Die 2010er und der Film: 3D und Celluloid

Anderthalb Monate sind noch übrig, dann ist sie vorbei, die zweite Dekade des 21ten Jahrhunderts. Für den Film war es eine Zeit der versuchten Revolutionen, von denen bei weitem nicht jede gelang. Es war aber auch eine Zeit der Reaktion, eine Rückkehr alter Strukturen und ein Offenlegen von fehlgeleiteten Strukturen. Vieles hat sich geändert, manches zum Besseren, manches zum Schlechteren. Grund genug auf einige Trends der 2010er zurückzublicken. Eine Zeit in der Begriffe wie Streaming oder Cinematic Universe mit Bedeutung gefüllt wurden. Eine Zeit, in der Disney die Popkultur aufgekauft hat. Doch wir wollen nicht zu weit vorgreifen. Beginnen wir mit etwas, das für die darbenden Kinos des letzten Dekadenwechsels als Heilsbringer gehandelt wurde: die 3D Technologie. Weiterlesen

Top 10 Filme von damals: 1979 Platz 5 bis 1

Ohne lange Vorrede machen wir genau da weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben: bei Platz 5 der Kinocharts von 1979!

  1. ‚Superman‘

Oha, ein Superheldenfilm. Heute löst das wenig mehr als ein Schulterzucken der Gewohnheit aus, damals war es etwas durchaus Besonderes. Man möchte fast annehmen Superman wäre erst durch den Erfolg von ‚Star Wars‘ und dem dadurch neu erweckten Hunger auf Filme mit fantastischen SciFi Elementen möglich geworden, allerdings war der Film schon vor Erscheinen von George Lucas‘  Überraschungserfolg in Produktion. Der Film hat einen Tonfall, der aus heutiger Sicht etwas merkwürdig wirkt. Er gibt sich gleichzeitig naiv und augenzwinkernd. Man nehme nur den Plan von Bösewicht Lex Luthor (Gene Hackman), der billiges Land östlich der St. Andreas-Spalte in Kalifornien kaufen will, dann in der Spalte ein künstliches Erdbeben auslösen, wodurch alles Land westlich davon im Meer versinkt, um dann sein billiges Land als teure Küstengrundstücke zu verkaufen. Das ist gleichzeitig albern und ein Massenmord unfassbaren Ausmaßes. Dennoch funktioniert der Film vor allem aufgrund der Stärke seiner Darsteller auch heute noch recht gut. Ein mäßig motivierter Marlon Brando brachte es als Jor-El, Vater von Superman, ins Guinness Buch als damals bestbezahlter Nebendarsteller. 3,7 Millionen Dollar und 11,75% der Einnahmen sollte er bekommen. Er sah sich später übervorteilt, was die Beteiligung anging und klagte auf weitere 50 Millionen Dollar. Recht üppig für einen langwierigen Monolog über Krypton. Christopher Reeve war als Superman bei weitem nicht erste Wahl. Robert Redford und Burt Reynolds (hier kann nun wirklich jeder einen beliebigen Superman-mit-Schnauz-Henry Cavill-Justice League-Witz der eigenen Wahl einbauen) standen ganz oben, wollten aber nicht. James Caan, Christopher Walken(!!) und Nick Nolte waren zwischenzeitlich ebenfalls angedacht. Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger bewarben sich, wurden aber ignoriert. Schließlich wurde es der zuvor als „zu dürr“ abgelehnte Reeve. Er musste sich einem harten Trainingsprogramm unterziehen, unter Leitung von David Prowse, dem körperlichen Darsteller von Darth Vader. Wenn das nicht motiviert, weiß ich auch nicht…

 

  1. ‚James Bond 007 – Moonraker – Streng Geheim‘

Hier haben wir einen Bondfilm, der aber wirklich jedem Trend hinterher eilt. SciFi und Weltraum sind erfolgreich, dank ‚Star Wars‘? Okay, das können wir auch, mit einem verschwundenen Raumgleiter und einem Finale auf einer Weltraumstation (tatsächlich kündigte der vorherige Film Bonds Rückkehr in ‚In Tödlicher Mission‘ an, doch aufgrund des ‚Star Wars‘ Erfolgs wurde ‚Moonraker‘ vorgezogen). Die Leute mögen einen albernen Ton bei ihren Actionfilmen? Können wir auch! Roger Moore kann albern eh am besten und der Beißer kriegt ne Freundin, oder so. Der Film ist umstritten und ich habe mit der Einleitung meine Meinung wahrscheinlich schon deutlich gemacht: ich mag ihn nicht. Er ist dämlich, ohne dabei besonders unterhaltsam zu sein. Die Moore Masche hat sich für mich hier schon ein wenig totgelaufen. Aber was weiß ich schon, der Erfolg gibt dem Film Recht. Er wurde weltweit zum finanziell erfolgreichsten Film des Jahres und blieb der finanziell erfolgreichste der Bond-Reihe bis 1995 ‚Golden Eye‘ ihn ablöste.

