine Reihe wie ‚Mission: Impossible‘ nicht sogar ein wenig unter ihrem stuntfreudigen Star leidet. Schließlich erhält eine der, in meinen Augen, besten Action-Reihen der Gegenwart (von der ausgerechnet heroic bloodshed Begründer John Woo den schwächsten Film abgeliefert hat…) so den (nicht ganz unverdienten) Ruch des reinen Cruise Ego-Produkts. Aber sie ist deswegen auch eine der letzten Blockbuster-Reihen die klassische Stunts wirklich hochhält.

Aber er geht nicht weg, der klassische Stunt. In den letzten Jahren scheint er gar ein kleines Comeback zu feiern. Mit Reihen wie den ‚John Wick‘ Filmen, in denen Stuntleute absolut zeigen dürfen, was sie können. Oder ‚Everything Everywhere All at Once‘, einer surreal-charmanten Darstellung einer existentiellen Krise, deren Macher weise genug waren Michelle Yeoh gewähren zu lassen. Doch das sind alles keine Riesenproduktionen. Das sind erfolgreiche Filme der zweiten Reihe. In Südostasien eifert man dem Hongkongkino früherer Tage durchaus nach und bringt immer noch Actionstars hervor, die ihre Stunts selbstverständlich selbst machen. Tony Jaa aus Thailand vor ein paar Jahren, oder, ganz aktuell, Iko Uwais aus Indonesien (mit dem derzeit Hollywood so rein gar nichts anzufangen weiß, etwas wovon Leute wie Jet Li oder Donnie Yen ein Lied singen können (ich mein, das können sie vermutlich wirklich, die sind talentiert!)). Und diese werden sicherlich auch in Zukunft nicht verschwinden. Denn für viele Zuschauer macht es eben doch einen Unterschied, ob sie das Licht von einem echten Menschen reflektiert sehen, der absolut Unglaubliches unternimmt, wobei jeder einzelne Schritt perfekt durchdacht werden will, oder eine CG-Figur, die unter üblen Arbeitsbedingungen in einen Computer gehackt wird.

Quentin Tarantino drehte vor kurzem mit ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ einen Film, den man wohl als ein Hohelied auf den klassischen Stuntman bezeichnen könnte. Brad Pitts Cliff Booth erlebt eine Art Ersatzruhm durch DiCaprios Rick Dalton, ein Darsteller, dessen Stern im Sinken ist und dessen Stunts er vollführt. Nicht nur vermöbelt dieser Cliff das Manson Family Mitglied Clem Grogan, der in Realität bei der Spahn-Ranch vermutlich einen Stuntman ermordet hat, auch Bruce Lee bekommt sein Fett weg. Etwas unverdient, wie häufig besprochen. Natürlich hat Tarantino, der Mann der Filme mehr liebt als das wahre Leben, ein großes Herz für Stuntleute (was nicht davon ablenken sollte, dass er etwa von Uma Thurman verlangt hat selbst Stunts zu vollführen, die sie nicht hätte selbst machen sollen!). Das sieht man nicht zuletzt daran, dass er Stuntfrau Zoë Bell, nachdem sie ihn in ‚Kill Bill‘ ziemlich beeindruckt hat, immer wieder Rollen in seinen Filmen gibt.

Was ich mit meiner Begeisterung über Stunts vermutlich sagen will ist: mehr Squibs. Ich möchte wieder mehr Squibs sehen! Nichts macht Action dreckiger, als wenn jemandes gesamter Brustkorb in überzogenen Blutfontänen explodiert. Und CGI Blut funktioniert bis heute nicht richtig!!

Gibt es Filme, die „sicher“ vor Remakes sind?

