Horror als Blockbuster oder: ein Gruß zum (un-)Geburtstag des „Dark Universe“

Diesen Monat wäre Universals „Dark Universe“ zwei Jahre alt geworden. Wir erinnern uns, Universal wollte seine klassischen Monster, sprich den Wolfman, den Unsichtbaren, Frankensteins Monster, Dracula, den Unsichtbaren oder eben die Mumie in einem in sich verbundenen „Cinematic Universe“ zurückbringen. ‚Die Mumie‘ sollte dabei den Anfang machen. Allerdings schien man sich bei Universal Sorgen zu machen, dass ein Horrorfilm als Blockbuster nicht funktionieren könnte. Daher bemühte man sich, sich dem Superheldenfilm und dem Actionfilm anzunähern, nicht zuletzt durch das Casting von Tom Cruise in der Hauptrolle. Ich habe den Film selbst noch nicht gesehen, doch wenn man Kritiken Glauben schenkt, war es genau diese Unentschlossenheit, dieses tonale Schleudertrauma, das dem Film das Genick gebrochen hat.

Wie dem auch sei, der Film blieb weit hinter den Erwartungen des Studios zurück, die „Architekten“ des Dark Universe, Alex Kurtzman und Chris Morgan, verließen das Projekt und der nächste Film ‚Bride of Frankenstein‘ (mit Angelina Jolie als „Bride“) wurde auf unabsehbare Zeit auf Eis gelegt. Seitdem war nicht mehr viel vom Dark Universe zu hören. ‚The Invisible Man‘, ursprünglich als Großprojekt mit Johnny Depp geplant, ist jetzt, in deutlich reduzierter Form, bei Blumhouse gelandet. Ob das ein Testballon ist, das Dark Universe mit „echten“ Horrorfilmen erst mal mit kleinerem Budget wiederzubeleben, oder eine reine „Resteverwertung“, das wird die Zukunft zeigen müssen. Doch das Dark Universe als gigantisches A-List Blockbuster-Konzept, wie es einmal geplant war, ist vermutlich ein für alle Mal gestorben.

Eine bittere Ironie bekommt das Ganze, wenn im selben Jahr, in dem ‚Die Mumie‘ herauskam, 2017, ein Film unter Beweis gestellt hat, dass die Binsenweisheit „Horror taugt nicht als Blockbuster“ völliger Unsinn ist. Die Neuverfilmung von Stephen Kings ‚IT‘ brach nicht nur monetäre Rekorde, sie war auch ein kritischer Erfolg, kam beim Publikum an und auch beim notorisch ehrlichen, was seine Meinung zu Verfilmungen angeht, Autoren selbst (siehe seine Meinung zu ‚The Shining‘). Mehr als gigantische 700 Millionen Dollar spielte ‚IT‘ weltweit ein. Grund genug, um uns zu fragen, ob an der Binsenweisheit der Blockbusteruntauglichkeit von Horror überhaupt etwas dran ist.

An welche Filme denkt Ihr, wenn Ihr den Begriff Horror-Blockbuster hört? Meine Gedanken gehen bis zurück in die 70er zu ‚Der Weiße Hai‘ und ‚Der Exorzist‘. Beide fraglos Blockbuster, beide aber auch schon deutlich über 40 Jahre her. Vom Gefühl her, hätte ich (vor ‚IT‘) der Idee also zugestimmt, dass Horror als Blockbuster heut nicht mehr unbedingt funktioniert. Schauen wir also mal auf eine Liste[1] und finden heraus wie falsch ich liege.

Tatsächlich belegen ‚Der Weiße Hai‘ mit gut 470 Millionen Dollar Eispielergebnis und ‚Der Exorzist‘ mit gut 441 Millionen Dollar nur Platz 6 und 7 der Rangliste der erfolgreichsten Horrorfilme. ‚IT‘ lacht sich natürlich auf Platz 1 kaputt. Gefolgt wird er von ‚The Sixth Sense‘ (gut 672 Millionen) von 1999, ‚I Am Legend‘ (gut 585 Millionen) von 2007, ‚World War Z‘ (gut 540 Millionen) von 2013 und ‚Godzilla‘ (gut 529 Millionen) von 2014. Also allesamt Filme aus den letzten 20 Jahren und drei davon sogar aus den letzten 6. Folglich ist die Idee vom problematischen Horrorblockbuster also völliger Blödsinn, oder?

Das kommt darauf an welche Erwartungen ein Studio bei dem Begriff „Blockbuster“ hat. Sicher, ‚IT’s 700 Millionen sind beeindruckend, aber welchen Platz bringt ihm das auf der Gesamtliste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten[2] ein? Platz 112. Und nun muss sich ein Studio wohl die Frage stellen, ob es einfach nur verdammt viel Geld, oder doch lieber „alles Geld“ mit seinem Film machen möchte. Universal wollte offenbar Letzteres und verwässerte den Horror mit Action und Superheldenelementen, was sinnvoll scheint, wenn man auf die obersten Plätze, die 1 Milliarde+ Plätze, vordingen möchte. Die übertriebene Gier war hier womöglich der größte Stolperstein für den Film.

