‚Es‘ (2017) – „Time To Float!“

‚Es‘ ist der finanziell erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten geworden. Das hat natürlich die Leute auf den Plan gerufen, die erklären müssen, dass ‚Es‘ gar kein Horrorfilm ist. Während Aussagen dieser Art gelegentlich noch debattierbar sind (‚Schweigen der Lämmer‘, ‚Get Out‘), so ist es im Falle eines Films um einen außerirdischen Clown, der die größten Ängste von Kindern lebendig werden lässt nicht einmal mehr lächerlich. Findet Euch damit ab, wenn ihr ‚Es‘ mögt, mögt ihr einen Horrorfilm. Tut auch gar nicht weh. Entschuldigung, ich wollte das nur kurz aus dem Weg geräumt haben, jetzt aber zur Sache.

Nachdem sein kleiner Bruder Georgie im Vorjahr umgebracht wurde verbringt der 12jährige Bill Denbrough (Jaden Lieberher) die Sommerferien des Jahres 1989, getrieben von der Idee Georgies Leiche zu finden (oder eher der unrealistischen Idee Georgie sei noch am Leben) vor allem an dem kleinen Bach, in den das Abwasser der Kleinstadt Derry eingeleitet wird. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem vorlauten Richie (Finn Wolfhard), dem ernsten Stan (Wyatt Oleff) und dem Hypochonder Eddie (Jack Dylan Grazer), auch wenn die nicht immer begeistert von der Ferienplanung sind. Hier treffen sie auch auf den neu hinzugezogenen Ben (Jeremy Ray Taylor), die Außenseiterin Beverly (Sophia Lillis) und Mike (Chosen Jacobs). Da alle sieben sind nicht eben beliebt in der Schule sind, schließen sie sich zum „Losers Club“ zusammen. Das stärkt nicht nur ihre Freundschaft, es bietet auch Schutz, denn sie sind beliebte Ziele des brutalen Bullys Henry Bowers (Nicholas Hamilton) und seiner Spießgesellen. Doch bald merken sie, dass ihnen noch weit größere Gefahr droht. Alle sieben haben merkwürdige, furchterregend Begegnungen gehabt, in die immer auch ein schrecklicher Clown (Bill Skarsgård) involviert war. Dieser Clown, Pennywise, ist auch verantwortlich für Georgies Tod, sowie Tod und Verderben durch die gesamte Geschichte Derrys. Für Bill ist klar: der Losers Club muss ihn aufhalten.

Eigentlich sollte Cary Fukunaga (‚True Detective‘) diese zweite Verfilmung von Stephen Kings erfolgreichem Roman (nach der Miniserie von 1990) übernehmen. Allerdings waren Fukunagas Vorstellungen dem Studio New Line Cinema nicht massentauglich genug und so trennte man sich und Andy Muschietti (‚Mama‘) übernahm die Regie. Ob Fukunagas Version besser oder schlechter geworden wäre weiß ich nicht, ich weiß über seine Fassung nur, dass sie einen Pennywise ohne jeglichen Dialog beinhaltete. Allerdings muss ich sagen, dass ich hier einmal glücklich über die Einmischung des Studios bin. Denn ‚Es‘ mag ein populistischer Crowdpleaser sein aber ich bin absolut Teil der gepleaseten Crowd. Wie gut hat er mir gefallen? So gut, dass ihm ein Kunststück gelang, dass seit (vielen!) Jahren kein Film mehr geschafft hat: er wanderte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in den BluRay-Player.

Was hat dafür gesorgt, dass ich mehr Zeit mit dem Film verbringen wollte? Die Charaktere des Losers Club sind meine eindeutige Antwort. Die Chemie zwischen den Charakteren ist dermaßen gelungen und glaubhaft, dass der Film in der Hinsicht mühelos mit der King-Verfilmung von ‚Stand By Me‘ mithalten kann. Ab der Szene in der Bev als erste (und einzige) Bens Jahrbuch unterschreibt und ein „New Kids On The Block“ Running Gag etabliert wurde, wusste ich, dass die Verfilmung in guten Händen ist. Und die Charaktere und ihre Chemie ist wichtig. Denn die Horrormomente des Films sind zu oft mehr als ein wenig formelhaft aufgebaut und setzen etwas zu sehr auf den Schockmoment mit lauter Geräuschuntermalung. Allerdings war ich derart „drin“ in den Charakteren, dass ich an ihren Reaktionen auf diese Momente weit mehr interessiert war als an meinen eigenen. Daher hätte ich ehrlich gesagt auch gerne mehr Szenen gehabt in denen sie einfach zusammen abhängen ohne von Pennywise oder Henry Bowers belästigt zu werden.

