‚Blade Runner‘ (1982) – „It’s not an easy thing to meet your maker“

‚Blade Runner‘ gilt heute als Meisterwerk. Einer von Ridley Scotts besten Filmen, der ihm zusammen mit ‚Alien‘ einen ewigen Sitz im Pantheon des Science Fiction Films einräumt. Bei seinem Erscheinen war das allerdings ganz anders. Die Kritik war eher verhalten und das große Publikum blieb aus. Woran lag es? War das Problem, dass es sich bei der Fassung von ‚Blade Runner‘ die ins Kino kam nicht um die von Scott gewünschte handelte? Nachdem Testvorführungen negativ aufgenommen wurden, zwangen die Produzenten Scott mittels geschnittener Landschaftsaufnahmen aus Kubricks ‚Shining‘ ein Happy End zu konstruieren wo keines war und Harrison Ford musste Voice Over Aufnahmen, die Szenen erklären sollten, nachreichen. Ich glaube nicht, dass es allein daran lag. ‚Blade Runner‘ war einer dieser Momente, wo ein Werk seiner Zeit tatsächlich ein kleines wenig zu weit voraus war. Das Genre des Cyberpunk begann gerade erst mit den Pedalen seines Pulse-Bikes zu spielen als der Film erschien. William Gibson schrieb gerade an seinem „Neuromancer“ als er ‚Blade Runner‘ im Kino sah. Er ging zutiefst geknickt nach Hause, überzeugt sein Buch hätte nun nichts Neues mehr zu sagen. Doch es brauchte Erfolge, wie den seinen, damit ‚Blade Runner‘ als das erkannt würde was es war. Schnell wurde der Film zu einem der meistverkauften und geliehenen Videos und Scott bekam bereits 1991 die Chance einen ersten (etwas übereilten) Director’s Cut nachzureichen. Und obwohl der Film, von den entfernten Voice Overs und dem nun offenen Ende abgesehen, weitgehend unverändert blieb zeigten sich nun sowohl Kritik als auch Publikum begeistert. Der Zeitgeist hatte zum Werk aufgeschlossen. Ebenso wie ‚Star Wars‘ und ‚Mad Max 2‘ würde er über Jahrzehnte bestimmen, wie ein gewisser Bereich des Science Fiction Films aussähe.

Dabei beginnt der Film mit etwas, das seit ‚Star Wars‘ selten ein gutes Zeichen ist: einem einleitenden Text. Viel zu viele ‚Star Wars‘ Epigonen haben versucht ihre konfuse Handlung auf diese Weise zumindest auf wacklige Füße zu stellen. Doch ‚Blade Runner‘ fasst sich kurz, gibt uns nur das Wesentliche. Replikanten sind künstlich geschaffene, widerstandsfähige und starke Sklaven, die auf fernen Planeten unter unmenschlichen Bedingungen paradiesische Welten für die Superreichen schaffen, die der verdreckten Erde entfliehen möchten. Dort sind Replikanten unter Todesstrafe verboten. Sie werden von sogenannten „Blade Runnern“ aufgespürt und „aus dem Verkehr gezogen“ (im Original deutlich zynischer „retired“). Die nächste Sequenz entschädigt ohnehin jeden, der sich von der Texttafel gestört fühlte. Wir sehen das Los Angeles der fernen Zukunft des Jahres 2019 als einen Moloch, der sich bis an die Grenzen des in Smog und Dunkelheit Sichtbaren erstreckt. Einerseits futuristisch, andererseits an eine Hades-artige Unterwelt erinnernd wird diese gigantische Städtelandschaft nur von Suchscheinwerfern, Werbetafeln und aufsteigenden Flammensäulen erhellt. Der Charakter eines Totenreiches wird noch durch die einzigen Gebäude betont die über dem unentrinnbaren Gewirr der Stadt thronen: den titanischen Pyramiden der Tyrell-Corporation, den Schöpfern der Replikanten.