Dabei liegt das eigentliche monetäre Geheimnis des Horrorfilms an ganz anderer Stelle. Dafür müssen wir herunterschauen auf Platz 27 der erfolgreichsten Horrorfilme, wo wir ‚Blair Witch Project‘ mit einem Einspielergebnis von gut 248 Millionen Dollar finden. Aber das sind 248 Millionen erwirtschaftet mit einem winzigen Budget von 50.000 Dollar. Hier finden wir auch das Geheimnis des Erfolges des Studios Blumhouse. Das Fundament dieses Studios steht nämlich auf Platz 41 der Rangliste: ‚Paranormal Activity‘ hat seine lächerlichen 15.000 Dollar Produktionsbudget in unglaubliche 194 Millionen Einspielergebnis verwandelt. Deswegen bringt Blumhouse heute noch jedes Jahr ca. 3 billigst produzierte Horrorfilme ins Kino, die definitiv keinen Verlust machen, mit etwas Glück aber gigantische Gewinne einfahren können. Ein Konzept, nach dem auch B-Movie-Papst Roger Corman eine ganze Karriere lang gearbeitet hat. Anders als Corman nutzt man das so eingespielte Geld bei Blumhouse dann aber auch für ambitioniertere Filme, seien sie Horrorfilme (‚Insidious‘, ‚Get Out‘, ‚Halloween‘) oder nicht (‚Whiplash‘, ‚BlacKkKlansman‘).

Daher habe ich auch die Hoffnung noch nicht vollständig (nur zu etwa 95%) aufgegeben, dass Blumhouse, gemeinsam mit Universal, das Dark Universe nun mit ‚The Invisible Man‘ aus dem Kleinen aufbauen und mit ein wenig Glück zurück ins A-List Blockbuster Territorium führen können. Denn Low Budget Horrorfilme sind zwar oft genug großartig, doch manchmal darf es, zumindest für mich, auch gerne mal ein lauter, teurer Crowdpleaser sein.

 

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_highest-grossing_horror_films

[2] https://www.boxofficemojo.com/alltime/world/

Werbeanzeigen

‚A Toy Story – Alles hört auf kein Kommando‘ – was soll man bei so einem Titel noch sagen?

Ich habe an dieser Stelle schon ausführlich über die Sünden der Eindeutschung internationaler Filmtitel geschrieben. („Teutonischer Titel Terror“), deswegen will ich das hier gar nicht allzu sehr auswalzen. Aber manchmal frage ich mich schon, ob eine Reihe sich nicht irgendwann ein gewisses Maß an Würde erworben hat um den schlimmsten Titelidiotien zu entgehen. Weiterlesen

Newslichter Special: Lionsgate, ‚Chaos Walking‘ und die Angst vorm Misserfolg

Ich habe ja vor kurzem angekündigt, dass längere Nachrichten ab jetzt aus dem Newslichter ausgegliedert werden. Und diese hier ist mir… etwas aus dem Ruder gelaufen. Ein unerwartetes Newslichter Special, auch für mich, so viel ist sicher. Lasst mich einleitend gleich sagen, dass dieses Special nicht existiert, weil ich mit dem Film ‚Chaos Walking‘ irgendein Problem hätte. Habe ich nicht. Ich wusste vor diesem Artikel quasi nichts darüber. Letztlich ist dieser Film nur ein willkommener Anlass sich mit den Ängsten und Problemen auseinanderzusetzen, die die Studios bei den heutigen, hunderte Millionen schweren, Blockbustern umtreiben, ihren Versuchen aus diesen Filmen „sichere Anlagen“ zu machen und wie sie genau damit oftmals die Probleme auslösen. Legen wir los. Weiterlesen

Vergessene Stars: Theda Bara

Gibt es einen besseren Weg zur Unsterblichkeit, als ein Filmstar zu sein? Ein Griff ins Regal, ‚Singin‘ in the Rain‘ in den Player gelegt und Debbie Reynolds, Gene Kelly und Donald O’Connor schwingen so fröhlich die Tanzbeine wie eh und je, selbst wenn der Film bald 70 Jahre alt wird und die Darsteller seit Jahren tot sind. Und doch weiß man wer sie sind, denn eine Filmvorführung ist so etwas wie eine Geisterbeschwörung ohne jeden okkulten Hokus-Pokus. Möglich in jedem Wohnzimmer, oder im Kino vor hunderten von Zeugen. Und kein Skeptiker käme je auf die Idee daran zu zweifeln. Auch in hundert Jahren wird man noch wissen wer Meryl Streep ist. Wer Robert DeNiro. Oder auch Cate Blanchet oder Leonardo DiCaprio. Oder Jackie Chan. Ihre (inzwischen längst digitalisierten) Zelluloidgeister werden beschworen werden und dem zukünftigen Publikum dieselben Gefühle entlocken wie heute. Und vielleicht Fragen über die Vergangenheit. Ein Filmstar ist wahrlich unsterblich. Oder? Weiterlesen

Futuristische Rennfilme, ein unterversorgtes Subgenre?

Manchmal überlege ich, in was für ein (Sub-)Genre man einen Film, den ich gerade gesehen habe einordnen könnte. Gelegentlich erstelle ich dafür eigene Subgenres in meinem Kopf, die dann natürlich oft genug nur eine Handvoll Vertreter umfassen. Meistens zu Recht. Aber im Falle des „futuristischen Rennfilms“ in meinen Augen völlig zu Unrecht. Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Film sich zu diesem Genre zählen darf, beide lassen sich bereits am Namen ablesen. 1. Er muss in einem Science Fiction Setting spielen. Ob das nun in der Zukunft ist, oder vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie ist dabei erst einmal wurscht. 2. Das Fahren schneller Fahrzeuge (nicht mal unbedingt Autos) muss im Mittelpunkt der Handlung stehen. Die Lichträder aus ‚Tron ‚ oder das Podrennen aus ‚SW: Episode I‘ qualifizieren sie also noch nicht zu „futuristischen Rennfilmen“. Hingegen ist es nicht notwendig, dass im Film offiziell ein Rennen stattfindet, das schnelle Fahren kann auch aus anderen Gründen (etwa Überleben) passieren. Weiterlesen