‚Anna und die Apokalypse‘ (2017)

Da ich den Miyazakizember nicht für eine spontane Rezension unterbrechen möchte, bekommt Ihr eine Extrabesprechung an diesem Samstag, denn diese Besprechung passt am besten in die Vorweihnachtszeit! Ich möchte an dieser Stelle Bloggerkollegin ainu danken, die mit ihrem Kommentar zu meinem Artikel zu Filmen mit „Weihnachten als Hintergrund“ dafür gesorgt hat, dass ich den Film endlich mal sehe bevor Weihnachten vorbei ist und ich wieder 11 Monate warten muss…

‚Anna und die Apokalypse‘ ist ein schottisches Zombie-Weihnachtsmusical (ich werde nicht den Begriff „Grusical“ verwenden. Aus irgendeinem Grund erweckt der bei mir körperliches Unbehagen). Das für sich allein ist schon Alleinstellungsmerkmal genug, dass ich mir meine üblichen Einleitungsfloskeln zum Thema Zombieübersättigung sparen kann. Nun könnte man allein bei dieser Beschreibung fürchten, man habe es mit einem reinen Gimmick-Film, der sein Pulver nach 20 Minuten verschossen hat. Das ist keinesfalls so, der Film hat einen funktionierenden, emotionalen Unterbau, was vielleicht nicht zuletzt auch an seiner tragischen Entstehungsgeschichte liegt. 2011 drehte der Schotte Ryan McHenley den Kurzfilm ‚Zombie Musical‘. Er war gerade dabei eine Langfilmfassung des Werkes vorzubereiten, als er 2015 im Alter von 27 Jahren an Knochenkrebs verstarb. Die Produzenten beschlossen John McPhail anzuheuern um den Film, der McHenry als Koautoren führt und ihm gewidmet ist, zu vollenden.

Im Film steht die titelgebende Anna (Ella Hunt) kurz vor der Vollendung der High School in der schottischen Provinz. Danach möchte sie reisen, ihr Vater, Schulhausmeister Tony (Mark Benton) zu dem ihr Verhältnis seit dem Tod der Mutter ohnehin angespannt ist, will hingegen, dass sie direkt auf die Uni geht. Zu Annas Clique gehören ihr bester Freund John (Malcolm Cumming), der heimlich mehr für sie empfindet, sowie das Pärchen Lisa (Marli Siu) und Chris (Christopher Leveaux). Die Schule besuchen ebenfalls die Einzelgängerin und Weltverbesserin Steph (Sarah Swire), die das Schulblog führt, sowie der Schulbully und Macho Nick (Ben Wiggins), mit dem Anna kurzzeitig zusammen war. Sie alle stehen unter der Knute des tyrannischen Schulleiters Arthur Savage (Paul Kaye). Doch nachdem sich eine aggressive Grippeepidemie als Zombieinfektion herausgestellt hat, müssen die über die Kleinstadt verteilten Schüler versuchen zurück zur Schule zu kommen, wo ihre Freunde und Verwandten für eine Aufführung waren. Wenig wird danach wie vorher sein.

McPhail nimmt sich ordentlich Zeit seine Charaktere aufzubauen. Längere Zeit präsentiert er uns normalen Schulalltag mit allen Konflikten und Beziehungen, die der mit sich bringt. Dabei können die weitgehend unbekannten Jungdarsteller direkt beweisen, dass sie ihre Charaktere glaubhaft und sympathisch verkörpern können. Insbesondere Ella Hunt als Anna erweist sich hier als Glücksgriff. Bereits in diesen frühen Szenen beeindrucken Kamera und Produktionsdesign, die den Film sicherlich weit teurer aussehen lassen als er tatsächlich war. Der Schnitt ist flott, wenn auch gelegentlich arg von Edgar Wright inspiriert. Am Vergleich mit Wright kommt der Film dank ‚Shaun of the Dead‘ eh nicht vorbei, also können wir ihn auch gleich hier abhaken: Anna erreicht nicht ganz die Klasse von Shaun ist aber, von den erwähnten Schnittmomenten abgesehen, mehr als eigenständig genug um einen Platz neben ihm zu verdienen.