 

  1. ‚Das Krokodil und sein Nilpferd‘

Apropos alberner Ton in Action Filmen, hier haben wir das Duo Bud Spencer und Terrence Hill endlich komplett! Und in einem der, wie ich finde, quintessentiellen Spencer/Hill Filme. Wir haben die Rivalität zwischen Hills tierliebem Globetrotter (der nicht gern ungefragt geduzt wird) und Spencers brummeligem Jagd-Safaribetreiber (mit Platzpatronen). Wir haben Faustkampf-Klamauk quasi am laufenden Band, letztlich der Hauptgrund, warum man die Filme schaut. Wir haben Rainer Brandt Zitate noch und nöcher, darunter das von mir bis heute bei passenden und unpassenden Anlässen verwendete „Mmmmh, schmeckt gar nicht mal so gut!“. Dazu eine geradezu legendäre Fressszene („Das klingt als wenn Du ne Dachrinne frisst!“) und recht gelungene Musik von Walter Rizzati. Dass sich bei der inzwischen dreizehnten Zusammenarbeit des Duos nicht mehr alles ganz frisch anfühlt mag nicht überraschen, doch funktioniert das Prinzip der Filme hier immer noch großartig. Sicherlich, die Darstellung von schwarzen Afrikanern ist, mindestens aus heutiger Sicht, teilweise fragwürdig, die Dreharbeiten im Apartheid-Südafrika sowieso. Die klare Stellungnahme gegen Großwildjagd hingegen hat auch bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Wie auch immer, der Dampfhammer- und der Backpfeifenkönig sind hier in Höchstform und darauf kommt es vor allem an.

 

  1. ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘

(Nicht zu verwechseln mit ‚Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe‘ von 1981)

Louis de Funès feierte seine größten Erfolge als Komiker meist in der Rolle des Choleropanikers, der durch seine übertrieben impulsiven Reaktionen jede Situation zur Farce werden lassen konnte. Mitte der 60er wurde er damit zum erfolgreichsten Komiker Frankreichs und bald ganz Europas. Doch in den späten 70ern drohte ihm in Frankreich das Duo Richard/Depardieu den Rang abzulaufen und in Europa war der „handfestere“ Klamauk von Spencer/Hill inzwischen weit beliebter als seine atemlose Hitzköpfigkeit. Für seine letzten beiden großen Erfolge, vor seinem tragisch frühen Tod 1983 mit nur 68 Jahren, belebte er daher nach fast 10 Jahren eine seiner alten Erfolgsfiguren wieder, die er zuvor schon in vier Filmen verkörpert hatte: den Gendarmen von Saint Tropez. Vornehmlich beschäftigt mit der cholerischen Jagd auf Nudisten, „löste“ der Charakter nebenbei auch immer mal schwerere Verbrechen. Und weil dem langen, langen Schatten von ‚Star Wars‘ nun auch wirklich niemand entkommen konnte, bekommt er es diesmal mit Außerirdischen zu tun. Mit mechanischen Außerirdischen, die Öl statt Wein trinken, das geht ja mal gar nicht! Zum Glück reagieren sie mit akutem Tod auf Wasser, was die ganze Sache erheblich vereinfacht. Mit de Funès‘ „Stammregisseur“ Jean Girault hinter der Kamera und typischer Rainer Brandt Synchronisation weiß man hier exakt was man bekommt. Und das unterhält durchaus, wenn es auch vielleicht nicht unbedingt im Gedächtnis bleibt.

 

  1. ‚Das Dschungelbuch‘ (Wiederaufführung)

In den späten 70er Jahren steckte Disney tief in einer kreativen und finanziellen Krise. Gerade 1979 hatten sie einen Haufen Geld, das sie eigentlich nicht hatten, in ‚Das Schwarze Loch‘ geschaufelt, in der Hoffnung auf der ‚Star Wars‘ Welle zu reiten. Das ging schief. Was zumindest in Deutschland selten schief ging, waren allerdings ihre klassischen Zeichentrickfilme. Und so wurde der im Dezember zur Weihnachtszeit erneut in die Kinos gebrachte ‚Das Dschungelbuch‘ zum erfolgreichsten Film des Jahres 1979, zumindest in West-Deutschland. Wirklich erstaunlich wird es, wenn man sich die Dimensionen klarmacht: ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘ auf Platz 2 hatte ungefähr 5,6 Millionen Besucher ins Kino gelockt. ‚Das Dschungelbuch‘ brachte es auf etwa 9,1 Millionen. Erklären kann man diesen Ansturm wohl nur dadurch, dass es Heimkino noch nicht gab. Wer Nostalgie nach diesen Filmen verspürte, oder sie mit den eigenen Kindern teilen wollte, war geradezu auf das Kino (oder seltene Fernsehübertragungen) angewiesen. Später würden die Filme zu Verkaufsschlagern auf VHS und damit nahmen die Wiederaufführungen ab. Dazu sah es 1979, wenn ich mal die Chartliste weiter herunterscrolle, verdammt mau aus, was Kinderfilme angeht. Eine Wiederaufführung vom Herbie-Film ‚Ein toller Käfer‘ finde ich da und eine Wiederaufführung von ‚Die Hexe und der Zauberer‘ (beides Disney!). Aber Aktuelles springt mir nicht ins Auge.