Das Remake ist ein oft ungeliebtes aber dennoch immer wieder lukratives Unterfangen in Hollywood. Langsam aber sicher arbeitet man sich derzeit durch 30 bis 40 Jahre alte Titel und schaut, was sich wiederbeleben lässt. Wobei das Remake derzeit ein wenig wie ein Auslaufmodell scheint und das späte Sequel, das gleichzeitig als Reboot funktioniert an Beliebtheit gewinnt. Schließlich gewinnen hierbei alle, es ist keine pure Wiederholung von Bekanntem, aber das Studio kann den bekannten Namen benutzen.

Dennoch wird das Remake so bald sicher nicht verschwinden. Die Frage ist, gibt es Filme, die sicher vor einem Remake sind? Sicherlich kann man hier finanziell nicht sonderlich erfolgreiche Filme und „persönliche“ Filme, die ohne den Filmemacher nicht denkbar wären nennen. Aber ich meine hier ganz bewusst Filme, die eigentlich gefundenes Fressen für ein Remake wären.

Eine gute Absicherung gegen Remakes, so scheint es wenigstens, ist die Nähe zu Steven Spielberg. Remakes eigener Filme wie ‚Der Weiße Hai‘ oder ‚ET‘ hat er schon kategorisch ausgeschlossen. Aber auch Projekte an denen er entfernter beteiligt war, sind bisher darum herumgekommen. ‚Gremlins‘ etwa wird vermutlich irgendwann einen dritten Teil bekommen, aber Joe Dante und Autor des ersten teils Chris Columbus lehnen ein Remake lautstark ab. Ob die beiden allein es verhindern könnten, wer weiß, aber Spielberg ist immerhin Produzent. Dieselbe Situation besteht bei ‚Zurück in die Zukunft‘ Robert Zemeckis und Ko-Autor Bob Gale sagen ein Remake sei „nur über ihre Leichen“ zu machen. Auch hier ist Spielberg Produzent. Ebenso bei ‚Goonies‘, wo sicherlich zahlreiche Verantwortliche auf ein Remake brennen.

Doch verallgemeinern kann man das nicht. ‚Poltergeist‘ etwa, wurde von Spielberg produziert, was ihn aber nicht vor einem reichlich mäßigen Remake retten konnte. Und natürlich ist Steven Spielberg auch Mitte 70. Was offen lässt, wie sich die Situation in 20 Jahren darstellt. Wenn der Name ‚Zurück in die Zukunft‘ dann immer noch zieht könnte genau das eintreten, was die Bobs Gale und Zemeckis in Aussicht stellen.

Nein, eine echte Sicherheit gibt es wohl wirklich nicht. Oder doch? Kathleen Kennedy, Präsidentin von Lucasfilm, hat kürzlich festgestellt, dass es keine Darsteller gäbe, die die Rollen der ikonischen Charaktere aus ‚Star Wars‘ übernehmen könnten. Ich weiß nicht, ob ich ihr da zustimme, aber damit wäre zumindest die originale Trilogie doch sicher vor Remakes, oder? Für den Moment ist sie das sicherlich. Disney ahnt vermutlich, dass sie damit eine Menge Geld einfahren könnten, wissen aber auch, dass die ‚Star Wars‘ Fans ziemlich laut werden können. Und ein Remake der originalen Trilogie würde zu extremem Geschrei führen. Das wäre jetzt vermutlich die Stelle in einem Film, wo sich der unauffällige Charakter am Fuß des Tisches zu Wort meldet und unsicher fragt „und was ist mit den Prequels?“. Tja, wer weiß? Und wer weiß, wie die Situation in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussieht. Kennedys Aussage mag jetzt gerade gelten, aber für die Ewigkeit steht sich vermutlich nicht.

Gibt es Filme, bei denen Ihr Euch wundert, warum es noch kein Remake gibt? Nicht unbedingt solche, bei denen Ihr es Euch wünscht (wobei das auch okay ist), aber solche deren Name eigentlich stark genug ist, dass sich eines lohnen würde, bislang aber merkwürdig ausbliebt.