Bowers und seine Gang leiden denn auch ein wenig, was die Charakterisierung angeht. Einzig Henrys Charakter wird mit wenigen, groben aber gelungenen Strichen angedeutet. Dabei ist Henrys Gang neben den Losern die andere Gruppe, die als Gegenentwurf zu den Erwachsenen Derrys steht. Diese haben sich offenbar stillschweigend mit der „Pennywise-Situation“ und der damit zusammenhängenden hohen Sterblichkeit ihrer Kinder nicht nur abgefunden, sie ignorieren sie aktiv. Sämtliche Erwachsenen rangieren von distanziert, desinteressiert über feindselig bis zu übergriffig. Beverlys Vater stellt hier das extrem dar, sowohl was Übergriffigkeit als auch gewollte Ignoranz angeht. So kann er das von Pennywise komplett mit Blut verschmierte Badezimmer schlicht nicht sehen.

Damit sind wir bei Pennywise angekommen, mit Tim Curry dem Teil der alten Miniserie, der noch am besten funktioniert. Und Muschietti und Bill Skarsgård sind klug genug einen völlig eigenen Ansatz zu finden. Curry erinnerte mich in seiner Darstellung immer an einen zynischen Clowndarsteller, dem man als Kind hinter dem Zirkuszelt begegnet, womöglich mit einer Zigarette zwischen den geschminkten Lippen und der seine bittere Frustration in schmerzenden Bemerkungen an dem verängstigten Kind auslässt. Skarsgårds Pennywise ist zunächst einmal weit physischer. Er zuckt, er tanzt, sein Auge wandert, er sabbert und verrenkt sich in bizarre Formen. Sein Kostüm lässt seinen Körper aufgebläht und rundlich erscheinen, Arme und Beine aber beinahe spindeldürr, das gibt ihm etwas spinnenhaftes, was Kenner der Vorlage wohl zum Nicken bringen dürfte. Und wenn er spricht hat es etwas seltsames, fast kindliches ans sich, doch gleichzeitig immer auch einen tiefen Sadismus dahinter. „Bin ich nicht echt genug für dich, Bill“ fragt er mit beinahe kindlicher Verletztheit, bevor er süffisant hinzufügt: „ich war echt genug für Georgie“. Dieser Pennywise ist kein Clown, er ist ein Wesen, dem es gefällt als Clown aufzutreten, um Kindern Angst zu machen.

Die Besetzung Skarsgårds als ziemlich jungem Mann ist dafür inspiriert und er hat nicht nur zahlreiche Konkurrenten um die Rolle des Clowns ausgestochen (darunter Tilda Swinton!(!)!) sondern war auch in der Lage viel von Pennywises Handeln selbst physisch darzustellen. Das mag dazu beigetragen haben, dass Andy Muschietti im Gegensatz zu seinem Vorgängerfilm ‚Mama‘ die CGI-Lastigkeit erheblich zurückgefahren hat. Das tut dem Film in jedem Fall gut nicht zuletzt, weil Muschietti als Kameramann den langjährigen Park Chan-wook Mitarbeiter Chung Chung-hoon zur Verfügung hatte, der wie zuletzt in ‚Die Taschendiebin‘ mehr als in der Lage ist auch ohne CGI beeindruckende Aufnahmen zu schaffen und sowohl die Kleinstadtatmosphäre Derrys, als auch die Spukhausmomente perfekt einfängt. Die Musik von Benjamin Wallfisch hingegen ist reichlicher Standard und schnell vergessen.