Aber tatsächlich war das Dschungelbuch in Deutschland lange der erfolgreichste Disneyfilm überhaupt. Als Grund dafür gilt unter anderem die Synchronisation von Heinrich Riethmüller, insbesondere die der Songs. Gebt es zu, Ihr habt alle „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ im Kopf, seit Ihr die Überschrift gelesen habt! Zum Film selbst muss ich wohl nicht mehr wirklich viel sagen, statistisch gesprochen kennt Ihr ihn eh alle.

 

So, was können wir nun aus diesen Charts lernen? Ein Bondfilm, ein Superheldenfilm und Disney an der Spitze der Charts, also alles genau wie heute? Nicht wirklich. Disney war wie erwähnt eine arg kränkelnde Firma, die sich mit Wiederaufführungen über Wasser hielt, was in West-Deutschland auch sehr gut funktionierte. Der Superheldenfilm war etwas absolut Besonderes und würde, von Fortsetzungen abgesehen, auch nicht sobald repliziert werden. Tatsächlich tat sich Hollywood über Jahrzehnte schwer damit zu verstehen, dass ein Publikumshunger nach Superhelden/Comicfilmen bestand. Dazu werde ich „in zehn Jahren“ mehr zu sagen haben, wenn wir über ‚Batman‘ sprechen. Bond geht in der Tat halt irgendwie immer, was sich an der Langlebigkeit der Reihe zeigt. Aber absolut und vollkommen unübersehbar, schon allein daran, wie oft er erwähnt wurde, ist der Einfluss von ‚Star Wars‘. Auf Biegen und Brechen mussten Filme in Richtung Science Fiction verbogen werden und wenn es der Gendarm von St. Tropez ist. Auffällig an den Charts ist natürlich auch die doppelte Bud Spencer Faust. Spencer und Hill waren hier auf der absoluten Spitze ihres Erfolges und werden auch in zukünftigen Charts noch zu finden sein. Dazu spielen sie in die Zahl europäischer Produktionen in den Charts hinein. Sechs von zehn Filmen sind europäische Produktionen, eine davon ist deutsch, die anderen vier US Produktionen. Vergleicht man das mit den Charts von 2018 findet man dort eine deutsche und neun US Produktionen. 2017 zwei deutsche (und mit ‚Fack Ju Göthe 3‘ auch die Nummer 1) und acht US-Produktionen. Das hat natürlich statistisch im Moment überhaupt keine Haltbarkeit, aber ich bin mir fast sicher, wir werden eine Verschiebung in Richtung US-Produktionen sehen, wenn wir die Jahresbestlisten nach und nach durchgehen. Aber um noch einmal den Erfolg des Dschungelbuches hervorzuheben: der Topfilm 2018 ‚Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen‘ hatte knapp 3,9 Millionen Zuschauer. ‚Fack ju Göthe 3‘ 2017 gut 6,1. Nimmt man alle Aufführungen des Dschungelbuches zusammen, kommt man auf über 23 Millionen Besucher.

Was mir persönlich an den Charts noch auffällt ist natürlich die Abwesenheit von ‚Alien‘. Der schaffte es nur auf Platz 14. ‚Halloween‘ dümpelt gar irgendwo auf Platz 38 herum. Und auf Platz 17 habe ich einen Film namens ‚Liebe auf den ersten Biss‘ entdeckt, in dem Dracula von kommunistischen Parteifunktionären aus seinem Schloss vertrieben wird. Von dem habe ich vorher noch nie gehört, er klingt aber unterhaltsam…

Und wo ich Euch gerade hier habe: könntet Ihr mir kurz beantworten, wie Euch eine Zukunft dieser Artikel am besten gefallen würde? Ich verspreche nicht, dass ich mich nach dem Ergebnis der Umfrage richte, aber interessieren tut es mich auf jeden Fall!

Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.