Reden wir über ‚Scream‘ (1-4)

Den folgenden Text habe ich von meiner, am kommenden Montag erscheinenden Besprechung von ‚Scream‘ (2022) abgeschnitten und noch ein ganzes Stück erweitert. Weil es mir ein bisschen sinnlos erschien, in einer Besprechung fast mehr über die Vorgängerfilme als das eigentlich Thema zu schreiben.

Wenn man die großen Horrorfranchises der 80er schaut, dann kommt ein Begriff ganz automatisch in den Sinn: Fallhöhe. Der erste ‚Halloween‘? Grandios. Der große Rest beschreibt eine steil abwärts deutende Kurve. ‚Nightmare on Elm Street‘? Genau das Gleiche. Die Ausnahme von der Regel ist hier wohl ‚Freitag der 13te‘, der von Anfang an als zynisches Cash-In gedacht war, im Laufe der Reihe aber einen eigenen Charakter entwickelte. Wes Craven wurde berühmterweise mehr oder weniger gezwungen, am Ende seines ‚Nightmare on Elm Street‘ einen Sequel Hook unterzubringen und kehrte zu der Reihe erst nach 10 Jahren zurück. Weitere 2 Jahre später veröffentlichte er einen Film,  der auf ein Sequel vorbereitet war und der die extreme Fallhöhe der 80er Franchises verhindern wollte.

‚Scream‘ war 1996 ein erstaunlicher Film. Der Slasher war lange schon purer „Direct to Video“-Mumpitz. Überhaupt tat sich Horror in den 90ern ein wenig schwer. Statt Slashern gab es ernsthaftere Serienkiller Filme, wie ‚Das Schweigen der Lämmer‘ oder ‚American Psycho‘. Man bemühte sich, die alten Gothic Monster einmal wieder aus der Kiste zu holen, wie in ‚Bram Stokers Dracula‘. John Carpenter zeigte mit ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ ein letztes Mal was er konnte. Und an den Rändern fand sich Faszinierendes, wie ‚Candyman‘ oder ‚Ravenous‘. Doch der Horror hatte den Mainstream weitgehend verlassen. ‚Das Schweigen der Lämmer‘ etwa hätte sich freiwillig nie so genannt. Das war natürlich ein Psychothriller. ‚Scream‘ war da anders. ‚Scream‘ war Horror und wollte Horror sein. ‚Scream‘ wusste, dass sein Kernpublikum Horror kannte. Horrortropen durchschaut hatte. Sich damit rühmte sich nicht mehr erschrecken lassen zu können.

Und genau das wandte er gegen sein Publikum. Seine Charaktere waren eben exakt jene blasierten Besserwisser. ‚Scream‘ ist kein „ironischer“ Film, wie man manchmal liest. ‚Scream‘ ist ein meta-Film. Er kommentiert sein Genre. Aber ‚Scream‘ lacht nicht über seine Morde. Und wenn doch einmal ein Mord grotesk-komisch ist, etwa wenn die arme Tatum (Rose McGowan) aufgrund ihrer Brüste nicht durch die Katzenklappe entkommen kann, dann ist auch das ein Kommentar auf sein im Herzen zutiefst albernes und mindestens etwas misogynes Genre. Aber es wäre zu einfach, den Erfolg von ‚Scream‘ nur auf seinen meta-Kommentar zu verkürzen. Die Leistung des Films ist nicht die „Regeln des Horrorfilms“ zu formulieren.

Die von Kevin Williamson geschriebene Story und vor allem seine Dialoge fühlten sich damals wahnsinnig frisch und modern an. Und wie alles, das einmal wahnsinnig frisch und modern war, wirkt es heute wie eine Zeitkapsel. Wie ein Moment der mittleren 90er auf ewig perfekt in Bernstein eingefroren. Was aber keinesfalls bedeuten soll, er wirke heute veraltet. Williamson gelang hier, besser als es ihm je wieder gelingen sollte, die Mischung aus whodunnit und Slasher. Zahlreiche Szenen des Films werden komplett zu rekontextualisiert, sobald man weiß, wer die Mörder sind. Kein späterer ‚Scream‘ würde jemals wieder eine solche Darstellerriege mitbringen. Allen voran natürlich die „großen drei“ der Serie.