Bald tauchen wir mit Blade Runner Rick Deckard (Harrison Ford) in dieses Stadtgewirr ein, auf dessen Straßen sich alle möglichen Kultureinflüsse mischen, wo sich die Biwa Musik einer Nudelküche mit den Jazzmelodien eines Nachtclubs und den unterkühlten Syntheziserklängen von Vangelis‘ Soundtrack vereint. Alte Art Deco Hotels, kontemporäre Gebäude wie das Polizeihauptquartier von Los Angeles, das hier als Hauptquartier der Blade Runner fungiert, das von Mayatempeln inspirierte Ennis-House, in dem sich Deckards Appartment befindet und der kalte Futurismus der Tyrell Gebäude lassen ein ‚Metropolis‘-artig wuchernden Stadtmischmasch entstehen, in einem derart detailverliebten und kreativen Setdesign, dass für mich hier einer der Hauptgründe liegt den Film wieder und wieder sehen zu wollen. Jede einzelne Straßenszene ist hier das Designpendant zur Cantina in ‚Star Wars‘.

Deckard sucht eine Gruppe von Replikanten um Roy Batty (Rutger Hauer), die auf die Erde gekommen sind, um einen Weg zu finden die Lebenszeitbegrenzung der Replikanten auf 4 Jahre zu umgehen. Sie wollen von Eldon Tyrell (Joe Turkel) „mehr Leben“ fordern und kann oder will er es nicht geben, dann wollen sie sich an ihrem Schöpfer rächen (Frage: warum inszeniert Scott eine thematische Fortsetzung von ‚Blade Runner‘ als Prequel zu ‚Alien‘?). Putative Replikanten werden dem „Voight-Kampff-Test“ unterzogen, der verdeutlichen soll, dass sie zu keiner Empathie fähig sind. Ironischer weise präsentiert der Film die Gruppe der Replikanten gerade untereinander als die empathischsten Wesen im ganzen Film. Roy Battys letzte Handlung vor seinem Tod ist eine der Selbstlosigkeit, wenn er seinem gnadenlosen Jäger und dem Mörder seiner Gefährten das Leben rettet. Wie Hauer sagt, „mit diesem Akt zeigt Roy Deckard was ein echter Mensch ist“. Je nachdem wie man Deckard sieht und seine Beziehung zur Replikantin Rachael (Sean Young) könnte man argumentieren, dass alle empathisch handelnden Charaktere im Film künstlich seien.

Das Bild des Auges und die Idee der Beobachtung ist ein wiederkehrendes Symbol im Film. Beides legt eine Grundlage für die Paranoia des Films. Nicht nur scheint eine beinahe perfekte Überwachungsgesellschaft geschaffen worden zu sein, die gefürchteten Replikanten sehen auch noch exakt so aus wie Menschen, ein Problem für Deckard, der sie töten soll. Als dann mit Rachael auch noch die Idee der falschen Erinnerungen gelegt wird verstärkt sich diese Paranoia nur noch weiter. Für Deckard wird sie noch angeheizt durch die mysteriöse Figur des Gaff (Edward James Olmos), der in der seltsamen Melange des „Cityspeak“ spricht, überall auftaucht wo Deckard ist und immer etwas mehr zu wissen scheint, das aber nur in seltsamen Orakelsprüchen kundtut („It’s too bad she won’t live! But then again, who does?“).

Deckard selbst ist natürlich mitsamt seinem Trenchcoat direkt dem Film Noir entsprungen. Anfangs moralisch gefestigt, beginnt er bald an seinen Ideen zu zweifeln, ja an sich selbst zu zweifeln. Er wird körperlich wie seelisch übel zugerichtet und verliert seinen Glauben an die bestehende Ordnung. Hier ist es allerdings die „femme fatale“ Rachael, die ihn rettet anstatt ihn, wie im Noir üblich,  vollends zu zerstören. Batty andererseits ist ein großer, blonder, blauäugiger Mann von Tyrell offensichtlich nach den Idealen der Nationalsozialisten geschaffen. Wir erleben ihn allerdings als jemanden mit einer erheblichen Punk-Attitüde (wer hätte mehr Anrecht auf den Slogan „No Future“ als ein Replikant?). Den nackten Oberkörper nur mit einer schwarzen Lederjacke bekleidet zeigt er den verachtend Regierenden zornig den Mittelfinger (bzw. rammt ihnen die Daumen in die Augen).