„Ein spezialgelagerter Sonderfall“: Skeptizismus im Horrorfilm

Der Skeptiker, der Zweifler hat im Horrorfilm keinen guten Stand. Haben die Protagonisten den jeweiligen Schrecken entdeckt (oder er sie), laufen sie bei ihm regelmäßig vor eine Betonwand des Unglaubens. Ist der „Horror“ des jeweiligen Films immerhin noch ein „reales“ Monster, ein Hai, Riesenspinnen, oder Godzilla lässt er sich vielleicht noch von seinen eigenen Augen überzeugen, bevor die übergroßen Arachniden ihm das Hirn zu den Nasenlöchern rauspopeln. Vielleicht. Doch geht es um Übersinnliches, um Geister und Dämonen, dann steht der Skeptiker auf gänzlich verlorenem Posten. Denn glaubt er dran, ist er ja kein Skeptiker mehr, glaubt er nicht dran, geht er vermutlich drauf.

Dabei war das nicht immer so. Es gibt eine Erzähltradition, auch im Film, in der die Spukerscheinungen falsch sind und nur der Skeptiker durchschaut es. Er überführt die Betrüger und steht am Ende als Held da. Entstanden vermutlich aus den zahllosen selbsternannten „Medien“ im „Okkultismus-Boom“ des frühen 20ten Jahrhunderts und der Tatsache, dass sich Berühmtheiten wie Bühnenmagier und Entfesselungskünstler Harry Houdini auf die Fahnen geschrieben hatten, solche Scharlatanerie zu überführen. So finden sich in der Frühzeit des Films zahlreiche Beispiele, wo angebliche Geister, von mehr oder weniger skeptischen Ermittlern als falsch überführt wurden. ‚Spuk im Schloß‘ von 1927 etwa. Oder der mit Gruselelementen gespickte John Wayne Frühwestern ‚Haunted Gold‘ von 1931. Oder der bereits im Titel recht explizite ‚Religious Racketeers‘ (etwa „Religiöse Geschäftemacher/Gauner“) von 1938. Sogar Laurel & Hardy bekamen es mit falschem Spuk zu tun, in ‚Spuk um Mitternacht‘ (bzw. ‚Ohne Furcht und Tadel‘) von 1930. Nur war hier sogar der falsche Spuk geträumt. Aber auch deutlich später fand sich die Idee des falschen Spuks noch in ‚The House on Haunted Hill‘ von 1959. Zwar taucht nicht in jedem der genannten Filme die Figur eines expliziten Skeptikers auf, gemein ist ihnen aber, dass der Glaube ans Übernatürliche schädlich und oft genug albern ist.

Diese Art der Erzählung gibt es immer noch und sie ist immer noch erfolgreich, nur findet sie sich eher abseits vom Film. Seit 1969 ermitteln die vier Detektive rund um die Zeichentrick-Dogge ‚Scooby-Doo‘ in zahllosen Folgen, in denen sich ein vorgeblicher Spuk eigentlich immer als übermotivierter Kapitalist mit Maske entpuppt, der den Vergnügungspark, den Leuchtturm, oder was auch immer Ziel des angeblichen Spuks ist, möglichst billig kaufen will. Und ja, Anfang der 2000er gab es auch zwei Kinofilme, aber die haben wir alle erfolgreich vergessen, oder? Sogar noch ein Jahr vor der Scooby-Gang starteten die „Drei Fragezeichen“ ihre Detektivkarriere. Diese findet seit Ende der 80er zwar nur noch im deutschsprachigen Raum in Büchern und Hörspielen statt, kann sich aber dennoch sehen lassen. Längst nicht jeder Fall ist ein falscher Spuk, doch haben sie nicht nur ein Geisterschloss (und eine solche Insel) als falsch überführt, auch wandelnde Vogelscheuchen, tanzende Teufel, unheimliche Drachen, flüsternde Mumien und aberdutzende weitere. Zentral ist hier stets der Skeptizismus des ersten Detektivs Justus Jonas, der jeden Glauben an das Übernatürliche ablehnt. Und ja, auch hier gab es zwei Filme in den 2000ern, aber die haben die meisten von uns vermutlich nicht einmal bemerkt.

Sowohl Scooby-Doo als auch die Drei Fragezeichen richten sich vornehmlich an Kinder. Und vielleicht haben wir hier einen ersten Hinweis, warum die Idee des falschen Spuks im „ernsthaften“ Horror kaum noch vorkommt: wir fühlen uns heute so aufgeklärt, dass wir wissen, dass der Glaube an Gespenster kindisch ist und müssen ihn als Erwachsene nicht mehr überführt sehen, sondern betrachten ihn von vornherein als reine Unterhaltung.