Neve Cambell als Sidney Prescott, die komplett redefinierte, was ein Final Girl ist. Die dafür sorgte, dass der Hauptdarsteller eines Slashers nicht mehr der perverse Killer ist, sondern die Überlebende. Campbell gelang es auf absolut faszinierende Weise Verletzlichkeit und die Fähigkeit zum Ärschetreten in sich zu verbinden und Sidney zu einer Figur zu machen, die ohne das eine oder andere nicht mehr funktionieren würde. Courteney Coxes Gale Weathers ist hier im ersten Film noch die Nachrichtenfrau, die für Ruhm, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen gehen würde. Sie ist hier noch recht eindimensional, würde aber von den großen drei im Laufe der Reihe die größte Entwicklung durchlaufen. Und dann ist da Dewey Riley, David Arquettes beste Rolle. Dewey ist schwer greifbar, wirkt wie ein kindlicher Trottel, siehe die Szene in der der harte Sheriff eine Zigarette raucht und Dewey ein Eis leckt. Er ist aber auch ein fähiger Polizist und würde im Laufe der Reihe zu einer Art großem Bruder für Sidney werden, als Ersatz für seine kleine Schwester und Sidneys beste Freundin Tatum.

Darüber hinaus haben wir hier Skeet Ulrich, als Sidneys Freund Billy. Unfassbar schmierig und für den Zuschauer direkt als schuldig zu identifizieren. Aber genau damit spielt der Film. Ihm zur Seite steht Matthew Lillards Stu Macher. Ich gebe gern zu, mit Lillard konnte ich früher wenig anfangen. Heute muss ich anerkennen, dass niemand das tut, was Lillard hier macht. Er scherzt, ist übertrieben freundlich, dann wieder übertrieben eklig. Wenn Stu sein wahres Gesicht zeigen darf, schreit, heult und sabbert er, wie es sich kein anderer Darsteller trauen würde. Und es funktioniert. König der eingangs erwähnten Besserwisser ist Randy Meeks (Jamie Kennedy), in dessen Rolle der Film dann auch seinen höchsten meta-Faktor erreicht. Nämlich wenn Randy Meeks ‚Halloween‘ schaut und „Dreh Dich doch um, Jamie!“ brüllt, während sich der Killer von hinten an ihn heranschleicht.

‚Scream‘ war ein Paukenschlag, wie man ihn in Hollywood zuletzt mit ‚Pulp Fiction‘ gehört hatte. Und wie dort sprossen die Epigonen wie Pilze aus dem Boden. Einige schrieb sogar Kevin Williamson (‚Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast‘). Doch nur ein Jahr später war das Team um Wes Craven wieder da. Man war, wie gesagt, auf ein Sequel vorbereitet. Und für einen guten Teil funktioniert dieses Sequel. Die Beteiligten wollen die Morde des ersten Films hinter sich lassen (außer Gale), doch die Gesellschaft lässt sie nicht. ‚Stab‘ ist die neue Horrorfilmsensation, die auf den realen Vorfällen (bzw. Gales Schilderungen dieser in ihrem Buch) basieren. Es lassen sich Ermüdungserscheinungen erkennen, so ist die Gruppe um Sidney, jetzt am College, nicht mehr so interessant wie im ersten Film. Doch das Widersehen mit den Charaktereren und vor allem die romantische Entwicklung um Gale und Dewey hilft darüber hinweg. Dazu hat der Film einige von Craven meisterhaft inszenierte Verfolgungsjagden und Suspense-Szenen, die sich vor den besten Momenten des ersten Teils nicht verstecken müssen. Die Auflösung um die Killer gerät dann allerdings weitgehend zum feuchten Furz und fühlt sich arg bemüht an. Aber die erhebliche 80er Franchise Fallhöhe wurde erfolgreich vermieden.