‚Blade Runner‘ erzählt seine Geschichte langsam und bedächtig, brutal und düster. Möglicherweise war auch die Erwartungshaltung, die ein Harrison Ford, damals wie heute vor allem für ‚Star Wars‘ und ‚Indiana Jones‘ bekannt, weckt schädlich für den ersten Erfolg des Films. Scott hat jedenfalls das Buch von Phillip K. Dick „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ genommen und dessen Aussage, das sich Menschen oft genug wie Maschinen verhalten genommen und auf den Kopf gedreht. Scotts künstliche Menschen sind menschlicher als diese. Übrigens genau was die Tyrell Corporation verspricht. War Dick anfangs über diese Verdrehung nicht begeistert, so änderte sich sein Ton als Scott ihm erste Aufnahmen zeigte. Dick sah seine Warnung vor menschlicher Arroganz verstanden und seine paranoide Vermischung von Echtem und Falschem gut umgesetzt. leider starb er einige Zeit bevor der Film erschien.

Der Grund für diesen Artikel ist natürlich das baldige Erscheinen der Fortsetzung ‚Blade Runner 2049‘ und das damit verbundene erneute Ansehen des Originals (Final Cut, übrigens). Eine Fortsetzung von deren Überflüssigkeit ich nachwievor überzeugt bin. Doch traue ich dem Talent von Denis Villeneuve genug zu, dass er es auch schaffen wird aus einem überflüssigen Film  das Bestmögliche zu machen.

19 Gedanken zu “‚Blade Runner‘ (1982) – „It’s not an easy thing to meet your maker“

  1. So ein toller Film. Sehr schön beschrieben. Was ich damals allein alles über das Symbol des Auges gelesen habe. Mensch, das waren noch Zeiten. Als es Fanpages zu Filmen gab und man sich nicht nur bei Facebook und Twitter ausgetauscht hat… 😉

    Gefällt 1 Person

    • Ich musste mich irgendwann zwingen mit Schwafeln aufzuhören, es gibt so viel zu sagen.

      Aber auf Twitter hat „Roy Batty“ heute meinen Tweet zum Artikel geliket…
      was das hierwohl automatisch zu meinem erfolgreichsten Artikel aller Zeiten macht. 😉

      Gefällt 1 Person

    • Ok, ich habe meinen Artikel fertig und für morgen geplant. Jetzt habe ich deinen Artikel auch endlich gelesen. Unfassbar wie viele Sachen uns beiden aufgefallen sind. Auch wenn wir nicht alle davon gleich beurteien und wahrgenommen haben. Aber bei ein paar Sachen war ich echt überrascht, dass die bei dir auch auftauchen. Sehr schön 🙂 Morgen geht es dann Blade Runner 2049. Schon möglich, dass der unnötig sein wird. Vielleicht gibt es aber auch ein paar coole neue Einblicke in die Welt dieses Universums. Ich bin gespannt.

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – von der Langzeitaufbewahrung von Filmen | filmlichtung

  3. Pingback: Kurz und schmerzlos Folge 12: ‚Blade Runner 2049‘ – Kurzfilm Nr. 2: ‚Nowhere To Run‘ | filmlichtung

  4. Pingback: Kurz und schmerzlos Folge 12: ‚Blade Runner 2049‘ – Kurzfilm Nr. 2: ‚Nowhere To Run‘ | filmlichtung

  5. Pingback: Ein Hoch auf den Regen (im Film)! | filmlichtung

  6. Pingback: Was heißt eigentlich „unverfilmbar“? | filmlichtung

  7. Pingback: Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 besten Filme aus den Jahren 1981-1985 | filmlichtung

  8. Pingback: Newslichter Ausgabe 48: Jesus Quintana, gratis Streaming und ein pöbelnder Enterprise-Captain? | filmlichtung

  9. Pingback: Die 5 besten und schlechtesten Autos in Science Fiction Filmen | filmlichtung

  10. Pingback: Zum Tode Rutger Hauers | filmlichtung

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.