Aber kann das der einzige Grund sein? Ich habe bei der Recherche Artikel gesehen, die beinahe so etwas wie eine Verschwörung annehmen, Hollywood wolle uns mittels Horrorfilm zu mehr Religiosität erziehen. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben mag (man könnte sagen, ich bin skeptisch). Gelegentlich ist es aber kaum von der Hand zu weisen. Etwa in der ‚Conjuring‘ Reihe, die mit dem Ehepaar Warren zwei realweltliche, erzchristliche Hochstapler zu ihren Helden (v)erklärt hat. Da sagt die Filmversion von Ed Warren im ersten Film, eigentlich zu einem anderen Charakter, letztlich aber mit direktem Blick in die Kamera, vielleicht solle man seine Kinder taufen lassen, wenn man sie vor dämonischem Einfluss schützen wolle. Zufall? Nicht wenn wir Chad Hills dem Ko-Autoren von ‚Conjuring 2‘ glauben wollen. Der sagte im Interview zum Magazin Christian Post[1]: „‘Conjuring2‘ ist eine Geschichte aus der Sicht von Gläubigen, deren stärkste Waffe ihr Glaube an Gott ist. Unser Film erlaubt es Gläubigen und Nichtgläubigen ihre Reise mit ihnen zu erleben und möglicherweise Menschen am Rande des Glaubens zu berühren und ihnen die Stärke zu geben, die sie benötigen.“ Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass ein echter Missionierungswille, zumindest bei Teilen der Macher, vorhanden ist. Verallgemeinern kann man dies aber, zumindest meiner Meinung nach, keineswegs. Etwa bei Stephen King und somit in vielen Adaptionen seiner Werke, finden wir eine ganz erhebliche Ablehnung von zumindest fundamentaler Religiosität. So zum Beispiel in ‚Carrie‘ oder ‚The Mist‘. Eine allgemeine Ableitung wie „Hollywood“ oder gar Film an sich mit dem Christentum oder Religion an sich umgehen ist und bleibt schwierig, oder eher unmöglich zu ziehen. Dafür ist das Medium zum Glück nicht monolithisch genug.

Oftmals ist der Priester, der den Dämon/Geist besiegt einfach der gesellschaftlichen Tradition entwachsen. Die westliche Welt ist christlich geprägt, der Priester ist also die logische Figur um ein übernatürliches Böses zu bekämpfen. Und wenn man schon das Böse bekämpft, dann will man natürlich einen Vertreter derjenigen Organisation, die das seit tausenden von Jahren von sich behauptet, sprich, einen katholischen Priester. Da fließt sicher kein Geld vom Papst, da steckt nicht mal unbedingt Glaube dahinter, das sind einfach kulturell verständliche Symbole. Der Vampir fürchtet das Kreuz, der Dämon das Weihwasser. Und ich glaube nun haben wir uns unauffällig genug der Stunde null für das Ende des Erfolgs des Skeptikers im Film angenähert: dem gigantischen Erfolg von ‚Der Exorzist‘.

Jesuitenpater Karras wird dort von Schuldgefühlen über den Tod seiner greisen Mutter in eine Glaubenskrise getrieben. Er zweifelt an seinen religiösen Überzeugungen. Als ihn die Mutter der anscheinend dämonisch besessenen Regan um Hilfe und einen möglichen Exorzismus erbittet ist er zunächst ablehnend. Doch findet er in der Zusammenarbeit mit Pater Merrin und der Auseinandersetzung mit dem Dämon zu seinem Glauben zurück, der ihm letztlich einen selbstaufopfernden Sieg über den Teufel ermöglicht. Sein Skeptizismus, sein Zweifel ist ein entscheidendes Hindernis, das es bei der Bekämpfung des Dämons zu überkommen gilt. Während der Autor der Buchvorlage William Peter Blatty ein gläubiger Katholik war, bezeichnet sich Regisseur William Friedkin als Agnostiker jüdischer Herkunft. Nichts in seiner Filmografie weist auf besonderes katholisches Sendungsbedürfnis hin. Er nutzte einfach die oben erwähnten kulturellen Abkürzungen, die wir alle, ob nun religiös oder nicht, verstehen. Und so taten es zahllose Filmemacher nach ihm, nicht zuletzt in der Hoffnung, seinen Erfolg zu wiederholen. Schaffen sie auf diese Weise „zufällige Propaganda“ für den katholischen Glauben? Darüber kann man sicher trefflich streiten. Sicher ist, dass die guten Zeiten für den Skeptiker im Horrorfilm spätestens hier ihr Ende gefunden hatten.