So, und damit kommen wir zum Tiefpunkt. ‚Scream 3‘ erschien im Jahr 2000. Der Erfolg der ersten beiden Filme und die damit steigenden Budgets brachten der Produktion genauere Überwachung durch die Dimension Films Bosse Bob und (urks) Harvey Weinstein ein. Die meinten, der Film müsse, unter dem Eindruck des Amoklaufs an der Columbine High School, weit weniger brutal werden und solle sich stärker auf die satirischen Elemente konzentrieren. So wurde Williamsons Skriptentwurf (Stu Macher hat den ersten Film überlebt und kontrolliert vom Gefängnis aus einen Kult von Ghostface-Killern) in den Müll geworfen und Ehren Kruger angeheuert, um ein Script zu schreiben, das beim Dreh eines ‚Stab‘ Filmes spielt. Das schaffte auch tollen Raum für Hollywood Cameos. Die beste darunter vermutlich Carrie Fisher als eine Frau, die sich auch um die Rolle als Leia beworben hatte. Aber auch Schlock Meister Roger Corman taucht auf und, am auffälligsten und unpassendsten, Jay und Silent Bob. Aber die Weinsteins wussten, dass man um die Jahrtausendwende das Internet, in Form von „ain‘t it cool news“ beeindrucken musste. Und die liebten diesen Unsinn.

Die Story selbst funktioniert kaum, verliert sich in Retcons und Rückblenden und muss gar den toten Randy Meeks als Videoaufnahme zurückholen. In der Rückschau am interessantesten ist vielleicht Lance Henriksens Rolle als grotesk-widerwärtiger Hollywoodproduzent, in dem man problemlos Harvey Weinstein wiedererkennt. Der Typ ist letztlich der Auslöser für alle Geschehnisse der Reihe.  Aber auch davon ab funktioniert einiges. Sidney arbeitet nun für eine Hotline für Opfer von Gewalt, was exakt in ihren Charakter passt, Gale und Deweys Beziehung scheitert immer wieder an Gales Kälte. Die bekommt hier allerdings im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vorgehalten, in Form von Jennifer Jolie, gespielt von Parker Posey, der Darstellerin von Weathers im neuen ‚Stab‘. Posey hat erkennbar immense Freude daran eine überzogene Karikatur von Coxes Darstellung zu geben und wird somit direkt zum absoluten Höhepunkt des Films. Eines Films, der nicht wirklich gut ist, aber immerhin über weite Strecken unterhaltsam.

Dennoch wurde es danach für etwa 11 Jahre ruhig um die Reihe. 2011 kehrte sie mit ‚Scream 4‘ zurück und stieß damit weniger auf Begeisterung als auf Fragezeichen. Warum jetzt? Craven, Williamson und die großen drei Darsteller der Reihe kehrten zurück. Auch wenn während der Produktion Ehren Kruger zurückgeholt wurde, um Williamsons Skript zu überarbeiten. Das Thema des Films ist letztlich Neid auf den Erfolg Sidneys. Die hat inzwischen selbst ein Buch über ihre Erlebnisse der ersten drei Filme geschrieben. Während Gale, inzwischen mit Dewey verheiratet, an Schreibblockade leidet. Doch hat Gale inzwischen längst den Schritt zu Heldin vollzogen und so ist es der Neid und die Ruhmsucht anderer, die hier zur Gefahr wird.

‚Scream 4‘ folgt inzwischen in gewissem Sinne bereits seinen eigenen Klischees. Man weiß, was man bekommt, wenn man einen Film der Reihe schaut. Craven heuerte eine ganze Riege beliebter, junger Darstellerinnen an, Emma Roberts, Hayden Pannetierre, Anna Paquin, Kristen Bell und machte die damals noch neuen und aufregenden sozialen Medien und den seltsamen, neuen Ruhm, den man dort finden konnte zum zentralen Thema. Das wirkt gelegentlich ein wenig wie „Opa Craven motzt über die Jugend von heute“. Erstaunlich für einen Film von Craven ist aber ehrlich gesagt, wie hässlich er ist. Wenn er nicht gerade eine der, immer noch gekonnten, Verfolgungen inszeniert, sieht das gelegentlich wenig besser als eine Sitcom aus. Es fehlt der Elan der frühen Filme, aber der Film ist immer noch problemlos besser als der dritte.