Für mich ein absolut sehenswerter Film, weil er die Atmosphäre von Sommerferien zu Hause mit Freunden perfekt einfängt und das Ganze mit reichlich Horror anreichert. Auch wenn die Horrormomente bei weitem nicht alle zünden (es ist dennoch ein Horrorfilm!). Sind es die Charaktere, auf die der Film – sehr weise – auch viel Kapital setzt und er verzichtet darauf in allzuviel (inzwischen arg überstrapazierte) 80er-Nostalgie zu verfallen. Hier sind beim Casting der Kinder gleich mehrere Glücksgriffe gelungen. Und auch Pennywise ist in seiner Darstellung anders genug, dass sich ein Ansehen, auch an zwei Tagen nacheinander lohnt. Wie ein bösartiger Clown versteckt der Film unter seiner freundlichen Oberfläche einige Finsternis. Ich bin sehr gespannt auf Kapitel 2. Das Einzige, was ich dazu sagen werde ist, dass wenn Amy Adams nicht die erwachsene Bev spielt, dann ist irgendwas gewaltig schief gegangen.

 

Anmerkung:

Nun holt man aus einem Film immer auch das heraus, was man mitbringt und so war es mir letzte Woche unmöglich den Film nicht im Licht der schrecklichen Ereignisse an der Schule in Parkland, Florida und deren Folgen zu sehen. Auch dort scheinen Kinder nicht länger bereit ein Problem zu akzeptieren, das sie umbringt, während die Erwachsenen es ignorieren oder ihm aktiv zuarbeiten. Ich wünsche den engagierten, mutigen Schülern allen nur erdenklichen Erfolg, fürchte aber, dass ein extradimensionaler Angstclown, älter als die Zeit selbst leichter zu überwinden sein könnte, als 200 Jahre national-ritualisierter Waffenfetischismus und eine Lobby, die die Politik als Geisel genommen hat.

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36 Gedanken zu “‚Es‘ (2017) – „Time To Float!“

  1. Das klingt wahrlich famos, zumal „Standy by Me“ ja auch zu meinen Lieblingsfilmen zählt und ich dem 1990er „Es“ auch heute noch einiges abgewinnen kann. Nun habe ich richtig Lust darauf bekommen und werde den Film wohl schnellstmöglich (okay, wenn die Blu-ray günstiger ist) nachholen.

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  2. (Fast) ganz deiner Meinung 😀
    Auf jeden Fall sind die jungen Darsteller das absolute Highlight und der Vergleich mit „Stand by Me“ passt perfekt. Wenn auch ein bisschen weniger Witz besser gewesen wäre. Dafür spart der Film mit richtigem Horror (Jumpscares usw.) und setzt eher auf eine tolle Atmosphäre. Das hat mir persönlich am besten gefallen: Ich habe mich nicht zu Tode erschreckt, dafür saß ich sehr angespannt im Kinosessel. Nicht um sonst lag „Es“ auf Platz 5 meiner Topliste 2017.

    Kleine Anmerkung zur Anmerkung: Da hast du absolut Recht, auch wenn ich wünschte es wäre nicht so.

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    • Lustiger weise scheint mir die allererste Szene speziell für Fans der Miniserie gemacht (die Georgie mit Papierboot-Szene). Fängt bekannt an, zeigt dann aber schnell, was diese Version anders macht.

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  3. Weil du oben in der Review „Mama“ erwähnst hier mal ein bisschen Trivia zu dem Film, die ich auch erst vor kurzem erfahren hab…wusstest du, dass die meisten Szenen mit der Kreatur „Mama“ ganz ohne CGI gemacht wurden? Dies ist einer genialen Castingentscheidung zu verdanken, denn Javier Botet, der an einem seltenen Gendefekt leidet, hat aufgrund dieses Defekts übermäßig lange Gliedmaßen sowie Finger und kann seine Gelenke unnatürlich ab- und verbiegen

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    • Aaaah okay, dann muss ich meine „übermäßiger CGI Einsatz“ Kritik wohl zurücknehmen. Botet hat ja eine richtige kleine Nische für sich geschaffen. Ich wusste, dass er in spanischem Horror (REC, Witching & Bitching) mitspielt aber Google sagt er war z.B. auch die Geister in Crimson Peak und spielte in einem kleinen Film namens „Es“, als der lepröse Obdachlose, der Eddie verfolgt mit. 😉

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