Den Hauptgrund für das Ende des „falschen Spuks“ im Film mache ich aber an ganz anderer Stelle aus. Unser Verhältnis zum Film hat sich in den gut 100 Jahren des Mediums grundlegend geändert. Wurden Filme früher noch ausschließlich im Kino gesehen, wo die überlebensgroßen Bilder mit Sicherheit für Eindruck sorgten, haben wir heute, dank Streaming, einen Großteil der Filmgeschichte auf Knopfdruck verfügbar im Wohnzimmer. Filme sind heute nichts wirklich Besonderes mehr. Daher sind sie mehr denn je zuvor bemüht ihre eigene Artifizialität herunterzuspielen. Alles soll möglichst umfänglich erklärt werden, um bloß die im Internet vieldiskutierten „Plotholes“ zu umgehen. Alles muss aus einem Guss wirken, „echt“ sein! Am Ende eines Films heute zu sagen, dass alles bisher Gesehene falsch war, ein billiger Trick und nicht nur die Charaktere, auch Du, lieber Zuschauer bist drauf reingefallen, ist das genaue Gegenteil. Es weist direkt auf das Künstliche des Films hin. Es könnte möglicherweise fast beleidigend aufgefasst werden. Man opfert 2 Stunden seiner kostbaren freien Zeit, um sich Lügen auftischen zu lassen? Sicher, das tut letztlich jeder Film, aber die meisten sind immerhin so höflich, es einem nicht direkt aufs Brot zu schmieren.

Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung. Und vielleicht irre ich mich sogar vollständig und werde in den Kommentaren nun mit modernen Filmen bombardiert, in denen sich ein Spuk als falsch, oder ein Skeptiker als Held erweist. Ich wäre überrascht, aber das wäre kaum das erste Mal.

[1] https://www.christianpost.com/news/conjuring-2-christian-good-conquers-evil-interview-exclusive-clip-164931/

Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 8: Doppelgänger

„Doppelgänger“ ist ein Wort, das nicht unbedingt sofort gruselige Assoziationen weckt. Zunächst einmal beschreibt es eine Person, die einer anderen zum Verwechseln ähnlich sieht. Gerade vor ein paar Wochen habe ich in der Stadt jemanden gesehen, der einem guten Freund von mir sehr ähnlich sieht. Er war es nicht. Diese Tatsache erfüllte mich aber nicht mit Schrecken, nur mit Erleichterung, dass ich nicht sofort gewunken und „Hallo“ gebrüllt habe. Auch wenn man etwa Justin Bieber für eine Geburtstagsfeier mieten möchte und nicht eben Milliardär ist, wird man wohl auf einen Imitator, einen mehr oder weniger glaubhaften Doppelgänger zurückgreifen müssen. Ebenso wie Diktatoren sich gern mit Doppelgängern ihrer selbst umgeben, auf dass ein Mordanschlag den Falschen erwische. Geheimdienste schaffen ebenfalls gern „Doppelgänger“. Die Stasi kopierte häufig westdeutsche Reisepässe, passte das Foto ein wenig an und stattete einen ähnlich aussehenden Agenten mit diesem Pass aus. So langsam nähern wir uns also doch dem Horror.

Die Vorstellung eines Abends nach Hause zu kommen und zu bemerken, dass der Partner oder ein anderes Familienmitglied durch einen exakten Doppelgänger ersetzt wurde, ist hingegen echter Horror. Das seltene „Capgras-Syndrom“ ist eine psychologische Krankheit, die genau diese Gewissheit in dem Betroffenen erweckt. Dieses Syndrom war Inspiration für den gelungenen österreichischen Horrorfilm ‚Ich seh, ich seh‘.

Doppelgänger sind eine Tatsache, die anhand eineiiger Zwillinge von Menschen überall auf der Welt beobachtet werden konnte. Darum finden sich Doppelgänger in allerlei Mythologien wieder. Bei den Azteken oder den afrikanischen Akan spielte ein Schatten, eine Art Doppelgänger, der oft als Schutzengel fungierte eine Rolle. Bei den antiken Ägyptern war das ka, ein anderer Aspekt der Seele, der das gleiche Aussehen hatte und die gleichen Erfahrungen sammelte wie der Mensch, ein zentraler Aspekt. Bei den Griechen spielte der Doppelgänger keine große Rolle, obwohl es eine Version des Trojanischen Kriegs gibt, in der die Götter Helena nach Ägypten entführen. Paris nimmt eine Doppelgängerin (möglicherweise eine hellenische Interpretation des ka-Konzeptes) mit. Auch ist da der Egozentriker Narziss, der von Aphrodite (oder Artemis) zu derartiger Selbstliebe verflucht wurde, dass er sich nicht von seiner Spiegelung in einem See losreißen konnte, bis er an Durst und Hunger starb, um dann von Apoll in die Narzisse verwandelt zu werden. In der nordischen Mythologie  gab es den Vardøger, bei den Finnen den Etiäinen. Geisterhafte Doppelgänger, die das Tun des echten Menschen vorwegnehmen. Was alle diese Versionen des Doppelgängers gemeinsam haben, seien sie positiv oder negativ besetzt, ist, dass sie dem Jenseits und dem Tod verbunden waren. Und sie tatsächlich zu sehen war selten ein gutes Zeichen. In dieser Art tritt der Doppelgänger im viel zu wenig gesehenen australischen Horrorfilm Lake Mungo‘ auf.