Und er wurde auch immer noch ein Erfolg. Das Ausbleiben eines Nachfolgers lag wohl zum einen daran, dass die Missbrauchssituation um Harvey Weinstein wenige Jahre später endlich in die öffentliche Wahrnehmung explodierte. Und leider auch daran, dass Wes Craven kaum vier Jahre nach Erscheinen an einem Hirntumor starb.

Nun gut, eine gewisse Fallhöhe kann man also auch der ‚Scream‘ Reihe nicht absprechen. Keines der Sequels kam je auch nur in die Nähe des ersten Films. Doch, obwohl der dritte kein guter Film ist, gab es nie Totalausfälle. Die Filme waren immer noch wenigstens unterhaltsam und vor allem, die Charaktere bleiben konsistent.

Anfang dieses Jahres kehrte die Reihe zurück. Natürlich ohne Craven, aber auch ohne Williamson. Die großen drei sind wieder dabei. Und die neuen Regisseure sind Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die Macher hinter ‚Ready Or Not‘. Ich denke, ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich sage, dass in dem Film ein Charakter namens Wes vorkommt und den Film nicht überlebt. Auf einer Party wird ein Toast auf Wes ausgebracht. Und die Regisseure hatten Familie und Freunde von Craven für den Drehtag eingeladen, hinter der Kamera mit in „auf Wes!“ einzustimmen. Sie verstehen also absolut, in wessen Vorgarten sie hier spielen.

‚Zurück in die Zukunft II‘ und ein seltsam hellsichtiges Problem

Die ‚Zurück in die Zukunft‘ Trilogie erfreut sich seit bald 40 Jahren großer Beliebtheit. Während der erste Film als absoluter Klassiker gilt, werden die beiden Sequels vom Zeitgeist regelmäßig neu bewertet. Hinter den Kulissen der Filme gab es aber auch durchaus einiges Drama, welches man zumindest erahnen kann. So wurde für den ersten Film fast drei Wochen lang mit Eric Stoltz in der Rolle des Marty McFly gedreht (den man auch im fertigen Film noch teilweise hinter dem Steuer des DeLorean ausmachen kann). Danach wurde er entlassen und durch Michael J. Fox ersetzt. Mit Stoltz musste aber auch Melora Hardin als Martys Freundin Jennifer Parker die Produktion verlassen, weil sie laut den Produzenten neben Fox „zu groß“ wirkte. Sie wurde durch Claudia Wells ersetzt. Doch Wells gab kurz nach dem ersten Film, aufgrund nicht näher benannter persönlicher Probleme, die Schauspielerei auf. Sie wurde im zweiten Teil durch Elisabeth Shue ersetzt. Doch heute soll es um eine andere, weit schwierigere Ersetzung eines Darstellers gehen, die auf merkwürdige Weise ein damals weit in der Zukunft liegendes Problem vorwegnahm.