Doch gefällt mir die Verwendung der Apokalypse-Metapher hier sogar ehrlich gesagt besser als bei Shaun. Während dort das oft gesehene „die Zombies sind wir“ samt Konsumkritik galt, mach Anna etwas Neues daraus. Oft genug wird das Ende der Schulzeit als ein Moment der Freiheit betrachtet, der es auch absolut ist. Und doch gehen mit dieser Freiheit auch gewohnte Rituale und Pflichten verloren. Freundschaften, die womöglich vor allem darauf basierten, dass man täglich Stunden in derselben Situation verbracht hat. Aus dem festen Reglement plötzlich in die Situation „tu-was-du-willst-und-keiner-weiß-was-richtig-ist“ gestoßen zu werden. Dieser letzte Verlust kindlicher Sicherheiten, kann sich, neben aller Freiheit, durchaus beängstigend und sogar apokalyptisch anfühlen.

Während der Film im Großen und Ganzen gute Laune verbreitet und die Blutfontänen eher cartoonhaft als scheußlich, die Gewalt eher Slapstick als brutal ist, sollte man daraus nicht folgern, dass er nicht auch durchaus einige Schläge in den Magen in petto hat. Gerade zum Ende hin geht der Film durchaus gnadenlos mit seinen Charakteren um, wobei sich deren sorgfältige Ausarbeitung am Anfang bezahlt macht, wenn die Schläge eben auch wirklich sitzen.

Die wesentliche Frage für ein Musical ist aber natürlich: was ist mit den Gesangseinlagen? Ich fand sie, zu meiner eigenen Überraschung, durchweg gelungen. Es gibt drei Arten von Nummern in dem Film, die in denen Charaktere ihre Gefühlslage darlegen („Break Away“), solche die tatsächlich in der Handlung stattfinden („It’s that time of year“), oder die die Handlung vorantreiben („Turning my life around“). Die Musik geht ins Ohr und gelegentliche Schwächen bei Gesang oder Choreografie tragen bestenfalls noch zum Charme bei statt ihm abträglich zu sein. Meine Favoriten sind die drei oben in Klammern genannten Songs. „It’s that time of year“ ist dabei ein Song, den Lisa bei einer Weihnachtsaufführung der Schule singt. Man kann ihn wohl als Parodie auf die kurze aber merkwürdige Liste von sexy Weihnachtssongs sehen, die sich mir nie so ganz erschlossen haben. Hier ist es sehr komisch, weil der Song mit wahrlich versauten Doppeldeutigkeiten arbeitet („Come over, Santa, unload your sack!“) und eben bei einer Schulveranstaltung vor Eltern und Großeltern gesungen wird, während Rektor Savage beinahe Dampf aus den Ohren zischt. In „Turning my life around“ sind Anna und John auf dem Weg zur Schule und bemerken für längere Zeit nicht dass in der letzten Nacht eine Zombieepidemie ausgebrochen ist. Aber schaut selbst, bevor ich noch mehr schreibe:

Wenn ich meckern sollte, dann müsste ich wohl sagen, dass dem Film glatte 90 Minuten besser getan hätten als die knapp 100 die er im Moment läuft. Im letzten Drittel, wenn sich eine weitere Handlung um Rektor Savage entspinnt, dann zieht er sich ein wenig, entschädigt aber mit einem gelungenen Finale. Ich habe übrigens häufiger die Kritik gelesen Savage sei unrealistisch. Dem möchte ich entgegenhalten, dass ich sofort zuordnen könnte, welcher meiner ehemaligen Lehrer in seiner Rolle wäre. Der hatte sogar nen ähnlichen Bart…

‚Anna und die Apokalypse‘ ist ein liebenswerter kleiner Film mit sympathischen Charakteren. Er ist kein zweiter ‚One Cut oft he Dead‘, aber dennoch muss auch ich als erklärter Zombiemuffel zugeben, dass die ollen Untoten vielleicht doch noch ein wenig rottendes Fleisch auf den Knochen haben.

4 Gedanken zu “‚Anna und die Apokalypse‘ (2017)

  1. Mein Problem mit dem Film ist zum einen, dass ich absolut nichts mit Zombies und Filme über sie anfangen kann und zum anderen waren mir die Lieder bis auf wenige Ausnahmen zu sehr nach dem ewig gleichen Popschema angelegt. Ansonsten mochte ich ihn

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