Der deutsche Begriff „Doppelgänger“ wird in zahlreichen anderen Sprachen gleichbedeutend verwendet. Vom Englischen und Französischen, über das Russische bis zum Japanischen und Thai. Grund dafür ist der Erfolg der deutschen Romantik, in der das Bild des Doppelgängers eine entscheidende Rolle spielte. Das „Deutsche Wörterbuch“ der Gebrüder Grimm (oder zumindest von ihnen begonnen) liefert zwei Definitionen des Doppelgängers[1]. Eine die auf Übernatürliches/Unheimliches hinweist: „jemand von dem man wähnt er könne sich zu gleicher zeit an zwei verschiedenen orten zeigen“. Und eine gänzlich alltägliche: „der einem andern so ähnlich ist dasz er leicht mit ihm verwechselt wird“. Für die Kunst der Romantik war die erste Definition natürlich die Spannendere. Doch in Jean Pauls Roman „Siebenkäs“ findet sich eine der frühesten Erwähnungen des Doppelgängers und hier ist es die mondäne Version. Hauptcharakter Siebenkäs und sein bester Freund Heinrich Leibgeber sind einander so ähnlich, dass sie die Namen getauscht haben. Das wird für Siebenkäs zu einem Problem, wenn es um eine Erbschaft und einen betrügerischen Advokaten geht. Dennoch bekommt der Begriff auch hier etwas Unheimliches, wenn er Leute beschreibt, die „sich selbst sehen“. In E.T.A. Hoffmanns ‚Die Elixiere des Teufels‘ wird der Mönch Medardus mit dem italienischen Grafen Viktorin verwechselt, der durch sein (versehentliches) Zutun in eine einsame Schlucht stürzte. Nach allerlei Verwicklungen trifft Medardus/Viktorin auf seinen Doppelgänger, einen verrückten Mönch. Eben jener Mann, der wahre Viktorin, der in die Schlucht gestürzt ist, nicht gestorben ist, aber nicht mehr bei klarem Verstand. Später rettet ihn der Doppelgänger vor einer Verurteilung zum Tode, er wiederrum den Doppelgänger vor der Hinrichtung. Beide Doppelgänger hassen einander, sind aber derart miteinander verbunden, dass sie voneinander nicht loskommen. Mit düsteren Folgen für sie selbst und vor allem andere. Johann Wolfgang von Goethe hat zwar nicht so sehr über fiktive Doppelgänger geschrieben, allerdings erzählt er in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“, wie er, nachdem er eine Beziehung beendet hatte und aufgewühlt nach Hause ritt, an seinem absoluten Ebenbild in anderen Kleidern vorbeikam.  Jahre später ritt er dieselbe Strecke in anderer Richtung, als ihm auffiel, dass er nun die Kleider aus der damaligen Begegnung trug (ohne dem Herrn Geheimrat zu nahe treten zu wollen, ist hier wohl mehr Teil 1 des Titels seiner Biografie zu vermuten als Teil 2). Auch in der Musik taucht der Doppelgänger auf, wenn Franz Schubert für seinen „Schwanengesang“ ein Gedicht ohne Titel von Heinrich Heine zu eben diesem Thema vertont.

Natürlich findet sich der Doppelgänger in der Literatur des 19ten Jahrhunderts nicht nur in Deutschland. Edgar Allan Poe bearbeitet die Idee des Identitätsverlustes anhand des Doppelgänger-Motivs in „William Williamson“. Auch in Fjodor Dostojewskis „Der Doppelgänger“ geht es um einen solchen (ach was??). Hier wird ein schüchterner Beamter aus seiner Stellung verdrängt von einem Doppelgänger, der exakt die Erfolge einfährt, die er sich immer gewünscht hat. Ein weiteres häufig angeführtes Beispiel für literarische Doppelgänger, aber meiner Meinung ein falsches, ist ‚Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘ von Robert Louis Stevenson. Jekyll und Hyde sind keine Doppelgänger. Erstens sind sie eine Person, zweitens sind sie sich physisch nicht wirklich ähnlich. Wenn Hyde wegen Mordes gesucht wird, kann sich Jekyll immer noch auf der Straße sehen lassen. Das ist so, als würde man sagen, der Hulk sei ein Doppelgänger von Dr. Banner. Vermutlich liegt es daran, dass beide in Filmen stets vom gleichen Darsteller gespielt werden. Siehe etwa die Transformationsszene in meinem Artikel über die Karl Struss-Technik.