Crispin Glover, Darsteller von Martys Vater George McFly, war vom Drehbuch des zweiten Films (und vom Ende des ersten) ganz und gar nicht begeistert. Daher stellte er für seine Rückkehr eine absurde Gagenforderung von einer Million US-Dollar in den Raum. Die wurde natürlich abgelehnt und Glover durch Jeffrey Weissman ersetzt. Hier könnte die Geschichte eigentlich enden, doch genau hier wird es schwierig. Denn ‚Zurück in die Zukunft II‘ spielt zu großen Teilen innerhalb der Handlung des ersten Films. Und hier spielt George McFly eine große Rolle. Es war nicht realistisch machbar, einen guten Teil des ersten Films mit dem neuen Darsteller nachzudrehen, es wäre aber auch schwierig und verwirrend zwischen „alten“ und „neuen“ George McFly Szenen einen ständigen, offensichtlichen Darstellerwechsel zu haben. Daher entschlossen sich die Produzenten und Regisseur Robert Zemeckis auf einen Gesichtsabdruck Glovers zurückzugreifen, der für den ersten Film erstellt wurde und Weissman mittels prothetischem Makeup möglichst exakt wie Glover aussehen zu lassen. Eine falsche Nase, ein falsches Kinn usw. Dies gelang gut genug, dass offenbar ein guter Teil des Publikums getäuscht wurde.

Laut Glover und seinem damaligen Anwalt Doug Kari war man über diese Benutzung von Glovers exaktem Aussehen entsetzt. Umso mehr als, wiederrum laut Glover und Kari, Darsteller Weissman zu ihnen kam und ihnen berichtete am Set vielfach als „Crispin“ angesprochen worden zu sein. Als Beispiel wird hier Produzent Steven Spielberg angeführt, der lautstark zu Weissman gesagt haben soll „Na Crispin, hast du doch deine Million bekommen?“ Was sich für mich eher nach einem, zugegeben fiesen Scherz auf Kosten Glovers anhört, als nach einer bewusst verwendeten, falschen Persönlichkeit. Aber das Problem mit Witzen ist halt, dass sie vor Gericht nie witzig sind. Und vor Gericht würde es gehen, denn Glover verklagte Universal aufgrund unrechtmäßiger Verwendung seines Aussehens, an dem Universal keine Rechte besitze und wofür er keine Erlaubnis erteilt hätte. Universal antwortete mit einem Rechtseinwand, man habe ja nur den Charakter George McFly (an dem man sämtliche Rechte halte) weiterverwenden wollen und das wäre (wie oben beschrieben) nur auf diese Weise möglich gewesen. Die Klage sei daher abzuweisen.

Die Richterin schloss sich dieser Sichtweise nicht an und erlaubte Kari Zemeckis, Fox und Autor Bob Gale für eine anstehende Verhandlung vorzuladen. Allerdings riet sie auch dringend zu einem Vergleich. Und auf einen solchen einigte man sich, nachdem sich Universal zur Zahlung einer größeren Summe an Glover (eine dreiviertel Million US-Dollar steht gerüchteweise im Raum) bereiterklärte.

Ich kann natürlich nicht nachvollziehen, ob für Glover finanzielle Interessen im Mittelpunkt seines Handelns standen (allerdings wäre das ironisch, denn er betont gerade, dass er mit der materiellen Ausrichtung der Filme auf monetären Gewinn große Probleme hatte). Ich glaube ihm aber durchaus, dass ihn diese unrechtmäßige Verwendung seines Aussehens verletzt hat. Schließlich ist die physische Erscheinung ein wichtiger Teil des Handwerkszeugs für Schauspieler. Seiner Karriere in Hollywood zuträglich war die Klage des exzentrischen Darstellers sicher nicht.

Dadurch, dass es keinen direkten Richterspruch gab, sind aber auch keine klaren Richtlinien geschaffen. Dass ein Studio einen Darsteller für denselben Charakter durch einen anderen ersetzen darf ist etabliert und logisch. Und ist ja auch exakt so in ‚Zurück in die Zukunft II‘ mit Jennifer passiert. Hier hat man übrigens die finale Szene des ersten Films/erste Szene des zweiten Films mit Shue statt Wells nachgedreht. Auch Glover macht ganz deutlich, dass er gar kein Problem damit gehabt hätte, wäre er schlicht durch einen neuen Darsteller ersetzt worden. Das man dafür jemandem nimmt, der dem originalen Darsteller ähnlich sieht ist nur logisch. Das Problem erwächst hier aus der Verwendung von Prothesen, um den Eindruck zu erwecken, es handle sich um denselben Darsteller.