So etwas wie die Blaupause für den Doppelgänger im Horrorfilm lieferte wohl Don Siegels ‚Die Dämonischen‘ von 1956. In der Umsetzung des Romans „Die Körperfresser kommen“ von Jack Finney, werden Bewohner einer kalifornischen Kleinstadt nach und nach durch identische aber gefühllose außerirdische Doppelgänger ersetzt. Philipp Kaufman verlegte die Handlung für seine Adaption von 1978 ‚Die Körperfresser kommen‘ nach San Francisco.

Ein weiteres Mal adaptierte Abel Ferrara den Roman 1993 als ‚Body Snatchers- Angriff der Körperfresser‘ und verlegte die Handlung nach Alabama. Und dann gibt es noch eine Version von Oliver Hirschbiegel von 2007, die kaum jemand gesehen zu haben scheint und noch weniger Leute mögen.

Doch nicht nur direkte Adaptionen und Remakes des Stoffes gibt es, auch ein Film wie Robert Rodriguez ‚The Faculty‘ von 1998 bezieht sich ziemlich direkt auf den Stoff, verlegt ihn an eine Highschool, wo der Lehrkörper durch Aliens ersetzt wird und zwinkert heftig in Richtung Zuschauer. John Carpenters Meisterwerk ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ basiert zwar auf einem anderen Roman (dem gleichnamigen Werk von Christian Nyby), doch lässt sich auch hier eine thematische Ähnlichkeit nicht abstreiten. Carpenter gelingt es allerdings, durch die Komprimierung der Handlung auf eine antarktische Forschungsstation, die Paranoia noch ein paar Daumenschrauben-Umdrehungen anzuziehen, ohne dabei den apokalyptischen Ansatz aus den Augen zu verlieren.

Seinen ganz eigenen Ansatz zur Doppelgänger Thematik hat Jordan Peele in ‚Wir‘ gefunden. Er reichert die üblichen Themen um die Angst vor Identitätsverlust und plötzlicher Entfremdung mit einer ordentlichen Prise Klassenpolitik an.

Halten wir fest: Doppelgänger sind einerseits ein ganz bodenständiges Phänomen, das jeder in Form von eineiigen Zwillingen oder in Zeiten von Social Media auch in Form von Zufallsbegegnungen irgendwo auf der Welt, die sofort als Selfie festgehalten werden, beobachten kann. Dennoch ist die Vorstellung eines exakten Doppelgängers, der möglicherweise die exakt gleichen Ideen hat und die gleichen Ziele verfolgt eine äußerst unheimliche. Noch schrecklicher ist die Idee, Personen in seiner Umgebung durch, womöglich malevolente Doppelgänger ersetzt zu sehen. Alle diese Ideen finden sich im Umgang mit der Figur des Doppelgängers und haben ebenso Einzug in die Filme zu diesem Thema gehalten.

Wie üblich in dieser Reihe, muss ich hier anmerken, dass das Ziel dieses Artikels gar nicht sein kann auch nur annähernd umfänglich Filme zum Thema Doppelgänger aufzuzählen. Er soll lediglich einen Überblick über verschiedene Ansätze zu dem Thema bieten. Habe ich Euren Favoriten vergessen? Dann ab in die Kommentare damit!

Weitere Spuktakuläre Filmmonster findet Ihr hier:

Vampire

Geister

Hexen

Zombies

„Bizarres“

Mumien

Slasher

Aliens

 

[1] http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemid=GD03269#XGD03269&mode=linking

Praktische Effekte 1: die Karl Struss-Technik – von der alten Dame zum Oktopus

Seien wir ehrlich: wir leben in einer Zeit, in der uns Effekte in Filmen nicht mehr beeindrucken können. Effekte finden eigentlich nur noch dann Erwähnung, wenn sie nicht gelungen sind. Wenn wir uns nicht erklären können, wie ein Trick funktioniert, dann können wir uns immer damit beruhigen, dass die Antwort lautet: das wurde mit dem Computer gemacht. Obwohl das bei Weitem nicht immer stimmt. Selbst ein Michael Bay vermischt in seinen ‚Transformers‘ Filmen praktische mit CGI-Effekten. Doch was ist, wenn wir die Zeit zurückdrehen? Als uns der noch nicht allgegenwärtige Computer noch mit einem spiegelnden Flüssigmetall-Terminator beeindrucken konnten. Oder sogar noch viel weiter zurück, als man auf praktische und Kamera-Effekte angewiesen war. Weiterlesen