Heute wären es eben keine Prothesen, sondern ein digitales Abbild, das verwendet wird. Und dafür bedarf es der Erlaubnis der originalen Darstellerinnen (oder heute oft genug ihrer Nachfahren). Glover behauptet, es sei seine Klage gewesen, die dafür gesorgt habe, dass die einflussreiche Schauspielergewerkschaft SAG ihre Regeln in dieser Hinsicht verschärfte. SAG bestreitet das. Aber dennoch war das ein Fall, der Wesentliches vorausgegriffen hat. Digitale Darsteller werden ein Teil der Zukunft des Kinos sein, ob ich das mag oder nicht. Sie werden echte Schauspieler nie ersetzen, aber sie werden auch nicht verschwinden. Wesentlicher für diese Entwicklung waren sicherlich spätere Vorgänge. Etwa als Sängerin Gwen Stefani vor gut 10 Jahren Spieleentwickler Activision verklagte, weil man mit Stefani als Avatar sämtliche Songs in dem Spiel bestreiten konnte. Auch solche, die Stefani, laut ihrer Klage, nie singen würde. Auch hier endete es nach einer hohen Zahlung in einem Vergleich. Keine klare Richtlinie, aber es ist eindeutig, dass bei (selbst nicht photorealistischen) Abbildungen von Künstlern eben nicht gilt „anything goes“.

Spielberg macht nicht nur fiese Witze, er will auch eine Fortsetzung zu ‚Bullitt‘ drehen. Kann es einen ‚Bullitt‘ ohne Steve McQueen geben? Die Tatsache, dass er sich mit dessen Nachkommen „geeinigt“ hat, lässt vermuten, dass ein digitaler McQueen durchaus zum Einsatz kommen wird. Wird Disney seine lukrativen Helden alt werden lassen? Muss man wirklich auf Luke Skywalker verzichten, wenn Mark Hamill (in weit, weit entfernter Zukunft) einmal nicht mehr ist? Ich kann die Antworten darauf ahnen, auch wenn ich sie nicht mag. Moralisch kann man wohl wenig dagegen sagen, wenn die Darstellerinnen selbst ihr Einverständnis geben. Schwieriger finde ich es immer, wenn es die Nachkommen sind. Gerade wenn die originalen Darsteller in einer Zeit verstorben sind, in der sie mit einer solchen zukünftigen Verwendung nie rechnen mussten.

Aber vielleicht sind es für mich auch gar keine „moralischen“ Bedenken. Da ist etwas Seltsames an Film. Wenn man einen Film aus den 30ern schaut und sich bewusst macht, dass die quicklebendigen Menschen, die man dort sieht inzwischen allesamt tot sind. Die digitale Verwendung eines verstorbenen Darstellers holt für mich diese gespenstische Empfindung auf unangenehme Weise in aktuelle Filme. Aber all das sind Fragen, die ohnehin die Zukunft klären muss. Heute sollte es nur darum gehen, dass all das mit einem angeklebten Kinn begonnen hat. Und das ist immerhin absurd genug, um unterhaltsam zu sein.

PS: hm, hätten Kennedys Nachkommen auch Zemeckis verklagen können, weil JFK niemals einem Mann namens ‚Forrest Gump‘ die Hand geschüttelt hat (sofern das ohne Absprachen geschehen ist)? Also mit Erfolgsaussichten, meine ich. Ernst gemeinte Frage, ich weiß es nicht!

Quellen:

Crispin Glover on ‚Back to The Future II‘

Crispin Glover Back To The Future Controversy

Crispin Glover: „Zemeckis got really mad at me“

https://www.theverge.com/2019/10/22/20927032/cgi-digital-actor-replacement-cinema-gemini-man-the-congress-rogue-one-legality

https://www.hollywoodreporter.com/business/business-news/back-future-ii-a-legal-833705/